Die Frau im Käfig

von M. Bordy


Ich wusste nicht, wie es sich anfühlt, auf einem Käfig zu sitzen, in dem eine Frau nackt hockt und dabei zu Boden schaut. Wobei ich, als ich den Raum betrat, kurz den Eindruck hatte, sie hätte ganz zaghaft zu mir geschaut. Ihr Besitzer, ihr Herr und Meister oder wie auch immer er sich bezeichnet, er hatte sich dahingehend nicht vorgestellt, lud mich freundlich ein, auf der schwarzen Kunstlederauflage Platz zu nehmen. Und ich nahm an. Wir unterhielten uns über dies und das und ich gebe zu, dass ich mich fragte, was sie dabei gerade dachte und ob sie in diesem Augenblick wirklich zu Boden blickte.

„Wie ist das so, wenn sie sie in den Käfig stecken?“, fragte ich unversehens, weil es mich interessierte und weil ich das Gefühl hatte, diese Frage stellen zu können. Er schaute mich dabei nicht an, sein Blick ging eher in die Leere der Raummitte und an seiner Mimik konnte ich nicht erahnen, ob ihm diese Frage vielleicht zu intim war. Er ließ sich Zeit und so rechnete ich fast schon nicht mehr mit einer Antwort, als er zu erzählen begann. „Sie hasst es, vorgeführt zu werden. Sie schämt sich dabei fürchterlich und im Stillen hofft sie ein jedes Mal, dass niemand herein kommt. Es gab schon Tage, da hatte sie Glück und es waren nur Paare hier, die mehr mit sich selbst beschäftigt waren, als dass sie ihr Aufmerksamkeit schenkten.“ 

Mehr wollte er von sich aus dann wohl nicht erzählen und so schaute ich nach einer kleinen Weile einfach unter mich, denn ich war neugierig und ich nahm in Kauf, dass ich ihr damit schon Unbehagen bereitete. Ich konnte ihre linke Hand sehen und einen Teil ihres Beines; für mehr fürchtete ich, von der Sitzauflage zu fallen. Somit wollte ich es vorerst dabei belassen, da setzte er erneut an. „Gehen sie ruhig näher heran, das muss sie abkönnen. Nehmen sie sich Zeit, sie ist doch auch ein hübsches Ding, das einen ausgiebigen Blick lohnt“, meinte er ermunternd zu mir. 

So wie ich eine Antwort in der Art erhofft aber nicht unbedingt erwartet hatte, brauchte ich Sekunden der Besinnung und ließ mich dann geruhsam von dem Käfigdach herab. Ich ging in die Knie und hockte so ihrem Hintern gegenüber, der wirklich schön war und mich ein Alter höchstens um die Dreißig herum erahnen ließ. Sie hatte welliges, schulterlanges braunes Haar, das keinen Blick auf ihr Gesicht von der Seite her zuließ. Ihre Brüste waren nicht sehr groß, aber auch keinesfalls klein und sie hingen leicht und zauberhaft herab. Beide Brustwarzen waren beringt und zierlich in einem dunklen Braun, das nur unwesentlich heller war als die Farbe ihres Haares. Sie schien wirklich nach unten zu schauen, wovon ich mich aber noch überzeugen wollte, in dem ich an die Stirnseite des Käfigs wechselte.

Oh, was hatte ihr Herr sogar noch untertrieben, denn als ich ihr Gesicht sehen konnte, zeigte sich mir die blanke Schönheit einer Frau von vielleicht vierzig Jahren; soweit hatte ich mich geirrt, als ich sie jünger geschätzt hatte. Ihre Haut war makellos bis auf kleinste Fältchen um die geschlossenen Augen herum. Sie wagte es offensichtlich nicht, sie zu öffnen, solange ich ihr nahe war und ich konnte mich nicht abwenden, atmete geradezu ihren Anblick. Alles an ihr, besonders ihre Haltung im Hündchenstil, reizte mich auf fast schmerzhafte Art und ich konnte meine Erregung längst nicht mehr unterdrücken, war sie doch keinesfalls nur körperlich. Da nahm ich wahr, dass er sich ebenfalls hinab begeben hatte und dass er soeben dabei war, ihr einen schwarz glänzenden Plug anzutun. Ich wollte etwas sagen, sie warnen, doch hielt ich inne, wie es vernünftig war, konnte ich mich doch keinesfalls in das Spiel der beiden einmischen. 

Ich wendete gerade noch rechtzeitig meinen Blick wieder auf ihr Gesicht, als sich ihre Augen vor Schreck und wohl auch aus Schmerz weit öffneten und ihr Mund aufging, ohne dass sie auch nur einen Ton von sich gab. Als würde sie nur mich ansehen, starrte sie mit Augen, die in einem unglaublichen Graublau waren, das mich niederzuschmettern drohte, denn sie waren das, was mir an ihrer unglaublichen Schönheit nur gefehlt hatte. Ihr Mund blieb geöffnet, bis der Speichel aus ihm herausrann und sie ihn langsam wieder schloss und mich nun tatsächlich anblickte. Ich konnte nichts sagen, hätte zumindest meine Lippen lautlos Worte formen lassen wollen, doch es fielen mir keine ein, die meine Gefühle in diesem Moment hätten ausdrücken können und die für sie irgendeine Bedeutung gehabt hätten. Ich fühlte den Neid auf diesen Mann in mir, denn sie schien ein so liebenswertes Wesen zu sein und sie gehörte ihm, was ich für unerschütterlich hielt. Als ich mich aufrichtete und dabei auf die Sitzunterlage stützte, war er bereits aufgestanden. Er lächelte, was keinesfalls verächtlich wirken sollte, vielmehr drängte dieses Lächeln mich dazu, jede Verstellung zu unterlassen. Er dankte mir, weswegen ich meine Rührung nicht verbarg und ging.

Wenig später saß ich allein bei einer Tasse Kaffee und ich dachte darüber nach, dass ich wohl Teil eines Spiels geworden war. Ich bereute meine Neugier und tat es auch wieder nicht, weil ich mir nicht sicher war, ob ich auf diesen Moment hätte verzichten wollen, der mich so berührt hatte. Ich würde ihren Blick nicht vergessen können. Das war der Schmerz, den er mir zugefügt hatte.

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