Der letzte Kuss

von Oliver G. Wolff


Es war ein langer, intensiver Kuss, nach einem klärenden Gespräch. Wir befanden uns ausserhalb der Stadt, aber mitten im Frühling. Die Zuversicht, dass wir die Kurve kriegen, dass wir an unserer speziellen Liebschaft festhalten können, trotz stürmischer Zeiten: Sie war zurückgekehrt und blühte gerade auf, wie die wilden Blumen um uns herum. 

Maya befand sich seit einem halben Jahr in einer Auseinandersetzung mit ihrem Noch-Ehemann, die die hässlichsten Fratzen zeigte, die in solchen Situationen denkbar sind. Sogar undenkbare. Gleichzeitig war sie beschäftigt mit der Neuordnung ihres Lebens, für die Zeit danach. Aber jetzt war sie hier, gefangen zwischen meinen Armen, die sich mit meinem ganzen Gewicht auf ihr Fahrzeug abstützten.

«Die Pumps muss ich wegwerfen, sie geben nicht mehr genügend Halt», sagte Maya betrübt, mit Blick auf ihre Füsse. Doch gleich hellte sich ihr Gesichtsausdruck wieder auf: «Willst Du sie haben?» Ich antwortete: «Das sind die, die Du fast immer getragen hast, wenn ich Dich gezüchtigt habe. Dich missbraucht, als mein Spielzeug, mein Lustobjekt. Auch sie trugen Markierungen davon…» Für einen Moment kehrte das Funkeln in ihre Augen zurück, sie nickte mit einem Lächeln unter ihrer Nase. «Ja, ich nehme sie, als Souvenir, ich verbinde viele heisse, gemeinsame Momente mit ihnen.» Mayas Mimik erzeugte in mir eine Reminiszenz an ihre tiefe, innere Zufriedenheit, wie sie sie nach unseren Sessions regelmässig versprühte. Erschöpft, mit Spuren meines Handelns versehen und irgendwie angekommen. «Aber ich habe gerade keinen Ersatz für diese Schuhe bei mir, Du kriegst sie dann das nächste Mal, wenn wir uns sehen. Ich sag Dir Bescheid, wegen nächster Woche, welcher Wochentag passt.»

Wir mussten uns voneinander lösen, die Pflichten der profanen Welt wollten nicht länger auf uns warten. Maya stieg ein in ihren Wagen und ich schritt zu meinem Auto nebenan, um die Fahrertüre zu öffnen. Doch anstatt einzusteigen hielt ich inne und blickte rüber zu ihr. In der Luft zeichnete ich mit meinen Fingern ein Herz. Sie erwiderte es, mit einem Lachen auf ihrem Gesicht. Die Motoren starteten beinahe synchron. Eine Weile fuhr ich noch hinter ihr her und durchlief in Gedanken noch einmal die Geschichte, die uns an diesen Punkt heute gebracht hatte, an das klärende Gespräch von vorhin.

Vor Monaten hatte sie mir mitgeteilt, dass sie bei unseren Treffen eine sanftere Gangart präferiere. Seit sie die Scheidung eingereicht habe, bekomme sie viele Schläge, wenn auch der psychischen Art. Sie brauche mehr Zuneigung und Zärtlichkeit. «Kein Problem!» beruhigte ich sie. Verständnisvoll war ich, der Gentlemen, der seinen Sadismus nun auf die Seite schob, um nicht zu gefährden, was ihm lieb und teuer war. Doch die Frequenz des Austausches mit ihr verringerte sich trotzdem schleichend, Tag für Tag, Schritt für Schritt, bis auf einmal die Nähe weg war. Dieses Vertraute und das Vertrauen – wie hatte es sich so schnell auflösen können? Dass sie später wieder jemanden brauchen würde, der ganz und mit Vanilla-Eis an ihrer Seite stehen würde, war eine logische Konsequenz. Aber soweit war sie noch gar nicht. 

Oder etwa doch?

Sie wollte es nach dem Jahreswechsel nochmals versuchen – die Wiederaufnahme dessen, was uns während langer Zeit so glücklich gemacht hatte. Wir trafen uns zu einem erotischen Treffen, doch nun gänzlich ohne BDSM-Komponente – und nicht mehr unbeschwert wie früher. «Es kommt schon wieder», sagte sie. «Und wir planen was für die nächste Woche! Lass mir bis morgen Zeit, ich melde mich, sage Dir, wann es passt!»

Das Morgen kam und verging. Auch das Übermorgen. Aber weit und breit kein Vorschlag, trotz unseres täglichen Austausches. Sie erwähnte darin noch nicht einmal, dass sie keinen unterbreiten könne oder wolle – als hätte sie dieses Versprechen gar nie geäussert. War alles wirklich so unwichtig geworden? Wochen verstrichen, bevor ich begann, Klarheit zu verlangen. In der Folge verordnete sie unserer Liebschaft in eine Pause. Luft.

Vier Wochen später meldete sie sich wieder. Wir beraumten das Treffen an, das gerade stattgefunden hatte. Wir wollten klären, wie es weiter geht. Sie wolle das alles nicht aufgeben. Sie habe mich vermisst. Der lange Kuss am Ende.

Und jetzt steuerten wir unsere Fahrzeuge in den Alltag zurück. Hintereinander fuhren wir, bis die Fahrspuren uns trennten. Was ich nicht wissen konnte: Sie würden sich verhalten wie die meisten Spuren – sie finden nie mehr zusammen.

Der Sturm, welcher Maya erfasst hatte – er nahm sie mit. Es kamen keine Vorschläge mehr von ihr, der Austausch versiegte. Drei Wochen später schrieb ich, dass ich die Zuversicht auf eine Wende verloren hätte und wünschte ihr alles Gute. Ich sei zuversichtlich, dass sie die Herausforderungen meistern werde.

Mayas Antwort darauf liess einen ganzen Tag auf sich warten. Sie stimme mir zu – es sei besser so. Sie bedankte sich für alles, was wir hatten, die goldenen Momente, die Höhenflüge, die kleinen und grossen Verrücktheiten, die wir durchlebten, das Gute und insbesondere das Böse. Ein tolles Ende der Vernunft, aufrecht und ehrlich, und ohne Drama. So, wie wir es von Beginn an vereinbart hatten, noch vor dem ersten Kuss.

So ein Mist.

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