Sockenmädchen

von Oliver G. Wolff


Sie, dieses Mädchen, ist eigentlich gar keines mehr. Das Alter, in dem sie Söckchen getragen hat, in Unschuldsweiss, die sind schon längst vorbei; sie ist eine erwachsene Frau. Und sie blickt zurück.

Als ihre Eltern ihr verboten, sich mit den Jungs zu treffen, damals trug sie sie, diese Socken. Wenn von Buben die Rede war, schaute sie verschämt zu Boden, drehte die Spitzen ihrer Sneakers im Kies und fürchtete sich vor diesen faszinierenden, wilden Monstern, die sie aus einem Vorgarten-Gebüsch anfallen in den Abgrund ziehen könnten. Am liebsten hätte sie ihren Körper mit Stacheldraht umwickelt, zum Schutz. Noch hatte sie keine Ahnung, keine Vorstellung von den Sphären, in welche sie später fliegen würde.

Er, dieser Junge, ist eigentlich keiner mehr. Das Alter, in dem er sich auf den Dachboden zurückgezogen hat – ein staubiger, zugiger Ort, wo all die Playboy, Penthouse, LUI und andere „Heftchen“ verborgen waren, die eigentlich für sein Auge nicht angebracht waren – ist schon längst vorbei. Er ist ein erwachsener Mann. Und er blickt zurück.

Als seine Eltern ihm verboten, sich an gewisse Stellen zu fassen, tat er es trotzdem, schamerfüllt. Sein älterer Bruder war ungeschickt im Verstecken der Magazine, oder nachlässig. Das Mustern der zerlesenen, abgewetzten Seiten, es löste in ihm etwas aus, tief in seinem Körper, der eine aufregend neue Reaktion zeigte. Die Bilder bohrten sich in sein Gedächtnis und liessen ihn nie mehr los, auch Jahre später nicht, als er mit der Quelle seiner Fontäne gekonnt umzugehen wusste. Insbesondere dieses eine Bild, welches eine Darstellerin aus dem Crazy Horse im Paris der 80er Jahre zeigte und sich über zwei Seiten erstreckte, hatte es ihm angetan. Sie war nackt, bis auf…  weisse Socken.

Jahrzehnte sind vorbei, wie im Flug.

Jetzt sitzt dieses Nichtmehrmädchen vor ihm, auf dem Sofa, Beine angezogen, Fersen am Po. Sie trägt und zeigt ihm, dem Nichtmehrjungen, was er seit damals so nie mehr gesehen hatte: Eingewickelt in ein Frotté-Tuch, ist sie darunter doch nichts weiter als dieses Sockenmädchen, welches sich wie die passende Schablone über seine Erinnerung legt. Sie blickt nicht in eine Kamera eines Fotografen, nein: Sie schaut direkt und voller Erwartung genau in seine Augen. Endlich.

Das Monster in ihm erwacht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s