Tropische Akustik

Der behäbig drehende Deckenventilator rührt die heisse Luft in diesem hölzernen Kabäuschen um, ohne wirklich eine Kühlung zu bewirken. Er ist leiser als das Rauschen des Meeres draussen. «Fail!» denke ich mir, und versuche, mich daran zu erinnern, wie schnell die 33 RPM meines Schallplattenspielers im Vergleich dazu wohl gewirkt hatten. Ich komme zum Schluss, dass die Rotationen höher gewesen sein müssen als diejenigen dieses billigen Abklatschs eines Propellers, der wie eine Spinne am Plafond klebt und nichts zu Futtern kriegt. Die ganze Breite des Bettes ist mir. Unter meinem Rücken ist es feucht, vom Schweiss der letzten Nacht; Bettlaken und das dünne Tuch sind gezeichnet von den Spuren dessen, was unsere Fantasien in die Realität von letzter Nacht entlassen hatten. Meine Gier nach ihr. Ihre Gier nach mir.

Das Meditative, bestehend tropischer Akustik und dem Wackeln der primitiven Mechanik über mir: Es gefällt. Ich bin zufrieden und geniesse den Zustand; ich denke: Pulau Perhentian. Wo könnte es schöner sein?

Ihr Seufzen dringt an mein Ohr. Sie, die ungezogenste Brat meines Lebens, scheint ihre Lebensgeister wieder zu finden. Das Klagende in ihrer brüchigen Stimme kommt von links unten, vom Fussboden, wo sie seitlich und nackt auf den staubigen Dielen liegt, und nun offenbar langsam erwacht. Nun, ich muss hier anführen, ganz nackt ist sie nicht. Die Halsfessel aus Leder, die hatte ich ihr angelassen, als ich sie aus dem Bett verbannte, Stunden zuvor.

Noch bevor sie der Situation gewahr wird, rezitiere ich süffisant meine liturgische Formel: «Asche zu Asche, Staub zu Staub, Brat zu Boden.» Dazu passend scheint das Knarren des Holz unter ihr wie ein stellvertretender Protest, als Sabine sich auf den Rücken dreht. «Dein Schandmaul hat Dich nicht weit gebracht, meine Teure. Aber der Unterwelt, der Du entstammst, bist Du so näher; sieh es positiv.» 

Jetzt atmet sie laut aus, die Tonalität offenbart mehr als ein Seufzen; es ist eine unermesslich grosse Ladung von Unbill, die sie auf diese Weise loszuwerden gedenkt. Doch das Artikulieren von Verständlichem hinterher fällt ihr schwer, also lässt sie es nach einigen unbeholfenen Lauten gleich ganz bleiben.

Zugegeben, es war nicht leicht für sie gewesen gestern. Aber auch für mich nicht. Der Trip durch das heisse Malaysia, nur unterbrochen durch die Kühle der Cameron Highlands, hatte uns für die letzten Tage des Urlaubs hierher gebracht. Es war eine lange Reise mit wenig Gelegenheiten, unseren dunklen Trieben freien Lauf zu lassen und vor allem, ihrem unstillbaren Verlangen, mich zu provozieren, Einhalt zu gebieten. Aufgestaut war es gewesen. Meine Hand hatte sämtliche Utensilien unserer gewohnten Umgebung der regelmässigen Züchtigung ersetzt. Nur die Halsfessel war als stetige Begleiterin mitgekommen; sie war die immerwährende Erinnerung an die Ordnung, die zwischen uns herrschte.

Dennoch. Sie hatte Ausdauer, mein freches Wesen, genährt durch die Kraft, die uns die Erholung gab. Mit dem Alltag weit weg, kulminierte ihre innerliche Entspannung im Versuch, die Grenzen laufend weiter zu verschieben. So lange, bis sie es übertrieben hatte, mit ihren boshaften Unterstellungen («Du und Deine tausend anderen Weiber – ist Dir deswegen die Puste ausgegangen, mich zu kontrollieren?»), herablassenden Schmähungen («Cilialis nutzt nur für den Musculus Longus Perversus, aber nicht für Deinen Arm, mit welchem Du mich jeweils zu züchtigen versuchst») und dem frechen Grinsen, welches mich so sehr erregte, in jeder Bedeutung dieses Begriffs. 

Was am gestrigen Abend mit beinahe romantischer Leidenschaft begonnen hatte, glitt auf einmal hinein, in diesen unerklärlichen, diabolischen Dark Mode; ich mutierte zur personifizierten Boshaftigkeit. Ihr darauf folgendes Aufjaulen, wie gemein ich mit ihr sei, dieses Kneifen, diese Haue, die unvorbereitete Penetration ihrer drei Schluchten bar jeglicher Zärtlichkeit… wie ich ihr das alles nur antun könne: Es hatte nur die Steigerung meines Deliriums zur Folge. Als sie realisiert hatte, in wie sehr sie bereits von einer Agonie der Lust eingekesselt war, und dass mich nichts mehr halten würde, da fiel ihre letzte Hemmung und nannte mich, beinahe weinend, nur noch «Scheisskerl».

Die abschliessende Lektion, die ich ihr in der Folge angedeihen liess: Sie war zweifelsohne mental heftig gewesen. Dass sie nicht neben mir nächtigen durfte, sondern sich mit Ungeziefer, Sand und Staub das Lager teilen musste, überdies in der Nacktheit einer Verurteilten wie zu Zeiten mittelalterlicher Piraterie, das war bislang nie vorgekommen. Vom Bett geworfen hatte ich sie, dann mit meinem Fuss auf ihrem Brustkorb zu Boden gedrückt und damit die Umsetzung ihre ohnehin sinnlosen Fluchtphantasien verhindert. Mit ein paar letzten Handbewegungen an meinem Lustzentrum löste ich den tropischen Regen über ihr aus. «Du bleibst!», keuchte ich. Dann liess ich mich erschöpft auf die Matratze fallen. Im Nu waren wir eingeschlafen.

Sie richtet ihren Oberkörper auf. Ihre von Natur aus wilde Haarpracht ist noch weiter zerzaust, die letzten weissen Spuren meiner unkontrollierten Ejakulation glitzern darin. Ein Augenausdruck, der Elemente der Verliebtheit, des verletzten Stolzes und des tiefen Angekommenseins wie in einem Kaleidoskop kombiniert und der, bin ich ehrlich, doch jedem meiner stümperhaften Versuche einer Beschreibung spottet. Mein Herz öffnet sich, und so tun es meine Arme.

«Willkommen zurück, Unterlegene! Oder sollte ich sagen, Untenliegende?» 

Mein Lächeln lässt sie weich werden, ihren Sinn nach Rache und Entrüstung über das Vergangene vergessen. Sie weiss, dass sie es nicht anders verdient hatte, mehr noch: Sie hat gefunden, was sie gesucht hat, die ganzen zehn Tage zuvor. Die Anerkennung, meine Liebe, und die Sicherheit, dass ich stark genug bin, ihr die Grenzen zu zeigen. Jederzeit.

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