Kapitel 1: Schneckenhäuser

Sanft umschmeichelte der Nebel die weiblichen Formen des Mittellandes, welches unter mir lag. Ich hatte die Gardinen zur Seite geschoben und delektierte mich am Sonnenschein, die sich gerade anschickte, die Feuchtigkeit in Ebenen unterhalb seines Rückzugsortes, einer stolzen Behausung aus Fachwerk und Ziegeln, zu vertreiben. Für einen Moment schloss ich die Augen und drehte mich, wie eine Sonnenblume, vollständig der Lichtquelle zu.

Dann wandte ich mich um. Die in meinem Gesicht gespeicherte Wärme setzte in die wunderbare Komposition aufsteigenden, tiefen Wohlbefindens ein. Genährt wurde die Glückseligkeit, welche mein Herz in all meine Glieder auszustrahlen begann, durch den Anblick der Weiblichkeit vor mir, noch immer schlafend. Minutenlang verharrte mein Blick auf ihr, und wie der Nebel über den Hügeln draussen lag das Duvet über ihren Kurven, nur ihr Kopf und der rechte Fuss lugten hervor. 

Elly. 

Ich kniete an das Bettende, zu ihrem hell erleuchteten Knöchel, der in diesem Moment so anbetungswürdig war wie ein Gral, den man niemals anfassen darf, damit seine Magie nicht verloren geht. Es waren die vom Himmel gesandten Sonnenstrahlen, die ihre Haut weich wie die eines Babys erscheinen liessen, fast wie ein ortsverwirrter Heiligenschein. Ich schmunzelte, schaute nochmals hoch zu ihr, um mich zu vergewissern, dass sie wirklich noch schlief, und küsste ihren Fuss.

Die Markierungen des unbarmherzigen Metalls von gestern Nacht waren am Fussgelenk noch deutlich sichtbar. Es hatte gescheuert, als sie sich gewunden hatte, in traumhaft schöner und gleichermassen realer, harter Agonie. Der Club in Venedig, damals auf der Reise, er war schon aussergewöhnlich gewesen. Aber eine Welt, dermassen den Fugen geraten wie gestern, das war, wie der englische Zeremonienmeister süffisant bemerkt hatte, «Beyond Compare». 

«Dom G., wo hast Du mich bloss hingebracht!» rief Elly halb aus Entsetzen, halb aus faszinierter, gespannter Erwartung, als die schwere Eisentüre mit ihren verschnörkelten Handgriffen meinem Druck nachgegeben und den Blick auf den mittelalterlichen Saal freigegeben hatten. Mit einer anonymen Öffentlichkeit umzugehen war noch nie Ellys Stärke, und noch viel weniger wenn es sich dabei um unser BDSM ging. In diesem Moment war es nicht nur unser BDSM, es war das Setting, in welches wir nun Einlass hatten. «Hi there!» begrüsste uns Gareth, der bärtige Mann in schwarzem Lodenmantel mit goldenen Knöpfen, als er uns erblickte. «Welcome to hell!»

Die Wände des riesigen, hohen und mit unterschiedlichen Möbeln vollgestellten Raumes war getäfert mit unzähligen Holzreliefs, die, soweit es das Halbdunkel erkennen liess, erotische Darstellungen aus vergangenen Jahrhunderten zeigten. Der helle Boden aus antiken Kalksteintafeln war so uneben, so unstetig wie unsere in keine Normen passende Liebschaft in all den Jahren es gewesen war. Doch noch aussergewöhnlicher war die Beleuchtung: Sie bestand aus mehreren Dutzend, aus Metall geformten Schneckenhäusern von je etwa einem Meter Durchmesser, die in kleinen Abständen der Wand entlang befestigt waren. Durch ihre schiere Grösse waren sie voluminös genug, um Brennsprit für viele Stunden zu enthalten. Das Feuer, welches durch die nach oben gerichtete Schneckenöffnung loderte, war blauer und dunkler als das einer Fackel und hüllte den Raum dadurch in eine Stimmung, die mystisch wirkte, vielleicht sogar etwas gespenstisch.

Es waren sicher dreissig oder vierzig Gäste da; wie in einem Surround-System hörte man aus unterschiedlichen Ecken manchmal lautes Klagen, mal erlösende Schreie; alles unterlegt mit einem Grundgeräusch, einem bizarren Soundteppich gleich, bestehend aus mehrstimmigem Wimmern. 

Genau mein Geschmack, freute ich mich.

«So you guys are free to browse through the site of crimes here» lachte der bärtige Zeremonienmeister, «or, wie ihr Deutschsprackige jeweils say: Tatorts, right?» 

Meine rechte Augenraue hob sich, als ich mich zu Elly drehte; mein Schmunzeln sollte sich mildernd auf ihre sichtbare Nervosität auswirken. «Engländer haben einen seltsamen Humor, Elly.» Doch meine Sub wusste genau, dass diese Art von Bemerkung wieder nur eine meiner zahllosen Finten war, um sie aufs Glatteis zu führen, und das sogar mitten in der Hitze des Raumes.

Die Wahrheit über das, was noch passieren würde – es lag kaum fassbar in der riesigen Unübersichtlichkeit des Gewusels, das im Saal herrschte; das, was sich vor unseren Augen gerade abspielte, mutete gar extraterrestrisch an. Und keine Frage: Elly musste davon ausgehen, dass wir nicht nur als Zuschauer gekommen waren, und alles einem unausgesprochenen Plan folgen würde.

Über dem Zentrum des Raumes, einer Strasse zum gegenüberliegenden Ende des Saales entlang, hing eine nackte Frau an einem trapezartigen Gestänge, kopfüber, und baumelte vor- und zurück. Beinahe wie in einer Zirkusnummer sah es aus, nur verlief ihre Flugbahn wesentlich näher am Boden; ihre langen, roten Haare streiften mit ihren Spitzen jeweils die Steinplatten, wenn sie gerade vorbeisauste. Ihre Reise durch den Mittelpunkt des Raumes wurde beschleunigt mit der Kraft zweier vollständig in Leder gekleideten Männer: Einer trug Handschuhe und hatte eine Single Tail fest im Griff, der andere stand nur mit seinen grossen, nackten Pranken da. In der Vorwärtsbewegung spürte die Rothaarige die Hand des einen Herrn, in der Rückwärtsbewegung die Enden der Peitsche, die bei jeder Halbschwingung eine neue Marke auf ihren Körper setzte.

Jetzt wurde ich ernst. «Elly. Vergiss Venedig. Vergiss Paris. Der Nabel der Welt ist hier. Und er ist jetzt.»

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