Kapitel 2: Cirque des perversions

Mit kleinen Schritten folgte mir Elly in den Raum hinein, fischte nach meiner Hand, einer Geborgenheit in diesem Moment und Ort, dessen Unübersichtlichkeit mit jedem Zentimeter des Eintretens sich potenzierte. Die hohen Absätze von Ellys Pumps verstärkten ihren unsicheren, wackeligen Gang. 

In der Absicht, ihr mulmiges Gefühl etwas zu lindern, steuerte ich sie nun in die rechterhand zum Saal gelegene Bar, die wir nun durch die geöffnete Doppeltüre betraten. Im Gegensatz zum grossen Raum war hier die Stimmung weniger düster; es wurde gar laut gelacht, Gläser klirrten, und doch war auch hier regelmässig ein Klagelaut zu vernehmen.

Die Fläche des Tresens war mit Leder überzogen; die Getränke wurden durch eine Reihe von Haltern aus Messing fixiert, so dass auf dem weichen Untergrund nicht kippen konnten. Die Quelle des Klagens – oder war es mehr ein Seufzen? – war schnell ausgemacht: Am einen Ende der Bar lag eine nackte Frau mit üppiger Oberweite rücklings auf dieser Lederfläche; ihre Beine steckten in Reitstiefeln, deren Sporen mittels langen Ketten an zwei massiven Holzbalken direkt über der Bar fixiert waren, genauso wie Halterung für die frischen Gläser mit dicken Muttern und Gewinden verschraubt war. An einer Stelle jedoch fehlten die sauberen Trinkgebinde. An deren Position befanden sich zwei dicke, brennende Kerzen, deren heisses, flüssiges Wachs zielgenau auf die Brüste der Frau tropften. Wehren konnte sich das Opfer nicht: Die Metallreife an ihren Handgelenken waren an den Kleider- oder Handtaschenhaken unter der Tischkante und irgendeinem Gegenstück auf der Seite des Barkeepers eingerastet. Ein muskulöser, stark behaarter Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt fickte die so aufgebahrte, blonde Sub im Stehen, und hinter ihm befand sich eine Reihe weiterer Männer im Halbdunkel, alle mit der Hand an ihrem Prügel, ihn reibend; sie warteten offensichtlich darauf, bis sie an die Reihe kommen würden. 

Die konsumierenden Gäste, alle aufgemacht in klassisch-erotischer Robe, genossen ihren Drink, schauten dem Spektakel von ihrem Barhocker aus zu, lästerten und kicherten, was dem obszönen Charakter der Szene die Krone aufsetzte.

Ein Ruck ging durch Ellys Körper, als sie plötzlich realisierte, dass diese Barhocker nicht wie üblich aus Holz oder Metall, sondern aus mit schwarzem Klavierlack überzogene Knochen gefertigt waren. «Hatte ich es verpasst, zu erwähnen, dass Engländer einen sehr eigenen Humor haben? Britische Zeremonienmeister sind Experten in ihrem Fach.» 

Elly, noch immer mit dem Einordnen des Tsunami von optischen und akustischen Sinneseindrücken beschäftigt, blieb stumm.  Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete sie gebannt, was sich gerade vor ihr zutrug. «Willst Du nicht was trinken?» fragte ich sie unschuldig, doch bevor sie antwortete, legte ein untersetzter, korpulenter Mann seine Hand auf Ellys Schulter und quatschte sie, mit Blick auf die Szene vor uns, von der Seite an. «Mit sonem Gesöff, gehst ab wie ein Töff!» lallte er, offensichtlich durch die Einnahme des einen oder anderen Rauschmittels in seiner Contenance beeinträchtigt. Oder vielleicht war er einfach auch sonst so.

Normalerweise wäre das der Moment, in welchem die stets stolz und resolut auftretende Elly ganz einfach eine Ohrfeige austeilen würde, doch das Gesicht dieses Fremden war so aussergewöhnlich, dass sie innehielt: Der Kopf des Mannes war nicht nur komplett rasiert, er war auch komplett tätowiert, sogar sein Gesicht, welches zuerst wie ein Clown geschminkt aussah. Doch es war definitiv Tinte unter seiner Haut.

«Rupert! Daher!» schallte es unvermittelt hinter unserem Rücken. Eine grossgewachsene, hagere und in rotem Latex gekleidete Frau mit grauen, wallenden Haaren, langen Nägeln an ihren beinahe hexenhaft dürren Fingern knallte mit einer Peitsche, um ihrem in beissender Schärfe losgelassenen Befehl Nachdruck zu verleihen. «Gnade, Herrin!» antwortete der Fremde, sichtlich eingeschüchtert. Er duckte seinen Kopf, drehte sich und fiel vor ihr auf die Knie, um sofort und unaufgefordert ihre Overknees zu lecken. «Braver Junge», lobte sie ihn. «Ich hab ein Leckerli für Dich!» Ihre auf einmal milde Stimme wirkte aufgesetzt; dann winkte sie einen dunkelhäutigen, lediglich mit einer weissen, seinen athletischen Oberkörper betonenden Lederweste und dunklen Hosen gekleideten Mann zu sich. «Simba! Fick ihn!»

Der schwarze Top riss dem glatzköpfigen Clown, derweil unbeeindruckt weiter damit beschäftigt, die Stiefel seiner Herrin zu lecken, die Hosen runter, öffnete seinen Hosenstall und ging in die Knie, um der Aufforderung nachzukommen. Dem zum schwulen Fickobjekt degradierten Sub entwichen, seltsam synchron zum Jammern der Sub auf dem Tresen, nur noch wimmernde Grunzgeräusche.

Elly hatte genug gesehen. «Mein Herr, wie es zwei Männer treiben, das weiss ich bereits. Zumindest, wie man eine Transe fickt, Sie erinnern sich bestimmt, nicht wahr? Hat dieser Schuppen noch etwas anderes auf Lager?» Frech grinste sie, meine wunderschöne Dame, die sich soweit mit den Absurditäten des Moments abgefunden hatte, dass ihre görenhafte Art wieder durchschimmern und der gewohnten Noblesse eine derbe Note aufdrücken konnte. Es war sie gewesen, damals, die Lila als zweites, von mir geordertes, weibliches Wesen zu einer Session aufgeboten hatte, beseelt vom Gedanken, ihren Status als einzige „echte“ weibliche Sub in meinem Leben nicht zu gefährden.

«Zu Befehl, Prinzessin Elly» neckte ich sie und zog sie an der Hand aus der Bar zurück in den grossen Saal. Unsere Augen hatten sich inzwischen gut an die dunkle Umgebung gewöhnt; die Umgebung erinnerte uns an eine Markthalle mit einzelnen Bereichen von jeweils vielleicht 5 auf 5 Meter Grundfläche; es waren die «Tatorte», auf die Gareth hingewiesen hatte. Voneinander abgegrenzt waren die den einzelnen Paarungen zugewiesenen Flächen durch halbhohe Balustraden aus Holz, wie man sie aus alten Gerichtssälen kennt. Das Gewirr aus menschlichen Lauten unterschiedlichster Art und Geräuschen der Missetaten sadistischer, zu Fleisch gewordener Quälgeister liess sich bei unserem Schlendern durch den Raum auf die vielen kleine Mikrokosmen herunterbrechen, jeder bizarrer als der nächste.

Da war der als strenger Lehrer aus dem vorletzten Jahrhundert gekleidete Hüne mit Zwicker auf der Nase und Tatzenstecken in der Hand, der die gerade seinen Schwanz lutschende, in Schulmädchenuniform gekleidete Frau dermassen mit einer Schimpftirade übergoss, dass sie in Tränen ausbrach, was aber natürlich dem Saugen und Lecken keinen Abbruch tat.

Auf der gegenüberliegenden Seite war eine lediglich mit einem schwarzen Regenmantel und passendem Hut bekleidete Frau mittleren Alters in der Hocke zu beobachten, die sich von einer am Boden liegenden, bis auf pinkfarbene Leggings entblössten Schönheit lecken liess; deren Attraktivität war dermassen atemberaubend, dass sie mir einen strafenden Blick von Elly einbrachte. In der einen Hand hielt die dominante Frau einen Regenschirm, verkehrtherum, mit dem Griff in der Pussy der hübschen Lecksklavin eingeführt und immer wieder daran zerrend, so dass ihr Opfer jeweils sofort zuckte. In der anderen hielt sie eine Nippelklemmenkette fest, wie die Fäden einer Marionette, und spielte damit.

Als sie unsere neugierigen Blicke registrierte, lachte sie laut auf. Verhöhnte sie uns? Doch ihr Lachen transformierte sich immer mehr in ein eruptives Stöhnen, dessen Frequenz sich immer höherschraubte und Sturzbäche der Lust ankündigte, die dann auch nicht lange auf sich warten liessen.

Elly, irgendwo zwischen Eifersucht und schambehafteter Erregung, zischte halblaut: «Dieses Stück… ich glaube, ich wüsste, was ich mit ihr tun würde.» 

Meine Gedanken behielt ich bei mir; ich war nicht sicher, ob sie sich bewusst war, an welche Begebenheiten und Personen unserer gemeinsamen Vergangenheit ich gerade dachte, obwohl es doch eigentlich offensichtlich war. Doch meine Gedanken wurden unterbrochen, denn die Rothaarige, gleich im nächsten «Tatort», zog unsere Blicke an. Beinahe hätten wir sie nicht mehr erkannt, aber ihre markanten, über den ganzen Körper verteilten Sommersprossen waren auffällig, zumal die Haut, offenbar mit einer Crème oder einem Öl behandelt, glänzte. Sie hatte die Trapez-Nummer hinter sich gelassen und sass, mit Bauch zur Lehne und mit den Beinen durch die Rückenlehne gespreizt, an einen hölzernen Stuhl, mit weissen Seilen gefesselt; ihren Kopf hatte man in einen Ritterhelm gesteckt, die roten Haare waren nur knapp durch das geöffnete Visier zu erkennen. 

Hinter ihr standen der Zeremonienmeister Gareth und einer der beiden Herren in Lederkluft. Mit einem Feuerzeug in der einen Hand nahm er mit der zweiten gerade einen grossen Schluck aus einer schwarzen Plastikflasche. Keine Frage: Er schickte sich an, Feuer zu spucken.

«Nein!» flüsterte Elly in einer Art zu mir, so dass es kaum noch als solches bezeichnet werden konnte. Doch es gab nichts auszurichten: Die heisse Fontäne, die in der Folge seinem Mund entwich, hätte wie sanftes Streicheln gewirkt, wäre sie nicht aus Feuer gewesen oder hätte sie den nackten Körper der Frau verfehlt. Doch deren Reaktion war ein gurrendes, tiefes Brummen, in keiner Weise ein Zeugnis von Schmerzen; eher das Gegenteil. 

Ellys geweitete Pupillen spiegelten das Feuer; sie sprachen Bände für mich. Das Wertvollste in meinem Leben, sie, diese unglaubliche Lady, war innerlich angekommen, in diesem Kabinett schier unendlicher Kuriositäten. Der Feuerspucker und Gareth, der Zeremonienmeister, lachten schallend und dreckig wie Luzifer, der gerade ein neues Opfer quälen darf. 

Unvermittelt erschien der zweite Ledermann aus dem Halbdunkel, diesmal mit einem grossen Glas, gefüllt mit Reissnägeln; er nahm eine Anzahl davon in seine linke, noch immer durch den Handschuh geschützte Hand und näherte sich der Rothaarigen von der Seite. Er kauerte nieder, drückte die Reissnägel schwungvoll auf ihre Brüste und begann sie damit zu schrubben; einige fielen dabei auf den Boden, andere verhakten sich im Leder oder ihrer Haut. Mit der anderen Hand fuhr er unter ihren Hintern, steckte seinen Zeigefinger in ihren Anus und rieb mit dem Rest seiner Finger ihre Pussy. Ihr Stöhnen kam stossweise, in laufend kürzeren Abständen, bis ein explosiver Schrei ihren Orgasmus allen zur Kenntnis brachte, die ihn hören wollten. Oder auch nicht.

In Bann gezogen von alledem wandte Elly ihren Blick ab, dann auf mich. Wie ein aufkommender Sturm am Horizont wuchs das Verlangen in ihren Augen, ihrer Mimik; es verzauberte mich, erfasste jedes Molekül meines Wesens. Wieder ein Ausbruch der Magie zwischen uns; der Zauber, der nie wirklich abgeebbt hatte, in keiner Sekunde seit unserem ersten Aufeinandertreffen, damals im Industrieareal. Doch diesmal war die Glut heisser als Lava, ihr Gesicht war unvergleichlich, umrahmt von heftigen Spielereien um uns herum, die gefühlt an uns vorbeiflogen, so, wie die Welt es für zwei Verliebte auf dem Kettenkarussell tut. Ich konnte nicht anders. Ich musste sie küssen. Ihre Küsse, ihre weichen Lippen, die gemeinste Waffe ihres Arsenals, ich wusste es, aber ich konnte nicht widerstehen. 

Und doch musste ich Contenance bewahren und setzte den Rest der mir verbleibenden Kontrolle dafür ein. Der Abend war noch keineswegs vorbei, nein: Für uns hatte er eben erst begonnen. Mit einem Ruck löste ich meine Lippen von den ihrigen; beinahe brutal holte ich Elly zurück ins Hier und Jetzt: «Was denkst Du, mein liebstes Spielzeug, wird unser Beitrag zum heutigen Cirque des perversions sein?»

«Ach, etwas mit Haue, Wildlederpumps und Analsex, wie ich den Herrn kenne» antwortete sie klar und in einer Ernsthaftigkeit, die mich für einen weiteren, kleinen Moment entwaffnete. Dann lachte sie über den Erfolg ihrer gelungenen Camouflage. Verdammtes Miststück, fluchte ich innerlich. Schon wieder war mir die Leine zu lang geraten.

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