Kapitel 3: Treibjagd

Ich trachtete nach einer Retourkutsche, im Zustand gefühlten, öffentlich zugefügten Souveränitätsverlusts, auch wenn ich fast sicher war, dass niemand um uns herum wirklich mitbekommen hatte, wie unartig Elly sich gerade über mich gestellt hatte.

Auf einmal hörten wir ein Schreien und den Dreiklang von Hörnern, eine ganz eigenartige Überlagerung der bisherigen Geräuschkulisse. Eine fast nackte, lediglich in schon von Weitem erkennbar deutlich in Mitleidenschaft gezogenen, halterlosen Strümpfen gekleidete Frau mit dunklem Lockenschopf rannte geradewegs auf uns zu. Es dauerte ein paar Sekunden, bis wir beide realisierten, dass nicht wir das Ziel waren, sondern dass sie auf der Flucht war. Drei athletisch wirkende Männer in Jeans und Muskelshirt, jeder von ihnen immer wieder in ein Jagdhorn stossend, näherten sich ihr aus unterschiedlichen Richtungen; sie hatten zu einer Art Treibjagd angesetzt, aus der es, dessen war ich mir sicher, kein Entrinnen gab. Nicht bei Gareth. Und siehe da, nur wenig später hatten sie ihre Beute eingefangen und zerrten sie, obwohl sie sich wirklich ausgezeichnet zu wehren versuchte, an das zum Eingang gegenüberliegenden Ende des mächtigen Raumes. Woher die vier Protagonisten plötzlich gekommen waren blieb für uns sprichwörtlich um Dunkeln.

Scheinwerfer-Spots gingen an und erleuchteten eine Bühne, in deren Mitte sich ein Käfig befand, der, mit Nadeln nach innen gerichtet, wie eine eiserne Jungfrau anmutete. Im Nu war die Gefangene dort eingesperrt, wobei die Käfigtüre allerdings offen blieb, so dass der Hintern der dunkelhaarigen Lockenfrau knapp ausserhalb zu liegen kam. Die drei Jäger wachten, je einer pro Käfigseite, über die Gefangene. Sie wichen zur Seite, ins Halbdunkel, als ein bärtiger, überaus adipöser Mann mit allerlei verwaschenen Tätowierungen auf seinem behaarten Oberarm auftrat.

«Du Nutte hast diesen reichen Schnösel wieder getroffen! Du weisst genau, wen ich meine. Dieser geschniegelte Privatier mit Rolex und Goldkettchen am Handgelenk, den Du geheiratet hast, aber für mich verlassen wolltest. Gib es lieber gleich zu, denn ich werde nun Deinen Arsch stundenlang versohlen. Und wimmere jetzt nicht – Du kennst die Regeln.»

 «Wie passend!», flüsterte ich zu Elly, und sie wusste genau, auf was ich hinauswollte: Ihre nie vollzogene Trennung von ihrem Mann, dessen Präsenz in ihrem Leben irgendwie noch immer wie ein Stachel auf mich wirkte. Immerhin hatte sie sich die Freiheiten geschaffen, die unsere Treffen der besonderen Art überhaupt möglich machten. Und, auch wenn Logik keine Eigenschaft ist, die man von einem verliebten, dominanten Sadisten erwarten dürfte: Ein gemeinsames Leben mit ihr hätte nie den Reiz dessen, was wir miteinander teilten, wenn wir, hungrig aufeinander, uns sahen.

Der Bärtige griff nach einem langen, hölzernen und mit Löchern versehenen Paddle und schlug so heftig zu, dass jedem Aussenstehenden eigentlich angst und bange hätte werden müssen. Fast wie ein Rohrstock oder ein massiver Schuhlöffel, so elegant schmal war sein Instrument. Umso härter war die Gangart, mit welcher er ans Werk ging. Sie versprühte diese eigenartige Erotik, so verboten, dass man wegschauen möchte, und doch so geil, dass man sich dem nicht entziehen kann. Elly strich mit der Zunge ganz sanft, beinahe unmerklich, über ihre Lippen; für mich eines der sicheren Zeichen, dass sie von dem, was sie gerade sah, vereinnahmt wurde.

Inzwischen hatten sich um uns herum einige der anderen Paare der Tatorte und der Bar geschart, die mit gleicher voyeuristischer Begeisterung wie wir die Show auf den Brettern, die den Schmerz bedeuteten, verfolgten. Die Lage für die Gefangene war aussichtslos: Ihr Körper musste sich winden ob der Heftigkeit der Aufpralle. Jede Bewegung, jede Reaktion der Verurteilten hatte eine Berührung mit den Spitzen der eisernen Jungfrau zur Folge. Die zu Bestrafende kam nicht ohne Blessuren davon, sie schrie in Verzweiflung, doch ihr bärtiger Dom lachte in einer Salve und Tonlage, wie man es von einem Insassen einer psychiatrischen Klinik erwarten würde, nicht aber von einem Mann von Vernunft. Es war wahrlich furchteinflössend. War der Mann noch bei Sinnen? Immer mehr drosch er auf die Frau ein, beflügelt vom stetig wachsenden Jubeln und Befeuerung des Publikums um uns herum.

Meine Sub wirkte derweil auf sonderbare Weise wie hypnotisiert. Mein Wunsch, sie über die nächste Grenze hinaus zu treiben, beseelte mich auch während unseres heutigen Treffens. Doch in solchen Momenten war Elly enigmatisch für mich, ein süsses Rätsel der Evolution, wie die sieben Weltwunder oder Atlantis; von bezaubernder, graziler Schönheit und genauso geheimnisvoll.

Wie sehr ich ihre Art, zwischen frecher Insubordination und dem unstillbaren Verlangen nach ausserordentlicher Erotik zu pendeln, liebte. Mein Blick verharrte auf ihrem makellosen Äussern, als ich den weiteren Verlauf des Abends durchdachte. Empören würde sie sich bestimmt, wenn sie von meiner Absicht erführe, so wie es fast jedes Mal bei einer Grenzüberschreitung der Fall gewesen war; doch ihre Faszination für das, was sich hier gerade zutrug, liess sich nicht verheimlichen und bestätigte mich in meinem noch geheimen Vorhaben. Sie zitterte leicht, aus Erregung und ihrer Erwartung, dass irgendetwas mit ihr passieren würde. Die Spannung nahm zu, ganz offensichtlich in unterträglichem Masse, so dass es in der mir vertrauten Form aus ihr herausbrach: einer Provokation zum ungünstigsten Zeitpunkt, den sie sich hätte auswählen können. Wieder Mal.

Völlig ohne sichtbaren Grund schlüpfte sie aus ihren Pumps und öffnete ihre Bluse, so dass jedermann ihren darunter liegenden, feuerroten BH sehen konnte. Offensichtlich aus dem seltsamen Zustand von vorhin erwacht und wieder ganz da, bückte sie sich und drückte mir danach ihre Pumps in die Hand; sie untermalte ihre Aktion mit einem: «Mal sehen, welcher Mann hier in der Lage ist, mir diese Freuden zu geben, nach denen es mich gerade gelüstet. Die Pumps darfst Du in der Zwischenzeit hüten, nicht, dass sie noch schmutzig werden. Wildleder ist so schwierig zu reinigen!» Dann schickte sie sich an, sich umzudrehen, warf ihren lüsternen Augenaufschlag, dessen Hoheit ich für mich beanspruchte, anderen Männern zu, offenbar in der Absicht, sich irgend jemanden anzulachen.

Das war genug. Der Furor meiner Eifersucht, fast hätte er mich zu unüberlegten Handlungen getrieben. Doch ich hielt inne: Noch bis vor Minuten war ich unsicher gewesen, ob mein Plan heute wirklich aufgehen konnte, doch das Glück war mir hold. Elly hatte sich gerade auf dem Silbertablett serviert, ohne es zu wissen.

Unbemerkt vom Publikum hatten die drei Jäger die Bühne schon länger verlassen und sich unter das Publikum gemischt. Es war mit Gareth abgesprochen, dass sie auf mein Signal warten würden. Und dieses Signal gab ich ihnen jetzt: Ich kramte meine metallene Trillerpfeife aus der Tasche und füllte den Raum mit einem schrillenden Ton. Die Aufmerksamkeit war mir sicher.

Die drei Jeans-Männer gingen langsam auf Elly zu und auf einmal stiessen sie gleichzeitig in ihre Hörner. Elly blieb wie versteinert stehen; noch hatte sie gar nicht realisiert, was genau um sie herum passierte, geschweige denn, dass das ganze Schauspiel ihr galt. Nur ihr. Doch nur Sekunden später wurde ihr alles gewahr, und sie stiess einen Schrei aus, aber es war zu spät: Die drei Männer packten sie; Ellys Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

«Dom G.! Was passiert hier!?», fragte sie, währenddem sie wild zu fuchteln begann, aber ich hatte nur eine sich über meine ganze Person erstreckende Zufriedenheit über diesen vom Zufall begünstigten, geradezu perfekten Ablauf zu bieten. 

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