Schreibblockade

Da sass ich nun, mit dem weissen Blatt Papier, und der Fluss der Ideen und Fantasien, die die Klippen von einzelnen Erinnerungen manchmal stürmisch, manchmal sanft umspülten, er war ruppig, mühsam, unbändig, nicht zu strukturieren und schon gar nicht auf Papier zu bringen.

Verdammt.

Ich besann mich auf meinen vulgär-literarischen Werdegang und legte den Füller auf die Seite. Die Geschichten, deren Autor ich war, hatten sich irgendwie von den Plattitüden billiger Pornographie und den Oden an einen Herrn mit so sprechenden Namen wie «DomRoterStier76», deren Kitsch magenverdrehende Eigenschaften aufwiesen, immerhin soweit unterschieden, dass am Ende sogar ein Buch daraus wurde. Und so ging ich auf Reisen, um dem interessierten Publikum einen Eindruck von mir zu geben. Lange war ich nur ein Phantom des Internets gewesen, doch irgendwann hatte ich mein Versteck verlassen, und diese Erfahrung war gar nicht so fürchterlich für mich wie die Dinge, die ich Frauen in dunklen Räumen sonst so antat. Die letzte Lesung jedoch, sie blieb mir in besonderer Erinnerung, denn für einmal war nicht ich es, der Schmerzen zufügte, sondern eine Frage, die genau das mit mir tat.

Die, ob die Geschichten des Autors nicht doch wahrer seien als er angebe.

Das freche Grinsen der rothaarigen Frau in der ersten Reihe, deren Gesicht mit Sommersprossen übersät war, es drehte die Giftpfeilspitze ihrer Frage in der quälend brennenden Wunde noch mehrfach herum. Fast wäre ich aufgesprungen, hätte sie in einer Mischung aus Agonie und Rage an der Gurgel gepackt, vielleicht fatalerweise sogar zu ihrer Freude, denn, wer weiss schon, vielleicht steht sie auf Atemreduktion? Nein, das wäre nicht angemessen gewesen, und Rothaarige, nee, die waren eigentlich noch nie mein Fall.

«Vielleicht?» antwortete meine verwundete Seele, im Bemühen, gelangweilt auszusehen.

Es misslang.

Eine zweite Leserin streckte die Hand nach oben, und sie machte, soweit ich es im Halbdunkel des Raumes richtig erkennen konnte, dank ihrer markanten Brille im Gesicht einen intellektuellen Eindruck. «Herr Wolff, sogar berühmte Autoren haben zugegeben, dass ihre Geschichten durchwegs viele wahre, autobiographische Elemente enthalten. Es ist, soweit ist sich die Philosophie weltweit einig, gar nicht möglich, Dinge zu erfinden. Man kann nur erlebte Dinge neu kombinieren. Alles andere sprengt die menschliche Vorstellungskraft.»

Meine Geduld wurde arg strapaziert, was war bloss los heute? Wie in einem Sketch von Loriot, die Dinge laufen aus dem Ruder, aber weder heisse ich Hoppenstedt, noch Lindemann, und ein Jodeldiplom absolviere schon gar nicht. Wobei, fragte ich mich, vielleicht könnte ich diese Klugscheisserin jodeln lassen, in einem Schlachthof, so richtig als Strafe? Dieses Weib, im Kühlhaus, nackt aufgehängt und ausgepeitscht neben den toten Leibern der aufgeschlitzten Schweine; dann, gut abgehangen auf dem kalten Boden für mich serviert, dehydriert bis auf die milden Gaben von mir, den milchigen Tropfen auf ihrem Arsch. Verächtlich und ortspassend als «Sau» gescholten und danach verlassen wäre sie; Hose zu, Türe zu, Abgang.

«Sie dürfen sich gerne vergewissern, wie viele meiner Bosheiten ich wirklich zur Anwendung bringe, und darauf Ihre hochstehende Psychoanalyse über dunkle Vergangenheiten meiner – in Ihren Augen bestimmt vom Feminismus gekränkten – Seele aufbauen» antwortete ich in scharfem Ton.

Ein Raunen ging durch den Raum.

Keine Fragen mehr. Warum hatte mich diese Fragerunde austicken lassen? Das Licht im Saal ging wieder an.

Gutmütig, wie die Alltagsmenschen mich kennen, bekamen die Subs, Femdoms und ein paar versprengte Herren die Widmung in mein Buch über Elly und Dom G., die letzten Exemplare der Auflage.

«Ist wirklich fertig mit Elly?» fragte mich die offensichtlich über meinen cholerischen Ausbruch noch leicht erschrockene Intellektuelle, wohl im Bestreben, ihre Aufmüpfigkeit von vorhin durch demonstratives Interesse wiedergutzumachen. Ich antwortete nicht, fragte stattdessen nach ihrem Namen, um die Widmung zu schreiben, und reichte ihr anschliessend das Buch. Doch als sie es greifen wollte, liess ich es nicht los. Mit meiner zweiten Hand fuhr ich sanft über die ihrige und fixierte sie mit meinem Blick. «Anke, die Antwort auf Ihre Frage dauert länger, als wir hier Zeit haben. Aber es wäre definitiv eine Steilvorlage für Ihre vorhin begonnene Psychoanalyse.»

Sie errötete.

«Ich kenne ein feines Lokal, welches unter anderem hervorragende Steaks im Angebot hat, die, sehr frisch, direkt aus der gleich daneben liegenden Metzgerei stammen. Vielleicht haben Sie Lust, mich morgen Abend dort hin zu begleiten, natürlich in Wildleder-Pumps, wie Elly?» zwinkerte ich.

Meine Hände fingen wie von alleine an zu schreiben, zu meiner grossen Freude. Eine neue Geschichte, ja sie begann sich zu materialisieren. Hatte ich die Schreibblockade überwunden?

Innerlich freute ich mich, weil die Leserinnen wieder keine Ahnung haben würden, welche meiner Sätze tatsächlich einer Wahrheit entsprangen, und was davon rein imaginär war; Fantasie, die, wie Anke ja sagte, nur eine Replikation, Verdrehung und Neukombination von Gewesenem sein könne.

Wie die Geschichte ausging, das würde ich natürlich nicht schreiben. Oder vielleicht noch nicht?

Hatte ich erwähnt, dass ich ein Sadist bin?

2 Kommentare zu “Schreibblockade

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