1. Kunststück

Elly und ich hatten unsere erste gemeinsame Nacht verbracht. Eine Nähe, die ich nicht häufig zuliess, aber in diesem Moment, in der Stadt der Liebe, genoss. Wir hatten ein wunderbar romantisches Frühstück, in diesem unglaublichen Luxushotel, lediglich unterbrochen durch einen kleinen Zwischenfall. Elly sass vor ihrem Joghurt und unternahm, tief entspannt und verliebt, einen weiteren Versuch, unsere Beziehung genau zu definieren. «Weisst Du, eigentlich ist dieses Frühstück hier der erste und hoffentlich nicht letzte Moment, wo wir uns auf Augenhöhe zueinander befinden.» Sprach’s, führte den Löffel in ihren Mund und – was definitiv ein Fehler war – schaute kurz danach wieder zu mir, der sich gerade prächtig über diese Aussage amüsierte. «Augenhöhe, so so.» kommentierte ich mit einem unzulänglich unterdrückten Lachen, welches Elly sofort ansteckte und ihr verunmöglichte, das Joghurt zivilisiert zu schlucken. Mit der Serviette vor dem Mund gelang es ihr halbwegs, die ganz grosse Katastrophe zu verhindern.

Augenhöhe? Nein, eigentlich war das ein absurder Begriff, und das wusste Elly genau. Sicher begegneten wir uns wie erwachsene Menschen, und genau so sicher würden wir unsere Freizeit hier in Paris ganz anders und unaufgeregter erleben als bei unseren bisherigen Treffen. Aber dass ich jederzeit das Machtgefälle auslösen konnte, das war ihr klar – auch wenn ihr Temperament häufig dazwischenfunkte und sie sich dann jeweils zierte.

Eine Stunde später waren wir bereit, diesem ausgesprochen sonnigen Tag draussen zu geniessen. Die Wege in dieser riesigen Stadt sind trotz Metro lange, und so erlaubte ich meiner Sub, flache Schuhe zu tragen, Jeans, Haare zusammengebunden und eine kleine Lederjacke. Eigentlich hätte dieser Look eher zur jungen Lisa gepasst, aber Elly, welche ich sonst nur in klassischer Kleidung kannte, sah auch darin umwerfend aus. Wir machten uns zu Fuss auf, zur Metro-Station Madeleine, vorbei an Schaufenstern mit Luxusgütern, die uns eigentlich so gar nicht interessierten, denn Augen, die hatten wir nur für uns. Sogar die Hände hielten wir uns, was ein durchaus merkwürdiges Gefühl in mir auslöste. Eine feste Beziehung war das nicht, was wir hatten, und wir waren uns trotz Absenz einer klaren Definition darin einig, dass es das nie sein könnte. Und doch: Ich liebte sie wie kaum jemanden zuvor in meinem Leben.

Das Ziel des unseres Ausflugs war la Place du Tertre auf dem Montmartre, der Ort, wo Künstler ihre Gemälde feilbieten. Landschaftsbilder, manche mit sehr intensiven Farben, manch andere eher realistisch wie aus der Zeit der Romantik. Wir steuerten zu einem der Maler, dessen Oevre aus sehr realistischen Darstellungen bestand, die Motive aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts zeigten. Aufmerksam musterte ich die Bilder, durchaus mit der Absicht, dass Elly dadurch ebenfalls neugierig werden sollte. Ganz besonders eines der Kunstwerke erregte meine Aufmerksamkeit, und ich schmunzelte zufrieden, als Elly es auch entdeckt hatte: Es zeigte das Innere eines Lokschuppens, eine Lokomotive unter Dampf. Vor der Maschine standen drei Frauen; zwei in erotischer Aufmachung rechts vom Einstieg zum Führerstand, eine andere, in Tüchern gehüllte Frau genau unterhalb des mit schwarzem Schweiss verschmierten Lokführers, der wiederum, mit glühenden Schürhaken in der Hand, wie ein perverser Lüstling gierig auf sie hinabblickte.

Elly schaute gebannt, denn ich wusste, dass ihr nicht nur die Szene bekannt vorkam; sie erkannte auch, dass es sich bei dieser Frau unterhalb des Führerstands nicht etwa um die rothaarige Baronin handelte, sondern… sie kniff die Augen mehrfach zusammen, um sich zu vergewissern: Es handelte sich um sie selbst! Das Gemälde zeigte unverkennbar Elly, eingesetzt in dieser Szene, die sie aus meinem Buch der Hinfahrt kannte. Unter dem Bilderrahmen stand kein Preis, sondern ein Schildchen mit «réservée».

Ein lautes Ausatmen, als würden ihr gerade sämtliche Bürden der Welt zugemutet. «Das ist kein Zufall, mein Herr, oder?» Wie eine Detektivin, die gerade einen Verbrecher zu überführen glaubt, zog sie ihre Augenbrauen zusammen und wandte sich vom Bild ab, hin zu mir. Es war einer dieser goldenen Momente mit Elly, denn sie wirkte genau dann, wenn sie meiner List auf die Spur zu kommen glaubte, besonders umwerfend. Wie ich es liebte, ihre Gefühle auf eine Achterbahn zu schicken, und ihre Reaktionen darauf zu geniessen wie einen exzellenten, scharfen Whiskey, der sämtliche Rezeptoren meiner Sinne bedient.

«Natürlich nicht, meine Teure!» Ich zwinkerte dem Künstler zu, dieser nickte zufrieden und wickelte das Gemälde in Packpapier ein. «Auguste wird es ins Hotel bringen lassen. Denn für Dich benötige ich zwei freie Hände» fuhr ich fort. Elly war leicht verwirrt, folgte dann aber meinem Blick zur Réverbère, der gusseisernen Laterne, an welcher zwei grosse, eiserne Ringe befestigt waren.

«Vergiss es!» zischte sie, die meine Absicht erneut zu durchschauen glaubte, und sich wohl schon in einer Session mitten in der Öffentlichkeit sah. «Keine Sorge, Elly. Die Öffentlichkeit ist noch nicht für Dich bereit. Auf jeden Fall diese hier nicht.»

«Noch nicht? Diese nicht?» empörte sie sich. «Wir haben einen besseren Ort. Komm mit.»

Wenige Schritte später hatten wir einen kleinen Durchgang zwischen zwei Häusern erreicht. Er war so schmal, kaum als Gasse zu bezeichnen, nur eine Person breit. Ich ging voraus.

Elly wollte nicht folgen. «Na komm!», forderte ich sie auf, als ich die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte und mich umblickte. Doch sie stand noch immer auf der Strasse, verschränkte ihre Arme und schwieg, in der Pose einer beleidigten Königin. Unweigerlich musste ich lachen. «Die süsse Rebellin, auch das wäre ein Motiv für Auguste gewesen.»

«Wo führt der Weg hin?» fragte sie mich fordernd. «Du kennst mich, Elly.» antwortete ich und verdrehte meine Augen. Ellys lakonische Antwort war natürlich so etwas von vorhersehbar: «Genau deswegen, Herr G.»

«Sei nicht kompliziert. Wir sind in Paris!» Aber mein Anspornen verpuffte wirkungslos. Eine klare Ansage war vonnöten, und so verdunkelte sich meine Mine. «Das ist mir alles zu mühsam. Ich gehe diesen Weg, und entweder Du folgst, wie es eine dem Herrn vertrauende Sub tut, oder Du nimmst gleich ein Taxi. Die Taxifahrer in Paris übrigens sind durchaus bekannt für bizarre Verhaltensweisen – und ich weiss grad gar nicht, welche Gefahr Dir besser gefällt? Faites vos jeux!»

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm ich die nächsten Meter zielstrebig unter meine Füsse und öffnete am Ende des Weges eine lottrige Holztüre zu meiner Rechten. Sie gab den Zugang zu einer langen, steinernen und geradeaus in eine grosse Tiefe führende Treppe frei. Ohne Elly auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen nahm ich die ersten Stufen, hinab in eine dunkle Umgebung, nur indirekt beleuchtet vom Tageslicht der noch offenen Türe hinter mir und dem schwachen Schimmer einer flackernden Neonröhre, die sich irgendwo weit unten befinden musste. Das donnernde Geräusch einer nahenden Metro drang hoch, lies das Gemäuer zittern und produzierte ein schauerliches Echo.

Elly folgte mir offensichtlich nicht. Hatte ich sie überfordert? So schnell? Hatte sie sich tatsächlich ein Taxi gerufen?

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