Doppeltes Morgen-Grauen

Das Brennen, sie konnte es deutlich spüren. Ihr feuerentbrannter Po – er würde nicht mehr taugen, für Tage, ja selbst der Gang zur Toilette würde eine Via Dolorsa sein. Doch das zählte nicht. Vielmehr war es diese durch Leder in unterschiedlichster Ausprägung herbeigeführte, orgastische Erleichterung, die sie sich so sehnlichst gewünscht hatte; endlich hatte sich jemand ihrer angenommen. Er, der Verursacher dieser Glückseligkeit, war ein grossgewachsener Mann, dessen Gesicht sie sich nicht merken konnte. 

Warum bloss nicht?

Immerhin, sie wusste, er war muskulös, seine Schweissperlen, am durchtrainierten, leicht öligen Körper haftend, sie kullerten die wunderbar gepflegte, gut riechende Haut entlang zu seinen Zehen, in deren Zwischenräume sie schliesslich versickerten; nur hin und wieder wurden die Bahn der Tropfen durch etwas dunklen Haarwuchs abgelenkt oder ihr Fluss verlangsamt. Wie in Zeitlupe erlebte sie diese Minuten, die irgendwie wie Sekunden wirkten, und irgendwie auch wieder nicht. 

Das Zeitgefühl, wo war es bloss geblieben?

Angekommen fühlte sie sich, nach so langem sich verzehren nach ihm, doch gleichzeitig wunderte sie sich über die Kristallklarheit ihrer Gedanken. Der Rausch, das Endorphin… in einem seltenen Augenblick wie diesem würde sie eigentlich niemals klar denken können. Der Schmerz, jetzt ebbte er ab, und es kam nichts nach. Kaum waren die Wellen des Rausches vorbei, wachte sie auf. 

Sie wollte ihn festhalten, diesen Traum, den kostbarsten aller Momente, der sie gerade in die Realität, in den Wachzustand entliess; einfrieren wollte sie ihn, hinüberretten in den Tag. 

Der Tag, diesen Übeltäter, Räuber, Bandit! Verflucht sei er!

Doch es klappte nicht. Sie mochte sich noch so sehr bemühen, die Wolke der Wonnen fing an, sich aufzulösen, im Morgengrauen – ein wahres Grauen, früh am Morgen. Immer undeutlicher wurde die Erinnerung daran; wie ein Paradies, von dem man weggezerrt wird, unerbittlich, wie ein Kind am Ende des Strandurlaubs vom Meer getrennt. Ein abhandengekommenes Paradies. Verloren für immer.

Vivian seufzte tief. Es musste wohl eine dieser Erotikgeschichten gewesen sein, die sie vor dem Einschlafen gelesen und entführt hatte in diesen flüchtigen, surrealen Sehnsuchtsmoment.

Ihre Devotion, ihre tief empfundene Neigung… wie lange würde sie wohl noch ohne das Stillen ihrer Begierde verharren müssen, in der Tretmühle des Alltags. Diese Welt, die, als wäre sie nicht schon rund genug, aus lauter Hamsterrädern unterschiedlicher Grautöne bestand. Aus keinem gab es ein Entkommen, seit sie sich getrennt hatte – oder hatte er sich von ihr getrennt? Zu lange war es her, viel zu lange. Nur etwas war gewiss: Die Beziehung, sie hatte sich aufgelöst wie dieser Traum eben. Tapfer wollte sie sein, nicht mehr an ihn denken, an diesen Mann, der sie eingeführt hatte in diese Welt, die dunkel war, sogar mitten am Tag. Und nicht minder traumhaft schön. Dennoch tat sie nichts anderes, als sich vorzustellen, wie eine andere in seinen Armen jubilierte; dieser Schmerz der unangenehmen Sorte, gegen den kein Hochprozentiger etwas ausrichten konnte. 

«Lieber Gott, wann endlich, wann nur…?» fing sie an zu flüstern, doch brach ab, weil sie sich der Absurdität des Moments bewusst wurde. Ein Gott, nein, den gab es nicht in ihrem Leben, auch wenn sie zu gerne einen zu vergötternden Mann in ihrem Leben hätte. «Vivian, es hilft nichts. Keine der Geschichten, die dieser Schundautor mit dem absurden Namen Gangleader schreibt, wird Dir helfen – im Gegenteil. Die kitschige Überhöhung darin wird die Fallhöhe zum Alltag nur steigern.»

Das Frühstück liess sie aus, sie putzte sich die Zähne und eilte aus dem Haus, welches heute merkwürdig anders aussah als sonst; die Raumanordnung, hatte sie sich über Nacht verändert? Hatte sie überhaupt geduscht? Aber wieder wunderte sie sich nicht zu sehr, fand sich zurecht, sie musste los zur Arbeit. Im Auto losgebraust, fand sie sich alsbald an der Bahnschranke wieder, die, so hatte es mal im lokalen Käseblatt geheissen, 43 Minuten pro Stunde geschlossen war. 

Sie war zu spät gewesen und sass in ihrer Karre, die eine seltsamerweise eine andere war als sonst, wie auf einer Strafbank. «Hallo Hamsterrad», spottete sie vor sich hin, als ihr Smartphone Töne von sich gab, um sie auf eine eingegangene Nachricht aufmerksam zu machen. Sie kannte die Nummer nicht, sie las: «Das Brennen, Du wirst es deutlich spüren können. Dein feuerentbrannter Po – er wird nicht mehr taugen, für Tage, ja selbst der Gang zur Toilette wird eine Via Dolorsa sein.» 

Verdammt, was wurde hier nur gespielt?

Dann wachte Vivian auf. Diesmal wirklich, und nicht nur im Traum.

2 Kommentare zu “Doppeltes Morgen-Grauen

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