Die Geschichte der P.

„Glaubst Du, dass die Geschichte der O. einen wahren Kern hat?“ fragte sie mich von der Seite, als sie mit ihrem grossen Zeh neckisch meinen Fussknöchel berührte und anschliessend sanft kitzelnd die Wade hoch fuhr. „Lass das!“ knurrte ich und zog mein Bein weg. Petra kicherte, als hätte sie einen heimlichen Sieg davongetragen, einen Triumph, als wäre sie Rumpelstilzchen. Genau, Märchen, das richtige Stichwort, dachte ich. „Wo gibt es überhaupt noch einen wahren Kern, im Zeitalter von Geschichtsklitterung und Verschwörungstheorien?“ 

Das Kingsize-Bett, unser Refugium der letzten Nacht, mit der flauschigen, noch immer (oder jetzt erst recht?) wohlriechenden Daunendecke als unser Zeltdach, es war angenehm warm und kuschelig. Um uns herum verstreut lagen Zeugen der späten Abendstunden; ihre Heels, ihre Strümpfe, ein zerrissener Slip, unter welchem ein Plug hervorlugte. Freixenet, als Auftakt für das Finale im Zimmer geköpft und halb leer.

Petra drehte sich auf den Rücken und spann ihren Gedanken weiter. „Es ist ein fürchterliches Buch.“ befand sie. 

„Soso! Du glaubst also nicht an die Erotik der Misshandlung, des Verleihs, der Zwangsprostitution und Verstümmelung bis hin zur Selbstaufgabe aus falsch verstandener Liebe?“ Mein prüfender Blick mit hochgezogener Braue brachte sie zum Lachen, in ihrer ureigenen Form davon, bei welchem sie ihre kaleidoskop-farbenen Augen fest zukniff, fast noch mehr, als wenn ich mich über sie ergoss. Diese Bilder, wie eine Explosion mich plötzlich vereinnahmend, dazu ihr Geruch und ihre Präsenz: Ich hatte mich soeben wieder in sie verliebt, das 319. Mal.

Doch sie ignorierte meine Gefühlsregung; vielmehr sah sie sich genötigt, mir etwas zu entgegnen. Ihre Replik wirkte aufgesetzt, mit gespielter Arroganz in ihrer Mimik. „Mit solchem Kinderkram befasse ich mich schon gar nicht!“ behauptete sie und prüfte gleichzeitig, sich der Ironie des Moments wohl nicht bewusst, die Konsequenzen des gestrigen Abends an ihrem Po.

Ich musste unweigerlich lachen. „Grosse Töne, ich bin beeindruckt! Wer hat gerade gestern Abend noch gewinselt, nur schon als sie meiner Herrenrunde die an ihren Nippeln befestigten Teebeutel im kochend heissen Wasser halten musste? Ganz zu schweigen davon, dass ihre Pussy, derweil durch schmerzhafte Klemmen auseinander gezogen, sich panisch vor dem Moment fürchtete, in welchem der nächste Wachstropfen sie im tiefsten Innern treffen würde. DAS, meine Liebe, das war Kinderkram, ein Vorspiel für maximal Spätpubertierende.“

Petra setze ihren Schmollmund auf, bei welchen sie ihre dominante Unterlippe noch weiter nach vorne schob, und schüttelte den Kopf. „Die Geschichte der O. ist nicht vollkommen. Sie ist tief traurig. Ich hingegen habe mich nicht misshandeln lassen, ich habe jede Sekunde genossen, auch, das, was danach folgte.“ Sie sprach im Ton einer strengen Lehrerin, beinahe zurechtweisend, aber völlig konträr zum Geräusch, welches ihre Halsfessel gleichzeitig verursachte.

Das 320. Mal verliebt. 

Diesmal ertappte sich mich dabei, und als wollte sie das in mir lodernde Feuer zusätzlich anfachen, ergänzte sie. „Und was in den frühen Morgenstunden danach folgte, war etwas, was der bedauernswerten O. vollständig abging: Die Erfahrung, aufrichtig geliebt zu werden.“

Ihr wichtiges Gesicht war süss, so sehr, dass die Lust in mir stieg, fortzuführen, was wir gestern begonnen hatten. „Nun denn, lass uns die Geschichte richtig schreiben.“

„Wie, was schreiben?“

„Na, die Geschichte der P.“ antwortete ich und griff zwischen Hals und den Lederriemen, um sie an den Ort zu ziehen, wo sie ihre Wirkung entfalten sollte. Sie tat es. Mit Wonne. 321.

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