Sechs!

Gewagt war es ja, mein Vorhaben. Ein wenig wie eine sehr spezielle Version von «Deconstructing Harry» von Woody Allen, wo er als Autor in seinem Buch die Details seiner Beziehungen zu Frauen so offensichtlich beschreibt, dass sich die entsprechenden Damen darin wiedererkennen und ihn, eine nach der anderen, deswegen erbost aufsuchen. Ich glaube, es waren sechs an der Zahl. Ja, auch in meinen Geschichten war die eine oder andere Verflossene erkennbar, zumindest für sie selbst. Aber hey – wer nichts erlebt, der kann auch nichts schildern, oder?

Wie auch immer, ich beschloss, die Sache etwas anders anzugehen. Mit viel Liebe zum Detail verfasste ich einen Brief, den ich unter Austausch der Adressatin an sechs meiner Ex-Protagonistinnen richtete. Es war eindeutig ein Experiment, denn ich wusste nicht, was sich abspielen würde, genau in einer Woche, um sechs, 18 Uhr. Diese Tatsache und das Theater, das ich für mich gemietet hatte, gaben dem Fanal eine Schärfe und gleichzeitig eine Unkalkulierbarkeit, die meine Dominanz besonders fordern würde. 

«Es ist eine Zeit her, seit wir geteilt haben, was unsere Körper, unsere Seele, unser tiefstes Inneres sich ersehnt hatten. Stunden der Leidenschaft und der sinnlichsten Erlebnisse, die ein menschliches Dasein zulassen. So böse. So liebevoll. 

Erinnerst Du Dich? Brände und Wellen. Höhen und Abgründe. Tränen und Läuterung.

Es ist die Zeit gekommen, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Eines, welches wie alle guten Geschichten neue Aspekte bringt; Wechselwirkungen einer Art, die Du und ich nie kannten. Es wird ein Spiel ohne doppelten Boden und eines, dessen Ausgang offen ist. Zweifelsohne wird es Mut erfordern, und Deine Bereitschaft, mit den Konventionen zu brechen, die Dich heute begleiteten, mehr noch, sogar fesseln; allerdings tun sie dies in ganz anderer Form: Emotionen und Verpflichtungen, die Du eingegangen bist, die Dich zurückhalten. Doch wenn Du es wagst, diese Reise anzutreten, wird der Horizont ein anderer sein. 

Bist Du bereit?

Wenn ja, treffen wir uns am kommenden Mittwoch um 6 Uhr abends. Sechs, die magische Zahl, deren Bedeutung sich auf unerwartete Weise, einem Stakkato folgend, steigern wird. Du wirst die Bühne unserer Welt betreten, auf der sich so viel abgespielt hat, und es noch tun wird, wenn Du erscheinst. Metaphorisch oder nicht, fragst Du Dich? Du wirst sehen, oder auch nicht. Das Schauspielhaus Reineke wartet auf uns.

Ich freue mich darauf.

D.»

Zu den meisten dieser Damen hatte kein Kontakt mehr bestanden, seit wir die Verbindung zueinander aufgelöst hatten. Vivian. Sabine. Eva. Maya. Estelle. Tanja. Wer von ihnen würde die erforderliche Courage zeigen? Und wie werden die, die es wagen, reagieren, wenn sie sehen, was sie längst wussten: Dass sie nicht die einzigen in meinem Leben waren, mit denen ich meine Passion geteilt habe? Doch nun, und mein innerer Teufel applaudierte mir zu diesem Plan, würden sie das erste Mal erfahren, wer davor oder danach die Ketten, Karabiner, Seile und meine inquisitorischen Hormonspender genossen. Serielle Monogamie, neu gedacht. 

Das Szenario, das ich entworfen hatte, es war ein Stoff, schärfer als Tabasco und explosiver als eine Plutonium-Bombe. Mein Anzug und die Dunkelheit des Zuschauerraums waren mein Schutz, mein Setzkasten der Fantasie mein Arsenal. Ich fühlte mich bereit. 

Der Mittwoch kam und die Uhrzeit auch. Die Bühne war hell erleuchtet, und ich, Regisseur und Produzent in einem, hatte im bequemen Fauteuil in der Mitte des Zuschauerraumes Platz genommen. Nun fehlte nur noch der Auftritt der weiblichen Hauptrollen. Würden es tatsächlich sechs sein?

Teil 2 folgt…

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