Sechs! (Teil 2: Vivian)

Was bisher geschah: Der Ich-Erzähler D. ist  auf die Idee gekommen, sechs seiner Ex-Subs zu einem gemeinsamen Abend in einem Theater aufzubieten. Alle sind sie schon Protagonistinnen in seinen früheren Geschichten gewesen. Keine weiss von der anderen, sie sind sich alle nie begegnet. Ob sie wirklich eintreffen, auf Geheiss seines Schreibens, weiss er nicht. Nun sitzt er alleine im eigens gemieteten Schauspielhaus und wartet gespannt, ob und wenn ja, wie viele der Frauen kommen.

Zunächst, so allein sitzend, dachte ich, dass ich wohl ein Idiot war, alle Frauen zur gleichen Uhrzeit aufzubieten. Wie sollte ich das ganze logistisch meistern, ohne die Katastrophe eines bühnenreifen Eifersuchtsdramas? Nun, beruhigte ich mich, sie waren ja alles Ex, insofern sollten sie ja abgeschlossen haben mit mir. Eigentlich. Doch war es nicht genau meine Spekulation, dass dem nicht so ist? Würde tatsächlich auch nur eine erscheinen? Ich hatte sechs Chancen. 

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Vivian kam. Tatsächlich!

Meine beiden chinesischen Helfer, Dan und Tian, hatten sie am Eingang das kleinen Theaters empfangen und auf die Mitte der Bühne begleitet, wo sie im Scheinwerferlicht, mit halb zugekniffenen Augen erfolglos zu eruieren versuchte, von wem, und von wie vielen sie beobachtet wurde. 

Sorgfältig, ohne ein Wort, musterte ich Vivians Erscheinung. Die Wahl ihrer Garderobe, Bluejeans in Reiterstiefeln und weisses Hemd, passten wieder perfekt zu ihr. Ein Zeichen für mich? Vivians Hände waren unruhig, sie nestelten mal an ihrem Gürtel, mal an ihrem Hemd; beinahe wirkte sie wie verunsicherter Teenager, der von Prüfungsangst geplagt ist und nun auftreten muss. Ein weiteres Zeichen? Ich liess mir nichts anmerken, aber sie konnte mich ja ohnehin kaum erkennen.

«Wo ist sie denn geblieben, Deine Selbstsicherheit? Eine Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, wie sie stets behauptet, ausser die Beine sind…. Du weisst schon?» fragte ich sie mit der sonoren Stimme eines tadelnden Regisseurs. Mein Druck erzeugte den Gegendruck, wie ich ihn so oft erlebt hatte an ihr. «Keine Ahnung, welche Perversität Du Dir ausgedacht hast, ich bin lediglich erschienen, damit ich nicht als billiges, mutloses Huhn abgestempelt werde.» Ich lachte laut heraus. «Oh, die verlorene Ehre der Vivian Blum?» Wie köstlich. «Na, Deine Reitstiefel habe sicher 300 Euro gekostet. Billig, dieses Attribut streiche ich Dir schon mal, zumindest, solange Du sie anhast. Und das sollten sie bleiben. Über den Mut, tja… darüber sprechen wir noch.» 

Einen Moment lang versank ich in die Erinnerung an das, was wir beide mal waren, was wir hatten. Wie ihr Wunsch, der ihr doppelten Morgen-Grauen als Traum erschienen war und, so sehr sie es sich doch gewünscht hatte, nicht in Erfüllung gegangen war. Nicht bis zu dem Moment, wo sie mich traf, oder ich sie, zwei Blitze aus dem gleichen Gewitter, sich vermengend.

Ihr Po. Das Feuer und das Spiel damit. Tropfen, die aus ihr rannen – nie hätten sie es zu löschen vermocht. Doch wir wurden unterbrochen, auf unserer Reise. Verschoben, alles, was noch in ihr war. Ihr Wunsch des Versuchs der Lust mit dem eigenen Geschlecht. Rapeplay. Ihr Auftritt in einer Horde. Und der Goldregen, nicht botanischer Art. Da lauerte sogar mehr, sie hatte es angedeutet, alles ganz in den Tiefen der dunkelsten Ecken ihrer Fantasie, für die sie sich schämte und keine Worte zu formulieren wagte, die emanzipierten Grundwerte hatten ihr widersprochen, sie mundtot gemacht. Der Unterbruch, es war ein Er, der in ihr Leben trat; einer, der sie schon früher mal stehengelassen hatte und nun reuig aus der Versenkung auftauchte, vielleicht auch schon immer da war, wie heute im Hintergrund des Bühnenbildes eine andere Realität wartete, was weiss ich schon. Ein Bad Guy. Ich war es zu wenig.

Die dunklen Ecken, die Sehnsüchte, die nicht gestillten – sie blieben fortan verschlossen, für Wochen, Monate… wie lange war es jetzt her? Ein undankbares Dasein fristeten sie, von welchem sie später, wenn der Druck zu gross, wie ein Springteufel wieder aus der Büchse entfliehen würden, befreit von den männlichen Umständen, die ihn unter Kontrolle zu halten versuchten. Wie oft schon hatte ich das erlebt. War es heute vielleicht soweit? 

Dann gab ich das Zeichen. Die beiden Chinesen nahmen Vivian an der Hand und zerrten sie hinter die Bühnenkulisse. Eine Überraschung, so gross, dass ihr nicht mal ein «Hey!» entfuhr. Als ich das Klicken des Vorhängeschlosses vernahm, machte sich eine tiefe Zufriedenheit in mir breit. Kein Laut würde aus ihrem temporären Aufenthaltsort dringen, die Situation unter Kontrolle. Ich war bereit für den nächsten Gast. «Gästin» dachte ich für mich, amüsiert. Und gleichzeitig wusste ich schon jetzt, wie man mich einen Scheisskerl schimpfen werden, sobald das ganze Ausmass meines Vorhabens von den Protagonistinnen erfasst worden ist.

Dan und Tian kamen zurück, um meine nächsten Instruktionen zu erhalten. Sie sollten dafür sorgen, dass sich allfällig weitere, eintreffende Damen sich nicht begegnen oder wenn, dann so, dass sie keine Ahnung voneinander hätten. Keine Vorstellung davon, dass sie wegen des gleichen Anlasses hier sind. Ich hatte noch fünf Plätze zu vergeben, bevor sich der hintere Vorhang heben und ich die Bühne betreten würde. 

Meine Helfer eilten zurück zum Eingang und kamen kurz darauf mit Tanja zurück. Tanja sagte kein Wort, konnte sich offensichtlich keinen Reim darauf machen, was sich hier abspielte. Sie war diejenige, die das Rapeplay erlebt hatte, welches so überraschend war wie lustvoll – bis zum bitteren Ende, als sie notdürftigst bekleidet und alleine die Heimreise antreten musste.

«Diesmal muss ich Dir den Mund nicht zuhalten, Tanja, Du bist so ruhig.» Wie klein sie wirkte, noch kleiner als damals, als ich ihr aufgelauert hatte, mit dem Lieferwagen am Waldrand ihrer Jogging-Strecke. Doch sie schwieg. Wusste sie selbst nicht, was sie geritten hatte, hierher zu kommen?

«Dan, Tian, bitte kümmert Euch in gleichem Masse vom Tanja!» Mit ihr geschah dasselbe wie mit Vivian – die Dunkelheit entmachtete sie, ein Vorhängeschloss besiegelte die Ruhe der nächsten Minuten.

Sabine, Eva und Maya kamen gleichzeitig, wie mir die Tian meldete, doch Dan machte als Gastgeber einen fantastischen Job, indem er sie gekonnt im sonst leeren Foyer verteilte; ich wies ihn an, sie einzeln auf die Bühne zu bringen, wie bei einem Vorsprechen. Die Risiken mussten überschaubar bleiben, schliesslich hatte ich ja nur zwei Chinesen zu Verfügung, nicht deren sechs.

Und den Techniker, natürlich.

Teil 3 folgt...

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