Un’estate italiana

Der Zigarrenrauch, der eben meinen Mund noch mit sinnesbetörendem Geschmack gefüllt hatte, entwich in den sternklaren Nachthimmel und formte weiblichen Rundungen, wenn auch nur kurz, einen flüchtigen Moment lang. Sinnierend schaute ich ihm hinterher, bis er sich vollständig aufgelöst hatte. Un estate italiana. Ich fühlte mich Zuhause, in diesem kleinen Weingut, mitten in der Toskana.

Noch immer warm war es, draussen um diese Uhrzeit, und ich sass an meinem kleinen Tischchen und verfasste mein Traktat. Die kleine Laterne zu meiner Seite, bestehend aus einer in der Basilika erworbenen, aber für meine Zwecke mitgenommenen Kerze und einem billigen Aluminiumgehäuse war gerade ausreichend, um das Papier gerade so weit zu erhellen, dass ich meine Mission erfüllen konnte: Als angegrauter Sünder wollte ich Zeugnis ablegen über das, was ich verursacht hatte an wundersamen und in den Augen mancher Menschenseelen schrecklichen Ereignissen.

«Nein, ich war nicht immer lieb» beichtete ich, sprach es zu mir selbst, denn es war niemand da, der es hätte hören können, kein jüngstes Gericht, keine italienische Inquisition; nur die blinkenden Leuchtkäfer oder Fledermäuse um mich herum, sie würden Zeugen sein. Höchstens ein Wildschwein noch, vielleicht.

Ich dachte an Anja und begann, zu schreiben.

Das erste Mal erblickt hatte ich sie, kurz bevor sie den kleinen Supermercato betrat, gleich gegenüber der Bar Maestrano, wo ich jeden Vormittag meinem Ritual, dem Geniessen des besten Cappuccino der südlichen Hemisphäre, nachlebte und das Treiben in der Gasse beobachtete. Meine Aufmerksamkeit blieb an ihr haften, was mich alles um mich herum vergessen liess, als befände ich mich in einer wundervollen Blase.

Sie war eine dunkelblonde, auf den ersten Blick eigentlich unscheinbare Frau von vielleicht etwa 45 Jahren. Gekleidet in diesen verrissenen Jeans, deren modische Logik ich noch nie verstanden hatte. Socken, Superstars und ein NASA-T-Shirt. Was bloss, fragte ich mich, zog mich an ihr so in Bann? Ganz offensichtlich war sie eines von Millionen Insta-Girlies, die sich gegenseitig nacheifern, um cool und begehrenswert auszusehen, und dabei auf erschreckend überzeugende Weise das Gegenteil bewirken. Für mich jedenfalls.

Warum auch immer, irgendwie war diese Frau aber anders, ihre leichtfüssige Art wirkte nicht aufgesetzt wie ein Foto-Filter oder erlerntes Verhalten. Nein, sie war wirklich in allem zauberhaft, ungespielt, echt. 

Nur einen Insektenflügelschlag später hatte meine Imagination wie das Todesrad im Zirkus zu rotieren begonnen. War auch sie so ein Wesen, dem die Berührungen, die die Strenge und Leidenschaft auf magische Art kombinieren, bisher verborgen geblieben waren? War sie ein auf diese eigene Weise unberührtes Land? Ihr Körper, ihre Gang, all das, was ich in diesen wenigen Sekunden wahrnahm, sagte mir, dass sie danach verlangte, egal, wie absurd auch diese Beurteilung gerade schien. Was zur Hölle war es? Wie ein Mantra wiederholte sich auf unkontrollierbare Weise der gleiche Gedanke in mir: Dieses Unberührtsein durfte nicht so bleiben.

Noch während ich daran war, verzweifelt einen Plan auszuhecken, verliess sie das Geschäft mit ihren Einkäufen bereits wieder. Mit meinem Blick verfolgte ich sie bis zu einem unweit geparkten, silbernen SLK mit Münchner Kennzeichen und roter Lederausstattung. Ich freute mich, denn ihre Herkunft würde die Kommunikation zwischen uns vereinfachen, wenn, ja wenn ich nur die Gelegenheit bekäme, sie wieder zu sehen. Elegant ausgeparkt, war sie nun im Begriff, gleich vor mir vorbeizufahren. 

Mann, Oliver, Mann… ich marterte mein Gehirn; mich vor den Wagen zu stürzen war keine Option. Die letzte Möglichkeit, die ich sah, war fast genauso verrückt – aber es blieb mir kaum eine andere Chance: Ich warf mein Cappuccino-Glas auf die Strasse, wo es laut klirrend zerschellte, wenige Zentimenter vor dem Kühlergrill des Silbersterns.

Arresto completo. Sie bremste, als wäre eine Katze vor ihr Auto gelaufen, der Mundwinkel unter ihrer Sonnenbrille zeigte eine Mischung aus Schreck und Ärgernis, als sie erkannte, was geschehen war.

Alfredo, der Barista, hatte sich mit dem Besen schon aufgemacht, in der Annahme, es sei wieder mal einer seiner Gäste gewesen, der unachtsam gewesen war. Dass die Scherben draussen auf der Strasse lagen, damit hatte er allerdings nicht gerechnet. Ich outete mich als derjenige, der die kleine Misere verursachte hatte und eilte flugs zum SLK, um diesem faszinierenden weiblichen Dasein zu erklären, dass ich aufgrund ihrer Erscheinung so überwältigt gewesen sei, dass ich das Glas etwas zu schwungvoll fallengelassen hätte. Es tue mir unendlich leid; sehr gerne würde ich mich für das Verursachen dieses Schockmoments entschuldigen, in Form eines Wiedergutmachens dank wohltemperiertem Chianti Classico Riserva, selbstredend in einem nicht zerbrochenen Glas.

Anja war nun noch perplexer als ohnehin schon und gleichzeitig irritiert über den Cinquecento hinter ihr, der aus südländisch aufgeladenem Ärger über den kleinen Stau, den wir innert zwei Minuten erzeugt hatten, mehrfach hupte. Alfredo, gerade mit den letzten Scherben beschäftigt, beschimpfte den ungeduldigen Kleinwagenfahrer mit «Brutto Zozzone!», was uns etwas mehr Raum gab; ein paar unschätzbar wertvolle Sekunden mehr, in denen sie, Anja, den inneren Kampf ausfechten konnte, der sich in ihrer Angespanntheit zeigte. Ja, erneut war ich Zeuge dieses inneren Ringens, welches ich von so vielen meiner Bekanntschaften bereits kannte. Die Verheissung des aufregend Fremden, dieses schmeichelhafte Glücksgefühl, galant eingeladen zu werden, nur um sich später als Beute des Jägers auf der Schlachtbank wiederzufinden. Ein Ort, dessen Aura der Bedrohlichkeit durch die Hitze des Momentes sich zu einem Raum der Sehnsucht, der Lust, der Hingabe und des Zerfliessens in einer anderen Zeitdimension verwandelt.

Würde sie verstehen? Zustimmen?

Alfredo schloss seine Säuberungsaktion mit einem «Basta!»; es blieb uns nicht mehr lange. Jetzt oder nie! «Heute Abend in der Casa Aurelia? 21 Uhr? Ich erwarte Sie…» und hielt meine Stimmlage hoch, eine Antwort provozierend.

«Anja» antwortete sie und trat fast gleichzeitig das Gaspedal. «Oliver!» rief ich hinterher, hinein in den aufgewirbelten Strassenstaub, der sich mit Auspuffgasen des Stuttgarters vermengte. Verdutzt über ihr Verhalten blieb ich stehen und schaute ihr hinterher. War es Temperament, Spiel oder Flucht? Oder alles gleichzeitig?

21 Uhr war längst verstrichen, dann endlich kam sie, tatsächlich! Ganz in weiss gekleidet, sommerlich-luftig: Tief ausgeschnittene Bluse, weite, weisse Hosen, Sandalen mit wenig Absatz. Sie erblickte mich, näherte sich und fragte frech: «Ist hier noch frei?»

«Es freut mich, dass Du gekommen bist, Anja.» Der Mut, den es erfordert hatte, zu kommen und wer weiss schon, welche Umstände sie dafür in Kauf genommen hatte, er schien jedoch mit dem Moment des Platznehmens auf einmal wie weggeblasen. Seltsam schüchtern wirkte sie, ja mehr noch: Ihre Unschuld drang durch sämtliche Poren ihres atemberaubenden Körpers, der sich durch den Leinen-Stoff erahnen liess.

Ein Austausch über Belanglosigkeiten des Lebens folgte, ein vorsichtiges Kennenlernen, fast wie unter Teenies, Abstecken, Abchecken. Wie sich herausstellte, war Anja mit einer Freundin in der Toskana. Wie sehr es eine Freundin war oder doch was Anderes, darüber verlor sie kein Wort. Immerhin war es ihr möglich, mich zu treffen, alleine. Ganz offensichtlich gut situiert, obwohl alleinerziehend, warum auch immer, doch die Kinder schon so gross, dass sie ihren Urlaub auch an anderen Orten verbringen konnten als ihre Mutter. Und genau das genoss sie. Wiedererlangte Freiheit.

Doch ihre Tonlage verriet Zweifel. Schön, sei sie ja, seufzte sie, diese Freiheit, und ergänzte: „Dieses Biest, es verspricht immer viel mehr, als es hält. Manchmal, nur manchmal, ist es mir zu viel.“

Der Blitz traf mich. War es ein Hinweis? DER Hinweis? Bis zu den sensiblen Themen des menschlichen Miteinanders waren wir noch gar nicht vorgestossen, in der kurzen Zeit, die wir bisher miteinander verbracht hatten.

Ich ergriff die Initiative. «Die Scherben von heute früh haben Dir Glück gebracht.» Mein Blick bohrte sich tief in ihre Augen, erwartungsvoll. «Kommt darauf an, welches Glück Du meinst, Oliver.» Sie drehte sich zur Seite, als würde sie gerade von einem unerträglicher Bannstrahl getroffen. «Nun, ich pflege die Art von Beziehungen, die temporär die Freiheiten entzieht, und dadurch viel Befreiung schafft.»

Jetzt war es draussen. Entweder sie biss an, oder der Riserva blieb lediglich in eine nette, flüchtige Ferienbekanntschaft investiert. Mein Puls raste.

Anja liess sich Zeit. Wollte sie mich quälen? Rechtwinklig zu unserem kleinen Holztisch streckte sie ihre Beine, bohrte die Absätze in den Kies und betrachtete ihre roten Zehennägel. Es war zu dunkel, als dass ich sicher hätte erkennen können, ob auch ihr Gesicht rot wurde. Trotzdem stellte ich es mir einfach vor, auf die Gefahr, dass es nur mein innerster Wunsch war; der Wunsch, der mir sagte, dass sie das Gleiche wollte. Was war bloss los? War ich etwas verliebt? Vielleicht, aber wirklich nur etwas, versicherte ich mir selbst, und liess meine Augen auf ihrer Oberweite verharren.

Den Blick noch immer abgewandt, antwortete sie endlich: «Oliver, ich bin nicht Prepaid, ich bin eine Dauerkarte.»

«Umso besser!» Ich fixierte sie weiter, dieses süsse, unschuldig wirkende, grosse Mädchen war innerlich ein verdorbenes Luder, sie hatte sich offenbart, was mein Verlangen noch weiter in die Höhe trieb.

«Eigentlich habe ich das alles hinter mir gelassen Oliver. Männer. Machtausübung. Ein Sexobjekt zu sein.» 

Oh, ein schwacher Moment des Wankelmutes? Mein Arsenal war gefordert, meine ganze Kraft des Willens, um sie über die Ziellinie zu bringen. «Und doch sehnst Du Dich genau danach, habe ich Recht? Genau deswegen bist Du gekommen, hierher. Die Zeit für Spielchen ist vorbei, Anja. Jetzt ist Zeit für Spiele. Wir sind schliesslich längst erwachsen.»

Ihr Seufzer war so ausdrucksvoll, dass er die Aufmerksamkeit der benachbarten Gäste auf sie zog. Dann wandte sie sich wieder zu mir, diesmal mit einem intensiven Blick, und nickte dabei ganz langsam. Dieser kostbare Moment, dieser Sieg, ihr Einverständnis; der Moment, in dem die Hormone Pirouetten drehen, den Körper in Geiselhaft nehmen und es keiner weiteren Worte bedarf. Enjoy the silence, wie bei Depeche Mode: Die Gewalt der Worte hätten den Zauber zerstört.

Erst Minuten später fragte ich sie leise: «Wie weit ist Deine Leine heute Abend?» 

«Ich treffe offiziell einen alten Freund; sie wird mich nicht vor Mitternacht zurückerwarten.» 

«Il conto, perfavore» rief ich dem Kellner zu und wandte mich zurück zu Anja. «Alles, was wir benötigen, ist uns zwei und unseren Wunsch, die Sphären zu erreichen, die nur wenigen Menschen vorbehalten sind… Noch bleibt uns Zeit für einen Vorgeschmack. Kommst Du mit?»

Sie lächelte. Nein, das Wort ist zu niedlich, zu klein: Es war ein tief empfundenes Strahlen, eines von der Sorte, die der Mitte des Körpers entspringt, dem klugen Bauch, der schon längst entschieden hat, bevor wir uns dessen bewusst werden.

«Komm, ich fress Dich auf!»

Hand in Hand führte ich sie in das mondlichtdurchflutete Waldstück, welches die Casa Aurelia von meinem Feriendomizil trennte.

Ich setzte meinen Federfüllhalter ab.

Zweifel überkamen mich. Sollte ich wirklich schreiben, was sich in der Folge alles ereignete? Mein Gewissen war rein, aber wenn meine Nachkommen das zu lesen bekämen, selbst nach meinem Ableben, würde ihnen unweigerlich der letzte Rest ihrer Hochachtung vor mir abhanden kommen. Niemand würde verstehen, wie ich Anja so weit treiben konnte, wie ich es mit stupender Leichtigkeit getan hatte, weit über das zu Erwartende: Sie stellte ihr vor nicht all zu langer Zeit wiedergewonnenes Leben wieder auf den Kopf und nahm Dramen in Kauf. Fürchterliche Dramen. Sie verabschiedete sich von der Bürgerlichkeit, von der sorgsam aufgebauten Insta-Fassade, von Freunden, die nicht verstehen konnten, welcher Quelle die Farben an ihrem Köper entsprangen oder zumindest, warum sie diese zuliess, mit Wonne, obendrein. Warum sie zuweilen geistig abwesend war, verloren in Gedanken an mich, an das, was wir erlebten, hinter dem grossen Vorhang der Normalität. Oder warum sie sich immer mal wieder eilends, wie aus heiterem Himmel, bemühen wollte, meiner Lust zu dienen, wann immer ich es von ihr verlangte, sei sie nah oder fern, in der Öffentlichkeit oder nicht.

Die Zigarre, eine Gigantes, war nach über einer Stunde fertig. Der letzte Rauch formte ein Drachengebilde, welches sich durch einen leichten Windstoss übermächtig über meinem Kopf ausbreitete und strafend auf mich hinunter schaute, als wolle es mir sagen: „Oliver, tu es nicht. Ein Gentleman schweigt und geniesst die Erinnerungen für sich.“

Ich blies die Kerze aus.

Ein Kommentar zu “Un’estate italiana

  1. Eine reizvolle Erinnerung in ebenso reizvoller Umgebung!

    Besonders eindrücklich ist die Schilderung des ersten Kennenlernens auf der Straße vor dem Supermercato. Scherben bringen ja bekanntlich Glück, nicht wahr?

    Und obgleich das Schweigen dem Gentleman unbenommen sei, so stünde einem solchen doch auch das eine oder andere Innuendo nicht schlecht an, oder?

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