An der Tanke

Das Rattern der Tanksäulenpumpe martert meinen frühmorgendlich geprägten Dämmerzustand, der gerade dazu ausgereicht hat, den in schwarzes Blech gehüllten Dieselmotor hierher zu bewegen. Es fröstelt mich, und ich nehme einen Anlauf, mich von der Einöde des Alltags abzulenken. Die Zapfpistole fügt sich perfekt in die Öffnung des Einfüllstutzens, obwohl sie gar nicht feucht ist. 

Sie klafft weit offen.

Die Geräuschkulisse um mich herum ist auf einmal wie in Watte, meine Aufmerksamkeit driftet weg, ich spüre, wie ich in meine eigene Raumzeit eintrete.

Das Bild ihres Einfüllstutzen, einer von dreien, die ich für meinen Zapfhahn beansprucht hatte, erhebt sich wie ein Crescendo aus dieser wohlig wattierten Wahrnehmung. Ihre endlosen, serengeti-wilden Augen leuchten auf und wärmen mich. Nicht lange ist es her, aber doch schon viel zu lange.

Ihr Lächeln spitzte zu, was über ihre kussbedingt gut durchbluteten Lippen kam: «Bin ich jetzt Dein Miststück?» fragte sie frech. Warum zur Hölle konnte ich meinen verliebten Gefühlen ob dieser mädchenhaften Direktheit nie ausweichen? «Noch viel mehr als das, Du schmutziges Flittchen.» war meine Antwort im Bemühen, hart zu bleiben, die Contenance nicht zu verlieren, im Kräftemessen mit dem Wirbelsturm meiner Empfindungen.

Was für eine traumhafte Sequenz des ineinander Seins im Halbdunkel es war, gewürzt mit einer Prise chilihafter Unverschämtheit. Domination und Submission, die wie Nut und Feder aufeinanderpassten. Wobei, genau genommen, waren sie passend gemacht worden: Ich hatte dieses junge Mädchen, welches gerade nichts anhatte ausser ihre geilen, ausgetretenen Strassenpumps, zuvor doch etwas nötigen, nein, eher zwingen müssen. Unter uns Pfarrerstöchtern gesprochen, die Spreizstange und die Fesselungen hatten nicht nur deutlichen Protest hervorgerufen, sie waren auch eine beruhigende Befriedigung der in mir innewohnenden Bosheit. Doch wie ein Vater hatte ich ihr mitleidig und geduldig erklärt, dass ihr Widerwille weder angebracht sei, noch je eine Verhaltensänderung meinerseits bewirken könnte. Eher noch, so mies und gleichzeitig gütig, wie ich sie gerade behandle, genau so hätte sie es sich doch immer gewünscht.

Ein verschämter Blick zwischen ihren blonden Strähnen durch war das Siegel der Bestätigung, die sie niemals freiwillig aussprechen würde. Sie, heiss und weich wie das Wachs der um uns herum brennenden Kerzen, befand sich in einer wundervoll erwartungsvollen Agonie und triggerte meine Sinne wie nichts zwischen Andromeda und der Milchstrasse. Die Schweissperlen, die die Reste der teuer erstandenen Frisur auf ihrer Stirn festklebten und damit die Perspektive auf mich künstlich verengten, traten im Gleichschritt mit gewissen anderen, milchigen Sekreten aus den Poren ihres Fleisches. Es war diese Feuchte, die mich dazu verleitete, sie ganz kurz den Himmel meiner Mitte spüren zu lassen. 

Unter süsser Empörung liess ich doch wieder davon ab; im Gegenzug inszenierte ich den Kontrast meiner zupackenden, maliziösen und gleichzeitig engelhaften Zuneigung. Erst, nachdem ich sie mit Hand und geflochtenem Leder geläutert hatte von den Sünden, die sie begangen hatte, gönnte ich ihr die Lust, die ihre Bemerkung, ihren Wunsch, nur noch mein Fickstück zu sein, so offen zutage gefördert hatte, als wäre sie nur dafür geschaffen.

Scheiss Konjunktiv: Sie war es. 

Der flüssige Beweis meiner überwältigenden Gier nach ihr, dieses zauberhafte Mittel der Verbindung zwischen uns, er pumpte in Wellen in sie hinein. Und dann, ja genau in diesem Moment zerstörte dieses Frechweib den Zauber der orgiastischen Schwinungen meiner Lust, indem sie fragte, ob denn jetzt schon fertig sei?

Die Pumpe stellt ab, das Knacken des Verschlusses hat das Ende signalisiert, der Tank ist voll, ich bin wieder da, im hier und leider auch jetzt. Die Zapfpistole muss zurück an die Säule, wo zwei weitere davon hängen. Drei sind es. Warum, denke ich mir, ja warum ist mir das noch nie aufgefallen? Drei Einfüllstutzen benötigten drei Hähne! 

Zweifelsohne wird mich dieser Gedanke heute eine Weile begleiten, sich drehen, winden und zu einem Vorhaben verdichten, denke ich, als ich mich zur Kasse aufmache. Ja, auch der Zahltag dafür wird kommen. Bestimmt.

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