Geister des Novembers

«Welchen Duft trägst Du denn?» fragte sie mich. Seit zwei Tagen waren wir über einen Messenger in Kontakt, und es zeichnete sich ab, dass sie tatsächlich interessiert war, die dunkle Seite der Erotik zu betreten. Ein Ausbruch aus dem, was sie seit Jahrzehnten gelangweilt hatte und noch immer tat. 

Mein wildes Abendteuer mit Estelle, welches in einer derart abstrusen Aneinanderreihung von Unwahrscheinlichkeiten geendet hatte, wie sie sich kein Romanautor dieses je ausdenken könnte (oder wenn, dann sicherlich nie veröffentlichen), es war noch gar nicht so lange vorbei. Mein virtueller Flirt mit dieser noch unbekannten Frau namens Maja war eigentlich mehr eine Ablenkung von Estelles Geistern der Nacht, die mich manchmal auch tagsüber noch heimsuchten und verschlingen wollten, in einem dichten Gewebe von Sequenzen der Erinnerung. Alles fühlte sich genauso an wie der Nebel des Herbstes, der wie eine dicke Watte alles zu verschlucken suchte, auch das letzte Licht, dessen Kampf gegen die Übermacht der Feuchtigkeit chancenlos war. Verdammter November.

War Majas Licht stärker? 

«Acqua di Gio», antwortete ich.

«Zauberhaft! Können wir uns heute noch treffen?»

«Unmöglich, ich habe mit dem Team aus meinem Büro zuerst eine zugegebenermassen eher langweilige Besprechung, jedoch gefolgt von einem Abendessen, dessen Ort ich noch nicht mal weiss.» 

«Das ist aber schade!» antwortete sie. «Aber ich fahre gleich in eine Parfümerie, ich will wissen, wie Du riechst.»

Was für ein verrücktes Huhn, dachte ich, und war gleichzeitig etwas irritiert über die für eine Sub doch überraschend offensive Art, die sie gerade an den Tag legte. Gut, der Austausch am früheren Nachmittag war schon heftig und etwas mehr als ein Flirt gewesen. Sie war gemeinsam mit geschäftlichen Kollegen in einer Telefonkonferenz gefangen gewesen, und ich hatte gleichzeitig über den Messenger Fantasien entwickelt, die sich offenbar wie ein mäandrierender Fluss verhielten, natürlich mit ihr mittendrin, kurz bevor eine nächste Flutwelle ihre delikatesten Stellen erfassen würde.  

«Ausgeliefert wie eine zum Missbrauch freigegebene Lustsklavin, beraubt jeglicher Fluchtchancen, auf einem Bett, an dessen vier Pfosten Deine Gliedmassen angebunden sind, wirst Du mit verbundenen Augen nichts sehen von mir. Nur spüren wirst Du, meine Hände. Ich benötige nicht mehr, um Dich um den Verstand zu bringen und Dir mich und meine bösen Geister aufzuzwingen.» Der Wirkung des mitgeschickten Fotos meiner beiden kräftigen, aber gepflegten Pranken war ich mir durchaus bewusst, doch für sie war alles in Kombination mit den gewählten Worten noch viel intensiver, wie ihre Reaktion zeigte.

«Hey, ich bin in einer Telefonkonferenz! Hör auf damit!»

Noch nie hatte ich einer Aufforderung so gerne nicht Folge geleistet wie jetzt. «Du weisst, wo meine Finger dann enden werden, und ich weiss auch, welchen Teil des Flusses sie dort antreffen. Schämen wirst Du Dich, schämen wie noch nie zuvor in Deinem Leben.» 

«Du machst mich fertig! Ich kann bald nicht mehr!»

«Es ist Dir hoffentlich klar, dass vornehme, starke Business-Damen wie Du stets anständig zu sein haben. Als emanzipierte Frau Erregung zu verspüren alleine durch den Gedanken, einem durchtriebenen, lüsternen und bösen Manne mit schlimmen Fantasien ausgeliefert zu sein, so etwas gehört sich nicht! Eine Bestrafung dafür ist das das Mindeste, was Du zu gewärtigen haben hast.» 

«Du bist gemein! Ich bin noch immer in der Telefonkonferenz und was ich da gerade von mir gebe, scheint schon gar keinen Sinn mehr zu machen. Die Kollegen denken wohl, dass ich völlig neben mir stehe!»

Ich liess sie schmoren.

Eine halbe Stunde später hatte sie mir vom Fingerspiel am stillen Örtchen gebeichtet. Eine weibliche List? Zum Glück sei ihre Blase voll gewesen, sie habe die perfekte Ausrede gehabt, sich zu entfernen. Aber nun war ich in meiner Besprechung, allerdings einer mit acht anderen Anwesenden, geistig jedoch an einem ganz anderen Ort.

Dieses Weibsbild war also angeblich auf dem Weg in eine Parfümerie, um zu erahnen, wie ich riechen würde. Wenn das bloss stimmte; ich hatte gelernt, wie gut Frauen lügen und wie einfach wir Männer darauf reinfallen können. Noch nicht mal ein Gesichtsbild hatten wir bislang ausgetauscht, wir kannten uns nur aus wenigen Beschreibungen und dem einen Foto meiner Hände. Und natürlich den schwarz-heissen Fantasie des Nachmittags. Sie wolle mich nicht sehen, auf einem Bild. Sie wolle mich treffen, war ihre Antwort gewesen, als ich ihr ein Portraitfoto anbot.

«Wann wird denn Euer Abendessen beendet sein?» fragte sie, begleitet von einem Bild, auf welchem sie mein Aftershave in der Hand hielt. Also keine Lüge – sie war tatsächlich dort hin! 

«Ich weiss es doch nicht!» antwortete ich etwas ungehalten. Den Druck, den sie aufbaute, den kannten meine früheren Subs von mir. Aber jetzt war da auf einmal jemand, der den Spiess umdrehte.

«OK. Schade, dann schauen wir später die Woche, wann wir uns kennenlernen können.»

Die nächsten Stunden pausierte unser Austausch. Doch kaum war die Vorspeise des Abendessens serviert, begann mein Smartphone wieder zu vibrieren. Maja.  «Wo seid ihr denn jetzt?» Meine Antwort «Hotel Bellevue» war knapp, denn die Position der Augenbrauen der Kollegen um mich herum hatten mir schon signalisiert, dass die Abwesenheit meiner Aufmerksamkeit allein durch den Blick auf mein Smartphone schon nicht goutiert wurde.

Bei der dritten Gabel Salat zeigte die Vorschau des Messengers neben meinem Teller ihren nächsten Versuch: «Ich könnte in die Nähe kommen!» 

Verdammte Scheisse! Ich fühlte mich förmlich eingesperrt, wie in einer Zwangsjacke, durfte aber nicht schreien. Man stelle sich vor – ausgerechnet ich, der Dom! Benimmregeln, Druck von Seiten ausgerechnet einer devoten Frau, meine aufgestaute Libido und Neugier und eine ausweglose, ja eine wahrlich unmögliche Situation trieben Schweissperlen auf meine Stirn.

Die Schilderung eines Kollegen über seine Verkehrssünden inklusive Ausweisentzug zogen gerade meine Kollegen derart in den Bann, dass ich die Gunst der Sekunden nutzte, um zu antworten: «Vergiss es! Bis wir fertig sind, ist sicher schon 22 Uhr, und Du musst sicher auch irgendwann Zuhause bei Mann und Kind sein, um keine Schwierigkeiten zu kriegen?»

Ihre Antwort folgte einige Minuten später in Form eins Bild ihres Business-Blazers, auf den lange, blonde Locken fielen, und ihrem lapidaren Kommentar: «Och, schade. Ich war schon unterwegs.»

Als ich wieder aufschaute, bemerkte ich, wie meine Kollegen kollektiv zu mir blickten, diesmal unverkennbar strafend. Peinlich berührt haspelte ich: «Ich hab gerade komplizierte private Umstände, ich muss da kurz was klären, entschuldigt bitte.» und machte mich auf den Weg zur Toilette, in der Hoffnung, bei meiner Rückkehr sei wieder alles vergessen.

«Also gut, 22:00 Uhr, in der Bar.» tippte ich. 

«Wow! Weisst Du, dass jetzt gefühlt mehr Adrenalin in einem Adern fliesst als Blut?» 

Immerhin. So kalt berechnend, wie sie sich gab, war sie doch nicht.

90 Minuten später trafen wir uns tatsächlich. Was für eine attraktive Frau, mit der ich schon so viel Intimes ausgetauscht hatte, in so kurzer Zeit. Business-Dress, fein gemusterte Strumpfhosen, Mary Janes mit Absätzen. Wie sehr ich ihre blonden, langen Haare mochte; dabei war mir die Haarfarbe doch immer egal gewesen.

Sie küsste mich zur Begrüssung auf die Wange und nahm einen Anlauf, mein Aftershave am Hals zu riechen. Zufrieden, als wäre es ein Beweis meiner Aufrichtigkeit, setzte sie sich, damit wir das nachzuholen konnten, was wir ob all unseren erotischen Ausbrüchen seit dem ersten Kontakt stets ausgelassen hatten: Das wirkliche Kennenlernen.

Ein Cocktail später schlug sie vor: «Lass uns spazieren gehen.»

«Hier, in diesem Vorort, zu dieser Uhrzeit, im nebligen November?»

Ihre Augen funkelten und zeigten eine Zustimmung, deren Klarheit jede artikulierte Antwort hätte schwammig erscheinen lassen. Und so machten wir uns auf in Richtung Dorfkirche, dem einzigen irgendwie sinnvollen Ziel in dieser semi-urbanen Einöde.

Ich nahm sie an der Hand und hielt sie mit festem Druck. «Der Abgrund, der sich vor Dir auftut, er schreckt Dich nicht wirklich, oder?» 

«Der Weg, den ich gegangen bin, weg aus meinem goldenen Käfig – ich werde ihn nicht zunichte machen durch eine Umkehr. Gold ist kalt und lässt einen verhungern.» 

Dieses unvergleichliche Gefühl, wenn man sicher ist, dass das passieren wird, was man sich herbeisehnt – es war wieder da. Nicht vergleichbar mit einem Sieg wie in einem Wettkampf fühlt es sich an, sondern eher wie ein Kräuseln, welches vom Kopf ausgeht und sich von oben langsam nach unten ausbreitet, flutartig. Denn Brustkorb lässt es rasch hinter sich, wühlt den Magen auf seinem Weg nach unten auf, wärmt anschliessend die Lende und lässt die Oberschenkel zittern, nur um kurz danach die Fusssohlen zu erreichen und die Zehenspitzen sich so anfühlen zu lassen, als würden sie gerade von einer Hundertschaft von Insekten umkrabbelt.

Ich war fasziniert und fühlte mich allen Bürden der Realität vollständig enthoben.

Bei der Dorfkirche angekommen bogen wir ab und setzten unseren kleinen Spaziergang auf einem von Büschen gesäumten Weg fort; die Distanz zur letzten Strassenlampe vergrösserte sich, und so wurde es immer dunkler um uns herum, was die Wahrnehmung der Umgebung schärfe: Auf einmal bemerkte ich das rote Licht von in Plastikbehältern flackernden Kerzen.

«Grablichter!» konstatierte sie gleichzeitig. «Wir sind auf dem Friedhof!» 

«Na, dann lass uns schauen, ob Du in der Lage bist, hier neues Leben einzuhauchen!» und zeigte auf meinen Schritt. «Runter mit Dir, Du notgeiles Miststück! Darauf hast Du den ganzen Tag gewartet, gib es zu!» Mein Ton war scharf. «Von jetzt an hast Du zu gehorchen.»

Mit meinen Händen drückte ich ihre Schultern nach unten. Der Hauch ihres heissen Atems in der kalten Luft verschmolz mit der unheimlichen Atmosphäre des Bodennebels und der spärlichen Lichter um uns herum. Der Reissverschluss meines Hosenschlitzes war das letzte laute Geräusch, bevor die leise Akustik des Ausdrucks meiner Wonne und der ihrer Fertigkeiten den Ort in eine bizarre und doch feierlich angerichtete Bühne unserer ersten Intimität verwandelte. Sie nahm alles, was ich ihr geben konnte. 

Der nächste Tag begann mit voller Agenda, ein knappes, gegenseitiges «Guten Morgen» im Messenger musste reichen. Doch zur Mittagszeit meldete sie sich wieder. «Du wirst es nicht glauben, aber ich bin soeben fast von einem Leichenwagen überfahren worden, hier auf der Vorfahrt des Spitals!»

Mein lautes Gelächter im Büro löste unter den Kollegen Verwunderung aus und verfestigte wohl den Eindruck meines seltsamen Lebenswandels, der sich bereits gestern angedeutet hatte. Ich kümmerte mich nicht weiter darum; wie hätte ich ihnen das erklären können? 

«Das waren die Geister der Toten von gestern. Sie haben mitbekommen, was Du mit mir angestellt hast und wollen Dich für ihre Unterwelt gewinnen. Doch Du gehörst in meine Unterwelt. Und glaub mir, ich lass Dich nicht mehr frei.»

Ein Kommentar zu “Geister des Novembers

  1. „ … hatte [..] Fantasien entwickelt, die sich offenbar wie ein mäandrierender Fluss verhielten, mit ihr mittendrin, kurz bevor eine nächste Flutwelle ihre delikatesten Stellen erfassen würde.“

    Ein anregendes Bild für das Kopfkino!

    Gefällt 1 Person

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