Der Ritt auf dem rosa Elefanten in die Mikrowelle

„Lächerlicher Zirkus!“ brabbelte ich vor mich hin, als ich kopfschüttelnd auf mein Tablet-Computer starrte. Wieder eine dieser zahllosen Erotikgeschichten, bei denen bereits nach den ersten Worten klar war, dass es an beiden Zutaten mangelte: Erotik und Geschichte. „Ich habe Dir Anweisung gegeben“ (klar, macht ja jeder tolle Dom), „Du sitzt frisch geduscht mit Strapsen und verbundenen Augen am Ort Blabla“ (Blabla bitte durch geeignete Ortschaft austauschen), „Du bist nass“ (natürlich nicht wegen des Duschens), „ich komme hinein“ (ein Wunder, er kommt! Wenigstens in der Schilderung!), „und greife Dir in die Möse“ (vielleicht ist sie sogar schmutzig, trotz Dusche?), „Du willst sofort kommen“ (obwohl sie schon da ist), „aber ich verbiete es Dir“ (hey, da wird wieder der Meister gezeigt, so unheimlich testosteronversprühend wie getragene Männerunterwäsche vom Kampfstern Galactica), „Du musst zuerst meinen Riesenschwanz schlucken“ (drunter geht’s nicht – eine Riesencrevette wäre ihr wohl lieber), „und danach blasen“ (in der Hoffnung, sie nimmt es mündlich, aber niemals wörtlich), „anschliessend versohle ich Dir den Arsch“ (bestimmt mit der Sohle seiner chlorgetränkten Dom-Adiletten). Alles eine einzige, traurige Einöde wie der Hochnebel, der gerade zuverlässig für Missmut sorgte.

„Dem ist zu begegnen!“ beschloss ich in lautem Selbstgespräch, mit mental erhobenem Zeigefinger.

Ich tippte auf das Icon der Textverarbeitung und begann zu schreiben, wie wild, aber ohne dadurch einen sinnvollen Zusammenhang zu erzeugen, wie mir bald auffiel; ich setzte noch ein paar weitere Worte auf den Bildschirm und ärgerte mich kurz darauf eingehend über mich selbst. Der aus einem inneren Imperativ heraus geforderte Flow (angeblich Neudeutsch für „Fluss“, denn üblicherweise führt dieser nach Veröffentlichung dann zu einem Mösensafttsunami bei meiner Leserinnenschaft – ach nein, wie derb war ich selbst gerade!) wollte so gar nicht aufkommen. Dabei war meine Absicht doch so hehr. Wie Dire Straits, die sich über MTV lustig machten und die Kühlschränke durch Mikrowellenofen ersetzen wollten, so wähnte ich mich im Kampf gegen die Flut von brechreizenden Online-Plattitüden. Was für ein hoffnungsloses Unterfangen! Woher nur sollte ich eine wundervolle Komposition schönster Poesie nehmen, so jetzt auf Befehl? Der Gedanke wurde zum Fluch, denn er machte genau das, was er immer tut: Die Inspiration komplett unterbinden. Wie auf der Landstrasse, beim Zusteuern auf einen Baum, den man im Fokus hält und denkt „Nicht in den Baum! Nicht in den Baum!“

Bumms.

Dabei wusste ich es doch besser. „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten!“ gab mir mein Guru und Exklusiv-Schamane Swami Fleischhauer mit auf den Weg, als ich nach meiner ayurvedischen Kur Goa verliess, und alles, was ich dann tat, war, vor meinem geistigen Auge einen rosa Elefanten zu sehen.

Bingo.

Aber ich wollte den Leuten zeigen, was richtig gute Erotik ausmacht. Ich wollte, verdammt nochmal! Universum, hast Du mich gehört? Her mit der Inspiration!

Innerlich übermalte ich den Elefanten mit schwarzer Farbe, aber es brachte nichts. Entnervt legte ich das Tablet zur Seite und warf mich frustriert aufs Sofa.

Wenig später vibrierte mein Smartphone. Nachricht von Viviane. „Mistkerl, beweg deinen Arsch plus Lustkolben rüber zu mir, ich brauche es gerade deftig. Mein Hintern braucht Deine Schläge und meine schmutzigen Löcher sind bereit für Deinen hengstmässigen Pferdeschwanz.“

„Du unwürdige Sub – so formuliert es kein edles, vornehmes Wesen der holden Weiblichkeit. Wo bleibt da die Erotik? Glaubst Du, dass Du miese Schlampe es verdient hast, so richtig dreckig behandelt zu werden?“ tippte ich in meinem Groll zurück. Kurz nachdem ich die Nachricht gesendet hatte, wurde mir bewusst, wie tief mein eigener Ausdruckslevel gerade gefallen war.

Verdammte Scheisse.

Ihre Antwort kam umgehend: „Oh, Du adliger Gentleman grösster Güte! Deine weisse Pracht möge mein teures Makeup verzieren und zu einem Gesamtkunstwerk höchster Eleganz komplettieren. Ich bitte gnädigst um den Grossmut Deiner philanthropisch-sadistischen Ader, mir die Meriten Deiner Misshandlungen zuteil werden zu lassen, so dass jede meiner Körperzellen im güldenen Himmel der ewigen Glückseligkeit ankommen möge. Die innigste Verbindung aus rosenblättriger Romantik und dunkelschwarzer Verbundenheit soll alles Irdische überstrahlen und uns entführen in die Unendlichkeit und Unvergänglichkeit des göttlichen Universums.“ Zwinker-Emoji.

Ich legte das Handy zur Seite. „Mist“, dachte ich, „das nichts mehr mit literarisch-erzieherischem Fernkampf heute“, und machte mich auf, in den konkret-erzieherischen Nahkampf.

Ein Kommentar zu “Der Ritt auf dem rosa Elefanten in die Mikrowelle

  1. Na, wenn das kein schöpferisch genialer „Flow“ war, dann weiß ich es auch nicht mehr … 😉
    Einfach herrlich diese Gegenüberstellung von „Mösensafttsunami“ und „philanthropisch-sadistischer Ader“.

    Gefällt 1 Person

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