05:55

05:55. Die unerträglich auf Motivation und Spass getrimmte Radiostimme riss mich aus dem Schlaf, der Szene, in welcher ich doch noch so gerne länger verharrt hätte.

Wie im Song «Manic Monday» hatte meine Traumwelt mir vorgegaukelt, wie mich die Kunstfertigkeit der Zunge dieses atemberaubenden, weiblichen Geschöpfs gefangen nahm – an einem kristallblauen Fluss, irgendwo im Süden, in Italien vielleicht. Sie hielt mich fest im Arm und liess mich dabei ihre harten Nippel spüren, die durch etwas, was sich vorher zugetragen haben musste, empfindlich geworden waren. Bewusst, wohl um mir ihre Devotion zu zeigen, nahm sie ihren Schmerz dadurch in Kauf und berührte meine Brustwarzen mit ihren.

Alles, was sie tat, flutete meine Seele mit einer aufregenden, unbekannten Liebeswärme. Keine Störung durch Worte, die ohnehin unnötig gewesen wären. Ineinander verwoben waren wir, wie Nut auf Feder, drei von meinen Fingern in ihrer geschwollenen Mitte, ihrer glitschigen Nässe – meine Besitznahme. Sie tat es mir gleich: Mit ihrer Hand fuhr sie mir zwischen Jeans und den Po, immer weiter hinunter, verlangte mit ihrem Zeigefinger Einlass in meine Rosette, und bekam ihn gewährt. Ihre listige, gekonnte Massage liess meinen befreit baumelnden Schwengel im Gleichtakt ihrer kreisenden Bewegungen wippen, tropfen.

Wir flogen in den höchsten Sphären der Lust, deren unerhörte Erotik mein Dasein auf der Stelle zu verschlingen drohten. «Fühlst Du, wie die Hitze von unten nach oben strömt und Dein Herz wie zwei wärmende Hände umfasst?» fragte ich sie, was eigentlich völlig unmöglich war, eng umschlungen und ununterbrochen küssend. Doch in einem Traum ist ja alles möglich. Gleichermassen auf telepathische Weise empfing ich ihr «Ja» und vernahm dabei diese dunkle und doch weibliche Stimme von ihr. Die Balz unserer Zungen von oben ergänzte den heissen Strom von unten und zündete ein unendliches Feuerwerk an Empfindungen. Es fühlte sich alles so richtig an, so echt. Endlich hatten wir den Sinn des Lebens gefunden, unsere Bestimmung.

Unsere Münder lösten sich, ich zog sie, dieses kostbare Wesen mit vornehm weisser Haut, noch enger an mich heran, legte meinen Kopf sanft auf ihr Schulterblatt, küsste ihren Hals und atmete dabei ihre unwiderstehliche Mischung aus Körperduft und Parfüm. Und siehe da, beim Blick über ihre Schulter, auf den nackten Rücken, erkannte ich sie – die Zeugnisse meiner Bullwhip: Karomuster, die das Sonnenlicht zwischen den Strähnen ihrer Haarpracht aufblitzen liess. Ich wusste: Das fürchterliche Brennen, das sie bestimmt noch Tage begleiten würde, liess sie diese Dankbarkeit, diese Erlösung spüren, nach der sie sich so sehr gesehnt hatte.

Wie durch ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum war ich auf einmal mit einem Zeitsprung zurück in diesem Moment, der sich vor dieser Szene am Fluss abgespielt haben musste. Dort, wo ich ihr diese Markierungen, meine Zeichen der Annektierung ihrer, zugefügt hatte.

Ich spürte meine Glückseligkeit beim Peitschentanz in einer romanischen, verlassenen Kapelle. In deren Chor stand sie, die heilige und schmutzige Göttin meines Traums, nackt, mit Händen auf dem Rücken gefesselt. Blind und breitbeinig hielt sie sich auf ihren Pumps, beleuchtet lediglich durch das fahle Sonnenlicht aus den mickrigen Fenstern oben in der Halbkuppel. Sie zitterte vor Lust, als sie meinen Züchtigungen entgegenfieberte, völlig frei von Angst. Ich umkreiste sie, meinen dunklen Stern, wie ein Mond auf einer engen Umlaufbahn und vergewisserte mich dabei der Vollständigkeit meines grausam liebevollen Werkes an ihr. Sie nahm den Segen meiner Handlungen entgegen, oft stöhnend, manchmal seufzend, nur am obersten Ende der Skala klagte sie laut. Der Hall ihres dunklen Leidens, der Duft von kaltem Gemäuer und ihre sichtbare Lust trieb meine Erregung soweit, dass ich beinahe freihändig ejakulierte.

Als wäre das alles nicht schon genug der Unwahrscheinlichkeiten, spulte der Film meines Traumes ein weiteres Male rückwärts zum Zeitpunkt, an welchem wir gerade in die Kapelle eingetreten waren und den Chor ansteuerten. Sie, dieser unbekannte, gefallene, mir verfallene Engel blieb mit einem ihrer Pumps in einer brüchigen Fuge kurz stecken. Als sie in der Hocke ihren Schuh wieder befreite, richtete und meine Aufmerksamkeit bemerkte, zeigte sie mir das zauberhafteste Lächeln, welches mich je berührt, je getroffen hatte. Dieser Moment brannte sich wie ein unauslöschliches Tattoo ein in mein Gehirn ein, beinahe schmerzhaft, ohne Ausweg für mich und meine Gier. Wie konnte ich im Traum ahnen, dass es nur ein Traum war?

Und dann zerstörte dieses 05:55, eine Radiostimme wie die eines überaus anstrengenden Club Med-Animateurs, den kostbaren, köstlichen Moment. Verdammt sei sie, die billige Plastik-Hure, womit ich das Gerät und die Stimme gleichermassen meinte.

Die Wahrnehmung des Moments wie auch meine Erektion zerfiel wie ein Vampir in den ersten Sonnenstrahlen des Tages und musste der Realität weichen, deren diskussionslose Präsenz mich wieder eingefangen hatte, kaum war die dritte Fünf runtergefallen. 05:56.

Diese namenlose Frau, sie liess mich nicht ganz los; ich trug sie in meinem Kopf in den Tag hinein. Eine Intensität und Persistenz, wie sie nur wenige Träume besitzen, stärker als manche Erinnerung an tatsächliche Begegnungen. Sogar die unglaublichsten Stunden meines Lebens wurden gerade von dieser namenlosen Schönheit mit wallenden, schwarzen Haaren und dicken Augenbrauen einer Südländerin überlagert.

Eine Dusche, ein Kaffee und eine Zahnpasta später befand ich mich in der Strassenbahn zur Arbeit und jonglierte weiter mit den wohligen Erinnerungen an sie. Gleichzeitig fühlte ich aber auch diese mich ermattende Enttäuschung darüber, dass alles nur ein Traum gewesen war. Zunehmend verblasste ihre Präsenz, immer mehr verdrängt von Aufforderungen meines Smartphones, mich meinem Brötchenerwerb zu widmen. «Selbständig» seufzte ich leise vor mich hin, ständig und selbst, und darüberhinaus gerade fürchterlich einsam, ironischerweise inmitten eines bis zum Bersten gefüllten Schüttelbechers auf Schienen. Abstossende Stosszeit, verdammt.

Der Vormittag verlief in mühevoller Schwere. Die Minuten verflossen nicht, vielmehr quollen sie wie eine Schlammlawine in Zeitlupe über meine Erinnerung an die Nacht und überlagerten sie bald vollständig. Welch fantastische Gestalt mich über die ersten Stunden des Tages beschäftigt hatte, war bald vergessen.

Zur Mittagszeit hatte ich genug von diesem Brei und wollte das Loch füllen, welches sich in meinem Magen durch lautes Knurren bemerkbar gemacht hatte. Die paar Schritte an der frischen Luft, zum Take-Away des Inders in der Einkaufspassage, wo ich mir ein Biryani holen wollte, taten mir gut. Die wärmenden Strahlen der Sonne, wie sehr ich sie genoss! Vor dem Eingang des betreffenden Shopping-Centers blieb ich kurz stehen und schloss die Augen, um noch etwas Frühling einzuatmen. Als ich sie wieder öffnete, erblickte ich eine Frau, die gerade mit dem Absatz eines Schuhs im Schmutzgitter steckengeblieben war. Gebannt fixierte ich sie, wie sie nach der Befreiungsaktion wieder in den Schuh hineinschlüpfte. Sie blickte auf, direkt in meine Richtung, und lächelte. Kein verlegenes Lächeln, nein, ein selbstsicheres, fast aufforderndes!

Wie ein Stromstoss durchfuhr es mich. Sie war es!

Es fühlte sich an wie ein Déja-Vu, nur viel irritierender, vereinnahmender. Ausgesondert aus der Masse anderer Leute, die ich in diesem Moment nur verschwommen wahrnahm, fühlte ich mich elektrisiert. Wie konnte das sein?

Verzweifelt zermarterte ich mein Gehirn mit Überlegungen: Wie konnte ich dieser Frau habhaft werden, um zu erfahren, wer sie war und was sie in meinen Traum verloren hatte? Ich musste schnell sein, wahrlich keine Eigenschaft meiner Gedankenmaschine. Und so mündete meine Unfähigkeit im flachsten aller möglichen Anmachsprüche, völlig einfallslos, aber zufällig doch so wahr: «Wie sind Sie letzte Nacht in meinen Traum gekommen?»

Nach dem ersten Moment der Verblüffung lachte sie laut und verriet dabei ihre tiefe Stimme, wie im Traum, diesem unglaubliche Traum, der sofort wieder da war, präsent und sich mit der Realität vermischend.

«Ich kann es Ihnen nicht erklären, vielleicht haben Traumfrauen das so an sich.» antwortete sie daraufhin neckisch, nur um gleich darauf schnippisch fortzufahren: «Und wie das so ist, mit Träumen, sie halten der Realität selten stand.» Sie richtete sich auf und steuerte nach Draussen.

Verflixt nochmals! Wie peinlich ich mich gerade angestellt hatte! Wie hatte ich allen Ernstes wirklich glauben können, hier, einfach so, eine Sub zu finden, dazu noch jemanden aus einem äusserst testosterongeschwängerten Traum, der mehr vom elenden Siechtum des Untervögelt-seins zeugte als von auch nur Ansätzen der Vernunft?

«Von was träumen denn Sie denn?» Mein letzter, verzweifelte Wurf eines Köders liess sie tatsächlich innehalten sich nochmals nach mir umdrehen. «Sie sind ganz schön offensiv, mein Herr. Was denken Sie, könnte eine gestandene, emanzipierte Frau in den besten Jahren und einer Familie Zuhause dazu bringen, einem wildfremden Fussfetischisten – das sind Sie doch!? – über ihre Träume offenzulegen?»

«Schuhfestischisten!» korrigierte ich sie in schulmeisterlicher Art, mit erhobenem Zeigefinger.

Erneut lachte sie. «Es gibt Schlimmeres.» Ich setzte alles auf eine Karte: «Es IST schlimmer.»

Ihr Gesichtsausdruck fror für einen Moment ein. Doch ihre Mühe, die Fassade zu wahren und die aufkommende Neugier über mich, diesen seltsamen Mann zu kontrollieren, war ihr anzusehen. Hatte ich tatsächlich den Trigger gefunden? Das subtile Machtspiel konnte beginnen – ich schwieg und liess sie in der Patsche. Null oder Eins, Mädchen, dachte ich für mich und liess sie dort schmoren, festgehalten mit meinem Blick.

Nach einer gefühlten Ewigkeit knüpfte sie endlich an, mit einem ironischen Unterton: «Einen Sexualverbrecher zu daten, das hat tatsächlich was!». Sie wandte ihren Blick ab von mir und begann, nervös in ihrer Handtasche zu nesteln.

Wenig später reichte sie mir ihre Visitenkarte. Amelia. Was für ein wunderschöner Name!

Tatsächlich, wir vereinbarten ein Abendessen, als wäre es rein geschäftlich, und genau so verabschiedeten wir uns auch und gingen unserer Wege.

Auf den restlichen Metern zum Inder malte ich mir aus, wie Amelia sich am Abend im Spiegel betrachten würde und sich fragen, was um Himmels Willen sie wohl geritten hat, sich mit mir zu verabreden. Der Gedanke gefiel mir.

Ein Kommentar zu “05:55

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s