20:02

Fortsetzung von 05:55

«Spicy Cuisine» hiess das Restaurant meiner Wahl, unweit des Zentrums in einer Seitenstrasse gelegen, die zu dieser eher noch kühlen Jahreszeit recht unbelebt war. Das Lokal gehörte zu den stets gut besuchten, so sehr, dass ein danebenstehendes Restaurant vor Jahren schon den Laden dicht machen musste. Die Konkurrenz war schlicht zu mächtig. 

Auf dem Gehsteig vor dem Eingang wartete ich auf Amelia. Zweifel und Zuversicht duellierten sich, wie immer in solchen Situationen. Würde sie wirklich kommen? Oder mich versetzen und ghosten? Immerhin, ihre Visitenkarte war real, und an ihr hielt mich fest, mental und zwischen zwei Fingern in der Tasche meines Blazers.

Um 20:02 Uhr sah ich Amelia tatsächlich um die Ecke kommen. Ihre dunkle Kleidung beachtete ich kaum, denn meine Aufmerksamkeit war sofort von ihrem Gesicht gefangen, das eine warmherzige Freundlichkeit zeigte, aber auch die attraktiven Merkmale eines Lebenslaufes, der nicht gerade eben erst begonnen hatte: Eine Frau mit Geschichte. Ich prüfte nicht einmal, was sie an den Füssen trug, so sehr absorbiert war ich. Als sie endlich vor mir stand, begrüsste ich sie fast scheu, wie eine alte Bekannte. Mit einem Zwinkern flüsterte ich übertrieben laut: «Das Essen soll hier traumhaft sein, habe ich mir sagen lassen.» 

«Dann sind wir hier ja richtig. Ausser, es handelt sich um Albträume, und solche wollen wir doch vermeiden, nicht wahr, werter Quirin?» Ihr verschmitztes Lächeln, als sie meinen Vornamen aussprach, traf mich mitten ins Herz. Eine lange Sekunde lang visualisierte ich wie aneinandergereihte Blitzlichtaufnahmen vor meinem geistigen Auge, wie es wäre, wenn, ja wenn ich sie an diesen speziellen Ort bringen könnte. Dort, wo Lust und Emotionen sich zu dunkler Materie vereinigen, deren boshaft geile Gravitation niemand entkommen kann.

Wir betraten den Genusstempel. Stimmengewirr, ein Lachen hie und da und Klirren von Besteck und Gläsern füllten den Raum. Sämtliche Tische waren besetzt, bis auf einen, in der Mitte des grossen Speiseraumes. Ein Zweiertisch. Khaled, der Pächter des Restaurants, begrüsste uns mit der sprichwörtlichen Herzlichkeit eines orientalischen Gastgebers. Als wir Platz genommen hatten und uns die Speisekarte gereicht worden war, begannen wir den üblichen Small-Talk über das Berufliche, die Umstände unseres Lebens, eine vereinnahmende Unterhaltung, die nur den Bestellvorgang kurz unterbrochen wurde.

Amelia arbeitete als Nachhaltigkeits-Expertin Teilzeit in einem grösseren Industrie-Konzern voller verknöcherter Manager des letzten Jahrtausends, deren klimaneutrale Entsorgung eine der grössten Herausforderungen für sie sei, lachte sie. Lebhaft berichtete sie über ihre beiden Kinder im Teenager-Alter, die unter der chronischen Krankheit namens «Peinlichberührtsein» litten, und es somit durchaus genossen, einen Abend ohne die Hexe Zuhause zu verbringen. Diese Selbstironie! Wie wundervoll Amelia alles zum Ausdruck bringen konnte.

Von ihrem Mann hingegen sprach sie nicht. Nach ihm zu fragen, wagte ich aber auch nicht, wohl aus Angst, dass es mich verletzten würde, wenn sie in ebenso bunten Farben von einer wundervollen Ehe spräche. Die Zerbrechlichkeit dieses glücklichen Moments mit ihr wollte ich nicht mutwillig in Gefahr bringen und mich lieber der Illusion hingeben, dass sie sich bestimmt mit mir auf die Reise begeben würde, diese einzigartige Erfahrung; Eintauchen in das, worüber die meisten Menschen nicht mal nachdenken, und schon gar nicht sprechen. Immerhin, so versicherte ich mich während ihren weiteren Ausführungen, war sie ja hier, sie war gekommen. Es musste doch einen Grund geben dafür. 

Nach dem kleinen Gruss aus der Küche in Form eines Appetithäppchens und einer mit einhergehenden Pause unseres Dialogs bemerkte ich unvermittelt eine kleine Enttäuschung auf Ameilas Gesicht. Ihre dunkle Stimme wirkte etwas brüchig, nicht so selbstsicher wie zuvor. «Führst Du Traumfrauen eigentlich immer in die Mitte eines lauten Lokals?»

            «Nur die attraktivsten!» lachte ich, freute mich aber insgeheim, dass sie mir unbewusst die Vorlage geliefert hatte für das, was ich bereits für uns vorgesehen hatte. Gleichzeitig hatte sie den Beweis erbracht, dass sie das, was wir gerade erlebten, tatsächlich als Date sah und nicht einfach eine zufällige Bekanntschaft. Wie gut mir das tat! Hatte ich tatsächlich Chancen? Es erforderte etwas Mut, aber ich fühlte, dass ich dem Abend eine Richtung geben musste: «Aber selbstverständlich können wir der Sache ein Ende bereiten, sofort, wenn Du Dich unwohl fühlst!» 

Mit irritiertem Gesichtsausdruck fragte sie: «Wie meinst Du das?» 

Das Glatteis, auf welches ich sie auf diese Weise geführt hatte, war spiegelblank und definitiv nicht bruchsicher. Bei allen Befürchtungen in meinem Innern genoss ich die kleine Folter, die ich ihr aufbürdete, dennoch. «Es gibt Varianten, je nachdem nach was Dir der Sinn steht. Noch habe ich Dir nicht von meinem Traum erzählt.» 

Die Ruhe der Belanglosigkeiten, die unser Beschnuppern für die halbe Stunde in einen kuschelweichen Mantel mit Sicherheitsabstand zu härteren Wahrheiten eingelullt hatte, war weg. Mein Blick bohrte in ihre ratlosen Augen. «Gotcha!» dachte ich.

«Mir steht der Sinn nach einem Abendessen, das nach einem Amuse-Bouche nicht schon in eine fatale Richtung läuft.»

            «Fatal? Adam, Eva, Apfel, Schlange? Ja, ohne Apfel ist alles tatsächlich nichts, insofern sollten wir ihn lieber essen und dann sehen, wie wir mit der Schlange umgehen.»

            «Du gehst ganz schön aufs Ganze, mein lieber Quirin. Wie soll ich Deine Anspielungen denn einsortieren?» fragte sie mich mit verhörerisch ernster Mine. Ich beschloss, die Situation zu entspannen. «Lass mich mal machen.» besänftigte ich sie und rief: «Khaled!» 

Als unser Gastgeber meinen auffordernden Gesichtsausdruck verstanden hatte, nickte er mit einem freundlichen Lächeln, und gleich darauf erhob ich mich vom Tisch. «Komm mit, Amelia. Der Mut, der Dich schon hierher zu einem Abendessen mit einem Sexualverbrecher gebracht hat, wird wohl noch nicht verflogen sein?»

Überrumpelt und perplex zugleich starrte sie mich an, unfähig, auf der Stelle zu antworten. Dieses Date verlief wohl ganz anders, als sie es erwartet hatte. Wohl auch um den inzwischen auf uns aufmerksam gewordenen Augen anderer Gäste auszuweichen, nahm sie die Serviette vom Schoss, legte sie auf den Tisch, griff nach ihrer Handtasche und folgte Khaled und mir. Der Weg führte uns durch die dampfende Küche mit allerlei verführerischen Düften und Gerüchen. Wie zwei VIPs wurden wir von den in weiss gekleideten Künstler der Kochtöpfe freundlich und gleichzeitig mit respektvollem Abstand gegrüsst. Am Ende der Küche befand sich eine schäbig wirkende Türe, für die Khaled nun aus einem riesigen Bund den richtigen Schlüssel suchte. Amelias Nervosität, sehr gut sichtbar an den kleinen Schweissperlen auf ihrer Stirn, eroberte in diesem ewig scheinenden Moment immer mehr ihre ganze Körperhaltung. Ich hingegen nutzte die Gelegenheit, ihre Füsse zu mustern, die in den gleichen Pumps steckten, die ich von ihrem kleinen Zwischenfall schon kannte. Absicht? Oder Zufall? 

Auf jeden Fall bemerkte sie mein Beäugen, was sie irgendwie zu beruhigen schien, in der ganzen Konfusion des Moments und Ortes. Dann endlich öffnete sich die Türe vor uns: Es war der Zugang ins benachbarte, leerstehende Restaurant. Nun, es war nicht ganz leer, wenigstens, soweit man erkennen konnte: Ein mit Kerzen beleuchteter, gedeckter Zweiertisch stand in der Mitte des sonst dunklen Raums. Khaled wies uns galant den Weg hinein. «Ich hoffe, Amelia, diese Umgebung entspricht mehr Deiner Vorstellung eines traumhaften Dates.»

Wie gerne hätte ich gewusst, ob sich ihr Gesicht errötete, doch dafür war es zu dunkel. Immerhin zeigte sie ein verlegenes Lächeln und nahm am Tisch Platz. Als ich es ihr gleichgetan hatte, fragte ich sie: «Ach, und wo waren wir stehengeblieben?»

«Du wolltest mir von Deinem Traum erzählen, oder habe ich da was verpasst?» Das Neckische, Selbstsichere in ihr war zurück. Und damit hatte sie auch den Spiess umgedreht, denn ich hatte nicht nur darauf hingewiesen, es war auch sonst zu erwarten gewesen, dass sie mich danach fragen würde, irgendwann. Doch meine Gedanken an den italienischen Fluss, die Züchtigung in der Kapelle… ich fürchtete, all das würde sie überfordern.

Ich schwieg.

«Siehe da. Ein so selbstsicherer Mann, und eine kleine, offensichtliche und vor allem vorhersehbare Frage bringt ihn aus dem Takt? Der Mann, der alles so haargenau geplant hat, von der ersten, etwas flachen Anmache bis zu diesem Tischchen hier?»

War es eine Rettungsleine, die sie mir zuwarf? War es Spott? Oder einfach nur eine Provokation? Ich war mir nicht sicher.

«Wenn alles so wäre, Amelia, wie Du es gerade in diesem Anfall von Impertinenz formuliert hast, dann hätte ich keine Antwort auf Deine Frage. In der Tat aber habe ich sie. Aber willst Du wirklich wissen, was ein Sexualverbrecher träumt, mit Dir in der Hauptrolle?» Amelia kicherte, auch wenn ihre Mimik nicht mehr so unbeschwert wirkte. «Vielleicht nach dem Nachtisch.»

Wie auf Befehl, zur Rettung meiner Situation, wurde von zwei Angestellten die Vorspeise an den Tisch gebracht, zusammen mit einer Flasche Rotwein. Um deren Etikette war eine Augenmaske gebunden! Der Kellner öffnete die Buddel und goss den Inhalt in eine Dekantier-Karaffe. Die Augenmaske wurde abgestreift und auf den Tisch gelegt, die Flasche mit unerkannter Herkunft mitgenommen.

«Blind degustieren und den Wein erraten. Was meinst Du, Amelia, lässt Du Dich auf diese Herausforderung ein? Ein Kennenlernspiel fast wie im Kindergarten.»

«Was ist der Einsatz, wenn ich verliere?» wollte sie wissen. Ich nahm die Kerze, tröpfelte flüssigen Wachs auf meine Handfläche, beobachtete, wie er sich abkühlte und begann ihn sanft zu kneten. Dann schaute ich auf, direkt in ihre Pupillen: «Wachs in meinen Händen.»

Ein Kommentar zu “20:02

  1. „Dort, wo Lust und Emotionen sich zu dunkler Materie vereinigen, deren boshaft geile Gravitation niemand entkommen kann“ – das wäre eine interessante Einleitung für den Beginn einer Physikvorlesung zum Thema: „die Erregung des Raumes in der Umgebung von Massen“ 😉

    Spannend … und macht Lust zu erfahren wie es mit Amelie und Quirin weitergeht.

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