21:21

Fortsetzung von 20:02

Amelia hielt inne, bevor sie bereit war mit ihrer Antwort. «Es überrascht mich, dass die Kerzen hier aus Bienenwachs sind.»

Zufrieden und mit einem die Sprache verschlagenden Augenaufschlag biss sie triumphierend in ein ofenfrisches Stück Brot und widmete sich danach genüsslich ihrem grünen Blattsalat-Arrangement an scharfem Senf-Dressing. Hiess das, dass sie Erfahrung mit Kerzenspielen hatte? Oder war es nur zufällig angeeignetes Wissen aus einem anderen Kontext? Ich durchschaue sie und ihre Verhalten nicht. Leicht frustriert darüber begann ich, in meinem Glasnudelsalat zu stochern. Ehe ich in der Lage gewesen wäre, die Kontrolle über unsere Konversation wieder zurückzuerlangen, nahm sie ihr Weinglas, um mit mir anzustossen. Ihr Blick war eindringlich: «Bevor ich Deine Challenge akzeptiere, Quirin, sag mir, was ist das Boshafteste, was Du je getan hast?»

Ich erinnerte mich an meine Coaching-Zeit und die Waffe, die ich zu gut kannte – und mit der ich gerade selbst geschlagen wurde: Wer fragt, der führt. Und das missfiel mir zutiefst. «Als Du in meinem Traum warst, Amelia, hast Du mir keine solchen Fragen gestellt, Du hättest mit Freude mein Angebot angenommen und dankbar jeden Ausgang akzeptiert.»

Amelia liess sich davon nicht beeindrucken. «Zum Traum kommen wir nach dem Nachtisch, hatten wir vereinbart, nicht wahr?» erinnerte sie mich, um gleich danach zu insistieren: «Also, Quirin. Raus mit der Sprache. Was war es?»

Diesmal war ich es, der aufs Glatteis geführt worden war. Was wollte sie hören? Bestrafungen im BDSM-Kontext? Ich rang mit mir, ich wollte sie, aber nicht die Brechstange einsetzen, die alles zunichte machen könnte.

Auf einmal kamen diese Erinnerung, diese unbequemen Bilder auf, wie ein ungebetenes Gespenst aus grauer Vorzeit, als ich noch Student war. Doch für heute wären sie ein Weg, zu antworten. Verächtlich lachend, mit schmerzhaft verzerrtem Gesicht begann ich:

«Es war ein Weihnachtsgeschenk. Ich war sehr verliebt in eine langhaarige, blonde Studentin. Das kleine Päckchen überbrachte ich extra ihrer Mutter, damit sie es unentdeckt unter dem Familien-Weihnachtsbaum legen und meine Angebetete es vor den Augen der Schar von Anwesenden am Heiligabend öffnen würde.»

«Das tönt jetzt aber nicht wirklich nicht nach Boshaftigkeit. Also muss es etwas mit dem Inhalt des Geschenks zu tun haben. Was war es denn?»

«Drei schwarze Kondome. Sie hatte nach monatelangem und intensivem Flirten, das sogar ihren Auslandsaufenthalt inklusive erster lesbischer Erfahrung überdauert und am Ende bis unter ihre Wäsche geführt hatte, unvermittelt und kurz vor dem Weihnachtsfest mir dann doch jemand anderen vorgezogen. Adam, Eva, Apfel, Schlange, Nebenbuhler.» Ich seufzte. «Meine Nachricht an sie lautete: Häufiger könne der andere ja eh nicht.

Schwarz drückte damals meine Trauer aus, sie verloren zu haben, nachdem sie von farbigen Kondomen geschwärmt und mich im Ungewissen gelassen hatte, weshalb. Ich hoffte, sie würde an mich denken bei der Verwendung.» Ein lautes Ausatmen. «Es wurde mir berichtet, sie sei tatsächlich schockiert gewesen.»

Amelia lachte herzhaft. «Ja, gebrochene Herzen sind manchmal unberechenbar und energiegeladener als heilgebliebene.»

Die Ungewissheit, ob diese Antwort das war, worauf sie spekuliert hatte, und die Erinnerung an eine im Nachhinein unrühmliche Aktion quälten mich. Doch Amelia gab mir keinerlei Hinweise, verhielt sich rätselhaft und undurchschaubar wie eine Sphinx. 

Ich schwieg und meine Gedankenmaschine lief an. Wie würde ich die Studentin von damals heute behandeln, könnte ich in einer Zeitreise zurück? Mit dem Hosengürtel auspeitschen, im leeren Hörsaal der Uni, über den Tisch auf dem Podium gebeugt – das wäre das Mindeste. Noch besser, so malte ich mir aus, wäre diese Szene vor den Augen ihres in der hintersten Sitzreihe angeketteten, geknebelten Auserwählten, dieser blasshäutige, muskellose Dicksack, den sie später sogar heiratete.

Sie wäre nackt bis auf diese langweiligen, angeblich hippen Turnschuhe, die sie jeweils trug, ihre Jeans, Bluse, BH und Slip hätte ich vorher sicher in einer Aldi-Tüte verstaut und im Korridor schräg gegenüber vom Saal an einen der Haken gehängt, so dass sie sich nach erfolgter Busse noch nackt in die Öffentlichkeit begeben müsste, mit einem Arsch, so leuchtend rot wie bei einem Pavian.

«Dein Professor und Dein persönlicher Jesus, das bin ich jetzt!» würde ich rufen, mit bombastischem Hall im riesigen Tempel des akademischen Wissens. Dann, ihrem armen Würstchenträger in dessen entsetzten Augen blickend, würde ich ihre viel zu kleinen Brustwarzen zutackern («die sind ja eh für nichts gut»), sie würde sich dabei winden und schliesslich zu weinen beginnen. Doch gleichzeitig sähe ich ihre Pussy triefen, schamvoll unerwartet geil geworden durch diese Sensation des Moments der quasi öffentlichen, sexuellen Misshandlung. Endlich würde alles aus hier herausbrechen, ihre ganze Liebe zu mir: Betteln würde sie, endlich, nun doch, sie sehe es ein, sie wolle von mir gefickt werden, und wäre es nur dieses eine, einzige Male, zum Abschied.

Doch ihre Pussy, die sie mir nie hatte geben wollen («wir würden es bereuen!»), sie wäre mir so etwas von egal. Stattdessen würde sie jetzt bereuen; am Haarschopf gepackt, an den Haaren gezerrt und mit der anderen Hand den Kiefer fest im Griff würde ich sie in den Mund zwangsficken, sie nicht loslassen, ihr Schmerzen zufügen und sie dann mein Sperma schlucken lassen: Meine Markierung, tief in ihr drin; der Geschmack von mir in ihrem Rachen, auf der Zunge, am Gaumen, der auch noch dann präsent wäre, sollte sie ihren Besorger je wieder küssen. Erledigt, erniedrigt und befriedigt würde ich sie zurücklassen, auf dem kreidestaubigen Linoleumboden und sicher sein, dass sie fortan nicht mehr ohne mich und meine rücksichtslose Gier sein wollte.

Doch das ist ihr alles verwehrt geblieben, mit ihrem Schweinchen Dick, welches bestimmt kein Schwein war im Bett, sondern ein schüchterner Unterderdecke-Ficker. Wenn überhaupt.

«Es hat Dich ganz schön mitgenommen», unterbrach Amelia mein Szenario, die innerliche Fata Morgana, in die ich versunken war.

«Auf eine andere Weise, als Du denkst. Aber unsere Abmachung war, meinen Traum nach dem Nachtisch zu servieren.» Sie stimmte mir zu, und wir kehrten mit unserer Unterhaltung auf unverfängliches Terrain zurück, bis nach dem Hauptgang, als ich sie wieder auf meine unbeantwortete Challenge aufmerksam machte.

«Der Wein, Amelia, er ist ausgetrunken, und Du hast ihn noch nicht erraten, wie gehen wir damit um?»

«Du wirst es nicht glauben, Quirin – oder soll ich sagen, Mister Grey in Disguise? – aber mich beeindruckt Dein Manöver nicht im geringsten. Ausserdem, um einen Vino Nobile di Montepulciano zu erkennen, braucht man keine besonderen Fähigkeiten. Wird also nichts mit meinem Slip, auf den Du es doch bestimmt abgesehen hast, um ihn danach über der Kerzenflamme theatralisch zu verbrennen» spottete sie.

Woher bloss hatte sie den Wein gekannt? Überhaupt: Was erlaubte sie sich? Doch mein Erstaunen, diesen Triumph über meine Gefühle, den wollte ich ihr keinesfalls gönnen. Sofort ging ich zum Gegenangriff über:

«Du meinst, dass Du mir den Slip überreichen solltest? Solche billigen Spiele, die Du wohl von milchbubenhaften Anfänger-Doms gelernt hast, brauche ich nicht. Das hier ist Serious Play, mit einem waschechten Sexualverbrecher, Frau Amelia. Mir ist mit keiner Logik beizukommen, und schon gar nicht mit Pokern. Darum sage ich es jetzt mal so: Überlegen Sie gut und formulieren Sie mit Bedacht – manche Gewitter entladen sich ohne Vorwarnung.»

Schach.

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