22:02

Fortsetzung von 21:21

Eine unerträgliche Spannung hatte sich des Raumes bemächtigt, für sie, aber auch für mich. Mit grossen Scheinwerferaugen starrte sie mich an, mich, den sie mit ihren frechen Äusserungen doch gerade herausgefordert hatte, und der innerlich kurz davor war, die Grenze zwischen ihrer einst scherzhaften Bezeichnung als Sexualstraftäter und der Realität zu verwischen. 

Wieder waren sie da, diese Snapshots meiner Fantasie. Speichel, der seine glänzenden Fäden zieht, ihr das Kinn hinunterrinnt und auf dem makellosen Dekolleté kleine Pfützen bildet, nur um sich danach für die Flucht zwischen zwei Erhebungen wieder zu vereinigen. Die Empörung, die Scham, dieses «Sowas tut man nicht!» in ihrem Blick. Meine mal verspielten, mal unmissverständlich besitzergreifenden Küsse, die ihr nicht nur den Atem nehmen, sondern ihr Recht, eigene Wünsche anzumelden; sie, ganz meins! Unerwartete Zärtlichkeiten, die sie weich machen wie das Wachs, das ich noch vor Kurzem in den Händen hatte. Ihr schockierter Blick von «Das kannst Du mir unmöglich antun!». Liebkosungen an Stellen, wo sie bestimmt noch nie solche erfahren hat, enge Vertrautheit in Symbiose mit Schmutzigem, Abartigem, unser Geheimnis, unser kleines Universum. Das unverwechselbare Geräusch des Rohrstocks, wie er die Luft durchschneidet auf dann auf den Po prallt, ihr Stöhnen dabei, die verhasste Dankbarkeit und Gier danach. Ihre dunkle Stimme würde bestimmt wunderbar klingen, in diesem extremen Moment des Martyriums, dem ich sie unterziehen würde, müsste! Und dann das Glück, unser Glück, dank dem abgründigen Verderben, bei dem es keinen doppelten Boden gibt, für niemanden von uns, mit dem nächsten SOS-Schalter ausser Reichweite.

Doch noch war der Nachtisch nicht serviert, die Zeit für die Schilderung meines Traums, den Grund unseres Treffens hier nicht gekommen, ich war zurück und drückte mit allem, was meine Mimik hergab, die Endlichkeit meiner Geduld aus.

Sie zögerte noch immer. Ihre nervösen Augenbewegungen, mit denen sie in rascher Folge abwechselnd mein linkes und rechtes Auge fokussierte, liessen ihre Sicherheit, die sie so stolz nach aussen gekehrt hatte, auf einmal wie eine abgestreifte Haut eines Reptils wirken. Alt, brüchig, abgestorben, leer. 

«Schach!» sagte sie, fatalistisch, halblaut. Sie sprach aus, was ich zuvor nur gedacht hatte! Mein Körper reagierte innert Millisekunden, das Blut begann in meinen Ohren zu rauschen, gab dabei diesen pulsierenden, leicht betäubenden Lärm von sich, so überprominent in der Stille, die gerade herrschte. Endlich, so fühlte ich, in der nächsten Sekunde würde sich Amelia öffnen, zugeben, dass sie das suchte, was ich ihr geben wollte. Gib Dir einen Ruck, Amelia, flehte ich innerlich, mach schon, bevor Dein Kartenhaus in sich zusammenfällt und Deinen Mut unter sich begräbt!

Wie ein Elefant mit Dessert-Karte im Rüssel betrat Khaled den Raum und fragte mit laut singender Stimme, was wir denn gerne Köstliches zum Nachtisch hätten.

Verflucht! Die Luft war draussen. Verdammter Dickhäuter ohne Sensorium – mein Blick hätte ihn töten können!

Amelia liess sich nichts anmerken und bestellte sich unauffällig ein Kulfi, während dem ich nach wildem Blättern in der Auswahl mir mit einem in reichlich Alkohol schwimmenden Coupe Colonel meinen Ärger zu besänftigen beabsichtigte. Khaled, kaum hatte er alles notiert, bemühte sich, seinen Auftritt zur Unzeit so rasch wie möglich zu beenden eilte wie eine Ballerina hüpfend zur Küche. Eine Szene, als wäre sie der Inbegriff von Aberwitz, und sie nahm die Schwere von uns, wir konnten uns beide das Lachen nicht verkneifen.

Amelia unternahm einen Anlauf, das Gespräch neu zu lancieren. «Ich dachte, in Gebäuden sei man vor Gewittern sicher?» Der Augenaufschlag eines naiven Mädchens war zwar süss an ihr, aber eben doch nur eine misslungene Tarnung. Wovor hatte sie Angst? Diese Ambivalenz, sie killte mich beinahe.

            «Hör auf um den heissen Brei zu reden, Amelia. Du weisst genau, worum es hier geht, und Du scheint mindestens belesen, wenn nicht sogar erfahren zu sein, was die dunkle Seite zwischenmenschlicher Sexualität anbelangt. Niemand lässt sich einfach so auf ein Date mit einem wildfremden Mann ein, den ein Hauch von Perversion und Gefahr umgibt.» 

            «Das ist alles nicht so einfach, Quirin. Ich habe einiges bereits hinter mir, und ich kann nicht jeden Dahergelaufenen in mein Leben lassen, zumal es Verpflichtungen gibt, die stärker sind als die Fesseln, die ich in Deinem Arsenal vermute.»

Da war es also. Es war wohl eben doch noch ein Mann in ihrem Leben. Das ganze sorgsam aufgebaute Setting schmolz, wie der Schriftzug von «Wetten, dass…?» früher, wenn die Wette verloren war. Die Belustigung darüber wog die Enttäuschung nicht im Entferntesten auf. Immerhin wollte ich nicht den schlechten Verlierer darstellen.

«Nun, weder bin ich „Jeder“ noch ein „Dahergelaufener“. Schliesslich hab ich mein Auto gleich um die Ecke parkiert!» versuchte ich, die Stimmung zu retten. Sie lächelte süss, fast milde, doch ihre Gesichtszüge zerbröckelten wie in Zeitlupe zu einem schmerzverzerrten Gesicht.  «Weisst Du, Deine Geschlechtsgenossen haben es mir zeitlebens nie einfach gemacht.»

Ich schöpfte Hoffnung. «Warum hast Du Dich denn nicht von ihnen verabschiedet?»

«Oh das habe ich! Die zwei, drei Versuche, die man in konservativen Kreisen als illegal bezeichnen würde, die haben mir zwar einen Einblick gegeben auf das, was sein kann – aber niemand konnte aus diesem „kann“ eine vernünftige Realität konstruieren. Entweder war es ein Möchtegern, oder jemand, bei dem sein Minderwertigkeitskomplex die Antriebsfeder für langweilige Befehle war.» 

«Und Dein Mann auch nicht?» fügte ich an, was sie mit Kopfschütteln quittierte. «Der ist bei einem Unfall vor Jahren ums Leben gekommen. Und nein, es muss Dir nicht leidtun. Das Schicksal kam einer Scheidung zuvor.»

            «Wo ist dann das Problem; Du hast alle anderen verabschiedet, sagtest Du?»

«Ja, Männer schon.»

Au weia. Langsam dämmerte es mir. «Es gibt eine Partnerin in Deinem Leben, und nach allem, was ich von solchen Konstellationen weiss, eine äusserst eifersüchtige.»

Amelia nickte. «War wohl nicht der intelligenteste Schachzug von mir, aber meine Kinde mochten sie sehr, mindestens zu Beginn. Und sie war eine grosse Hilfe.»

«Klingt nicht gerade nach einer Amour Fou. Und jetzt?»

Sie zeigte mir den Partnerschaftsring an ihrem Finger und ergänzte: «Schwer wie Blei.»

Ich war so in ihrem ganzen Wesen und Äusserungen versunken, dass ich erschrak, als plötzlich Khaled mit dem Nachtisch neben mir stand. «Heilige Kacke Khaled! Entweder ein Trampel oder eine schleichende Ballerina – kannst Du Dich nicht wie ein zivilisierter Mensch fortbewegen?» fuhr ich ihn an. Wir kannten uns schon lange. und wie immer lächelte er die Situation mit dem Charme des gesamten Orients weg. Böse sein konnte man ihm wirklich nie.

Als wären die Aussagen von vorhin Monster, die über uns wachen, und die man auf keinen Fall erzürnen darf, und auch etwas ratlos genossen wir unseren Nachtisch ohne weiteren Wortwechsel. Erst nach dem letzten Löffel kam sie auf das zu sprechen, was schon den ganzen Abend wie ein feuchter Sack über uns gehangen hatte. «Und? Wie ist das nun mit meiner Rolle in Deinem Traum, Herr Sexualverbrecher?»

Die unerwartete Ausgangslage verunsicherte mich. Hineingezogen werden in ein Beziehungsdrama, das war definitiv keine Option, auch wenn ich diese Frau, jedes Haar, jede Zelle an ihr mit jeder Sekunde mehr begehrte; ihre unkalkulierbare Art, diese vereinnahmende Erotik. Und gleichzeitig würde ein allzu detailliertes Schildern meines Traumes mich bestimmt wiederfinden lassen in den unseligen Töpfen der anderen, verflossenen Herren. Was konnte ich bloss tun?

Innerlich ermannte ich mich. Vereinbart ist vereinbart, aber ich hüllte meine Schilderung in ein euphemistisches Kleid, die romantischen Aspekte betonend und die Heftigkeit mildernd. 

«Das war alles?» fragte sie ironisch wie eine ungezogene Göre. Was für eine Provokation, die mich schon wieder aufs Glatteis führte. Verflixt nochmals!

«Die Realität, Amelia, ist häufig härter und weniger traumhaft, hattest Du doch selbst angedeutet, als Du Deinen Schuh befreien musstest, Du erinnerst Dich bestimmt?»

Sie überlegte einen Moment. Einen sehr langen Moment. Dann endlich, mit dem ehrlichsten Gesicht des ganzen Abends, fiel der Satz, auf den ich so sehr gehofft hatte: «Und was muss sein, damit Du mir diese Realität zeigst?» 

Die Klarheit, der Moment – alles kam überraschend, auch wenn es doch im Nachhinein so offensichtlich gewesen war. Sie hatte den Entscheid schon längst gefällt, wie immer. Ich Idiot! Schon so alt und noch immer naiv; Frauen, die Männer scharren und zappeln lassen, zu ihrem Amüsement, zu ihrer Bestätigung, obwohl sie doch schon längst wissen, was sie wollen. Dass sie wollen. Und sich dann theatralisch ergeben. Adam, Eva, Apfel, Schlange – schon wieder.

«Der Ring, der müsste weg.» antwortete ich.

Eine unverkennbare, diebische Freude zeigte sich in ihren Gesichtszügen. Sie streifte sich den Ring von Finger und legte ihn sichtbar auf ihre Zunge. Dann schloss sie den Mund, nahm ihr Wasserglas und spülte ihn mit einem grossen Schluck runter. 

Wie versteinert sass ich da. Hatte sie das jetzt wirklich gerade gemacht? 

Befreit lachte sie laut auf, ergötzte sich an meiner Fassungslosigkeit, und rief, noch bevor ich irgendwie reagieren konnte, in Richtung Küche: «Khaled, die Rechnung bitte!»

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