Die alte Schmitte (Millie – Teil 3)

Als der dunkelrote Nagellack trocken war, streifte sie einen der halterlosen Strümpfe, die sie zum ersten Mal trug, über ihr frisch rasiertes Bein. Zufrieden blickte sie auf ihren gestreckten, in Nylon gehüllten Fuss. Wie neckisch sollte sie sich geben? Als wollte sie dem ganzen Spuk heute die Zunge rausstrecken, wählte sie einen Rock, der gerade lang genug war, um die Stay-Ups nur erahnen zu lassen. Dazu wählte sie eine offenherzige Bluse.

Vor dem Schuhregal überlegte sie länger. Lieber Pumps oder Stiefel? Am Ende entschied sie sich für elegante, schmal geschnittene Stiefel mit Absatz und musterte sich im grossen Spiegel links von ihrer Garderobe. Ja, sie war sicher, so würde Jonas Freude an ihr haben. Schwungvoll nahm sie den Autoschlüssel vom Sideboard und warf ihn in die Luft, um ihn mit nur einer Hand wieder aufzufangen. Das Glücksgefühl des Erfolgs über die Gespenster des Tages und den bevorstehenden Abend begann sich zu festigen. Stolz nahm sie ihre Handtasche, öffnete die Haustüre und machte sich auf den Weg zum Steakhouse Alte Schmitte.

Irgendwie war sie froh darüber, dass sie sich entschieden hatte, mit dem Auto den Weg zurückzulegen. Diese irritierenden Empfindungen von heute, wie fern waren sie: Äusserlich weggewaschen vom Badewasser, innerlich durch den Orgasmus, nach dessen befreienden Kontraktionen sich Millie fühlte, als wäre sie als Wesen neu geboren.

Am Treffpunkt angekommen, parkte sie den Wagen auf dem kleinen Kiesplatz und erblickte Jonas, der vor dem Eingang auf sie wartete. Schick sah er aus, mit einem dunkelroten Sakko, einem weissen Hemd und schwarzen Jeans. Ein Hallo und ein Kuss später öffnete er die schwere Türe, an welcher Millie im Augenwinkel gerade noch ein Schild erkannte: «Heute geschlossene Gesellschaft». Zunächst leicht irritiert, vermutete sie einen Fehler oder einen Bubenstreich. Aber Jonas‘ Zusteuern auf einen Zweiertisch, der für sie beide reserviert war, unterband weitere Gedanken daran. Auch die bereits anwesenden Gäste, vielleicht ein Dutzend, schienen nicht zu einer Gruppe zu gehören. Der Raum, die alte Schmiede, war gezeichnet von einer Jahrhunderte alten Geschichte. Dicke, von Rauch gezeichnete Mauern, Fenster mit altem Glas und brüchigen Dichtungen, ein Riemenantrieb an der Decke, Holztische, auf denen schwarze Teller, Serviette, Blumenschmuck und Weingläser bereitstanden, und eine mit Brennholz gefüllte Esse, die als Grill für unterschiedlichste Köstlichkeiten diente. Der Geruch von gebratenem Fleisch und Rauch umschmeichelte sie. Verzaubert und mit dem Gefühl, angekommen zu sein in dieser warmen, heilen Welt des Genusses, setzte sie sich.

«Wunderschön siehst Du aus, meine Liebe.» Unter dem Tisch fasste Jonas an Millies bestrumpftes Knie, fuhr mit zwei Fingern langsam runter, steckte sie zwischen Stiefel und Nylons und schloss für einige Sekunden der tiefen Zufriedenheit seine Augen. Dann fragte er: «Wie war denn Dein Tag?»

«Ganz gut.» antwortete Millie knapp, als wäre er versehentlich mit seiner Hand über eine schmerzhafte Wunde gefahren. Jonas verstand sofort. «Welche Geister haben Dich denn heute gequält?» 

Eigentlich wollte sie einfach nur vergessen; einen gemütlichen Abend mit einem hoffentlich erotischen Ausgang geniessen. Doch sein Blick fesselte sie: In seinen dunklen Augen spiegelte sich das Feuer, über dem gerade die Grilladen zubereitet wurden. Es loderte wie eine beängstigend süsse Bedrohung, griff auf sie über.

Nein, sie konnte ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Sie atmete laut aus, dann begann sie: «Du weisst von meinen Träumen, Jonas. Diesen schrecklichen, die mich, naja…» sie streckte ihren Kopf näher zu ihm, um es flüstern zu können «heiss machen, nicht wahr?»

Jonas nickte. Die Bedienung brachte zwei Gläser, gefüllt mit Sekt. «Du magst diesen… Sekt, nicht wahr?» Der schelmische Ausdruck in seinem Gesicht verunsicherte Millie. «Auf uns!» toastete sie ihm unnatürlich laut zu, als könnte sie damit ihrem Zustand umherjagender Gedanken wieder mehr Tritt verleihen.

Die Wohltat des kühlen Alkohols lockerte ihre Zunge und liess sie die Perlenkette von kleinen Ereignissen schildern, die ihr widerfahren war. Begonnen hatte alles mit der gefühlten Observation durch untereinander vernetzte Unbekannte. Dann die seltsame Rothaarige. Die Berichterstattung in der Zeitung über eine mutmassliche, irritierend erotisch wirkenden Gruppenvergewaltigung. Und dieser kleine Ausbruch von Frevelhaftigkeit, der ihr im Büro von „Berlins grösster Bi-Butch“ ungebetenerweise zuteilgeworden war. 

Jonas hörte aufmerksam zu, kommentierte aber nichts davon. Erst, als sie mit Rotwein aus dem Duero-Gebiet anstiessen, bemerkte er mit Blick auf das gefüllte Glas: «Dunkel, wie die Seelen Deiner Häscher!» Er lächelte dabei wie jemand, der gerade einen heimlichen Sieg davongetragen hat.

Auf der einen Seite war Millie zwar froh, endlich die Last der heutigen Verwirrungen abladen zu können. Aber gleichzeitig schmerzten seine Anspielungen und die erneut spürbare, kleine Distanziertheit wie eine Verletzung, die mit Tabasco beträufelt wird. Wann würde er endlich seine Maske fallen lassen, sein wahres Ich zeigen?

Millie beendete ihre Erzählung mit der Fahrt nach Hause, wobei sie lediglich erwähnte, dass die Rothaarige zufällig erneut im gleichen Abteil gesessen habe wie sie, aber nicht, dass sie deren mit Metall behangene Scham zu Gesicht bekam; dass sie sich in der Badewanne erleichtert hatte, zudem mit welchen Gedanken, das verschwieg sie ebenfalls. Die Direktheit, die es erfordert hätte, war seltsam schambehaftet.

Mit Kräutern verzierte Steaks, Pellkartoffeln und Grillgemüse holten sie zurück ins Hier und Jetzt. «Seignant, korrekt?» fragte der rundliche Chef und Grillmeister des Lokals, und Jonas nickte zufrieden. «Ja, ich mag Fleisch, wenn es heiss, rot und würzig ist.»

Auf einmal wirkte der Moment zutiefst verstörend. Jonas schien wie ausgewechselt und nicht mehr dieser freundliche Gentleman, dieser distinguierte Mann von Welt zu sein. Im Gegenteil: Sie sah in diesem Mann, der ihr gegenüber sass, plötzlich die Züge eines Schwerverbrechers, der gierig seine Aufmerksamkeit auf das Fleisch richtete, zum Messer griff und sich diabolisch darauf freute, sein Opfer zu töten und anschliessend zu sezieren. Die scharfe Klinge schnitt in das Fleisch hinein als wäre es Butter. Noch vereinnahmt von seiner maliziösen Freude blickte er auf zu ihr. «Guten Appetit, meine Teure!»

Als wäre ihr eine unsichtbare Zwangsjacke übergestülpt worden, befand sie sich wie in einem Schockzustand. Nicht mal wegschauen konnte sie, wie er weiter in das Fleisch hineinschnitt, den roten, in Teller rinnenden Saft dabei intensiv beäugte und das erste Stück genussvoll zu verspeisen begann. Je länger diese gefühlte Ewigkeit dauerte, desto mehr schien Jonas ganz neuartige Aura sich ihrer zu bemächtigen. Alles war auf einmal klar für sie. Seine Maske, seine Distanziertheit: Weg waren sie. Das wahre Ich von Jonas war offensichtlich geworden.

Erst, als die Bedienung weiter hinten ein Glas zu Boden fallen liess, konnte sie sich aus dem Zustand lösen. Als wäre ein böser Zauber damit zerbrochen, war auch das Galante an Jonas zurück. «Guten Appetit!», erwiderte sie und fragte sich irritiert, was schon wieder in sie gefahren war.

Nach den ersten Bissen und einem weiteren Schluck Wein war sie ruhiger geworden; allerdings begann ihre Verwunderung darüber, dass ihr neuer Partner zu all ihren Erlebnissen nichts sagte, in eine Verärgerung zu münden. Stirnfalten und die Augenbrauen, die sich immer mehr in Richtung Gesichtsmitte verzogen, sollten, so dachte sie, doch Zeichen genug sein, dass sie sich mehr Fürsorge erhofft hatte. Sie beschloss, stumm seine Antwort, seine Reaktion zu abzuwarten und die Dauer bis dahin als Gradmesser dafür zu verwenden, wie sehr er sie liebte.

Ihre Zündschnur wurde mit jedem Stückchen Fleisch, das sie ihrem Mund zuführte, kürzer. Gleichzeitig wuchs ihr Groll und die Gabelstiche wurden kraftvoller, als wäre das Steak eine Voodoo-Puppe. Doch Jonas lächelte nur. «Verdammter Mistkerl!», dachte sie sich, aber wagte es nicht, auszusprechen. 

Dann endlich begann er. «Millie, wenn Du denkst, dass Du andere testest, so wie gerade mich, bist Du Dir dann sicher, dass der Test nicht umgekehrt eigentlich Dir gilt?»

Das war Zuviel. Seine mit Engelszunge vorgetragene Frage zündete den Ausbruch Millies aufgestauter Wut. «Wie kannst Du bloss so kühl sein? Es ist die toxische Männlichkeit, die sich nie in die Situation einer verfolgten Frau versetzen kann, nicht wahr?» 

«Gemach, junge Frau – Du betrittst gerade Eis, von dem Du nicht mal ahnst, wie dünn es ist. Und zum Thema selbst: Du kannst dem Fluch, der Dich offenbar verfolgt, nur begegnen, indem Du Dich ihm wie eine stolze Frau stellst und nicht davor flüchtest wie ein kleines, unbeholfenes Mädchen. Du spürst es tief in Dir: Die Gefahr, in der Du Dich wähnst, kommt nicht von Personen, die Dich imaginär verfolgen. Das, wovor Du Dich wirklich fürchtest, ist in Dir drin: Das Freilassen Deiner Lust, die sich so lange gesammelt hat. Jahrzehntelang wurde Dein sexuelles Verlangen nach speziellen Praktiken fein säuberlich unter Schloss und Riegel gehalten, alles durch diese schändliche Kirchenmoral, der niemand – niemand – wirklich nachlebt, nicht mal diejenigen, die sie verbreiten. Nur, wenn Du bereit bist, hinter die Fassaden zu schauen, wirst Du die Verfolger los, die Dich in Deinem Kopf martern. An ihre Stelle wird das treten, was tief in Dir schlummert und darauf wartet, endlich erweckt zu werden: Dein wahres Wesen.»

«Schon wieder! Schon wieder schaffst Du es!» klagte Millie. «Warum nur bist Du so vereinnahmend, charmant und gleichzeitig ein rechthaberisches Arschloch, dessen Po versohlt gehört!?»

Jonas lachte schallend. «Wie häufig wünscht man dem anderen das, was man gerne selbst erleben würde? Du hast die Wahl, Millie. Es ist ein spezieller Abend heute, und er kann Dir den Zugang öffnen, Dich befreien. Eine mentale Freiheit, die Du durch einen Zustand erlangst, der nur durch komplettes Vertrauen mir gegenüber und bedingungslosem Gehorsam zu erreichen ist.» Er genoss nochmals einen Bissen, schloss genussvoll seine Augen, und blickte Millie anschliessend wieder direkt ins Gesicht: «Vertraust Du mir?» 

Millie wusste keine Antwort. Natürlich vertraute sie Jonas. Aber ihre Nervosität, die das Fluchttier in ihr fütterte, war gerade nicht unter Kontrolle zu bringen. Sie bemühte sich, mit jeder weiteren Kaubewegung ihre Bedenken mehr und mehr zu zermalmen, aber ihr Kopf blockierte sie. Nach dem letzten Schluck Wein übernahm schliesslich ihre Seele die Kontrolle über ihren Mund und sprach aus, woran ihre Ratio gescheitert war: «Ich liebe Dich, Jonas. Und ich vertraue Dir.» Erschrocken über die Selbstoffenbarung und die unbekannten Konsequenzen griff sie hastig nach ihrer ihre Serviette, hielt sie vor ihren Mund, die Augen weit aufgerissen. Doch die vorherige Bedingungslosigkeit in Jonas Ausdruck war von ihm gewichen. Er lächelte tief zufrieden. «Komm mit!» 

Er erhob sich vom Tisch und lief schnurstracks zur gusseisernen Wendeltreppe Ende der Schmiede-Werkstatt. Nach den ersten Stufen warf er ihr einen Blick zu, als wolle er sagen «Komm, gib Dir einen Ruck, Mädchen, und sei eine erwachsene Frau!» 

Diese unsichtbare Magie, bestehend aus seiner Liebenswürdigkeit und seiner gleichzeitigen Gefährlichkeit wirkte wie ein Ring aus seinem Feuer, ohne Ausweg, und sie mittendrin. So folgte sie seinem Weg, hinunter in das Kellergeschoss, wo die Treppe in einem Vorraum mündete, der nicht viel grösser war als der Durchmesser der Treppe selbst. 

«Von jetzt an gelten neue Regeln. Zieh die Augenbinde an, Liebes.» Jonas reichte ihr das samtige Stück Textil und mit etwas Widerwille streifte sie es über ihren Kopf. Ihr Puls raste wie noch nie in ihrem Leben; was verdammt hatte er vor mit ihr? Jonas stellte sicher, dass sie nicht den kleinsten Schimmer von Licht sehen konnte. Erst dann öffnete er das Tor zum Gewölbe und führte sie vorsichtig hinein, gefühlt bis in die Raummitte. Millie musste zunächst knien und dann sich gestreckt über einen Bock vor ihr beugen. Wellen der Schauer überzogen ihren Körper, immer und immer wieder, und ihre Gedankenwelt lief Amok. Sie spürte, wie Jonas sie fesselte, an Füssen und Händen, sie festzurrte auf diesem merkwürdigen Möbelstück. Ganz am Ende verschloss er ihre Ohren mit schallunterdrückenden Stöpseln. 

Sie war ihm komplett und wehrlos ausgeliefert. Sie hörte nichts, sah nichts, sie roch nur den charakteristischen Duft eines alten Gemäuers, Jonas’ Aftershave und spürte, dass sie bewegungsunfähig war. Sie war allein mit ihren Gedanken, ihrer Fantasie, ihren Ängsten. Und ihrer unerklärlichen Lust: Sie war klatschnass zwischen den Beinen und hoffte, dass sie bald erlöst würde – auf welche Weise auch immer. Die Spannung war dermassen unerträglich, dass sie bereit war, sich ganz aufzugeben, für ihn.

Doch das, was danach folgte, das sprengte sogar ihre Vorstellungskraft.

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