Versteinert im Rock-Konzert

Der Raum war eng. Vielleicht einen Meter vor der Absperrung des VIP-Bereichs der grossen Bühne stand ich, um mich herum diese hässlichen Kreaturen in abgehalfterten Westen aus Leder oder Jeansstoff, verwaschenen Tattoos und ungepflegten, dünn gewordenen Bindfäden auf dem Kopf, die den Schweiss des Tages zu einem ekelerregenden Gebräu kanalisierten. Immerhin war die Hitze des Tages inzwischen erträglich geworden, obwohl das Rockfestival gerade erst seinem Höhepunkt zufieberte.

Sie stand links von mir. Unauffällig, aber vielleicht war das das Auffällige. Diese Frau von vielleicht 35 Jahren erinnerte mich mit ihren blonden Strähnen an eine frühere Liebschaft. Brille im Projektleiterinnen-Stil, die Haare streng nach hinten gekämmt und dort zu einem Dutt verdichtet. Um uns herum Vorfreude, die Band würde gleich spielen und menschliche Abgründe bombastisch vertonen. Doch sie blieb mit ihrem strengen Gesichtsausdruck auf sich und manchmal ihr Handy konzentriert. 

War sie alleine hier? Wollte sie deshalb nicht von fremden Männern angesprochen werden, nicht Gefahr laufen, lieblich zu wirken, gar einladend?

Ich stellte mir vor, wie bezaubernd sie mit offenen Haaren aussähe, garniert mit einem Lächeln. Diese stille Einladung, das Herausbrechen ihres Wesens aus ihr, transportiert durch den Glanz in ihren Augen, wie wunderbar! Das Träger-Shirt liess viel makellose Haut frei, und über die Schuhe, naja, da würden wir noch drüber sprechen müssen.

Wir? Ich schmunzelte vor mich hin, in einer seltsamen Vorfreude, die illusorisch war. Aber das war mir scheissegal. Die Leute um mich herum würden meine Gefühlsregung verstehen – und doch eigentlich nicht, denn kaum jemand jemand vermutete, was gerade in mir vorging. Ein Funke, tausend Gedanken. Wohl würden sie in Alices Horrorshow gleich auf der Bühne Peitschen, Latex und viel Schauerliches sehen. Zombies, Bucklige, Pranger. Doch wie nahe diese Aufführung an der Realität sein kann, und wie viel davon ich in meinem Kopf herumtrug, sei es Erinnerung oder sei es Fantasie, wem würde sowas Absonderliches im Kopf spuken?

Du willst es doch auch! Dieser zweideutige Satz geisterte durch meine Gedankenwelt, im Kopfkino herumrennend wie wilde Pferde, aber bevor ich es wagte, sie anzusprechen, erschien ihr Partner.

Sie war nicht alleine da. Doch nicht.

Er war einer dieser gemütlich-devoten Jeans-Typen mit ungepflegtem Milchbubi-Bart und Bierbauch, die mit dem ausgebleichten AC/DC-Sticker ihre fehlende Härte wenigstens einmal im Jahr vorgaukeln wollen. Immerhin, er lächelte sie an. Sie nicht. Weder ihn, noch mich. Noch immer nicht. 

Deine Gedanken sind frei, aber Du bist es nicht. Versteinert und verschlossen in einer Beziehung, die Dich mental einsperrt, doch Du würdest es lieber physisch sein. Die Strenge verlieren und Dich öffnen, um zu Dienen und Deine Erfüllung darin finden, die harte Schale endlich ablegen zu dürfen, das ist, wonach Du Dich sehnst.

Hätte ich es ihr sagen sollen? Warum war sie so weit vorne, wieso wollte sie die volle Explosion des Bühnenspiels hautnah erleben, die Emotionen aufsaugen? Um sich das folgende Jahr davon zu ernähren, jeden Tag ein bisschen, so zurückgezogen wie ein tibetanischer Einsiedler? Warum nur?

Ein Happy End gab es nicht. Ich nahm sie mit, in meinen Gedanken, die sich vermischten mit den Erinnerungen an schöne Momente, an diejenigen, in denen ich sie zum Lachen brachte, wo sie mich verliebt ansahen, die Tränen weinten wegen mir und dankbar waren dafür. Stolz waren sie allesamt über das Unsägliche, das sie mit mir erlebt hatten, befreit. Der Ausbruch aus Gewohnheiten, das Einswerden mit dem wirklichen ich. Der Geburt eines neuen Lebens, dem wirklichen, echten.

Alice verabschiedete sich, und ich wusste, ich würde diese Frau nie mehr treffen, denn die Menschen lügen, wenn sie behaupten, man sähe sich im Leben zwei Mal.

Nein, nicht an einem Rock-Konzert.

Schade eigentlich.

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