4.1 Das Lodern der Fackeln

Mein klassisch gekleideter Chauffeur mit seinem einzigartigen, auf Hochglanz polierten Duesenberg fuhr pünktlich um 18 Uhr am Place Vendôme vor. Wie Filmstars auf dem roten Teppich verliessen wir das Luxushotel und bestiegen das einzigartige Gefährt, das uns zur Destination brachte, von der ich Elly nichts verraten hatte, ausser, dass höchster Wert auf Eleganz und – mit einem Zwinkern von mir untermalt – ebenso absolute Diskretion gelegt wurde. 

Unser perfekt instruierter Fahrer führte uns durch die Banlieu aus Paris hinaus, in die Landschaft, die in den letzten Sonnenstrahlen des Abends besonders satt wirkte. Erst, als sich das Knirschen von Kies unter den Rädern die Destination ankündigte und eine lange Auffahrt eines mutmasslich grossen Anwesens im Scheinwerferlicht auftauchte, schien Elly zu ahnen, wo wir uns befinden könnten: Das Schloss aus meiner Geschichte, der Sitz des Fürsten. «Ich dachte, das Schloss sei in der Haute-Savoie?» fragte sie in einem Versuch, mit einem einzigen Schuss ins Schwarze zu treffen. Doch ich blieb vage: «In Geschichten ist nicht immer alles so wie in der Realität. Weder beim Fürsten noch im Schloss. Selbst bei uns nicht, Elly.»

Unser Chauffeur brachte den Wagen zum Stillstand. Schweigend musterte Elly den geheimnisvollen Ort durch das Seitenfenster, machte jedoch keinerlei Anstalten, auszusteigen. Wie immer, wenn sie sich der Sache oder einer Situation nicht sicher war, griff sie nach meiner Hand, ihren Anker der Sicherheit und gleichzeitig die Klammer der Dunkelheit, die alles um sie herum verantwortete. Hier, abgeschieden und noch dazu in einem fremden Land, sehnte sie sich noch viel mehr danach als zuhause. Ihre latente Befürchtung, ich könnte erneut eine ihrer Grenzen überschreiten, vielleicht sogar mehrere und überdies im Galopp, sie war immer inhärenter Bestandteil unseres Verhältnisses gewesen. Seit wir uns das erste Mal begegnet waren, damals in der alten Fabrik.

Links vom Haupteingang befand sich ein stattliches, metallenes Tor, das wie zu einer dahinterliegenden, überdimensionierten Einstellhalle gehörend aussah, aber sicherlich keines war: Es stand weit offen und aus dem Innern strömte warmes Licht in die dunkle Nacht hinein, wo es auf das Lodern der zahlreichen Fackeln des Vorplatzes traf. Es musste sich bei der Pforte um den Zugang zu etwas anderem, etwas Grösserem handeln. 

Zu den beiden Seiten der Torflügel standen Empfangsdamen mit venezianischen Augenmasken, gekleidet in einem Oberteil, welches wie eine Offiziersuniform mit goldenen Epauletten aussah. Schwarz toupierte Haare, schwarzes Tutu, Netzstrümpfe und kniehohe Ballett-Stiefel mit zwei Knopfreihen ergänzten die erotische, aber doch sehr stilvolle Erscheinung dieser Wächterinnen, in deren mit auffälligem, dunkelrotem Glossstift geschminkte Lippen sich das Feuer von Fackeln spiegelte.

Elly staunte. Das dumpfe Gefühl der Machtlosigkeit, welches sie durch die Gewissheit erlangt hatte, in welcher Location wir uns wohl befanden, wich der Faszination dieser Aufmachung.

«Samédi soir im Châteu Riveau. Madame, wir werden erwartet! Doch bevor Du das Entrée betrittst, muss ich Dich bitten, diese hübsche, venezianische Augenmaske anzuziehen, so, wie es die anderen Anwesenden auch tun.» Damit Ellys widerspenstige Natur keinen Strich durch die Rechnung machen konnte, schob ich nach: «Und keine Sorge: Was für Dich gilt, gilt auch für mich, selbstverständlich!» und streifte ebenfalls eine Maske über meinen Kopf und verliess den Wagen.

Galant reichte ich Elly wie einem VIP meine Hand, als anschliessend auch sie dem Luxus-Oldtimer entstieg. Was heisst schon «wie». Elly war meine wunderschöne VIP! Wie ein warmer Mantel, der im kalten Winter dieses unvergleichlich wohlige Gefühl vermittelt, überkam mich in dieser Sekunde dieses Bewusstsein für mein Glück, welches ich kaum fassen konnte. All ihre kleinen und grossen Verfehlungen waren vergessen, sie war einfach das perfekte weibliche Wesen schlechthin.

Der leichte Wind trug Wellen von sanfter unverkennbarer Streichmusik bis zu unseren Ohren: Es handelte sich um den Frühling aus Vivaldis Violinkonzert Op. 8/1 RV 269. Ein Ball- oder Konzertsaal also? Noch konnte man nur vermuten, wo genau sich das Streichorchester befand, denn der Blick durch die Empfangshalle war durch weitere, ebenfalls elegante und maskierte Gäste verstellt. Als wir uns durch die Anwesenden hindurchgeschlängelt hatten, konnten wir erahnen, dass sich hinter diesem Vorraum ein Saal befand, und entdeckten durch die Türöffnungen dort goldene, beinahe kitschige Umrandungen einer Bühne, wie der Rahmen eines alten Gemäldes oder eines alten Operngebäudes.

Eine gewisse Nervosität machte sich in mir breit; eigentlich eine ungewöhnliche Gefühlsregung für mich. Doch in einer solch stilvollen Öffentlichkeit, zudem als Teil eines sich noch zuzutragenden Schauspiels, waren wir noch nie gewesen. 

Wir nahmen die nächsten Schritte unter unsere Füsse, liessen uns im Vorbeigehen ein Gläschen Sekt reichen und folgten schliesslich dem wohltuenden Klang in den Konzertsaal hinein. Rote Louis XVI-Stühle wie in einem Theater des Fin de Siècle zierten den reichlich mit weissem Stuck verzierten Raum. In der dritten Reihe waren zwei Stühle für uns reserviert: ‘Madame E. et Monsieur G.’ «Das sind wir – eindeutig!» freute ich mich. Ellys Augen blitzten mich an, mit diesem Charme, den nur zwei Menschen kennen, die ein grosses Geheimnis miteinander teilen.

Wir nahmen wir Platz.

Vor uns, hinter einem schwarzen, aber dennoch nicht blickdichten Vorhang schimmerte eine hell erleuchtete Bühne durch; dahinter Silhouetten der Musikerinnen und Musiker, gut erkennbar. «Wirklich kunstvoll!» fand meine bemerkenswert entspannt wirkende Elly. Für sie war alles ein romantischer Konzertabend. Noch. Vergnügt und in meiner diebischen Vorfreude auf später schmunzelte ich vor mich hin, gleichzeitig aber spürte ich auch die Hitze meiner weiter wachsenden, nervösen Spannung, die ich immer weniger kaschieren konnte. Was für ein seltsames Gefühl das war! Ich erlebte mich in einem unwirklichen Zustand, gemischt aus der Freude eines Kindes vor der Bescherung an Heiligabend und der gleichzeitigen Verantwortung für eben diese. Das anvisierte Delirium unserer Empfindungen, es stand unmittelbar bevor. Wir waren angekommen, in der Veranstaltung, die sich, ganz wie in meiner Geschichte, die sie während der Zugfahrt nach Paris gelesen hatte, «Tanz in Schwarz» nannte. Einen Unterschied dazu gab es aber: Dass die Ereignisse heute einen ganz anderen Verlauf nehmen würden.

Der Saal füllte sich nach und nach, es waren geschätzt 80 Personen insgesamt, allesamt schienen es Paare zu sein. Als alle Gäste Platz genommen hatten, wurde das Licht im Saal gedimmt und der Vorhang hochgezogen. 

Ein gedämpftes Raunen des Erstaunens und einer wohlig-voyeuristischen Freude ging durch das Publikum. Sogar Elly entwich ein kleines «Oha!», als sich das ganze Schauspiel vor uns entfaltet hatte. Das Orchester, im üblichen Halbrund angeordnet, bestand aus zehn Geigerinnen auf der linken Hälfte und zehn weiteren Streichern mit Bratsche und Cellos auf der anderen. Kerzen unterschiedlicher Grösse, scheinbar ohne Logik im ganzen Raum an verschiedenen Stellen positioniert, gaben dem sonst eher kalten Bühnenlicht eine warme Note. Das Besondere war jedoch, dass die Frauen bis auf rote Lackpumps und farblich passende, venezianische Augenmasken nackt waren. Doch damit nicht genug: Die Knöchel der Frauen lagen in Ketten, an Fussfesseln, man im Boden verankert hatte. Wie Sklavinnen, die zum Musizieren gezwungen waren, um ihr Überleben zu sichern, ohne Fluchtmöglichkeit, spielten sie unbeeindruckt von der nun anwesenden Zuschauerschaft das Adagio des Sommers. 

Einen Dirigenten suchte man hingegen vergebens; kam das Orchester tatsächlich ohne aus? Erst nach einer Weile realisierte ich, dass die Notenständer anstelle von Blättern Tablets beherbergten, auf denen nicht nur die Noten, sondern auch via Einblendung ein alter Mann zu erkennen war: Ein Dirigent im Rollstuhl.

Der Fürst. 


Das erste Buch von Elly und Dom G. ist noch immer erhältlich!

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