4.5 Camouflage

Die sanften Klänge des «Kanon und Gigue in D-Dur» von Johann Pachelbel füllten den grossen Saal, in dem sich zahlreiche Gäste bereits eingefunden hatten, entweder nach einem sexuellen Intermezzo oder vielleicht auch ohne. Einige erste Paare auf der freien Fläche tanzten. Alle hatten noch immer die venezianische Augenmaske auf, wie es die Regel des Hauses gebot; sie durfte erst im Verlauf des Abendessens abgelegt werden, auf Zeichen des Fürsten. An den Wänden hingen, wie in meiner Geschichte für Elly beschrieben, Ölgemälde in klassischem Stil in opulenten, goldenen Rahmen, die erotische Darstellungen aller Art zeigten. Holztäfer kleidete den Raum, edles Intérieur aus Leder, Samt und poliertem Metall; die Realität spottete den Beschreibungen, die ich von diesem Ort zuvor erhalten hatte.

Allein sass ich nun da, am Rand, und fühlte mich wie bei einem Studentenball, und schaute dem schwarzen Treiben zu. Noch waren nicht alle auf der Tanzfläche, aber es war nicht einfach zu erkennen, welche Paarungen fest waren und welche nicht; eigentlich interessierte es mich auch nicht. Eher gespannt war ich darauf, was sich in den weiteren Räumen neben dem Ballsaal befand; sie waren auf goldenen Wegweisern mit geschwungener, schwarzer Schrift angeschrieben: «Charcutérie», «Donjon», «Ecurie de chevaux» und «Salle De Nettoyage». Natürlich konnte ich mir etwas darunter vorstellen, denn was ich über den Fürsten wusste, deutete doch sehr stark darauf hin, dass wohl keiner dieser Orte dem üblicherweise damit verbundenen Zweck diente.

Elly war noch beim Fürsten, alles gemäss der Vereinbarung, die ich mit ihm getroffen hatte, ja hatte treffen müssen, um uns Zutritt in diese Gesellschaft an diesem Abend zu verschaffen. Ein hoher Preis, aber er überliess nichts dem Zufall; alle Teilnehmenden des «Tanz in Schwarz» wurden von ihm geprüft – was immer das bedeuten mochte. Bei mir war es nur ein merkwürdig kurzes Telefonat: In knappen Sätzen hatte er mir deutlich gemacht, dass im Falle von mir nur ein persönliches Vorsprechen von Elly in Frage komme, um Zulass gewährt zu bekommen.

Alle anderen Anwesenden waren auch irgendeiner Prozedur unterzogen worden, soviel wusste ich. Aber niemand hatte je darüber berichtet. Nun, Elly war stark, also machte ich mir keine Sorgen. Nur Gedanken. Was er wohl mit ihr tat? Wann würde sie wieder erscheinen? Doch ich schubste diese Fragen zur Seite, indem ich mir sagte, dass ein alter, wenn auch kauziger Mann im Rollstuhl sicherlich keine Gefahr für Elly sein könne.

Sollte ich mich in der Matching-App, die es nur für diesen Anlass gab, als «frei» kennzeichnen, mir den Spass gönnen, bis sie da war? Das technische Hilfsmittel würfelte die Teilnehmenden zu neuen Paarungen für den Tanz, das anschliessende Abendessen und die Räume zusammen, nach einem angeblich vom Fürsten entwickelten Algorithmus – aber natürlich nur, wenn beide Seiten entsprechend in der App gekennzeichnet waren. Eigentlich war ich mit Elly da. Eigentlich. Nicht nur eigentlich! Aber… wie lange sollte ich noch warten?

Immer mehr elegant gekleidete Personen hatten sich zu Paaren gefunden, über die speziellen Funktionen der App. Warum sollte ich mich nicht als «frei» bezeichnen? Ich war es doch gerade. „Ein kleiner Flirt kann doch nicht schaden“, dachte ich mir. Und wenn Elly kommen würde, könnte ich mich dann wieder ihr zuwenden. Würde Elly mir böse sein? Ach, Scheiss drauf, ich bin hier der Dom, befand ich, und schob den Regler auf «frei».

Einige Sekunden später vibrierte das Smartphone. Das Display zeigte einen Pfeil in Richtung einer Dame, die offensichtlich ebenfalls gerade eine Benachrichtigung erhalten hatte, und deren Zeiger wohl auf mich deutete. In weichen Schritten kam sie auf mich zu.

Die Frau war, so wie ich es erkennen konnte, ganz anders als Elly. Sie hatte auffällig helle Augen und blondes Haar; eine leuchtend rote Augenmaske, die zahllosen Zapfenlocken hinten zusammengebunden, trug ein schwarzes, knappes Pailletten-Kleid und kurze Lack-Stiefeletten. «Dom G., wenn die App nicht lügt?», begrüsste sie mich. Was für Strahlen in ihrem Gesicht, das durch den dezent aufgetragenen Lippenstift zusätzlich betont wurde.

«Ich grüsse Sie, Frau…? Sie wissen, die Männer werden hier im Dunkeln gelassen über die Namen der Damen.» 

«Nennen Sie mich Natascha. Wollen wir?» Sie reichte mir die Hand.

Zu der Melodie eines Walzers liessen wir uns auf der Tanzfläche treiben. In der Tat, eine wunderschöne Erscheinung, dachte ich. Die Aufregung des bisherigen Abends war für einen Moment weg, das Lächeln der Frau umschmeichelte mich immer mehr. Natascha sprach kein Wort, auch nicht, als wir zum Ende des Tanzes einen der Tische für das Abendessen auswählten und uns hinsetzten.

Die Vorspeise, ein Entrée Assortie, wurde von passend klassisch gekleideten Bediensteten serviert, inklusive einem beinahe schwarzen Rotwein. Natascha und ich stiessen an. Dann endlich brach sie ihr Schweigen: «Sie sind ein Sadist, nicht wahr? Welches sind die schlimmsten Blessuren, die Sie einer Sub je zugefügt haben?» Das Vergnügen eines kleinen Mädchens, wenn es ein grosses Geschenk erhält, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Als wäre das, was sie gerade fragte, das absolut Normalste und gleichzeitig Erstrebenswerteste, was es auf Erden gibt. 

Der erste Bissen blieb mir fast im Halse stecken, so verblüfft war ich. Gleich aufs Ganze? Ein harmloser Flirt, der sich vielleicht langsam steigern würde, diese Erwartung implodierte und liess meine Schweissporen nochmals auf Hochtouren arbeiten.

Wo war Elly?

Es blieb nicht viel Zeit, ich musste antworten, und ich fing an, Risiken in der Geschwindigkeit eines Quantencomputers zu kalkulieren. Ich konnte das Elly unmöglich antun, zu spüren, wie mich eine andere Frau so urplötzlich und magisch kontrollierte. Aber sie war nicht da! 

«Nun, Natascha. Ein Gentleman schweigt und geniesst. Aber sie können sicher sein, dass die blaue Farbe rund um die bis zum Bersten geweitete, nicht der Fortpflanzung dienende Eingangspforte am Unterleib prädominant war; herrührend von einer sich über Tage in einem Hochsicherheitstrakt zutragenden Begegnung.» 

«Gut gebrüllt, Löwe!», antwortete sie frech. Miststück von einem Weib!

«Auf jeden Fall war das der Dame höchste Befriedigung bringende Körperteil nach der Verabschiedung peinlich gesäubert worden, und das ohne dass ich dafür eine Nasszelle nicht-biologischer Herkunft hätte aufsuchen müssen.» War das nun ausreichend, um Natascha wenigstens ein klein wenig von ihrem Vollgas runterzubringen?

Sie lächelte vornehm, und genoss ihre Vorspeise schweigend, ihren intensiven Blick immer wieder an mich gerichtet. Diese hellen Augen! War es nur ein Spiel, oder war es ernst? 

Auf einmal beobachtete ich, wie Natascha unter das Kleid griff, sich kurz von der Sitzfläche erhob, als müsste sie es zurechtrücken, und wieder setzte. Einer ihrer Füsse fuhr an meinem Bein entlang hoch, schliesslich legte sie ein roter Spitzenstoff auf den Tisch, direkt neben mein Rotweinglas. Sie fixierte mich weiter, ohne diesem frechen, platten Angebot auch nur ein Wort folgen zu lassen.

Das war alles nicht so geplant! Mein Körper antwortete, ohne dass ich es gewollt hätte, jagte dabei die Pulsfrequenz nach oben und begann die Steuerung über mich zu übernehmen. Verdammt! Wie konnte mich jemand so rasch in die Bredouille bringen? 

«Little Red Corvette?», fragte ich, und Natascha freute sich, da sie genau wusste, was ich damit meinte. «Sie wissen Bescheid», säuselte sie, «überlegen Sie nicht zu lange!»

In dieser Sekunde ertönte der Gong und damit die Anweisung des Fürsten, die Masken fallen zu lassen. Endlich sollte ich ihr Gesicht sehen. Doch in der Drehung meines Kopfes, um mich der Maske zu entledigen, fiel mein Augenmerk auf eine andere Frau, besser gesagt auf deren polierte Reitstiefel. Zuerst gefangen vom Anblick dieser wohlgeformten Beine, lenkte ich meine Aufmerksamkeit langsam ihrer Reiterhose entlang zu ihrem Oberkörper. Als ich schliesslich beim Gesicht angelangt war, auf das nun freie Sicht herrschte, purzelte mein Blutdruck in den Keller.

Es war Elly, und sie lächelte mit verliebtem Blick. Nur, dieser galt nicht mir, sondern dem Mann, der gegenüber an ihrem Tisch sass. Woher diese Kleidung? Wer war dieser Mann? Meine Empfindungen liefen gerade Amok und ein schmerzhaftes Ziehen durch all meine Nervenbahnen breitete sich aus wie eine fremde, dunkle Macht. 

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