Für immer auf uns

Ungläubig starrte ich auf das Stück Papier, das vor mir lag. Maya hatte sich endlich getrennt von ihrem Mann, dem Tyrannen, und sie wollte sich bei mir bedanken dafür, dass unsere dunkelbunte Affäre, unsere kleine Welt, die wir damals geteilt hatten, den Anstoss dazu gegeben hatte. 

Warum zum Teufel tat sie das nur? 

Nicht euphorisch, aber zufrieden sah sie aus auf dem beigefügten Bild, das sie zusammen mit einem neuen Begleiter an ihrer Seite zeigte. Der Partner, der ich nie sein wollte, geschweige denn sein konnte. Ich war nicht kaltherzig genug, sie nicht zu vermissen, ab und an, wider aller Vernunft. Sogar jetzt, mit dem Glas Wein zu meiner Rechten, bedauerte ich, dass wir es nicht geschafft hatten, den Sturm gemeinsam zu überstehen. Doch ihre Nachricht, das ostentative Foto und ihr formulierter Wunsch, endlich abzuschliessen offenbarten ihren inneren Kampf damit. 

Also setzte ich mich hin und begann wild zu schreiben, ohne Struktur, ohne Plan, nur mit den Empfindungen des Moments, im Wunsch, ihr diesen Schritt zu ermöglichen und steckte alles am Schluss in einen Umschlag, adressiert an sie.

«Hattest Du nie zuvor das Gefühl, dass genau dann, wenn Du was erreicht hast, am Ziel Deiner Träume angekommen bist, dass dieser Sieg sich irgendwie schal und flach anfühlt? Hingefiebert hast Du darauf, endlich Du selbst sein zu dürfen, feierst den Moment der Befreiung von Fesseln der Mühen, vielleicht, nein sogar sehr wahrscheinlich mit einem schönen Glas Wein, oder zwei. Die Welt: Endlich ist sie so, wie Du sie schon immer wolltest. Doch kaum ist der letzte Tropfen des vergorenen Saftes Deine Kehle hinunter, der Schwips etwas verblasst wie die Sonne hinter dem milchigen Herbst-Himmel, stehst Du da wie ein Stier, der aus Rage gerannt ist, geradeaus, immerzu vorwärts, und nun, ausser Puste, mitten auf der Wiese stehenbleibt und sich fragt: War es das schon? Warum bin ich eigentlich gerannt? Ist das Gras nun wirklich grüner auf der anderen Seite?

Das ist der Moment, in dem sich offenbart, wie sehr Du etwas vermisst, das Du nicht bekommen konntest, all die Jahre vor mir, und auch danach nicht. Bereits bist Du wieder in einem sicheren Hafen angekommen, in dem alles so wunderbar nach Vanille riecht. 

Doch das Wilde, das Grenzenlose, die Gier, das zauberhaft Böse: All das lässt Dich nicht in Ruhe, spätestens, wenn die letzte Betäubungswirkung des Alkohols den Weg alles Irdischen gegangen ist. Jahre gehen ins Land, und der grosse Herbst hinterlässt unerbetene Spuren auf Deiner Haut und Deiner Seele. Sie erinnern Dich an die Vergänglichkeiten unseres Daseins und an andere Spuren, auf die Du mal stolz warst, die von jemandem stammten, den Du vergöttert hast, und dessen Namen wir beide kennen, aber schon lange nicht mehr aussprechen.

Schon bald stehst Du wieder da, wo Du zu Beginn Deines Befreiungskampfes schon mal gestanden bist und Dich aufgemacht hast, zu entrinnen. Das Gebäude von damals ist eingestürzt, alle Wände wurden eingerissen. Auch wenn deren Trümmer weggeräumt sind: Die Freiheit, die Du erlangt hast, Du wolltest sie dann doch nicht und hast sie wieder aufgegeben – und gleichwohl sehnst Du Dich irgendwie nach ihr. Eine ganze Reihe von Entscheidungen, die Du in Deinem Leben getroffen hast, sehen in Deinem Rückblick nicht aus wie Trophäen, eher im Gegenteil. Das Wissen darum hat Dich in diese Arme getrieben, die Dir nun Halt geben. Aber sie erzeugen keine Fallhöhe, keine Achterbahn und kein Gefühlschaos, aus dem ein orgiastisches Feuerwerk resultiert, das keine anderen Protagonisten kennen kann ausser uns zwei. Die Amplitudenanzeige bleibt flach, wie ein ausgehauchtes Leben.

Was will ich Dir eigentlich schreiben? Der Alkohol zieht seine Bahnen in meinen Gefässen, trübt meine Sinne, aber er schärft mein Empfinden, meine Reaktion auf das, was ich von Dir gelesen habe. Ich wünsche Dir das Glück, nachdem Du Dich so verzehrt hast, aus tiefstem Herzen. Das, was wir teilten, Maya – es gehörte uns alleine. Aber es kommt nicht zurück, so sehr Du es Dir manchmal wünschst und gleichzeitig mit dem Zweihänder Deiner Nachricht an mich wie ein Ungeheuer vertreiben willst. Aber es gibt Trost: Menschen vermischen in ihrem Rückblick Reales und Fantasie, idealisieren das, was war zu einer Märchenwelt, auch ich. Das ist einer ihren grossen Schwächen und gleichzeitig ist das Wissen darum die einzige Chance, mit der Vergangenheit abzuschliessen. Das solltest Du, mit dem letzten Tropfen Wein. Wie ich. Für immer noch ein letztes Mal auf uns.

Wenn Du Dich ganz auf Dich verlässt, Deinem Unterbewusstsein gehorchst, wirst Du es finden, Dein Glück, wild und neu. Lass die Bequemlichkeit Dich nicht wieder einsperren: Sicherheit ist etwas für Anfänger, aber die Welt ist nur echt ohne Bedienungsanleitung und doppelten Boden.

Alles Gute!»

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