5.1 Polaroid (Teil 1: Geheimnisse)

Als ich die Türe öffnete, stand sie vor mir, mit einem Lächeln unter der Nase und den offenen, erwartungsvollen Augen, wie sie nur Elly besass. Ein immer wieder atemberaubender Anblick, die Magie der ersten Sekunde eines Wiedersehens. Etwas ängstlich schaute sie sich um, ob sie nicht vielleicht beobachtet worden war. Als ob man riechen oder sehen könnte, womit wir die meiste Zeit unserer Treffen zubrachten! Wie süss, diese kleine Verunsicherung in ihrem Wesen, gekleidet in einem tiefrot gemusterten Faltenrock, der ihre wohlgeformten Beine betonte und zum Lippenstift passte. Dazwischen ein schwarzes, schlichtes Top.

Es war in der Tat das erste Mal, dass ich sie zu mir eingeladen hatte, nach der langen Zeit, die wir schon miteinander unsere Achterbahnfahrt fuhren. Hatte ich Angst vor zu viel Nähe? Ja und nein. Nie zuvor hatte ich ein Lebewesen so begehrt wie sie, und mit niemandem hatte ich eine solche Intensität von Momenten durchgemacht. Sei es in Venedig mit dem Club, dessen Tischplatten auf Käfigen mit Sklavinnen und Sklaven ruhte, im Cirque Des Perversions mit dem unvergleichlichen Zeremonienmeister Gareth und seiner Frauen-Treibjagd mitsamt Jagdhorn und Häscher oder in Paris, auf dem Schloss Riveau mit dem kauzigen Fürsten und seinen perversen, in einer Aura von Luxus gehüllten Abartigkeiten: Niemand hätte das alles für möglich gehalten, und legten wir Zeugnis darüber ab, man würde uns nicht glauben.

Nein, eigentlich erschien mir eher meine bescheidene Bleibe als zu wenig ausserordentlich für uns, und wir waren nicht sicher vor der Neugier der Mitbewohner des Gebäudes. [i]«Wohlhabender Unternehmensberater missbraucht verheiratete Frau und Mutter von minderjährigen Kindern sexuell in seiner 4,5-Zimmer-Wohnung, Polizei bricht Türe auf und findet Opfer gefesselt! Nachbarin (68): Der Mann grüsste immer sehr freundlich».[/i] So etwas sah ich im Online-Newsportal, Schriftgrösse 48, bereits stehen, noch bevor Elly eintrat.

«Komm rein! Die Schuhe kannst Du übrigens…» Ellys spontanes Lachen unterbrach mich. «Ich weiss… mein süsser, alter Dom. Wie viele Jahre kennen wir uns denn schon?» Sie stolzierte direkt in den grosszügigen Wohnraum, liess sich genau in der Mitte des grossen Sofas nieder und schlug ihre Beine, die in wundervollen, schwarzen Lackpumps mündeten, übereinander. Neugierig blickte sie sich um. «Kuschelig hast Du es hier!»

Ich liess mir meinen Ärger über ihre schnippische Bemerkung nicht anmerken. «Kann ich Dir ein Glas Sekt anbieten?» Ellys breites Grinsen und die dadurch nochmals grösser wirkenden Augen verrieten ihre gute Laune und Lust, mich weiter aufzuziehen; sie überhörte meine Frage. Diese Frau war offenbar unausgelastet und hatte einen aufgestauten Bedarf, ihren Unartigkeiten ein Ventil zu geben.

«Findest Du es nicht etwas unfair, Deine Frechheiten an mir auszuleben, nur, weil Dein Göttergatte – oh, pardon, er begattet Dich ja nicht mehr – kein geeignetes Spielzeug dafür ist?», begegnete ich mit einer Spitze, von der ich wusste, dass sie schmerzen würde.

«Verdammt, Dom G. – warum musst Du immer alles gleich zerstören?», maulte sie. «Wer zerstört denn? Du Dich? Ich mich? Oder, oder wir uns?» Dann begann ich leise zu singen: „Elly, quit living in dreams…“ 

Ein lauter Seufzer machte klar, dass sie mit einer anderen Art von Reaktion meinerseits gehofft hatte. Doch ihre Enttäuschung war nicht von Dauer, stattdessen sie drehte weiter an der Eskalation. «Was ist denn los mit Dir?», fragte sie. «Hast Du Sorgen? Brauchst Du Beratung? Mutierst Du zum Switcher und willst Dich von mir spanken lassen? Mein Dömchen mit dem grossen G, dafür steht ihre Geliebte leider nicht zu Verfügung, ich muss Sie enttäuschen!»

Ihr freches Lachen, die Augen, das spielerische Dangling mit einem ihrer Pumps, einfach ihre Art, die dunklen Wolken aus dem Weg zu räumen… und ihre Fähigkeit, sich dann von der einen Sekunde zur anderen in ein unschuldiges Mädchen zu verwandeln, das um Liebe und Anerkennung bettelt: Wie oft hatten wir das Spiel schon durch! Trotzdem war es immer wieder neu, immer wieder anders, wie ein unendlicher Vergnügungspark, bei dem es hinter jeder Attraktion die nächste zu entdecken galt. 

Heute jedoch lag mir etwas auf, ein Kapitel, welches ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Das Kapitel jedoch hatte noch nicht mit mir abgeschlossen.

«Der Fürst…», begann ich, und Elly verdrehte die Augen, weil sie ahnte, was kommen würde. «Was war da wirklich?», fragte ich sie mit eindringlichem Blick. Wir hatten die Begegnung nie thematisiert, unsere aufregende Zeit auf dem Schloss und das abgekartete Spiel, das mir zuteilwurde, um mich zur Höchstform auflaufen zu lassen. Doch um Einlass in den begehrten, sehr exklusiven Zirkel in einem ländlichen Aussenbezirk von Paris zu erhalten, war mir das Versprechen abgerungen worden, Elly dem alten, an den Rollstuhl gefesselten Fürsten und Gastgeber zu überlassen, für eine oder zwei Stunden. Was konnte ein solcher Mann schon mit ihr anfangen? Gleichzeitig hatte man eine feurige, äusserst offensive Frau zum Abendessen auf mich angesetzt, um wohl zu prüfen, wie treu ich Elly sein würde. Elly selbst erschien dann etwas später, zu meinem Entsetzen mit einem weiteren Herrn zum Dinner im Saal, an einem anderen Tisch. Darüber hinaus war sie komplett anderes gekleidet als da, wo ich sie dem Fürsten überlassen hatte. Sie würdigte mich keines Blickes, sondern hatte nur Augen für diesen anderen Mann. Dieser Stachel in mir, die Wissenslücke in der Ereigniskette, kurz, diesen Schmerz: Ich wurde ihn einfach nicht los.

«Das ist es also, was Dich bedrückt.» Elly drehte den Kopf zur Seite und blickte auf den Boden. In einem Versuch, altklug alles vom Tisch zu wischen, dozierte sie: «Dom G., was in Paris geschieht, bleibt in Paris.» 

Ich hätte sie für diese Bemerkung an Ort und Stelle auf die Rückseite des Mondes schiessen können, und gleichzeitig wollte ich nichts Anderes, als sie ganz nah bei mir wissen. Was war es nur, das dieses Teufelsweib so begehrenswert machte und mich dauernd in ein Dilemma stürzte? Gedanken an diese ewigen Minuten, in denen Elly von mir getrennt war, sie füllten sich von allein mit Fantasien, sich ohne Regie laufend ausschmückend mit dem, was wohl alles passiert sein mochte. In meinem Wahn sah ich, wie sie ihm gedient hatte, weil sie es musste, da er es von ihr verlangte. Oder… hatte sie gar den Reiz von Stolz verspürt, einem körperlich eingeschränkten Menschen Lust zu verschaffen? Elly war sehr stolz, immer gewesen, was sie anfällig machte für Aktionen, die ich ihr nie gewähren, nie erlauben würde. 

All diese Befürchtungen, diese schrecklichen Szenarien hatten schon lange in mir gedreht, und jetzt, mit ihrem verhunzten Las Vegas-Zitat, begann sich mein Blut dem Siedepunkt zu nähern und brachte das Maliziöse in mir hervor. Und siehe da! Auf einmal war der Schmerz weg, dafür die unstillbare Lust auf sie. Als könnte ich durch meine sexuell-sadistischen Handlungen, das Zufügen von Schmerzen und eine Art Wegficken der Vergangenheit die Spuren verwischen, die andere Begegnungen in ihr hinterlassen hatten. 

Was für ein absurder Gedanke! Aber keine Vernunft half gegen diese Vision, die mein unstillbares Verlangen nach ihrem göttlich-teuflischen Wesen immer mehr nährte. Wie Lichtblitze aus dem Stroboskop reihten sich Bilder ihrer Misshandlung aneinander. Sekundenbruchteile zeigten eine völlig fertige Elly, über und über mit Striemen überzogen, wie sie einem Spanferkel gleich an einer Stange gefesselt über einer Glut dreht. Ihr Mund mit dem sündigen Apfel von Eva gestopft, meine zuvor hinterlassenen Körpersekrete dienen als Marinade für diesen Satansbraten, und ihre entsetzten Augen sehen mich, laut lachend und mit dem erigierten Glied des Sadisten, um Gnade flehend an.

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich mir selbst entkommen. Meine Vernunft, die Elly die Wahrheit entlocken wollte, rang mit dem bodenlosen Abgrund, der in mir wohnte und der sie am liebsten sofort überwältigt und gequält hätte. 

«Wir werden nie nach Riveau zurückkehren, Elly. Ob Du mir, Deinem Herrn gegenüber, darüber berichtest oder nicht, kann dort keine Wirkung entfalten, nur hier. Sei Dir dessen bewusst!» 

Elly wich weiter meinem Blick aus. Ihr Schweigen erzeugte eine beinahe unerträgliche Spannung, aber ich musste die Stille aushalten, sie sollte auf dem Grill sein, nicht ich, auch wenn ich innerlich fast verbrannte dabei.

Dann nahm sie ihre Beine voneinander, spreizte sie, kippte ihre Füsse leicht nach Aussen, um der Pracht ihrer Vulva die grösstmögliche Bühne zu bereiten. Dass der ganze Venushügel glitzerte, erzeugte bei ihr keine Scham mehr. Jetzt blickte sie wieder zu mir, auffordernd, mit dem Verlangen, dieser inneren Triebfeder, die bis zum Anschlag gespannt gewesen sein musste. Aber sie sprach kein Wort.

«Du verdammte Schlampe!», brach es aus mir heraus. «Deine Provokationen, Deine Ablenkungsversuche, immer und immer wieder!»

Sie lächelte, aber ich konnte es unmöglich zulassen, ihr diesen Triumph zu gewähren. Mit einem «Leck mich am Arsch»-Gesicht nahm ich auf dem Lederfauteuil ihr gegenüber Platz, fixierte sie und wartete weiter auf eine Erläuterung zu den Ereignissen in Paris.

«Dom G., wenn das heute nichts wird mit uns…», maulte sie, schlug ihre Beine wieder übereinander und atmete demonstrativ laut aus. Ihr Stolz verhielt sich wie ein fein ziseliertes Uhrwerk, eine bestimmte Logik. Und genau diese Mechanik beabsichtigte ich ausschalten. Elly sollte nur noch das Sub-Wesen sein, mein Sub-Wesen, ein Bündel aus Empfindungen, überwältigt vom Guten und Bösen, alles gleichzeitig. 

Dann endlich sprach sie. «Er wollte an meine Brüste. Ich kniete vor ihm und liess ihn sie berühren. Fertig.»

Keinesfalls konnte das die ganze Wahrheit sein, nein. Sie hatte diese Offensichtlichkeit durch die dürftige Schilderung gleich selbst auf dem Teller präsentiert. «Und dafür musstest Du Dich entblössen, nicht wahr? Wie sonst hättest Du gänzlich neu gekleidet beim Abendessen erscheinen können?»

Elly deutete mit ihren dunklen, grossen Pupillen auf die bereitgestellten Sektgläser. «Wolltest Du mir nicht etwas anbieten?» Etwas gequält wirkte ihr Augenausdruck auf einmal; sie verlangte nach etwas, was sie wohl leichter reden lassen würde. Da war er also, der letzte Beweis, dass mit der Erklärung vorhin nur an der Oberfläche gekratzt hatte. 

Bald tanzten die Perlen aus Kohlesäure in unseren Gläsern, wir stiessen an, «Auf uns!», wie üblich, aber nicht so euphorisch, unter dem Eindruck der Schwere des Moments, dessen Ausgang wir beide nicht kannten.

«Er wollte mich lecken.» 

Ich riss meine Augen auf. «Und?»

«Was zum Teufel hätte ich tun sollen, allein diesem Monster ausgeliefert, DU hattest mich ausgeliefert, Dom G.!», klagte sie vorwurfsvoll. «Fremdbenutzung, die Du immer ausgeschlossen hattest, Du Arsch, nun wird die Rechnung dafür präsentiert! Alles war immer nur so lange geil, als ich es mit anderen Frauen trieb, aber Männer waren tabu, Du eifersüchtiger Choleriker! Und jetzt das, ein verkappter, behinderter Lustmolch, dem Du mich überlassen hast, ohne Fluchtmöglichkeit und wohl in der Illusion, er könnte Dir nicht gefährlich werden.»

Ihre Empörung war zu aufgesetzt, als ich ihr sie hätte abnehmen können. Eher deutete ich sie als einen künstlichen Schutzwall für Dinge, die noch immer vor mir verborgen gehalten werden sollten. 

Doch nicht mit mir!

Mit einer weit ausholenden Armbewegung riss ich ihr das Sektglas, aus dem sie gerade den ersten Schluck genommen hatte, aus der Hand und schmetterte es gegen die Wand, wo es krachend in tausend Teile zersplitterte. Elly erbleichte. Mir war es ernst. Todernst.

«Fertig mit der Schauspielerei, Elly. Raus mit der ganzen Wahrheit!»

Wie in Trance, aber mit zitternden Händen, öffnete sie zu meiner Überraschung ihre Handtasche und kramte eine Serie von 8 Polaroid-Fotos hervor und legte sie wie bei einem Rommé-Spiel auf den Tisch. Ob es die Tatsache war, dass es diese Aufnahmen gab, dass sie sie offenbar immer dabeihatte oder ob es das war, was darauf zu sehen war: Ich weiss nicht, was davon mich am meisten verstörte; jedoch waren wenige Sekunden des Anblicks genug, um meinen Blutdruck auf Talfahrt zu schicken und mich in meinen Fauteuil zurücksinken zu lassen.

(Fortsetzung folgt)

Mehr von Elly? Das erste Buch gibt es noch – sowohl als eBook und noch wirklich ganz wenige Exemplare gedruckt

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