5.4 Polariod (Teil 4: Wo Rauch ist…)

Von allen Polaroid-Bildern hatte ich vom letzten, der Nummer 8, keine wirkliche Ahnung, was darauf zu sehen sein würde. Die sieben anderen hatten schon ausgereicht, mich in diesen entsetzlichen Zustand aus Verunsicherung und rasender Eifersucht zu bringen. Nach Ellys Show vor mir hatte ich erst recht keine Lust mehr, es anzusehen; für meinen Geschmack hatte ich genug gebüsst – und sie auch. Aber dennoch: Ich musste es doch tun. Würde ich nicht, könnte ich nie Ruhe finden, die Ungewissheit würde an mir nagen und mir den Schlaf rauben.

Die Aufnahme löst eine weitere Welle Adrenalin aus, die sich explosionsartig in meinem Leib ausbreitete. Sie zeigte einen Bildschirm, auf dem zwei um sich werbende Zungen zu sehen waren. Es waren jedoch nicht die Zungen von Elly und dem Fürsten oder Jean-Pierre, sondern, eindeutig erkennbar, mein Mund und derjenige von Natascha! Ellys prüfende Mimik verriet, dass sie genau Bescheid wusste.

«Das…», stammelte ich, völlig von der Rolle, «… das kann gar nicht sein! Ich habe Natascha nie geküsst!». Elly nutzte die Gunst der Sekunden und inszenierte sich wie eine Staatsanwältin: «Mit Verlaub, wieso sollte ich Dir das glauben? Scheint, als hättest auch Du Deinen Spass gehabt, Herr von und zu G.! War Küssen nicht gerade von Ihnen als ‘viel intimer’ im Vergleich mit sonstigen sexuellen Handlungen bezeichnet worden?» 

Verzweifelt suchte ich nach Erklärungen, die so logisch und klar klingen würden, dass sie selbst Elly nicht in Zweifel ziehen könnte. Doch wie ich es drehte und wendete: Alles, was mir in den Sinn kam, schien absurd. Sie derweil genoss den Moment der Genugtuung, sog jede Sekunde auf, die ich benötigte, um wieder meine Fassung zurückzuerlangen und Worte zu finden für das, was mich plötzlich sogar an mir selbst zweifeln liess. Grotesk, Schizophren… alles Ausdrücke, mit denen ich gerne andere titulierte, den Fürsten zuallererst. Trafen sie aber am Ende auf mich zu?

Das auf einmal losgelassene, schallende Gelächter von Elly holte mich aus dem Dschungel der Selbstzweifel. Verwirrt starrte ich sie an. «Mein Herr, ich bitte um Erlaubnis, mich frisch zu machen.» Ohne meine Antwort abzuwarten, geschweige denn eine Erklärung für ihr Gelächter abzugeben, erhob sie sich und entschwand ins Bad und verriegelte die Türe hinter sich.

«Elly!!! Was wird hier gespielt?» Ich polterte an die Türe. «Was ist das wieder für eine abgefuckte Scheisse?» Ausser mir war ich, ruderte in diesem unerträglichen Gefühl, dass mir meine Sub gerade fürchterlich auf der Nase herumtanzte. 

Das Wasser plätscherte. Elly ignorierte mich.

Um meiner Wut ein Ventil zu geben, griff ich hektisch nach sämtlichen Polaroid-Aufnahmen, sammelte die Pumps von Elly ein, öffnete den Schwedenofen und warf alles den züngelnden Flammen zum Frass vor. Verbrennen wollte ich den Ärger, mich befreien aus diesem Albtraum. 

Ich knallte die Ofentüren zu und nahm in meinem Büro einen teuren Whisky aus dem Büchergestell, trank einen grossen Schluck davon, sank in den Schreibtischsessel und liess den Alkohol die Anspannungen meines Körpers lösen. Verzweifelt überlegte ich mir, wie wir beide wieder aus diesem Sumpf rauskommen würden. 

Eine geschlagene halbe Stunde später öffnete sich die Badzimmertüre wieder, und am Rahmen angelehnt präsentierte sich Elly elegant und verführerisch frisch, als wäre nichts gewesen. «Manchmal ist im heutigen, digitalen Zeitalter nicht alles so, wie es auf den ersten oder zweiten Blick scheint – selbst auf Polaroid nicht, oder vielleicht besonders dort nicht. Denken Sie, mein Herr, nicht, dass wir beide mit dieser Erkenntnis gut leben können?»

Sie näherte sich mir betont langsam. Ihre Hüfte wippte hypnotisierend, ihre ganze Wärme, die sie wie eine sie umgebende Aura trug, erfasste mich noch bevor wir uns berührten. Sie streckte mir ihre Hand hin; wie ein Gentleman küsste ich ihren Handrücken. Dieses nackte Wunderwesen, ich betete es innerlich immer an, egal welchen Groll ich gerade gegen sie hegen mochte. In sinnlicher Zeitlupe öffnete sie mein Hemd, Knopf für Knopf, liebkoste meine Brust, meinen Bauch, schälte meine Hose von meinen Beinen, bis alles frei war und sie meine intimste Stelle verwöhnen konnte. Als wäre es ein heiliger Akt, liess ich sie ihr Werk tun, ihre wundervolle Kunst der Liebe.

Die Gedanken an alles zuvor waren ausgeblendet. Nach nichts sehnte ich mich mehr als ihre unbedingte Erotik, und diese gab sie mir bedingungslos; als wäre es die Rückkehr aus einer Halluzination kam ich wieder zu Kräften und wurde wieder der, der ich wirklich sein wollte: Der unbedingte Sadist, ihr Herr, der die Zügel in die Hand nahm, streng, aber ohne Wut. Elly hatte mich wieder zurückgebracht in unser Spiel. 

«Du bist und bleibst ein Satansbraten. Um einen Braten mit seinem rosa Fleisch im Innern aber richtig geniessen zu können, braucht es noch ein paar Zutaten. Und die finden wir selbstredend in der Küche. Komm mit!» 

Die Art und Weise, wie Elly eine wunderbare Harmonie von Skepsis und Lust in ihrem Gesicht ausdrückte: Wie gerne hätte ich sie eingefroren, um sie in einsamen Zeiten wie edelste, schwarze Schokolade, immer nur ein kleines Stück und ganz langsam zu geniessen. Über die Kochinsel, mitten über die Keramik-Herdplatten sollte sie liegen, die Beine breit auseinander. Eine Serviette, die ich um ihren Kopf band, nahm ihr den Sehsinn, ihre Hände befestigte ich mit Hanfseilen an den Griffen der Schränke auf der Aussenseite. Doch etwas gefiel mir noch nicht: Ihre Füsse waren nackt, die Schuhe verbrannt. Also holte ich ein Geschenk, das schon länger auf den richtigen Moment gewartet hatte. Er gekommen: High Heels mit abschliessbaren Fesselriemen. Ich zog sie ihr über ihre Füsse, was sie mit einem fragenden Laut quittierte. Die Schlösser, die je einen Karabiner und daran ein Kettchen mit einbezogen, schnappten zu. Auf diese Weise waren Ellys Fussknöchel mit der grossen untersten Schublade der Kochinsel verbunden. 

«Nun werde ich Dir einheizen.» Ich stellte die beiden Heizelemente, die genau unter den Brüsten von Elly lagen, auf unterster Stufe ein. «Um Himmels Willen, mein Herr!», rief Elly, als sie die aufkommende Wärme bemerkte. «Ein Satansbraten, der nach dem Himmel ruft?», lachte ich, nahm einen Pfannenwender und begann Ellys Arsch zu versohlen. Sie war herrlich empfänglich geworden für diese Behandlung, bald tauschte ich das Utensil gegen einen Grillwender, der weniger Luftwiderstand bot. Doch Elly nahm alles an, sie verinnerlichte den Schmerz und polte ihn zu reiner Lust um. Ich stellte den Herd auf Stufe zwei und steckte einen schmalen Kochlöffel in Ellys Arsch und begann, langsam darin zu rühren. Wie empört sie klang, meine Lieblingsgöre. «Ach, das gefällt nicht?» fragte ich unschuldig, liess den Löffel stecken und zog an ihren Schamlippen, immer stärker. Ellys Lustklagen wurden immer lauter. Ihre Bemühungen, ihren Oberköper aufzurichten, um die Brüste von der ansteigenden Unterhitze zu befreien scheiterten, denn das hätte noch mehr Zug und damit Qual in ihrem Schritt bedeutet. 

Ich schaltete den Herd zwar ab, drückte ihren Brustkorb jedoch nochmals auf die warmen Bereiche der Keramik und nahm sie von hinten, zuerst in ihre feuchte Grotte, dann in den Hintereingang. Was für eine Erlösung.

Aus weiter Ferne hörte ich das Martinshorn, nein, eigentlich waren es mehrere… doch ich ignorierte den Lärm und fickte weiter den herrlichen Arsch meiner Sub, immer und immer wieder bohrte ich mich in sie hinein, bis mein ganzes Fleisch tief in ihr war. Schliesslich driftete mein Bewusstsein in eine eigene Sphäre weg, fern ab eines Zeit- oder Ortempfindens. Der letzte Anker der Realität um mich herum riss sich los, und Millionen von Sinneszellen erzeugten einen wohlorchestrierten Orgasmus, der Elly innerlich erneut als die Meine markierte.

Heftiges Klingeln, begleitet durch lautes Klopfen an meiner Haustüre, rissen mich zurück in das Hier und Jetzt.

Was verdammt konnte so dringend sein? Elly, selbst noch im Rausch, lag regungslos über der Kochinsel und schien nichts von der Störung mitzukriegen. 

Wankend holte ich eine Trainerhose aus dem Schlafzimmer, hüpfte auf einem Bein, um sie anzuziehen und öffnete danach die Haustüre, vor der sich eine Crew des Grauens versammelt hatte: Feuerwehrmänner in Vollmontur, begleitet von Polizisten im Hintergrund und Nachbarn auf der Treppe. Wortlos schubste mich die Feuerwehr zur Seite, beseelt von einer offenbar wichtigen Mission, blieben dann aber auf der Höhe des Küchenbereichs völlig verdattert stehen, weil sie die dort gefesselte Elly erblickten. 

«Na toll, die Schlagzeile ist mir sicher!», dachte ich für mich und schloss meine Augen, beseelt vom kindlichen Wunsch, dadurch ganz einfach nicht mehr anwesend zu sein. 

Funktionierte nicht.

Der Kommandant drehte sich um zu mir und dozierte vorwurfsvoll. «Der Rauch… er kommt aus Ihrer Wohnung!» In der Folge richtete die ganze Schar unerbetener Gäste ihre Aufmerksamkeit auf den Schwedenofen. Die brennenden Schuhe und Polaroid-Aufnahmen mussten wohl einen giftigen, schwarzen Rauch erzeugt haben, der über das Ofenrohr nach Aussen gelangt war. Die verängstigte Nachbarin, die sinnigerweise auf ihrem Balkon geraucht hatte, hatte offenbar Alarm geschlagen und das Aufgebot, das nun etwas verloren in meinem Wohnraum stand, verursacht. 

Scheisse.

Der eine Feuerwehrmann, scheinbar auf der Suche nach einem Sinn für seine Anwesenheit, nahm den mitgeschleppten Feuerlöscher, öffnete den Schwedenofen und erstickte die letzten Flammen mit Schaum. Die Polizei derweil war schon wieder auf dem Rückzug, und nach einem skeptischen Blick des Kommandanten zuerst auf den subalternen Kollegen, dann auf mich, steuerte auch er mit seiner Truppe wieder den Ausgang an, nicht ohne noch verstohlen noch ein Aug voll von Elly zu nehmen. Durch forciertes zudrücken der Haustüre konnte ich gerade noch verhindern, dass die Verursacherin des Schlamassels, meine überaus neugierige Nachbarin, ebenfalls Zeugin von Ellys Situation werden konnte.

Elly, die das Ganze nur blind mitbekommen hatte, bebte vor Lachen. Trotz der riesigen Sauerei, die der Einsatz verursacht hatte, stimmte ich in ihr Gelächter ein und löste die Fixierungen an ihr. Welch groteske Szene das gerade gewesen war! 

Gemeinsam torkelten wir ins Schlafgemach und küssten uns für eine gefühlte Ewigkeit. Alles war gut.

Fast. 

Was war nun aus der ganzen Fürstenstory wirklich real gewesen, und was nicht? Elly spürte mich genau und legte ihren Zeigfinger auf meinen Mund, als wollte sie verhindern, dass ich die Frage ausspreche. Diese Hexe, dieses Stück! Aber sie hatte recht. Es zählte nur der Moment, die Zeiten, die wir gemeinsam verbringen durften. 

«Die Zeit verfliegt, ich muss langsam ans Aufbrechen denken.» Trauer mischte sich in die zuvor noch so heitere Laune. Nun realisierte sie, dass die High Heels mit den Schlösschen nicht einfach so von ihren Füssen zu entfernen waren. «Wie stellt sich der Herr vor, dass ich zuhause das schöne, neue Schuhwerk entferne?», fragte sie.

«Gar nicht!», antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, um Zweifel an der Ernsthaftigkeit meiner Aussage gar nicht erst aufkommen zu lassen. «Gar nicht? Aber, mein Mann…» 

«Es ist Deine Herausforderung, meine Elly. Irgendwann musst Du sie angehen. Denk an Venedig, an Paris und all die anderen Orte, an denen Du Dich heimlich mit mir herumgetrieben hast – es kann nicht ewig gut gehen. Ich denke wirklich, es ist Zeit, das Versteckspiel zu beenden. Unser Kartenhaus wäre heute fast abgebrannt»

Wir blickten uns minutenlang tief in die Augen. Das Prickelnde, das Neue, das Heimliche – es war zum Gefängnis geworden für uns. Ein schwerer Seufzer später war diese Erkenntnis auch bei ihr gereift. Sie nickte. 

Ohne weitere Worte zu verlieren, machte sie sich im Bad wieder frisch, kleidete sich an, liebevoll beäugt von mir. Am Ende packte sie ihre Sachen und stöckelte zur Haustüre, ohne zu wissen, wann sie von ihrem neuen Schuhwerk befreit würde. «Sie haben Recht, Dom G. Ich packe es an – selbst wenn alles dabei einstürzt.»

Wir verabschiedeten uns mit einem langen Kuss. Ich hoffte sehr, es würde nicht der letzte sein.


Damit endet die Geschichte von Elly und Dom G. Das erste Buch gibt es nach wie vor hier zu erwerben, als eBook und noch wenige gedruckte Exemplare.

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