An der Tanke

Das Rattern der Tanksäulenpumpe martert meinen frühmorgendlich geprägten Dämmerzustand, der gerade dazu ausgereicht hat, den in schwarzes Blech gehüllten Dieselmotor hierher zu bewegen. Es fröstelt mich, und ich nehme einen Anlauf, mich von der Einöde des Alltags abzulenken. Die Zapfpistole fügt sich perfekt in die Öffnung des Einfüllstutzens, obwohl sie gar nicht feucht ist. 

Sie klafft weit offen.

Die Geräuschkulisse um mich herum ist auf einmal wie in Watte, meine Aufmerksamkeit driftet weg, ich spüre, wie ich in meine eigene Raumzeit eintrete.

Das Bild ihres Einfüllstutzen, einer von dreien, die ich für meinen Zapfhahn beansprucht hatte, erhebt sich wie ein Crescendo aus dieser wohlig wattierten Wahrnehmung. Ihre endlosen, serengeti-wilden Augen leuchten auf und wärmen mich. Nicht lange ist es her, aber doch schon viel zu lange.

Ihr Lächeln spitzte zu, was über ihre kussbedingt gut durchbluteten Lippen kam: «Bin ich jetzt Dein Miststück?» fragte sie frech. Warum zur Hölle konnte ich meinen verliebten Gefühlen ob dieser mädchenhaften Direktheit nie ausweichen? «Noch viel mehr als das, Du schmutziges Flittchen.» war meine Antwort im Bemühen, hart zu bleiben, die Contenance nicht zu verlieren, im Kräftemessen mit dem Wirbelsturm meiner Empfindungen.

Was für eine traumhafte Sequenz des ineinander Seins im Halbdunkel es war, gewürzt mit einer Prise chilihafter Unverschämtheit. Domination und Submission, die wie Nut und Feder aufeinanderpassten. Wobei, genau genommen, waren sie passend gemacht worden: Ich hatte dieses junge Mädchen, welches gerade nichts anhatte ausser ihre geilen, ausgetretenen Strassenpumps, zuvor doch etwas nötigen, nein, eher zwingen müssen. Unter uns Pfarrerstöchtern gesprochen, die Spreizstange und die Fesselungen hatten nicht nur deutlichen Protest hervorgerufen, sie waren auch eine beruhigende Befriedigung der in mir innewohnenden Bosheit. Doch wie ein Vater hatte ich ihr mitleidig und geduldig erklärt, dass ihr Widerwille weder angebracht sei, noch je eine Verhaltensänderung meinerseits bewirken könnte. Eher noch, so mies und gleichzeitig gütig, wie ich sie gerade behandle, genau so hätte sie es sich doch immer gewünscht.

Ein verschämter Blick zwischen ihren blonden Strähnen durch war das Siegel der Bestätigung, die sie niemals freiwillig aussprechen würde. Sie, heiss und weich wie das Wachs der um uns herum brennenden Kerzen, befand sich in einer wundervoll erwartungsvollen Agonie und triggerte meine Sinne wie nichts zwischen Andromeda und der Milchstrasse. Die Schweissperlen, die die Reste der teuer erstandenen Frisur auf ihrer Stirn festklebten und damit die Perspektive auf mich künstlich verengten, traten im Gleichschritt mit gewissen anderen, milchigen Sekreten aus den Poren ihres Fleisches. Es war diese Feuchte, die mich dazu verleitete, sie ganz kurz den Himmel meiner Mitte spüren zu lassen. 

Unter süsser Empörung liess ich doch wieder davon ab; im Gegenzug inszenierte ich den Kontrast meiner zupackenden, maliziösen und gleichzeitig engelhaften Zuneigung. Erst, nachdem ich sie mit Hand und geflochtenem Leder geläutert hatte von den Sünden, die sie begangen hatte, gönnte ich ihr die Lust, die ihre Bemerkung, ihren Wunsch, nur noch mein Fickstück zu sein, so offen zutage gefördert hatte, als wäre sie nur dafür geschaffen.

Scheiss Konjunktiv: Sie war es. 

Der flüssige Beweis meiner überwältigenden Gier nach ihr, dieses zauberhafte Mittel der Verbindung zwischen uns, er pumpte in Wellen in sie hinein. Und dann, ja genau in diesem Moment zerstörte dieses Frechweib den Zauber der orgiastischen Schwinungen meiner Lust, indem sie fragte, ob denn jetzt schon fertig sei?

Die Pumpe stellt ab, das Knacken des Verschlusses hat das Ende signalisiert, der Tank ist voll, ich bin wieder da, im hier und leider auch jetzt. Die Zapfpistole muss zurück an die Säule, wo zwei weitere davon hängen. Drei sind es. Warum, denke ich mir, ja warum ist mir das noch nie aufgefallen? Drei Einfüllstutzen benötigten drei Hähne! 

Zweifelsohne wird mich dieser Gedanke heute eine Weile begleiten, sich drehen, winden und zu einem Vorhaben verdichten, denke ich, als ich mich zur Kasse aufmache. Ja, auch der Zahltag dafür wird kommen. Bestimmt.

Switch Bitch

«Zeitenwende» dachte ich, als ich auf meinem Weg nach Hause dem Waldrand entlanglief und meinen Blick über die Stadt streifen liess, über deren Dächer zu wohnen ich das Privileg hatte. Was sich wohl in all den Häusern gerade abspielen mochte? Sicher nicht das, was mir soeben widerfahren war. «Ich glaube, es wird ganz viel auf tiefem Niveau rumgevögelt» war die Einschätzung eines guten Freundes von mir, und seine Erkenntnis ist bei mir haften geblieben wie alle Bonmots, die meinen kunterbunten Lebensweg pflastern. Doch für das heutige, überraschende Ereignis, dafür gab es keines.

Vereinbart war ein Treffen mit zwei weiblichen Wesen, vielmehr, echten Frauen mitsamt ihrer devoten Sehnsucht nach der Lava menschlicher Abgründe, einer Klaviatur in Moll, die ich ganz gut beherrschte. Eva, die reifere Sub meines Herzens, und Noëmi, die deutlich jüngere Flugbegleiterin, waren schon einige Zeit ein perfekt reguliertes Gesamtkunstwerk der schwarzen Erotik; schwarz in allen Farben.

Doch der Abend in unserem privaten Kerker verlief etwas unerwartet. Angefangen hatte es damit, dass Noëmi nicht mit den klassischen Stiefeln mit hohen Absätzen aufkreuzte, sondern mit Gothic-Style Thigh Highs. «Sündhaft teuer! Von Fernando!» unterstrich sie den Wunsch nach Aufmerksamkeit. Ich war überrascht, für diese zierliche Person war das einerseits ganz schön mutig, aber vor allem eines, und das mir gegenüber: Frech. Eva lachte verschmitzt, wusste sie doch um meine Vorliebe für das klassisch Weibliche. Lara Croft hatte für mich schon immer den Sex-Appeal eines verschwitzten Bauleiters.

«Mit diesem Leder kannst Du bei einem Gamer oder Nerd auftauchen, aber nicht mit mir!» massregelte ich sie, doch Noëmi lächelte nur süffisant; ihre Augenbrauen formten ihre Mimik in eine des überheblichen Mitleids, als wollte sie sagen «Ach, Du kleiner süsser, leicht reizbarer Dom.»

Unmöglich konnte ich das auf mir sitzen lassen, und das wusste sie nicht nur, es war Teil ihres Kalküls. Brat! Doch so einfach liess ich mich nicht zur Marionette ihrer Lust machen. Meine Gedanken begannen zu kreisen und sannen nach einer neuen Form von Rache; meine Retourkutsche musste unerwartet sein, durfte ihr der Provokation zugrunde liegendes Verlangen nicht bedienen. Und siehe da: Spontan erinnerte ich mich an eine für meine Zwecke dienliche Unterhaltung, die wir zu Dritt bei einem Glas Weisswein hatten, nach einer der ersten gemeinsamen Sessions.

Die Bedienung des kleinen Lokals mitten in der Zürcher Altstadt wollte uns unbedingt einen Sitzplatz zuweisen, doch wir blieben an einem Stehtisch und reduzierten, sehr zum Ärger des vorbeifliessenden Stroms an Ausgehenden, den Durchsatz dieser Gasse. Doch weder die Bar, noch die Passanten konnten wissen, warum Sitzen in diesem Moment keine Option war.

«Ein Switcher? Das wäre das Schlimmste! Nie könnte ich einem Dom dienen, würde ich ihn auch nur eine Sekunde vor einer Frau knien sehen; noch nicht mal den Müll rausbringend dürfte er. Geheiligt sei die männliche Dominanz!» 

Noëmis Äusserung war so laut, dass beinahe das ganze Niederdorf sie mitbekam. Mein «Pssst!» in der Absicht, die Situation etwas zu entschärfen, war allerdings fast so laut, was mir ein brüllendes Lachen von Eva eintrug. Mit um 69% der Dezibel reduzierten Lautstärke fuhr ich fort: «Was ist an Switchern denn so schlimm? Man hat das mit einer angeblich verstecken Devotion an mir mal in jungen Jahren ausprobiert und es bedurfte keines weiteren Beweises, dass meine Lust daran unter dem Gefrierpunkt liegt. Aber warum man jetzt jemandem deswegen die Männlichkeit absprechen würde, das will sich mir partout nicht erschliessen.»

Noëmi fühlte sich sichtlich provoziert: «Du hast ja keine Ahnung!» Indem sie temperamentvoll mit dem Fuss laut aufstampfte, wollte sie ihre Rechthaberei untermalen, was ihr jedoch gründlich misslang; gleich darauf verzog sie ihr Gesicht wie nach dem Biss in eine Zitrone, denn durch diese Aktion brachte sie gewisse Körperteile in Schwingung und damit die sprichwörtlichen Nachwehen der Session zuvor zurück in ihr Bewusstsein. Damit hatte sich die Diskussion auch irgendwie erledigt. Aber jetzt kam die Erinnerung gerade recht, liess mich den Plan schmieden, den ich dringend benötigte. Als sich alles in meinem Kopf perfekt zusammenfügt hatte, jubilierte ich innerlich. 

Nach dem traditionellen Gläschen Sekt zur Eröffnung unserer Session versanken wir sehr bald in einem wilden Geknutsche. Drei Zungenspitzen, die wirbelnd und nur vom Moment getrieben umeinander Werben, sechs Hände, deren variantenreichen Berührungen unsere Sinne in ein Nirvana katapultieren: Was für ein wohliges, intensives Erlebnis! Mit zunehmendem Genuss passierte automatisch das, was immer ab einem gewissen Punkt geschieht: Der Hebel wird umgelegt; der Hebel, der die dunkle Seite in mir weckt. Vergleichbar mit der Wirkung des Bisses in eine Chilischote, herrscht zunächst das würzige und lieblichem Aroma in perfekter Harmonie vor; doch urplötzlich breitet sich eine Schärfe, eine ungestüme Macht im Körper aus, einem unlöschbaren Feuer gleich, welches alles weibliche zu verschlingen droht, das sich in der Gefahrenzone aufhält. Das Zentrum für romantische Gefühle ist ausser Gefecht. Was dann folgt, sind eindringliche Ultimaten und Handgreiflichkeiten der dunkeldreisten Art.

Harte Szenen waren es, die folgten. Eva mit Zwangsjacke auf dem Boden, während meines Fistings durch den Mundschlitz ihrer Latexmaske die kauernde Noëmi an ihren klatschnassen, wohlduftenden Labien und der Perle leckend; ein Deepthroat-Reigen mit zwei auf Knien aufgereihten, darum bettelnden Subs vor mir – jede wollte die erste sein und neidete der anderen jede Träne, jedes Würgen; das Einreiben der Brüste von Noëmi mit einem Cocktail aus bunten Reissnägeln; Wachs, viel Wachs, auf beiden Körpern und dort den empfindsamsten Zentren der Lust; die sausende Gerte, deren enge Musterung auf Evas Arsch durch die späteren Spuren des Rohrstocks ergänzt wurden.

Beide litten sie auf wohlige Weise, die beiden Flittchen, lediglich unterbrochen durch kurze Einlagen ihrer Bi-Leidenschaft, um den Herrn noch etwas mehr zu triezen. Was für ein höchst exklusives Spektakel, eines, das wie seidenfeines Öl ganz tief in mich hinein floss und mir gab, was nichts und niemand sonst konnte.

Für Noëmis Auspeitschung hatte ich ihre Handgelenke an der Stange und dem Seilzug befestigt, der zur Decke führte und sie nur noch halb auf ihren Fussballen stehen liess. Nackt und frei für mich, bis auf ihr unflätiges Schuhwerk. Die Bullwhip tanzte auf ihrem Po, während Eva an Noëmis Nippeln zog und sie dabei intensiv küsste; die effektivste Schalldämpfung für die Laute ihres Lustschmerzes. 

Kurz vor dem Ende war der Moment gekommen, der Situation einen anderen Dreh zu geben und meine Boshaftigkeit auf ganz andere Weise zu zeigen. Die Instrumente zur Seite gelegt, begann ich das, was Noëmi bislang nie erlebt hatte, ja, etwas, was sie vielleicht sogar fürchtete: Rimming durch den Dom. Ich zerrte ihre Pobacken auseinander und versank tief in der Furche, dort, wo sie mich noch nie zuvor gespürt hatte. Oh, wie unpassend Noëmi das fand! In einem verzweifelten Akt, durch Zuckungen ihres Körpers, bemühte sie sich, sich zu befreien und zu wehren, aber aufgrund ihrer Hängeposition war das Unterfangen schlicht aussichtslos. Eva, die unterdessen auf einem Thron aus Samt und Goldornamenten Platz genommen hatte, beobachtete die angewiderten Gesichtsausdrücke von Noëmi mit diebischem Vergnügen. 

Ich führte das Spiel mit Noëmis Rosette noch einen Moment lang weiter, welches sie unfreiwillig mit Lauten der Ablehnung dekorierte. Doch das war noch nicht alles. Bald darauf widmete ich mich den Stiefeln von Eva. Sie kannte mich und sie konnte meine Absichten lesen wie kaum eine andere Sub vor ihr; entsprechend war die Rolle, die ihr zugedacht hatte, auch ohne Worte klar. Theatralisch sank ich vor ihrem Thron auf die Knie und begann, das glatte Leder zu küssen, immer schön im Blickfeld von Noëmi. Von Schaft bis Knöchel überzog ich die Objekte meiner Begierde, meines Fetisch, mit Zuneigung und Streicheleinheiten.

Der entsetzte Blick der Flugbegleiterin war schon da unbezahlbar, steigerte sich aber noch weiter in einen beinahe komatösen Zustand, als ich die beiden Reissverschlüsse langsam öffnete, um die Mixtur aus Leder- und Fussduft der angebeteten Sub zu inhalieren. «Du… Du…!!!» spie Noëmi wie eine Hexe auf dem Scheiterhaufen, währenddem ich innerlich meinen Triumph, meine Rache feierte. Dann liess die Stiefel fallen, küsste Eva leidenschaftlich lange und wandte mich danach Noëmi zu, mit ernstem Blick. 

«Du wolltest sagen, ich sei ein Switcher, richtig?» Sie, unfähig, irgendetwas Interpretierbares zu artikulieren, nickte leicht. Meine Ohrfeige folgte rasch und sass. «Die hier, die ist für Dein Denken in Schubladen.» Dann fasste ich in ihren nach wie vor nassen Schritt und bohrte zwei Finger tief sie hinein, so grob, dass sie aufmuckte. «Und das, meine Liebe, ist dafür, dass Du mich mit Deinen Combat Stiefeln provozieren wolltest.» 

Meine Reibung zwischen ihren Beinen war druckvoll und am Rande des Schmerzes. Doch die Vulva schmatzte laut, bis Noëmi, kurz vor ihrem Ziel, mit dem Squirten begann und wimmerte: «Darf ich…?» Doch exakt in diesem kurzen Moment, bevor sie wirklich kam, zog ich meine Hand aus ihr, verweigerte ihr den Höhepunkt und liess sie zurück, mit den Tropfen ihrer Flüssigkeiten auf ihren Beinen und sündhaft teuren Stiefeln. «Du darfst wieder kommen, wenn Du anständig gekleidet bist. Du weisst, was ich meine.»

Mit ausgestreckter Hand hob ich Eva aus ihrem Sessel und führte sie auf das bereitstehende Bett, gemacht für die innigste Liebe, die wir uns geben konnten; alles unter den Augen unserer neidischen, gedemütigten Gespielin. Leidenschaftlich, wie auf Mass füreinander erschaffen, verschmolzen unsere Körper in allen möglichen Positionen; geweitet war sie, bereit, gefiel sich in der Rolle der begehrten Frau, die dem jungen Ding zeigen kann, wie sehr sie geliebt wird. Offen wie eine ausgebreitete Landkarte, deren Verläufe und Sehenswürdigkeiten ich schon so gut kannte, genoss ich die kostbaren Minuten. Tief in ihren Augen versank ich, tief in ihr versenkte ich, was ich ihr geben konnte.

Ohne Zweifel, es war ein Frust für Noëmi, eine Form des Sadismus, mit der sie nicht gerechnet hatte. Und gleichzeitig empfand sie eine tiefe Befriedigung, weil sie genau das, diese schlechte Behandlung brauchte. Und, wie sich bald herausstellte, noch mehr. Es machte sie glücklich – viel glücklicher, als sie sich gegenüber je hätte zugeben wollen. Doch zwei Stunden später, geduscht, wieder hergerichtet und bereit für den Abschied, verriet sie es, schüchtern und schamerfüllt: «Würdest Du das mit Stiefeln auch bei mir mal tun…? Und das Rimming auch nochmals? Ich fand es irgendwie… geil.» 

«Aber ja, Herrin! Fickst Du mich dann auch in meinen Dom-Arsch, kleine Switch Bitch?» antwortete ich mit ironischem Unterton, gefolgt von einer Lachsalve, der zuerst Eva, am Ende aber auch Noëmi einstimmte.

Der Wald lag hinter mir, bald war ich Zuhause und schloss meine Gedanken. Nein, Switcher, das bin ich definitiv nicht. Aber die Möglichkeit, mit den Klischees und Schubladen zu spielen, Fetische und Vorlieben von ausserhalb mit einzubauen, die war nun eröffnet.

Zeitenwende. Auf einmal war der Setzkasten der Möglichkeiten um viele Elemente reicher.

Sechs! (Teil 3: Plus 3 gibt sechs)

Sabine, eine eher kleine, zierliche Frau, war die Sub, mit welcher ich eine Reise nach Malaysia unternommen hatte. Ein Miststück von einer Brat, und doch liebte ich sie, was mich auf die aberwitzige Idee gebracht hatte, gemeinsam mit ihr einen Urlaub auf einer Insel zu verbringen – in der leisen Hoffnung, sie würde dadurch zutraulicher und weniger aufmüpfig.

Ich mache es kurz: Auch ein alter Dom kann ein naiver Dom sein.

Es waren am Ende doch einige der 14 Nächte, die Sabine auf dem strandsandigen Holzboden verbringen musste, anstatt mit mir die Vorzüge weicher Liegeflächen im gemeinsamen Bett zu geniessen. Dabei hatte das Abendessen jeweils romantisch begonnen, unter Palmen, mit perfekter Bedienung. Das asiatische Essen: Ein einziger Zauber, kunstvoll komponiert aus unendlichen Gourmetfreuden, den es wirklich nur dort gibt; dazu der Blick in ihre Augen, in denen sich Feuer spiegelte; das Feuer um uns herum, und das andere, tief in ihr. Ich war wirklich verliebt.

Und dann, stets auf dem Höhepunkt des Moments, machte sie eine mehr als unflätige Bemerkung, und alles eskalierte. Was immer in ihrem undurchschaubaren Wesen diesen Drang ausgelöst haben musste, es schien unkontrollierbar.

Wirklich gebracht hat die darauffolgende Bestrafung zwar wunde Stellen rund um die delikaten, auch am Strand durch das engste Stück Textil meist abgedeckten Stellen ihres wohlgeformten Körpers und die bodenharte Nacht auf Tropenholz, aber keine Verhaltensänderung.

Warum wir uns trennten? Ich weiss es nicht einmal – es war irgendwann die Lust draussen.

«Sabine, diese Bretter hier sind sauber, frei von Sand. Nur das Kopfkino ist schmutzig. Willkommen zur Show!»

Sabine schaute sich kurz um und legte sogleich mit ihrer Tirade los: «Der Herr ist mutlos und muss sich in grosser Distanz im Dunkeln verstecken, weil er Angst vor seiner Ex hat? Nicht mal eine telefonische Aufforderung schaffte er, nur das geschriebene, feige Wort. Wie armselig.» Ganz klar, so etwas war zu erwarten… und eigentlich hatte ich gar keine Lust, mich mit ihr auf dieser Ebene verbal zu balgen. «Du hättest nicht kommen brauchen, wirklich nicht. Rötungen, Hämatome und Tränen, Sabine. Du erinnerst Dich? Ich hab Dich gerne gequält – aber ich weiss nicht, ob ich es nochmals tun wollte. Deine Provokationen – sie sind inzwischen auf den Schärfegrad von Baby-Milchpulver gesunken.»

«Du Arschloch!» rief sie keifend, aber für mich war der Moment bereits gegessen. «Dan! Tian!» Sabine war die erste, die sich wirklich gegen das Hinausführen wehrte. Sie versuchte sogar, dem armen Tian in die Hand zu beissen… aber das Krafttraining der beiden Asiaten zahlte sich aus. Es rumpelte etwas, bevor auch sie schalldicht versorgt war. Wenn schon nicht harte Nächte auf Perhentian Island, vielleicht war es der Müssiggang in der schalldichten Zelle, der sie vielleicht wieder auf eine vernünftige Kommunikationsebene zurückbringen würde? OK, wir hatten es schon, das Thema Naivität, widerlegte ich mich selbst.

Warum, überlegte ich mir, mache ich mir das Leben so schwer? Warum mag ich dieses Brat-Verhalten, diesen Widerstand von Frauen? Wahrscheinlich waren es die Herausforderung und der Sieg, den ich fast immer davontrug. Und war sie nicht willig, dann halt mit… genau.

Die von Gottes Hand geschaffene Eva begrüsste ich mit einer grösseren Herzlichkeit, denn ich mochte sie sehr, aus diesen vielen gemeinsamen Abenteuern. Sie, eine elegante Dame, die erst spät in ihrem Leben die Vorzüge meines sagenumwobenen Lebensstils entdeckt hatte (und so sehr damit haderte, was tief in meinem Herzen ihre Attraktivität noch weiter steigerte), nahm im späteren Verlauf unserer Affäre zunehmend mehr Stufen in einem Schritt als zuvor und liess mich häufig als verdutzten Dom zurück.

Eben erst in Italien, am Palio… wie sie sich schämte, als sie ihre gespreizte Pussy vor jungen Männern präsentieren musste, allesamt schöne Italiener, deren Grün hinter den Ohren gerade erst im Begriff war, zu verblassen. Dann war sie die erste, mit der wir das Spiel mit einer zweiten Sub, der himmlischen Flugbegleiterin, erweiterten. Für sie war es nach einem ersten Bi-Versuch die zweite Erfahrung, vor der sie sich zwar gefürchtet hatte – man könnte sich ja blamieren. Aber sie wollte es, und bereits dieses Erlebnis war angehaucht mit einer kleinen perversen Note, da Eva vom Alter her locker die Mutter der Flugbegleiterin hätte sein können. Um den Einstieg in die neue Situation zu dritt zu schaffen, hatten wir vereinbart, dass die beiden sich zuerst alleine lieben würden, ich im Nebenraum wartend – allerdings dank Livestream doch indirekt dabei: Eva hatte eine kleine Kamera in der Hand und liess mich alles sehen, so wie sie es sah; die Flight Attendant, von der sie mal tief, mal mit breiter Zunge geleckt wurde, ihr immer wieder dabei in die Augen sah und genussvoll provokativ lächelte… alles aus Evas Perspektive, mit weit geöffneten, bestrumpften Beinen zu den Seiten des mädchenhaften Kopfes. Ein Bild von höchster Erotik, eine sorgsam memorisierte Vorlage für viele meine Erleichterungen in Zeiten ohne Spielwesen an meiner Seite.

Kaum hatte sie den ersten Orgasmus genossen, beorderte sie mich über die Kamera in den Raum und schlüpfte zusammen mit mir in die dominante Rolle. In der Folge liessen wir in unserer Schändungsprozesssion, in der wir die verdorbene, bewegungsunfähig gemachte Flugbegleiterin umkreisten, wohl keinen Zentimeter ihres Körpers aus. Schwellungen, Verfärbungen, Flüssigkeiten verschiedenster Quellen an allen Orten, wo sie nach Vorgabe der Bibel nie hingehört hätten – und es eben doch taten, in unserem Verständnis der uns heiligen, allumfassender Perversionen.

«Der Jumper Seat ist weich genug.» verkündete sie lakonisch, als wir sie nach vollbrachter Misshandlung sich im Spiegel betrachten liessen. Eva, für die eine weitere Kammer in ihrer Sexualität aufgegangen war, eine neue Dimension gar, lachte laut. Was für ein göttlicher Heidenspass für uns Bibeluntreue.

Jedoch, auch mit Eva endete die Liaison. Irgendwie war es eine belanglose Provokation, die meinem Mund entwichen war, die sie offenbar so tief traf, dass sie sich nicht mehr mit mir treffen wollte. Ich hatte sie verletzt, an einem nur vernarbten, inneren und mir unbekannten Schmerzpunkt, ohne es zu wollen; es gab nichts, was es wieder hätte gutmachen können. Dass Eva heute trotzdem kam, war entsprechend eine grosse Überraschung für mich. Die Vorsicht, mein Respekt und die kostbare Erinnerung an unsere gemeinsamen Zeit gebot es, dass ich auf die Bühne kam und ihr zuflüsterte, dass sie sich nicht zu fürchten habe – aber zu ihrem besonderen Schutz müsste sie in einer Art Telefonkabine einen Moment lang auf mich warten. Dian und Tian übernahmen die Bodyguard-Rolle dort hin.

Und dann kam Maya. Sie, deren Kampfscheidung und Neuordnung des Lebens am Ende auch das, was wir hatten, zerstörte und uns den letzten Kuss bescherte, von dem wir nicht wussten, dass der der letzte sein würde. Noch immer Single, doch sicher nicht ohne Angebote, dachte ich mir. Der Eindruck bestätigte sich. «Ein letztes Mal. Auf die alte, zauberhafte Ex-Welt» sagte sie, auf ihre Wildleder-Overknees blickend. Die, die sie nur bei getragen hatte. Wahrscheinlich. Ein letztes Mal, bevor sie ein Vanilla-Angebot annimmt? Innerlich lachte ich, als sie fast wie selbstverständlich die fünfte Kabine betrat, neugierig, aber unaufgeregt.

Perfekt. Fünf von sechs Ex waren da, nur Estelle, die frauenliebende Frauenaktivistin, später urplötzlich brave Hausfrau mit Kind, sie erschien nicht. Doch die Rechnung ging trotzdem auf: Mit mir waren wir die sechs Protagonisten.

Sechs. Vollständig. Vorstellungsbeginn.

Fünf meiner Ex hinter dem Vorhang, in fünf Einzelkabinen aus Holz und alle gepolstert wie eine schalldichte Telefonkabine, schulterbreit, mit einer integrierten Sitzgelegenheit. Und noch ein paar Gimmicks dazu. Eines davon war ein Schieber, wie eine Gefängniszelle, welches ich nun für alle fünf öffnete, um anzukündigen, was nun passieren würde. Besser gesagt, andeuten.

«Nun, da ihr alle da seid: Willkommen zum heutigen Schauspiel. Ja, richtig – ihr seid nicht alleine, wir sind zu sechst hier, denn heute machen wir uns die Relativitätstheorie zu Nutze und heben die Zeit auf: Dan und Tian haben Euch je in eine Zelle sortiert, in der zeitlichen Abfolge, in welcher ihr in mein Leben getreten, oder sagen wir, in welches ihr von Eurer Lust getreten worden seid.»

Sabine entfuhr ein entsetztes «Was??», Eva stöhnte wenig vornehm, die anderen drei hatten ihre Lage noch gar nicht erfasst oder waren gleichgültig dem gegenüber, was sich gerade offenbarte. «Genau! Ihr wart alle Subs in meinem Leben. Die Zeit ist gekommen, dass ihr gemeinsam etwas erlebt – mit mir. Doch wir haben keine Zeit für Eifersucht – ihr werdet Euch nicht kennenlernen – zumindest nicht so, wie ihr es erwarten würdet. Dan! Tian! Holt fünf Pranger auf die Bühne. Let’s Rock!»

Teil 4 folgt.

Un’estate italiana

Der Zigarrenrauch, der eben meinen Mund noch mit sinnesbetörendem Geschmack gefüllt hatte, entwich in den sternklaren Nachthimmel und formte weiblichen Rundungen, wenn auch nur kurz, einen flüchtigen Moment lang. Sinnierend schaute ich ihm hinterher, bis er sich vollständig aufgelöst hatte. Un estate italiana. Ich fühlte mich Zuhause, in diesem kleinen Weingut, mitten in der Toskana.

Noch immer warm war es, draussen um diese Uhrzeit, und ich sass an meinem kleinen Tischchen und verfasste mein Traktat. Die kleine Laterne zu meiner Seite, bestehend aus einer in der Basilika erworbenen, aber für meine Zwecke mitgenommenen Kerze und einem billigen Aluminiumgehäuse war gerade ausreichend, um das Papier gerade so weit zu erhellen, dass ich meine Mission erfüllen konnte: Als angegrauter Sünder wollte ich Zeugnis ablegen über das, was ich verursacht hatte an wundersamen und in den Augen mancher Menschenseelen schrecklichen Ereignissen.

«Nein, ich war nicht immer lieb» beichtete ich, sprach es zu mir selbst, denn es war niemand da, der es hätte hören können, kein jüngstes Gericht, keine italienische Inquisition; nur die blinkenden Leuchtkäfer oder Fledermäuse um mich herum, sie würden Zeugen sein. Höchstens ein Wildschwein noch, vielleicht.

Ich dachte an Anja und begann, zu schreiben.

Das erste Mal erblickt hatte ich sie, kurz bevor sie den kleinen Supermercato betrat, gleich gegenüber der Bar Maestrano, wo ich jeden Vormittag meinem Ritual, dem Geniessen des besten Cappuccino der südlichen Hemisphäre, nachlebte und das Treiben in der Gasse beobachtete. Meine Aufmerksamkeit blieb an ihr haften, was mich alles um mich herum vergessen liess, als befände ich mich in einer wundervollen Blase.

Sie war eine dunkelblonde, auf den ersten Blick eigentlich unscheinbare Frau von vielleicht etwa 45 Jahren. Gekleidet in diesen verrissenen Jeans, deren modische Logik ich noch nie verstanden hatte. Socken, Superstars und ein NASA-T-Shirt. Was bloss, fragte ich mich, zog mich an ihr so in Bann? Ganz offensichtlich war sie eines von Millionen Insta-Girlies, die sich gegenseitig nacheifern, um cool und begehrenswert auszusehen, und dabei auf erschreckend überzeugende Weise das Gegenteil bewirken. Für mich jedenfalls.

Warum auch immer, irgendwie war diese Frau aber anders, ihre leichtfüssige Art wirkte nicht aufgesetzt wie ein Foto-Filter oder erlerntes Verhalten. Nein, sie war wirklich in allem zauberhaft, ungespielt, echt. 

Nur einen Insektenflügelschlag später hatte meine Imagination wie das Todesrad im Zirkus zu rotieren begonnen. War auch sie so ein Wesen, dem die Berührungen, die die Strenge und Leidenschaft auf magische Art kombinieren, bisher verborgen geblieben waren? War sie ein auf diese eigene Weise unberührtes Land? Ihr Körper, ihre Gang, all das, was ich in diesen wenigen Sekunden wahrnahm, sagte mir, dass sie danach verlangte, egal, wie absurd auch diese Beurteilung gerade schien. Was zur Hölle war es? Wie ein Mantra wiederholte sich auf unkontrollierbare Weise der gleiche Gedanke in mir: Dieses Unberührtsein durfte nicht so bleiben.

Noch während ich daran war, verzweifelt einen Plan auszuhecken, verliess sie das Geschäft mit ihren Einkäufen bereits wieder. Mit meinem Blick verfolgte ich sie bis zu einem unweit geparkten, silbernen SLK mit Münchner Kennzeichen und roter Lederausstattung. Ich freute mich, denn ihre Herkunft würde die Kommunikation zwischen uns vereinfachen, wenn, ja wenn ich nur die Gelegenheit bekäme, sie wieder zu sehen. Elegant ausgeparkt, war sie nun im Begriff, gleich vor mir vorbeizufahren. 

Mann, Oliver, Mann… ich marterte mein Gehirn; mich vor den Wagen zu stürzen war keine Option. Die letzte Möglichkeit, die ich sah, war fast genauso verrückt – aber es blieb mir kaum eine andere Chance: Ich warf mein Cappuccino-Glas auf die Strasse, wo es laut klirrend zerschellte, wenige Zentimenter vor dem Kühlergrill des Silbersterns.

Arresto completo. Sie bremste, als wäre eine Katze vor ihr Auto gelaufen, der Mundwinkel unter ihrer Sonnenbrille zeigte eine Mischung aus Schreck und Ärgernis, als sie erkannte, was geschehen war.

Alfredo, der Barista, hatte sich mit dem Besen schon aufgemacht, in der Annahme, es sei wieder mal einer seiner Gäste gewesen, der unachtsam gewesen war. Dass die Scherben draussen auf der Strasse lagen, damit hatte er allerdings nicht gerechnet. Ich outete mich als derjenige, der die kleine Misere verursachte hatte und eilte flugs zum SLK, um diesem faszinierenden weiblichen Dasein zu erklären, dass ich aufgrund ihrer Erscheinung so überwältigt gewesen sei, dass ich das Glas etwas zu schwungvoll fallengelassen hätte. Es tue mir unendlich leid; sehr gerne würde ich mich für das Verursachen dieses Schockmoments entschuldigen, in Form eines Wiedergutmachens dank wohltemperiertem Chianti Classico Riserva, selbstredend in einem nicht zerbrochenen Glas.

Anja war nun noch perplexer als ohnehin schon und gleichzeitig irritiert über den Cinquecento hinter ihr, der aus südländisch aufgeladenem Ärger über den kleinen Stau, den wir innert zwei Minuten erzeugt hatten, mehrfach hupte. Alfredo, gerade mit den letzten Scherben beschäftigt, beschimpfte den ungeduldigen Kleinwagenfahrer mit «Brutto Zozzone!», was uns etwas mehr Raum gab; ein paar unschätzbar wertvolle Sekunden mehr, in denen sie, Anja, den inneren Kampf ausfechten konnte, der sich in ihrer Angespanntheit zeigte. Ja, erneut war ich Zeuge dieses inneren Ringens, welches ich von so vielen meiner Bekanntschaften bereits kannte. Die Verheissung des aufregend Fremden, dieses schmeichelhafte Glücksgefühl, galant eingeladen zu werden, nur um sich später als Beute des Jägers auf der Schlachtbank wiederzufinden. Ein Ort, dessen Aura der Bedrohlichkeit durch die Hitze des Momentes sich zu einem Raum der Sehnsucht, der Lust, der Hingabe und des Zerfliessens in einer anderen Zeitdimension verwandelt.

Würde sie verstehen? Zustimmen?

Alfredo schloss seine Säuberungsaktion mit einem «Basta!»; es blieb uns nicht mehr lange. Jetzt oder nie! «Heute Abend in der Casa Aurelia? 21 Uhr? Ich erwarte Sie…» und hielt meine Stimmlage hoch, eine Antwort provozierend.

«Anja» antwortete sie und trat fast gleichzeitig das Gaspedal. «Oliver!» rief ich hinterher, hinein in den aufgewirbelten Strassenstaub, der sich mit Auspuffgasen des Stuttgarters vermengte. Verdutzt über ihr Verhalten blieb ich stehen und schaute ihr hinterher. War es Temperament, Spiel oder Flucht? Oder alles gleichzeitig?

21 Uhr war längst verstrichen, dann endlich kam sie, tatsächlich! Ganz in weiss gekleidet, sommerlich-luftig: Tief ausgeschnittene Bluse, weite, weisse Hosen, Sandalen mit wenig Absatz. Sie erblickte mich, näherte sich und fragte frech: «Ist hier noch frei?»

«Es freut mich, dass Du gekommen bist, Anja.» Der Mut, den es erfordert hatte, zu kommen und wer weiss schon, welche Umstände sie dafür in Kauf genommen hatte, er schien jedoch mit dem Moment des Platznehmens auf einmal wie weggeblasen. Seltsam schüchtern wirkte sie, ja mehr noch: Ihre Unschuld drang durch sämtliche Poren ihres atemberaubenden Körpers, der sich durch den Leinen-Stoff erahnen liess.

Ein Austausch über Belanglosigkeiten des Lebens folgte, ein vorsichtiges Kennenlernen, fast wie unter Teenies, Abstecken, Abchecken. Wie sich herausstellte, war Anja mit einer Freundin in der Toskana. Wie sehr es eine Freundin war oder doch was Anderes, darüber verlor sie kein Wort. Immerhin war es ihr möglich, mich zu treffen, alleine. Ganz offensichtlich gut situiert, obwohl alleinerziehend, warum auch immer, doch die Kinder schon so gross, dass sie ihren Urlaub auch an anderen Orten verbringen konnten als ihre Mutter. Und genau das genoss sie. Wiedererlangte Freiheit.

Doch ihre Tonlage verriet Zweifel. Schön, sei sie ja, seufzte sie, diese Freiheit, und ergänzte: „Dieses Biest, es verspricht immer viel mehr, als es hält. Manchmal, nur manchmal, ist es mir zu viel.“

Der Blitz traf mich. War es ein Hinweis? DER Hinweis? Bis zu den sensiblen Themen des menschlichen Miteinanders waren wir noch gar nicht vorgestossen, in der kurzen Zeit, die wir bisher miteinander verbracht hatten.

Ich ergriff die Initiative. «Die Scherben von heute früh haben Dir Glück gebracht.» Mein Blick bohrte sich tief in ihre Augen, erwartungsvoll. «Kommt darauf an, welches Glück Du meinst, Oliver.» Sie drehte sich zur Seite, als würde sie gerade von einem unerträglicher Bannstrahl getroffen. «Nun, ich pflege die Art von Beziehungen, die temporär die Freiheiten entzieht, und dadurch viel Befreiung schafft.»

Jetzt war es draussen. Entweder sie biss an, oder der Riserva blieb lediglich in eine nette, flüchtige Ferienbekanntschaft investiert. Mein Puls raste.

Anja liess sich Zeit. Wollte sie mich quälen? Rechtwinklig zu unserem kleinen Holztisch streckte sie ihre Beine, bohrte die Absätze in den Kies und betrachtete ihre roten Zehennägel. Es war zu dunkel, als dass ich sicher hätte erkennen können, ob auch ihr Gesicht rot wurde. Trotzdem stellte ich es mir einfach vor, auf die Gefahr, dass es nur mein innerster Wunsch war; der Wunsch, der mir sagte, dass sie das Gleiche wollte. Was war bloss los? War ich etwas verliebt? Vielleicht, aber wirklich nur etwas, versicherte ich mir selbst, und liess meine Augen auf ihrer Oberweite verharren.

Den Blick noch immer abgewandt, antwortete sie endlich: «Oliver, ich bin nicht Prepaid, ich bin eine Dauerkarte.»

«Umso besser!» Ich fixierte sie weiter, dieses süsse, unschuldig wirkende, grosse Mädchen war innerlich ein verdorbenes Luder, sie hatte sich offenbart, was mein Verlangen noch weiter in die Höhe trieb.

«Eigentlich habe ich das alles hinter mir gelassen Oliver. Männer. Machtausübung. Ein Sexobjekt zu sein.» 

Oh, ein schwacher Moment des Wankelmutes? Mein Arsenal war gefordert, meine ganze Kraft des Willens, um sie über die Ziellinie zu bringen. «Und doch sehnst Du Dich genau danach, habe ich Recht? Genau deswegen bist Du gekommen, hierher. Die Zeit für Spielchen ist vorbei, Anja. Jetzt ist Zeit für Spiele. Wir sind schliesslich längst erwachsen.»

Ihr Seufzer war so ausdrucksvoll, dass er die Aufmerksamkeit der benachbarten Gäste auf sie zog. Dann wandte sie sich wieder zu mir, diesmal mit einem intensiven Blick, und nickte dabei ganz langsam. Dieser kostbare Moment, dieser Sieg, ihr Einverständnis; der Moment, in dem die Hormone Pirouetten drehen, den Körper in Geiselhaft nehmen und es keiner weiteren Worte bedarf. Enjoy the silence, wie bei Depeche Mode: Die Gewalt der Worte hätten den Zauber zerstört.

Erst Minuten später fragte ich sie leise: «Wie weit ist Deine Leine heute Abend?» 

«Ich treffe offiziell einen alten Freund; sie wird mich nicht vor Mitternacht zurückerwarten.» 

«Il conto, perfavore» rief ich dem Kellner zu und wandte mich zurück zu Anja. «Alles, was wir benötigen, ist uns zwei und unseren Wunsch, die Sphären zu erreichen, die nur wenigen Menschen vorbehalten sind… Noch bleibt uns Zeit für einen Vorgeschmack. Kommst Du mit?»

Sie lächelte. Nein, das Wort ist zu niedlich, zu klein: Es war ein tief empfundenes Strahlen, eines von der Sorte, die der Mitte des Körpers entspringt, dem klugen Bauch, der schon längst entschieden hat, bevor wir uns dessen bewusst werden.

«Komm, ich fress Dich auf!»

Hand in Hand führte ich sie in das mondlichtdurchflutete Waldstück, welches die Casa Aurelia von meinem Feriendomizil trennte.

Ich setzte meinen Federfüllhalter ab.

Zweifel überkamen mich. Sollte ich wirklich schreiben, was sich in der Folge alles ereignete? Mein Gewissen war rein, aber wenn meine Nachkommen das zu lesen bekämen, selbst nach meinem Ableben, würde ihnen unweigerlich der letzte Rest ihrer Hochachtung vor mir abhanden kommen. Niemand würde verstehen, wie ich Anja so weit treiben konnte, wie ich es mit stupender Leichtigkeit getan hatte, weit über das zu Erwartende: Sie stellte ihr vor nicht all zu langer Zeit wiedergewonnenes Leben wieder auf den Kopf und nahm Dramen in Kauf. Fürchterliche Dramen. Sie verabschiedete sich von der Bürgerlichkeit, von der sorgsam aufgebauten Insta-Fassade, von Freunden, die nicht verstehen konnten, welcher Quelle die Farben an ihrem Köper entsprangen oder zumindest, warum sie diese zuliess, mit Wonne, obendrein. Warum sie zuweilen geistig abwesend war, verloren in Gedanken an mich, an das, was wir erlebten, hinter dem grossen Vorhang der Normalität. Oder warum sie sich immer mal wieder eilends, wie aus heiterem Himmel, bemühen wollte, meiner Lust zu dienen, wann immer ich es von ihr verlangte, sei sie nah oder fern, in der Öffentlichkeit oder nicht.

Die Zigarre, eine Gigantes, war nach über einer Stunde fertig. Der letzte Rauch formte ein Drachengebilde, welches sich durch einen leichten Windstoss übermächtig über meinem Kopf ausbreitete und strafend auf mich hinunter schaute, als wolle es mir sagen: „Oliver, tu es nicht. Ein Gentleman schweigt und geniesst die Erinnerungen für sich.“

Ich blies die Kerze aus.

Sechs! (Teil 2: Vivian)

Was bisher geschah: Der Ich-Erzähler D. ist  auf die Idee gekommen, sechs seiner Ex-Subs zu einem gemeinsamen Abend in einem Theater aufzubieten. Alle sind sie schon Protagonistinnen in seinen früheren Geschichten gewesen. Keine weiss von der anderen, sie sind sich alle nie begegnet. Ob sie wirklich eintreffen, auf Geheiss seines Schreibens, weiss er nicht. Nun sitzt er alleine im eigens gemieteten Schauspielhaus und wartet gespannt, ob und wenn ja, wie viele der Frauen kommen.

Zunächst, so allein sitzend, dachte ich, dass ich wohl ein Idiot war, alle Frauen zur gleichen Uhrzeit aufzubieten. Wie sollte ich das ganze logistisch meistern, ohne die Katastrophe eines bühnenreifen Eifersuchtsdramas? Nun, beruhigte ich mich, sie waren ja alles Ex, insofern sollten sie ja abgeschlossen haben mit mir. Eigentlich. Doch war es nicht genau meine Spekulation, dass dem nicht so ist? Würde tatsächlich auch nur eine erscheinen? Ich hatte sechs Chancen. 

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Vivian kam. Tatsächlich!

Meine beiden chinesischen Helfer, Dan und Tian, hatten sie am Eingang das kleinen Theaters empfangen und auf die Mitte der Bühne begleitet, wo sie im Scheinwerferlicht, mit halb zugekniffenen Augen erfolglos zu eruieren versuchte, von wem, und von wie vielen sie beobachtet wurde. 

Sorgfältig, ohne ein Wort, musterte ich Vivians Erscheinung. Die Wahl ihrer Garderobe, Bluejeans in Reiterstiefeln und weisses Hemd, passten wieder perfekt zu ihr. Ein Zeichen für mich? Vivians Hände waren unruhig, sie nestelten mal an ihrem Gürtel, mal an ihrem Hemd; beinahe wirkte sie wie verunsicherter Teenager, der von Prüfungsangst geplagt ist und nun auftreten muss. Ein weiteres Zeichen? Ich liess mir nichts anmerken, aber sie konnte mich ja ohnehin kaum erkennen.

«Wo ist sie denn geblieben, Deine Selbstsicherheit? Eine Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, wie sie stets behauptet, ausser die Beine sind…. Du weisst schon?» fragte ich sie mit der sonoren Stimme eines tadelnden Regisseurs. Mein Druck erzeugte den Gegendruck, wie ich ihn so oft erlebt hatte an ihr. «Keine Ahnung, welche Perversität Du Dir ausgedacht hast, ich bin lediglich erschienen, damit ich nicht als billiges, mutloses Huhn abgestempelt werde.» Ich lachte laut heraus. «Oh, die verlorene Ehre der Vivian Blum?» Wie köstlich. «Na, Deine Reitstiefel habe sicher 300 Euro gekostet. Billig, dieses Attribut streiche ich Dir schon mal, zumindest, solange Du sie anhast. Und das sollten sie bleiben. Über den Mut, tja… darüber sprechen wir noch.» 

Einen Moment lang versank ich in die Erinnerung an das, was wir beide mal waren, was wir hatten. Wie ihr Wunsch, der ihr doppelten Morgen-Grauen als Traum erschienen war und, so sehr sie es sich doch gewünscht hatte, nicht in Erfüllung gegangen war. Nicht bis zu dem Moment, wo sie mich traf, oder ich sie, zwei Blitze aus dem gleichen Gewitter, sich vermengend.

Ihr Po. Das Feuer und das Spiel damit. Tropfen, die aus ihr rannen – nie hätten sie es zu löschen vermocht. Doch wir wurden unterbrochen, auf unserer Reise. Verschoben, alles, was noch in ihr war. Ihr Wunsch des Versuchs der Lust mit dem eigenen Geschlecht. Rapeplay. Ihr Auftritt in einer Horde. Und der Goldregen, nicht botanischer Art. Da lauerte sogar mehr, sie hatte es angedeutet, alles ganz in den Tiefen der dunkelsten Ecken ihrer Fantasie, für die sie sich schämte und keine Worte zu formulieren wagte, die emanzipierten Grundwerte hatten ihr widersprochen, sie mundtot gemacht. Der Unterbruch, es war ein Er, der in ihr Leben trat; einer, der sie schon früher mal stehengelassen hatte und nun reuig aus der Versenkung auftauchte, vielleicht auch schon immer da war, wie heute im Hintergrund des Bühnenbildes eine andere Realität wartete, was weiss ich schon. Ein Bad Guy. Ich war es zu wenig.

Die dunklen Ecken, die Sehnsüchte, die nicht gestillten – sie blieben fortan verschlossen, für Wochen, Monate… wie lange war es jetzt her? Ein undankbares Dasein fristeten sie, von welchem sie später, wenn der Druck zu gross, wie ein Springteufel wieder aus der Büchse entfliehen würden, befreit von den männlichen Umständen, die ihn unter Kontrolle zu halten versuchten. Wie oft schon hatte ich das erlebt. War es heute vielleicht soweit? 

Dann gab ich das Zeichen. Die beiden Chinesen nahmen Vivian an der Hand und zerrten sie hinter die Bühnenkulisse. Eine Überraschung, so gross, dass ihr nicht mal ein «Hey!» entfuhr. Als ich das Klicken des Vorhängeschlosses vernahm, machte sich eine tiefe Zufriedenheit in mir breit. Kein Laut würde aus ihrem temporären Aufenthaltsort dringen, die Situation unter Kontrolle. Ich war bereit für den nächsten Gast. «Gästin» dachte ich für mich, amüsiert. Und gleichzeitig wusste ich schon jetzt, wie man mich einen Scheisskerl schimpfen werden, sobald das ganze Ausmass meines Vorhabens von den Protagonistinnen erfasst worden ist.

Dan und Tian kamen zurück, um meine nächsten Instruktionen zu erhalten. Sie sollten dafür sorgen, dass sich allfällig weitere, eintreffende Damen sich nicht begegnen oder wenn, dann so, dass sie keine Ahnung voneinander hätten. Keine Vorstellung davon, dass sie wegen des gleichen Anlasses hier sind. Ich hatte noch fünf Plätze zu vergeben, bevor sich der hintere Vorhang heben und ich die Bühne betreten würde. 

Meine Helfer eilten zurück zum Eingang und kamen kurz darauf mit Tanja zurück. Tanja sagte kein Wort, konnte sich offensichtlich keinen Reim darauf machen, was sich hier abspielte. Sie war diejenige, die das Rapeplay erlebt hatte, welches so überraschend war wie lustvoll – bis zum bitteren Ende, als sie notdürftigst bekleidet und alleine die Heimreise antreten musste.

«Diesmal muss ich Dir den Mund nicht zuhalten, Tanja, Du bist so ruhig.» Wie klein sie wirkte, noch kleiner als damals, als ich ihr aufgelauert hatte, mit dem Lieferwagen am Waldrand ihrer Jogging-Strecke. Doch sie schwieg. Wusste sie selbst nicht, was sie geritten hatte, hierher zu kommen?

«Dan, Tian, bitte kümmert Euch in gleichem Masse vom Tanja!» Mit ihr geschah dasselbe wie mit Vivian – die Dunkelheit entmachtete sie, ein Vorhängeschloss besiegelte die Ruhe der nächsten Minuten.

Sabine, Eva und Maya kamen gleichzeitig, wie mir die Tian meldete, doch Dan machte als Gastgeber einen fantastischen Job, indem er sie gekonnt im sonst leeren Foyer verteilte; ich wies ihn an, sie einzeln auf die Bühne zu bringen, wie bei einem Vorsprechen. Die Risiken mussten überschaubar bleiben, schliesslich hatte ich ja nur zwei Chinesen zu Verfügung, nicht deren sechs.

Und den Techniker, natürlich.

Teil 3 folgt...

Von Schubladen und Kneipen

Klaus-Kevin und Hans-Torben waren in der Diskussion gerade so richtig in Fahrt gekommen. Die Sub von Björn-Sören, so erzählte Klaus-Kevin, sei echt eine echte Brat! Hans-Torben jedoch bestritt dies, denn seiner Einschätzung nach handle es sich ganz sicher um eine Wunschzettel-Sub, aber keinesfalls um eine Brat. Diesen Ausdruck jedoch liess Klaus-Kevin beinahe in Rage bringen. «Sicher nicht! Sie ist eine Sklavin und keine Sub, und kann somit unmöglich eine Brat sein, und Wunschzettel-Slavinnen wären ein Widerspruch in sich.»

«Also, mein lieber Klaus-Kevin, ich erkläre Dir jetzt mal die Welt: Eine Brat muss nicht eine Sub sein, auch Sklavinnen können aufbegehren und Wünsche haben!» Klaus-Kevin schüttelte heftig den Kopf: «Jeder, der sowas behauptet, ist ein Dumm-Dom.» Hans-Torben nahm nochmals einen Anlauf: «Das, was Du unter Sklavin verstehst, ist eine O. Nur eine O. begehrt niemals auf.»

Klaus-Kevin holte das schmutzigste Lachen, das er kannte, tief aus seiner Raucherlunge und katapultierte es durch den alkoholbenetzen Rachen. «Weisst Du was? Wenn die Kaijra von Björn-Sörensen eine O. sein soll, dann bist Du ein A.» Hans-Torben rollte seine Augen. «Die Sub von Björn-Sörensen ist sicher keine Kaijra, sondern eine Lilith. Eine Kaijra macht einem Dom nie Schwierigkeiten. Dabei wollte er doch nur, dass sie ihn mit dem Strapon in den Arsch bonert und danach mit der Hand seine Prostata massiert.»

«Nun, das ist ja fast so undommig wie Muschlecken!» prustetet es aus Klaus-Kevin heraus. «Sag mal!» fragte Hans-Torben, in welche Dom-Schule bist DU denn gegangen? Den Stuss, denn Du da gerade rauslässt, ist völlig aus dem Enddarm gegriffen! Wenn er sich gerne in den Arsch vögeln lässt, ist er noch lange nicht undommig. Höchstens ein Bottom.» Klaus-Kevin konterte: «Ach so. Du bist der Meinung, ein Bottom könne auch ein echter Dom sein? Das halte ich genauso für ausgeschlossen, ein Switcher ist nie ein vollwertiger Dom!» 

Noch bevor sich Hans-Torben wehren konnte, platzte Börn-Sören in die Männer-Runde. «Hallo Jungs! Also ich sag Euch! Gestern ist mir wieder mal der Cockring geplatzt vor Wut! Janina-Nurten, mein Pet, fand, sie sei eine Dienerin, doch als ich von ihr verlangte, sie habe mir jetzt sofort das Bier zu bringen, nannte sie mich einen Sklaventreiber. Die hat wohl echt einen an der Waffel? Ich bin doch kein Cuckold!»

Klaus-Kevin und Hans-Torben schauten sich ratlos an und schwiegen. Björn-Sören bemerkte die komische Stimmung, bestellte sich ein «Little» Bier und sagte: «Aber, sagt mal, dieses Eigentor gestern an der EM, war das nicht ohnehin Offside?»

Eine Nacht in Tokyo

Ryuchi Matsuda schmunzelte zufrieden, als sich Akari exakt in der Position und an dem Ort befand, die er für sie auserkoren hatte – am Rande des Abgrunds. Sie zitterte vor Angst und gleichzeitig vor Aufregung, unfähig, den Fluss ihrer Ströme zu kontrollieren. Die beinahe unerträgliche Hitze des Moments, die von ihrer Mitte her in alle Körperteile mäandrierte, erfasste den Kopf, schaltete dort das letzte Residuum logischen Denkens aus, und prickelte gleichzeitig in den Kuppen der hübschen, roten Zehenspitzen ihrer kleinen Füsse. 

Sie blickte nach vorne und hinunter, vom Dachrand des Toranomon Hills Mori Tower, da, wo ihr Peiniger sie hingebracht hatte. Das pulsierende Tokyo der Nacht, mit Milliarden von Lichtpunkten, lag hunderte Meter unter ihr. Ihren Absturz in die Tiefe verhindern sollten lederne Stränge, die über ihren sonst nackten Körper verliefen; über Ringe und Ketten waren sie mit einem kleinen, japanischen Torii, bestehend aus einigen roten Balken, verbunden – ein hölzernes Gebilde, das den Übergang von der guten Welt in die Boshaftigkeit dieses Settings perfekt symbolisierte. Das Spiel mit der Angst war es, das Akaris Feuchte zwischen ihren Beinen unvermeidlich hervortreten liess; die Nässe, erzwungen wie der Reflex bei einer Vergewaltigung, aber doch schamerfüllt lustvoll. 

Die Höhensicherung war lose und gab bewusst keinen festen Halt. Ihre Arme hatte Akari weit ausgestreckt wie ein Adler, der von grosser Höhe zu einem Flug aufbricht, genau so, wie ihr befohlen war – unter dem Torii, dem Sitz des Vogels.

«Ein Bild für Götter! Aber gefallene Engel gibt es zuhauf, meine kleine Lustsklavin! Schauen wir doch mal, ob auch Du bald dazugehörst!» eröffnete Ryuchi den Tanzreigen seiner Shaolin Bullwhip auf dem Po seines Opfers. Das zunächst moderate Aufprallen der Peitschenspitze parierte Akari insofern mit Bravour, als dass es ihr gelang, ihr Gleichgewicht zu halten und damit den Sturz von der metallenen Dachkante zu verhindern. Doch ihr sadistischer Herr steigerte die Härte und die Frequenz rasch und gekonnt. Akrai schrie immer lauter in Pein, vor Lust und gleichzeitiger Furcht in die Anonymität der Grossstadt hinaus. Niemand würde sie hören, keiner der für ihre Perversionen berüchtigten Japaner, nur Ryuchi selbst. Ein einziges Mal, in einem Moment des Unterbruchs, wollte Akari sich anfassen, ihre Lust spüren, was gegen die Regeln, die ihr auferlegt worden waren, verstiess. Ryuchi reagierte sofort mit vier Peitschenhieben, deren Konsequenzen nicht nur nach Wochen noch an ihr zu sehen sein, sondern ein Sitzen ohne Schmerzen für Tage verunmöglichen würden. Jetzt taumelte sie bedrohlich, der Rausch und die Gegenbewegung vermischten sich schliesslich zu einer toxischen Kombination, die sie am Ende vornüberkippen liess, ihr Körper nun in der Waagerechten hängend. Der Schreckmoment des sekundenbruchteiligen, freien Falls hatte sie stumm gemacht. Mit einer im Torii integrierten Winde zog Ryuchi seine im Leder gesicherten Sub etwas hoch, bis ihr Po sich auf einer Höhe befand, die ihm und seinem Lustzentrum angenehmen Zugang gewährte. Die Stösse seiner Männlichkeit liessen die im Leder hängende Akari immer wieder in den Abgrund und zurück schwingen, so intensiv und so lange, bis er am Ende, für die letzten Bewegungen, sie an ihren Beinen festhielt und in ihr mit einem lauten Stöhnen explodierte, am tiefsten Punkt ihres Innern.

«Ich bin fertig!» liess er sie wissen, versorgte sein Gemächt wieder in der Hose und verliess in der Folge das Dach. Akari blieb allein zurück, im Unwissen, wann sie, gepeitscht, missbraucht und ohne Bodenhaftung, erlöst würde. Doch gleichzeitig war sie in Liebe zu ihm sicher Ihr Herr würde sie befreien, irgendwann, in dieser Nacht in Toyko. Sie war ihm unendlich dankbar. 

Sechs!

Gewagt war es ja, mein Vorhaben. Ein wenig wie eine sehr spezielle Version von «Deconstructing Harry» von Woody Allen, wo er als Autor in seinem Buch die Details seiner Beziehungen zu Frauen so offensichtlich beschreibt, dass sich die entsprechenden Damen darin wiedererkennen und ihn, eine nach der anderen, deswegen erbost aufsuchen. Ich glaube, es waren sechs an der Zahl. Ja, auch in meinen Geschichten war die eine oder andere Verflossene erkennbar, zumindest für sie selbst. Aber hey – wer nichts erlebt, der kann auch nichts schildern, oder?

Wie auch immer, ich beschloss, die Sache etwas anders anzugehen. Mit viel Liebe zum Detail verfasste ich einen Brief, den ich unter Austausch der Adressatin an sechs meiner Ex-Protagonistinnen richtete. Es war eindeutig ein Experiment, denn ich wusste nicht, was sich abspielen würde, genau in einer Woche, um sechs, 18 Uhr. Diese Tatsache und das Theater, das ich für mich gemietet hatte, gaben dem Fanal eine Schärfe und gleichzeitig eine Unkalkulierbarkeit, die meine Dominanz besonders fordern würde. 

«Es ist eine Zeit her, seit wir geteilt haben, was unsere Körper, unsere Seele, unser tiefstes Inneres sich ersehnt hatten. Stunden der Leidenschaft und der sinnlichsten Erlebnisse, die ein menschliches Dasein zulassen. So böse. So liebevoll. 

Erinnerst Du Dich? Brände und Wellen. Höhen und Abgründe. Tränen und Läuterung.

Es ist die Zeit gekommen, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Eines, welches wie alle guten Geschichten neue Aspekte bringt; Wechselwirkungen einer Art, die Du und ich nie kannten. Es wird ein Spiel ohne doppelten Boden und eines, dessen Ausgang offen ist. Zweifelsohne wird es Mut erfordern, und Deine Bereitschaft, mit den Konventionen zu brechen, die Dich heute begleiteten, mehr noch, sogar fesseln; allerdings tun sie dies in ganz anderer Form: Emotionen und Verpflichtungen, die Du eingegangen bist, die Dich zurückhalten. Doch wenn Du es wagst, diese Reise anzutreten, wird der Horizont ein anderer sein. 

Bist Du bereit?

Wenn ja, treffen wir uns am kommenden Mittwoch um 6 Uhr abends. Sechs, die magische Zahl, deren Bedeutung sich auf unerwartete Weise, einem Stakkato folgend, steigern wird. Du wirst die Bühne unserer Welt betreten, auf der sich so viel abgespielt hat, und es noch tun wird, wenn Du erscheinst. Metaphorisch oder nicht, fragst Du Dich? Du wirst sehen, oder auch nicht. Das Schauspielhaus Reineke wartet auf uns.

Ich freue mich darauf.

D.»

Zu den meisten dieser Damen hatte kein Kontakt mehr bestanden, seit wir die Verbindung zueinander aufgelöst hatten. Vivian. Sabine. Eva. Maya. Estelle. Tanja. Wer von ihnen würde die erforderliche Courage zeigen? Und wie werden die, die es wagen, reagieren, wenn sie sehen, was sie längst wussten: Dass sie nicht die einzigen in meinem Leben waren, mit denen ich meine Passion geteilt habe? Doch nun, und mein innerer Teufel applaudierte mir zu diesem Plan, würden sie das erste Mal erfahren, wer davor oder danach die Ketten, Karabiner, Seile und meine inquisitorischen Hormonspender genossen. Serielle Monogamie, neu gedacht. 

Das Szenario, das ich entworfen hatte, es war ein Stoff, schärfer als Tabasco und explosiver als eine Plutonium-Bombe. Mein Anzug und die Dunkelheit des Zuschauerraums waren mein Schutz, mein Setzkasten der Fantasie mein Arsenal. Ich fühlte mich bereit. 

Der Mittwoch kam und die Uhrzeit auch. Die Bühne war hell erleuchtet, und ich, Regisseur und Produzent in einem, hatte im bequemen Fauteuil in der Mitte des Zuschauerraumes Platz genommen. Nun fehlte nur noch der Auftritt der weiblichen Hauptrollen. Würden es tatsächlich sechs sein?

Teil 2 folgt…

Wenn…

Wenn die Dunkelheit zu strahlen beginnt,

Dir der Schweiss vor Aufregung von der Stirn rinnt,

meine Fantasie Dich gefangen nimmt,

dann bist Du angekommen, in meiner Welt,

und ich tu mit Dir, was mir gefällt.

Nun lernst Du mich kennen, unverstellt.

Dein letzter Stolz mutiert zum Kartenhaus, es stürzt ein.

Nichts schützt Dich mehr vor mir, Du bist mein!

Ich lese es in Deinen Augen: Nirgendwo willst Du lieber sein.

Die Geschichte der P.

„Glaubst Du, dass die Geschichte der O. einen wahren Kern hat?“ fragte sie mich von der Seite, als sie mit ihrem grossen Zeh neckisch meinen Fussknöchel berührte und anschliessend sanft kitzelnd die Wade hoch fuhr. „Lass das!“ knurrte ich und zog mein Bein weg. Petra kicherte, als hätte sie einen heimlichen Sieg davongetragen, einen Triumph, als wäre sie Rumpelstilzchen. Genau, Märchen, das richtige Stichwort, dachte ich. „Wo gibt es überhaupt noch einen wahren Kern, im Zeitalter von Geschichtsklitterung und Verschwörungstheorien?“ 

Das Kingsize-Bett, unser Refugium der letzten Nacht, mit der flauschigen, noch immer (oder jetzt erst recht?) wohlriechenden Daunendecke als unser Zeltdach, es war angenehm warm und kuschelig. Um uns herum verstreut lagen Zeugen der späten Abendstunden; ihre Heels, ihre Strümpfe, ein zerrissener Slip, unter welchem ein Plug hervorlugte. Freixenet, als Auftakt für das Finale im Zimmer geköpft und halb leer.

Petra drehte sich auf den Rücken und spann ihren Gedanken weiter. „Es ist ein fürchterliches Buch.“ befand sie. 

„Soso! Du glaubst also nicht an die Erotik der Misshandlung, des Verleihs, der Zwangsprostitution und Verstümmelung bis hin zur Selbstaufgabe aus falsch verstandener Liebe?“ Mein prüfender Blick mit hochgezogener Braue brachte sie zum Lachen, in ihrer ureigenen Form davon, bei welchem sie ihre kaleidoskop-farbenen Augen fest zukniff, fast noch mehr, als wenn ich mich über sie ergoss. Diese Bilder, wie eine Explosion mich plötzlich vereinnahmend, dazu ihr Geruch und ihre Präsenz: Ich hatte mich soeben wieder in sie verliebt, das 319. Mal.

Doch sie ignorierte meine Gefühlsregung; vielmehr sah sie sich genötigt, mir etwas zu entgegnen. Ihre Replik wirkte aufgesetzt, mit gespielter Arroganz in ihrer Mimik. „Mit solchem Kinderkram befasse ich mich schon gar nicht!“ behauptete sie und prüfte gleichzeitig, sich der Ironie des Moments wohl nicht bewusst, die Konsequenzen des gestrigen Abends an ihrem Po.

Ich musste unweigerlich lachen. „Grosse Töne, ich bin beeindruckt! Wer hat gerade gestern Abend noch gewinselt, nur schon als sie meiner Herrenrunde die an ihren Nippeln befestigten Teebeutel im kochend heissen Wasser halten musste? Ganz zu schweigen davon, dass ihre Pussy, derweil durch schmerzhafte Klemmen auseinander gezogen, sich panisch vor dem Moment fürchtete, in welchem der nächste Wachstropfen sie im tiefsten Innern treffen würde. DAS, meine Liebe, das war Kinderkram, ein Vorspiel für maximal Spätpubertierende.“

Petra setze ihren Schmollmund auf, bei welchen sie ihre dominante Unterlippe noch weiter nach vorne schob, und schüttelte den Kopf. „Die Geschichte der O. ist nicht vollkommen. Sie ist tief traurig. Ich hingegen habe mich nicht misshandeln lassen, ich habe jede Sekunde genossen, auch, das, was danach folgte.“ Sie sprach im Ton einer strengen Lehrerin, beinahe zurechtweisend, aber völlig konträr zum Geräusch, welches ihre Halsfessel gleichzeitig verursachte.

Das 320. Mal verliebt. 

Diesmal ertappte sich mich dabei, und als wollte sie das in mir lodernde Feuer zusätzlich anfachen, ergänzte sie. „Und was in den frühen Morgenstunden danach folgte, war etwas, was der bedauernswerten O. vollständig abging: Die Erfahrung, aufrichtig geliebt zu werden.“

Ihr wichtiges Gesicht war süss, so sehr, dass die Lust in mir stieg, fortzuführen, was wir gestern begonnen hatten. „Nun denn, lass uns die Geschichte richtig schreiben.“

„Wie, was schreiben?“

„Na, die Geschichte der P.“ antwortete ich und griff zwischen Hals und den Lederriemen, um sie an den Ort zu ziehen, wo sie ihre Wirkung entfalten sollte. Sie tat es. Mit Wonne. 321.