Die Reise nach Zitresien

«Du hast nicht wirklich ernsthaft daran gedacht? Mit mir?» fragte sie mich, der schwelgend im Sessel versunken war, mit seiner Zigarre halb aus den Fingern gefallen. Das Refugium mit Club-Atmosphäre, das ich im zweiten Untergeschoss eingerichtet hatte, so überschaubar es auch sein mochte: Es wirkte befreiend, ja sogar beflügelnd.

Alte Banker-Tischlampen mit Schirm aus grünem Glas standen auf schweren Clubtischen aus Tropenholz, ein Pool-Billardtisch mit drei grossen, runden Deckenleuchten darüber; verschiedene mit gegerbter Tierhaut überzogene Möbelstücke verschiedenster Formen und Vollendungen waren im Raum perfekt arrangiert. Sogar sämtliche Ketten waren in Leder gefasst, damit sich alles stilistisch in Harmonie zueinander befand und die Akustik nur das Wesentliche, die unterschiedlichsten Laute aus den Kehlen meiner Gäste, zuliess. Züchtigungsmittel in diversen Ausführungen waren wie ein Orchester ordentlich aufgereiht am kalten Gemäuer aufgehängt. Alles nach Inspiration des Schöpfers, abgerundet durch ein Duftbouquet aus Leder, brennendem Holz und meiner Zigarre.

«Selbstverständlich habe ich das!» Ich hob meine rechte Augenbraue, auch wenn sie es gar nicht wahrnahm. Samira sass nackt, gezeichnet von meinen, dem tiefsten Innern entsprungenen Zuwendungen der letzten Stunden zu meinem Füssen. Erschöpfung. Mit der einen Hand fuhr sie sich über die Markierungen und Schwellungen, von denen sie laufend neue an ihren perfekten Rundungen entdeckte. Mit dem dem rechten Arm umfasste sie mein rechtes Bein und blickte sinnierend in das lodernde Feuer, das in der mittig im Raum angeordneten Feuerstelle Wärme spendete. Buchenholz.

Was für eine ausserordentlich hübsche Frau sie war; kastanienbraune, neugierige Augen und halblange, wunderbar nach dieser Melange aus Shampoo und ihrem eigenen Körper duftende Haare. Wie gerne ich meine Nase in ihr vergrub!

Ihre Devotion mir gegenüber war eine der ganz grossen Überraschungen in meinem Leben gewesen. Ein so stolzes, selbstbewusstes Wesen, das mich lange Zeit nur mit Missachtung strafte. Falsche Abteilung, blöder Idiot! Doch ein kleiner Zufall, ein Versprecher in der Kaffee-Ecke des Büros während der Pause liess nach dem Verstummen des Gelächters und dem Verschwinden der Arbeitskollegen auf einmal ihre Neugier aufblitzen… «Kennst Du Dich in diesem Thema denn aus?» fragte sie unschuldig wie die heilige Jungfrau.

Wenige Tage später dürstete es sie nach dieser liebevoll grausamen Behandlung, die sie nach und nach in diesen gezeichneten Zustand fliessen liess, in welchem sie sich jetzt gerade wieder befand. Ganz unten angekommen war sie, dehydriert, aber mit einer inneren Befriedigung, wie sie niemals durch Worte, sondern nur durch Blicke für andere, vielleicht aber auch nur für mich, zu verstehen war. Der Gedanke gefiel mir.

«Meine damalige Reise nach Zitresien hat mir gezeigt, wie es geht.»

«Wo liegt denn dieses Zitresien?» wollte sie schüchtern wissen, als fürchtete sie, eine dumme Frage zu stellen. «Es ist eine Inselgruppe in West-Anthalesien, mitten im zanarischen Meer, mit der Hauptstadt Anlupta.»

Samira warf mir diesen «Du-verscheisserst-mich»-Blick zu, aber ich lächelte nur vielwissend und nahm nochmals einen kräftigen Zug von der Torpedo.

«Das Setting war wirklich aufregend, und es gibt keinen Grund, es nicht wieder zu tun. Eva hatte keine Ahnung, was auf sie warten würde, auch wenn ihr bewusst war, dass wir die Grenzen unseres Spiels bisher nie ausgelotet hatten. So liefen wir durch diese Stadt und ehe wir uns versahen waren wir auf einmal umringt von fünf wirklich böse dreinschauenden Zitresiern in Militäruniform, wobei, halt: Jemand davon war eine Zitresierin. Auch ich wurde abgeführt und nach kurzer Fahrt in einem schäbigen Polizeiauto, das von innen nicht zu öffnen war, landeten wir in diesem Gefängnis, das wohl aus der Kolonialzeit stammte. Es besass sternförmig angeordnete Trakte und einen zentralen Raum mit beachtlicher Kuppel, wo alle diese Trakte zusammenliefen. Die Mauern dick und die Fenster mehrfach verglast und vergittert, so dass kein Schrei des Schmerzes je nach aussen hätte dringen können. Es war angerichtet.»

«Spannend!» fand Samira. «Die Erfüllung Eurer dunkelsten Fantasien, oder?»

«Eva hatte die Zeit ihres Lebens. Niemand liess von ihr ab, wenn er oder sie dran war, und das über Stunden hinweg; es gab für sie nur wenige und ganz kurze Pausen in einer der Zellen.»

Die Zigarre war zu scharf geworden, ich legte sie in den Aschenbecher.

«Und Du? Bist Du auch auf Deine Kosten gekommen? Ich hoffe es sehr, da Fremdbenutzung bei mir ja ein Tabu ist.»

Ich stiess den letzten Rauch aus meinem Mund. «Kennst Du dieses Gefühl, wenn alles so unerwartet gut passt wie bei einem neuen Song, den man zwar zum ersten Mal hört, aber der so perfekt in den Ohren klingt? Dass man nicht glauben kann, dass er in dieser Natürlichkeit zuvor nicht existierte?»

Samira schaute zu Boden; in ihrer brüchigen Stimme klang Traurigkeit, als sie ein «Ja» von sich gab. Enttäuscht darüber, dass sie mir diesen Wunsch nicht erfüllen konnte, vielleicht etwas in Angst, mich deswegen zu verlieren. Ein paar Minuten liess ich sie leiden.

«Dieses Gefühl hatte ich heute mit Dir.» 

Samira sprang vor Freude auf, nur um sich gleich zu entschuldigen. «Oh, mein Herr, darf ich?»

«Es sei Dir erlaubt!» Flugs sass sie auf meinen Schoss, schmiegte sich wie eine Katze um meinen Hals. So eine glückliche Frau, glücklich wegen mir, wegen uns. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragte sie: «Aber dieses Zitresien, das gibt es nicht wirklich, oder?»

«Auf den Bock mit Dir, Du ungläubiges Miststück!» Es war ein Befehl, dem sie nur zu gerne Folge leistete, mit neu gewonnener Sicherheit. Die Nadel kehrte an den Anfang des Vinyls zurück und unser Song begann von Neuem.

Franca

Sie hatte so gar nichts Aussergewöhnliches an sich, und doch war sie es. Eine Krankenpflegerin, die ich wie alle ihre Kolleginnen als «ekelhaft sauber» bezeichnete. Haselnussfarbene, halblange Haare, eine überaus durchschnittliche Figur. Und ich, der sonst so starke Mann: Schwach, bettlägerig, an Schläuchen und Geräten angeschlossen, die gerade sein Leben sicherten, und trotzdem weg vom Leben, das draussen stattfand, in Isolation.

„Franca“ stand auf dem Namenstäfelchen.

Ihre besondere Aufmerksamkeit für mich, bestimmt war sie eine Illusion. Mein Körper bestand mehr aus zugeführten Flüssigkeiten der europäischen Pharmaindustrie als aus selbst produzierten Säften; und das, was nicht künstlich war, war mir auch noch von anderen vermutlich nur humanoiden Lebewesen zugeführt worden. Ich war nicht ich, und das lag ausnahmsweise nicht am Hunger. Mit vier Gallonen Antibiotika pro Tag war mir der eh längst vergangen.

Wie zum Teufel konnte ich überhaupt an Erotik denken, in diesem Zustand, in dem ich mich befand? War es Francas dunkle Stimme, deren Wärme und Fürsorge mich sofort wie ein Badetuch frisch aus dem Wäschetrockner umschmeichelte? Ihr kurzes Aufhüpfen in ihren billigen Sneakers, nachdem sie mein Zimmer betreten hatte und dann anhielt, um mir Neuigkeiten zu verkünden? 

Meine Kraft reichte nicht, das ganze Kopfkino zu entwickeln, welches sich typischerweise wie eine dunkle Decke über mich warf, ohne, dass ich dafür oder dagegen was hätte tun können. Dennoch, ein letztes Überbleibsel meiner Lust bäumte sich in mir auf; ich war irgendwie fasziniert von ihr. Wie könnte ich sie auf die Fährte des dunklen Waldes bringen, den schmalen Pfad zu mir, dem bösen Mann, vor dem sich alle so gerne fürchten? Kopfüber hängend sah ich sie, gespreizt, bereit, zu nehmen, Lust oder Pein, sich bedankend… ungeschminkt wie jetzt auch, nackt und roh; nur ihre Sneakers, die würde ich ihr um den Kopf binden, um den Schall ihrer Klagelaute zu dämpfen.

«Franca, in all ihrem Engelsweiss, gibt es in ihnen auch dunkle Orte, die zwischendurch von erfahrenen Händen gemeistert werden müssen?» fragte ich sie direkt. Sie lächelte, soweit es ihre Augen gleich oberhalb des Mund-Nasen-Schutzes erkennen liessen, blieb aber sonst unberührt und schwieg. 

Hatte sie meine Frage richtig verstanden?

Stattdesssen nahm sie dieses total vergilbte Gummiband vom Tisch, mit dem man das Blut im Oberarm staut. «Ich habe nicht nur mich ganz gut im Griff, sondern auch andere. Sie werden es gleich erleben. Zugegebenermassen ist es manchmal zwar ein Hauen und Stechen. Aber gewinnen tu ich immer.»

Ich erbleichte. 

«Na dann lassen sie uns doch sehen, wie dunkel das Blut wirklich ist, das in ihren Venen fliesst.» Ostentativ maliziös klemmte sie meine Haut ein und zerrte am Gummi, bis ich laut «Aua!» schrie. 

Franca lachte. «Ein gestandener Mann wie Sie? Ich sagte doch, ich habe Menschen im Allgemeinen gerne und gut unter Kontrolle, die Sensibelchen der älteren Generation, die den Hals scheinbar nie voll bekommen, die aber ganz besonders.»

Einen schelmischen Blick später hatte sie die Blutentnahme abgeschlossen, hüpfte auf und fragte, ob sie sonst noch was für mich tun könne.

«So, wie die Würfel nun liegen, nicht.» antwortete ich. Sie machte einen übertriebenen Knicks, warf den Mundschutz in den Eimer und desinfizierte ihre Hände, bevor sie die Türe hinter sich schloss. 

Versteinert beim Rock-Konzert

Der Raum war eng. Vielleicht einen Meter vor der Absperrung des VIP-Bereichs der grossen Bühne stand ich, um mich herum diese hässlichen Kreaturen in abgehalfterten Westen aus Leder oder Jeansstoff, verwaschenen Tattoos und ungepflegten, dünn gewordenen Bindfäden auf dem Kopf, die den Schweiss des Tages zu einem ekelerregenden Gebräu kanalisierten. Immerhin war die Hitze des Tages inzwischen erträglich geworden, obwohl das Rockfestival gerade erst seinem Höhepunkt zufieberte.

Sie stand links von mir. Unauffällig, aber vielleicht war das das Auffällige. Diese Frau von vielleicht 35 Jahren erinnerte mich mit ihren blonden Strähnen an eine frühere Liebschaft. Brille im Projektleiterinnen-Stil, die Haare streng nach hinten gekämmt und dort zu einem Dutt verdichtet. Um uns herum Vorfreude, die Band würde gleich spielen und menschliche Abgründe bombastisch vertonen. Doch sie blieb mit ihrem strengen Gesichtsausdruck auf sich und manchmal ihr Handy konzentriert. 

War sie alleine hier? Wollte sie deshalb nicht von fremden Männern angesprochen werden, nicht Gefahr laufen, lieblich zu wirken, gar einladend?

Ich stellte mir vor, wie bezaubernd sie mit offenen Haaren aussähe, garniert mit einem Lächeln. Diese stille Einladung, das Herausbrechen ihres Wesens aus ihr, transportiert durch den Glanz in ihren Augen, wie wunderbar! Das Träger-Shirt liess viel makellose Haut frei, und über die Schuhe, naja, da würden wir noch drüber sprechen müssen.

Wir? Ich schmunzelte vor mich hin, in einer seltsamen Vorfreude, die illusorisch war. Aber das war mir scheissegal. Die Leute um mich herum würden meine Gefühlsregung verstehen – und doch eigentlich nicht, denn kaum jemand vermutete, was gerade in mir vorging. Ein Funke, tausend Gedanken. Wohl würden sie in Alices Horrorshow gleich auf der Bühne Peitschen, Latex und viel Schauerliches sehen. Zombies, Bucklige, Pranger. Doch wie nahe diese Aufführung an der Realität sein kann, und wie viel davon ich in meinem Kopf herumtrug, sei es Erinnerung oder sei es Fantasie, wem würde sowas Absonderliches im Kopf spuken?

Du willst es doch auch! Dieser zweideutige Satz geisterte durch meine Gedankenwelt, im Kopfkino herumrennend wie wilde Pferde, aber bevor ich es wagte, sie anzusprechen, erschien ihr Partner.

Sie war nicht alleine da. Doch nicht.

Er war einer dieser gemütlich-devoten Jeans-Typen mit ungepflegtem Milchbubi-Bart und Bierbauch, die mit dem ausgebleichten AC/DC-Sticker ihre fehlende Härte wenigstens einmal im Jahr vorgaukeln wollen. Immerhin, er lächelte sie an. Sie nicht. Weder ihn, noch mich. Noch immer nicht. 

Deine Gedanken sind frei, aber Du bist es nicht. Versteinert und verschlossen in einer Beziehung, die Dich mental einsperrt, doch Du würdest es lieber physisch sein. Die Strenge verlieren und Dich öffnen, um zu Dienen und Deine Erfüllung darin finden, die harte Schale endlich ablegen zu dürfen, das ist, wonach Du Dich sehnst.

Hätte ich es ihr sagen sollen? Warum war sie so weit vorne, wieso wollte sie die volle Explosion des Bühnenspiels hautnah erleben, die Emotionen aufsaugen? Um sich das folgende Jahr davon zu ernähren, jeden Tag ein bisschen, so zurückgezogen wie ein tibetanischer Einsiedler? Warum nur?

Ein Happy End gab es nicht. Ich nahm sie mit, in meinen Gedanken, die sich vermischten mit den Erinnerungen an schöne Momente, an diejenigen, in denen ich sie zum Lachen brachte, wo sie mich verliebt ansahen, die Tränen weinten wegen mir und dankbar waren dafür. Stolz waren sie allesamt über das Unsägliche, das sie mit mir erlebt hatten, befreit. Der Ausbruch aus Gewohnheiten, das Einswerden mit dem wirklichen ich. Der Geburt eines neuen Lebens, dem wirklichen, echten.

Alice Cooper verabschiedete sich, und ich wusste, ich würde diese Frau nie mehr treffen, denn die Menschen lügen, wenn sie behaupten, man sähe sich im Leben zwei Mal.

Nein, nicht an einem Rock-Konzert.

Schade eigentlich.

Weiss auf schwarz (Millie – Teil 5)

Die Misshandlungen stoppten, offenbar auf einen geheimen Befehl hin. «Was erlaubst Du Dir? So laut schreien, als wärst Du ein Vergewaltigungsopfer? Was sollen die Gäste von uns denken! Wenn Du mir wirklich vertraust, als Herr über Deine Lust, über Dein Wohlbefinden, die Wohltaten, die Schmerzen, dann erdulde gefälligst den Weg. Meinen Weg! Sprich zu mir: Bist Du wirklich bereit dazu? Ein Fingerschnipp und der Zauber verpufft – Du bist frei und gleichzeitig unfrei wie zuvor. Wie lautet Deine Antwort?»

«Ich… ich bin bereit.» stammelte sie halblaut. 

«Dieses Säuseln ist nicht genug!» So hart, so befehlend und bedingungslos hatte sie Jonas noch nie gehört. Doch irgendwie gefiel es ihr. Es war das Szenario, in dem er sich holt, was er braucht und in welchem sie nur noch ohne Nachdenken ausführt und darin ihre Erfüllung findet. Dieser magische Moment war so nah und doch durch seine Frage wieder in weite Ferne gerückt. Sie wollte es. Eigentlich. Nein, sie wollte es nicht. Doch, sie wollte. Was für ein schmerzhafter Kampf sie mit sich selbst focht!

Schliesslich rang sie sich durch. «Was muss ich tun, damit Du mir glaubst?» fragte sie, in einem Ton, der im folgenden Moment des letzten Aufbäumens ihres Stolzes so unterwürfig klang, dass sie sich am liebsten selbst dafür geohrfeigt hätte. Doch der Tunnel hatte nur noch einen Ausgang – volle Kraft voraus. Ein Zurück gab es nicht.

«Wir haben hier eine mittlere Anzahl Schwänze. Du wirst gleich jeden der Männer in Dir spüren, in Deinem Mund, in Deiner Pussy und in Deinem Arsch.» 

«Das kannst Du nicht tun, Jonas! Das… das geht nicht!!» flehte sie. «Ach, Millie, weisst Du nicht mehr, wie ich Dich warnte, was Du Dir wünschen sollst? Es waren Deine Worte: Von dunklen Kellern sprachst Du. Schau hin: Here we are, my dear, in fast absoluter Dunkelheit! Den engen Ketten, den unbekannten, stämmigen Männern. Alles da!»

«Und wo sind die fremden, fülligen Frauen?» fragte sie, um ihre Agonie mit Sarkasmus zu überdecken. Doch Jonas ignorierte die Bemerkung und fuhr fort.

«Einer nach dem anderen wird seine individuelle Reise durch Deine Schlaglöcher absolvieren, und dank ihrer LED-Binokularbrille alles problemlos finden und sehr genau beäugen. Es wird Deine Aufgabe sein, zu sagen, welcher Luststab der meinige ist; sobald Du ihn identifiziert hast, melde es. Das wirst Du doch bestimmt schaffen, nicht wahr?»

Wie konnte dieser Schuft so etwas von ihr verlangen? Sich benutzen lassen von Männern, die sie nicht kannte? Sie liebte doch nur ihn! Aber da war ihr Körper, dessen Hormone gerade Tango tanzten bei der Vorstellung, wie sie nun dieses Opfer sein würde, missbraucht, in Empfindungen zerfliessend, und alles unter der Kontrolle ihres Herrn und auf seinen Wunsch hin. Das wie ein Blitzlicht plötzlich erscheinende Bild der mutmasslichen Vergewaltigung in der Zeitung verschmolz mit ihrem Zustand des unausweichlichen Verlangens.

«Natürlich schaffe ich das!» antwortete sie trotzig. «Und was geschieht, sollte ich es trotzdem nicht schaffen?» 

«Für jede falsche Antwort wirst Du selbstverständlich bestraft. Auf welche Weise, das entscheide ich zu gegebener Zeit. Auf geht’s!»

Millie blieb keine Sekunde Zeit. Ein metallener Mundspreizer wurde mit einem Gummiband an ihrem Kopf befestigt. «Ach, entschuldige, Millie – das hatte ich zu erwähnen vergessen. Weil Du so gut im Erkennen von Schwänzen bist, bauen wir diese kleine Hürde mit dem dauergeöffneten Mund ein. Sei nicht scheu, denn schon Konfuzius hatte gesagt: Wenn Du eine Vergewaltigung nicht verhindern kannst, lehne Dich zurück und geniesse sie!»  

Nun folgte, was Millie sich nie hatte vorstellen können. Schwänze wurden in ihren Mund gestossen, ihr Arsch eingeschmiert und gedehnt bis er aufnahmebereit war, und die Pussy penetriert. Mal schmeckte sie den Saft ihrer Scham, als einer der Prügel danach oral verwöhnt werden sollte, mal die Würze ihres Hintereingangs, doch im Taumel der Sinne vermengte sich alles in einen Schlund hinein, der sie immer mehr hinunterzog.

«Wie lange willst Du noch warten?» fragte Jonas ungeduldig. Doch auch wenn sich Millie hätte äussern wollen, der Spreizer, aber vielmehr ihr Zustand verunmöglichten es. «Millie, ich verlange eine Antwort!» Kein Ton, Millie war der Welt entrückt. «Na dann, freches Flittchen, dann werden wir mal…»

Sie tauchte aus ihrem Zustand auf, als die Schwänze plötzlich weg waren. Geöffnet von weiss der Himmel wie vielen Penissen, die sie einfach als Mittel ihrer Befriedigung benutzt hatten, lag sie da und spürte: Das konnte unmöglich alles gewesen sein. Tatsächlich, die Bestätigung kam umgehend in Form eines aufkommenden Surrens in der Luft. Mit einem lauten Knall prasselten zwei oder drei Peitschen auf sie nieder. Heilige Sch…, wie das auf ihrem Po brannte! Sie wollte tapfer sein, doch Tränen drückten durch ihre Augen. Mit jedem weiteren Hieb begann Millie mehr zu wimmern, am Ende sogar zu weinen. Es war ein seltsam befreiendes Weinen. Endlich konnte sie loswerden, was sie Jahrzehnte davon abgehalten hatte, die volle Dimension ihrer Lust zu erleben. Es war, als hätte sie ihre Bestimmung gefunden, hier, gefesselt im Dunkel des Kellers, fremden Männern auf Gedeih und Verderb zur Benutzung vorgeworfen.

Wieder wurde sie gefickt, wahllos; irgendjemand spritze auf ihren Rücken, dann spürte sie wieder Nadelräder, die von irgendwoher kamen. Erneut Peitschenhiebe, Penetrationen, in loser Folge, Abspritzen von heissem Sperma. Alles wiederholte sich etliche Male und unterschiedlicher Abfolge, bis ganze Ströme von Flüssigkeiten ihren Körper runterliefen und alle ihren Orgasmus hatten. 

Alle ausser sie. Ausgelaugt keuchte sie, jetzt konnte sie wirklich nicht mehr. Zum Glück wurde der Mundspreizer entfernt. 

Was immer noch kommen würde – sie wäre nicht mehr in der Lage gewesen, darauf zu reagieren. Entsprechend war ihre Überraschung war gross, als sie von jemandem mit warmen, leicht feuchten Frotteetüchern umschmeichelt und gereinigt wurde. Oh, welch sanfter Duft von Lavendel es war, der sich breit machte im Raum. Die anderen Personen schienen verschwunden. Nur ein Lichterpaar war noch da. Langsam begann Millie wieder Kraft zu schöpfen. Hatte sie alles überstanden? War das das Ende? 

Völlig unerwartet kehrte die Zunge an ihre Perle zurück! Aber in diesem Zustand fühlte sich Millie endlich bereit, ganz loszulassen, ihren Orgasmus zu erleben. Ein Stöhnen von hinten verriet, dass es sich um eine Frau handeln musste, die sie bearbeitete. Jemand, der Millie nach allen Regeln der Kunst mit ihrer Zunge, begleitet von sanften Händen, verwöhnte. Die Gespielin stöhnte immer lauter, es mischten sich sogar klagende Laute darunter, deren Ursprung sich Millie sich nicht erklären konnte. Wurde die andere Frau noch von jemandem gequält? Hier im Dunkeln? Der Gedanke gefiel ihr, erkennen konnte sie nichts. Also schloss sie ihre Augen ganz und liess die heranbrausende Welle der Empfindung über ihr brechen und sie durcheinanderwirbeln, wie sie es noch nie erlebt hatte. Mit lauten Schreien brüllte sie sich frei, liess alles los, was ihre Libido je geknechtet hatte. 

Plötzlich ging das Licht an.

Millie blinzelte. Nur mit grosser Mühe gewöhnte sie sich an die Helligkeit; erkannte das Gewölbe, den Raum, indem sie sich schon seit… ja, wie lange eigentlich schon, befunden hatte. Als sie im Spiegel hinter sich jemanden grinsen sah, erschrak sie fast zu Tode: Es handelte sich tatsächlich um die füllige, rothaarige Frau aus der U-Bahn. Sie war es also, die Millie gerade zum Orgasmus geleckt hatte!

«Das… das ist jetzt nicht wahr, oder?» stotterte sie fassungslos. Jonas trat vor, mit zwei langen, schmalen Lederriemen in jeder Hand, die, so konnte sie erkennen, wohl beim Po der Rothaarigen zusammenliefen. Natürlich! Die Piercings an den Schamlippen! Jetzt machte auf einmal alles Sinn.

 «Sie wird Dir weiter zu Diensten sein, und ich werde dieses füllige Masotierchen mit Schmerzen belohnen.» Als Jonas an diesem speziellen Zaumzeug zerrte, stöhnte die Sklavin und begann, Millie wieder zu lecken. 

Jonas hingegen wollte nur eins: «Öffne Deinen Mund!» Wenig später ergoss er sich in ihrem Mund, Millie kam mit dem Geschmack des Spermas zum zweiten Mal, und, so wie es schien, die Rothaarige auch, durch den Zug an ihren Schamlippen und dem Geschmack von Millies Liebessekreten auf ihrer Zunge.

Erschöpft liess Jonas die Zügel zu Boden fallen, sank auf die Knie und küsste Millie.

«Das war ausserordentlich! Ich wusste, dass Du mich heute nicht enttäuschst.» Ein zauberhafter Kuss war es, das pure Gegenteil der heftigen Behandlung, die noch immer Millies‘ letzte Tränen als ihre Zeugen glitzern liess. Kurz darauf entliess Jonas die Rothaarige, die rasch und ohne Gruss verschwand. Kein einziges Wort hatte sie gesagt, weder in der U-Bahn, noch hier. Aber Millie war zu erschöpft, um irgendwelche Fragen zu stellen.

Dann endlich begann Jonas, die Fesselungen an ihr zu lösen und nahm sie in den Arm. Wackelig und bedürftig wie ein trockener Schwamm sog Millie die ganze Fürsorge auf, die er ihr geben konnte; lange verharrten sie so, bis sie sich langsam zu einem Sofa bewegten, um dort mit einer bereitstehenden Stärkung wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Ihre Liebe zu Jonas war unermesslich. Nie zuvor hatte sie eine so tiefe Zuneigung erfahren und gleichzeitig gespürt. 

Lautes Gelächter und Gläser klangen von oben herab. Erst jetzt, nach der langen Erholungsphase, fiel ihr auf, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt nichts davon mitbekommen hatte. Ob es die Gäste waren, die geschlossene Gesellschaft, die zuvor…? Im Gewölbe jedenfalls war keine Hinterlassenschaft zu erkennen, keine Utensilien, alles war weggeräumt worden – wann auch immer; auf jeden Fall ohne, dass sie es wahrgenommen hätte. Nur die wunderbar duftenden Tücher waren noch da. 

«Jonas, bitte sag mir nicht, wer die Häscher heute waren. Bitte nicht. Der Gedanke, es könnten die Gäste oben gewesen sein, er würde mich umbringen. Aus Scham würde ich wohl für immer in diesem Gewölbekeller bleiben!»

«So schlimm finde ich die Aussicht darauf gar nicht!» zwinkerte er.

Schwarz auf schwarz, hart auf hart (Millie – Teil 4)

Zunächst passierte gar nichts. Millie lag auf dem Bock, dem Seh- und Hörsinn beraubt, in einem tiefen, schwarzen Nichts. Sie verfluchte sich dafür, dass sie Jonas’ Charme erlegen war, mehr noch, sie hatte sich einwickeln lassen, wie ein Mädchen, dem Süssigkeiten offeriert werden. Ehrlich war sie gewesen, die dunkelsten Ecken ihrer Sehnsüchte hatte sie offenbart und gedacht, sie blieben harmlos wie eine pubertäre Schwärmerei oder eine absurde Vision von Reichtum und Luxus, die nie in Erfüllung geht.

Und jetzt das!

Ein warmer Hauch bliess über ihre Nackenhaare und liess sie aufstellen. Dann spürte Mille Hände. Waren es Jonas’ Hände? Klar waren es Jonas’ Hände, von wem sonst, versicherte sie sich selbst. Er begann sie zu entkleiden, wie in Zeitlupe, und streichelte sie dabei ganz sanft. Er fuhr unter ihren Oberkörper, löste die Knöpfe der Bluse, zog sie weg; dann waren BH und Rock an der Reihe. Ihr Atem wurde ruhiger; ihr Freund, ein Meister des Sinnesspiels war da, sorgte sich um sie. Ein wohliges Gefühl stellte sich ein, bis sie fast nackt war; nur Slip, die halterlosen Strümpfe und die Stiefel bleiben an.

Warum liess er ihren Slip an? Warum berührte er sie nicht dort, um ihr Erleichterung zu verschaffen, wie es ein Gentleman tut? Sie hätte es sich doch so gewünscht, die Hände fuhren hingegen weg vom Po. Langsam strichen sie hoch, dem Rücken entlang zum Nacken und über ihren Kopf, um dann mit beiden Handflächen Gesicht festzuhalten. Wie in einem Schraubstock, bestimmend, aber nicht unangenehm fühlte sich das an. Eine Zungenspitze drückte sich zwischen ihre Lippen und begehrte Einlass. Die unwiderstehliche Leidenschaft von Jonas, diese intime Verbindung zwischen ihnen, sie war wieder da und liess sie noch weiter eintauchen in diesen kaum beherrschbaren Sinnesrausch.

Gekonnt trieb er Millies Erregung weiter in die Höhe. Die Küsse hörten nicht auf, ihre Wangen wurden weiter festgehalten, als völlig unerwartet ihr Slip zur Seite geschoben wurde. 

Da war noch jemand! Sie spürte nun nicht nur Jonas’ Zunge in ihrem Mund, sondern eine zweite Zunge, die sich in ihre Scham bohrte. Wer leckte sie? War es ein Mann? Eine Frau? Etwa die Rothaarige? Noch bevor sie den Gedanken zu Ende führen konnte, machten sich zwei weitere Hände an ihr zu schaffen; sie zwängten sich unter dem Leder des Bocks durch zu ihren Brüsten und begannen ihre Knospen zu massieren. Laufend mehr Hände entfachten einen regelrechten Sinnestornado, der über ihren ganzen Körper wirbelte.

Wie in aller Welt war das alles möglich, sie, die ihr Leben so in die Hand genommen hatte, nach der gescheiterten Ehe? Es fühlte sich wie ein Tanz auf der Rasierklinge an, zwischen Vernunft und Lust, Widerstand und Genuss. Das ganze Möbel schien sich sogar zu bewegen, aber das war bestimmt eine Täuschung ihrer Wahrnehmung. Auf welche Seite würde sie kippen?

Ihre Perle wurde so gekonnt und mit einer Zärtlichkeit bearbeitet, dass Millie die Auflösung dieser Verwirrung darin sah, endlich zu kommen. Doch die letzten Zentimeter fehlten. Zunächst schien der Moment ganz nah, dann auf einmal weit weg: Der Strudel aus nie erfahrenen Sinnesreizen, umherjagenden Ängsten und dem wie kleine Spitzen immer wieder aufkommenden Drang, zu protestieren, fühlte sich auf einmal wie die Dornen einer eisernen Jungfrau an, die sich langsam um sie zu schliessen begann. Schlussendlich drang ein mit letzter Kraft durch die Kehle gequetschtes, empörtes Gurgeln aus ihr heraus.

Von einer Sekunde auf die andere liess die Zunge ab von ihrer Scham, alle Hände und Jonas waren weg! Was hatte sie getan!?

Auf einmal fühlte es sich an, als würde sie in ein Loch fallen, sie verlor die letzte Orientierung. Alles drehte sich in ihrem Kopf, sie spürte das Vibrieren von Ketten, die durch Rollen rasseln. Wie in einer Schraubbewegung taumelte sie durch dieses unendliche Schwarz und schrie sich die Angst aus ihrer Seele. Mit einem lauten Knall setzte der Bock unsanft auf einem Boden auf.

Stille.

Was für ein Martyrium! Schweissgebadet liess die Spannung ihres Körpers nach.

Die Ohrstöpsel wurden entfernt. «Wie undankbar, Millie!» hörte sie Jonas vorwurfsvoll. «Es wird Zeit, Dir den Sehsinn zurückzugeben!» Diese Ankündigung hatte etwas Angsteinflössendes. Was würde sie nun gleich zu Gesicht zu bekommen und damit der Scham der ausgelieferten, nackten Frau noch mehr Gewicht verleihen?

Kaum war Jonas’ Stimme verklungen, war die Augenbinde weg. Der Schreck hätte nicht grösser sein können: Sie sah… nichts! Es war stockdunkel im Raum! War denn diese Maske die ganze Zeit über völlig überflüssig gewesen? Selbst wenn, fühlte es sich wie eine Strafe an: Ohne Augenbinde fühlte sie sich noch nackter als zuvor.

Dann: Ein kleines Licht! Eine Taschenlampe? Nein, es waren zwei parallele Lichtquellen… so etwas wie eine doppelte Stirnlampe. Geblendet vom kalten LED-Licht konnte sie nicht erkennen, von wem es kam. Handelte es sich um Jonas? Doch wieder wurden ihre Überlegungen unterbrochen, denn zu den ersten gesellten sich weitere Stirnlampen. «Heilige Kacke!» dachte sie, es mussten bestimmt 6 oder mehr Personen im Raum sein. Sie liessen gegenseitig durch das Licht ihre Umrisse aufblitzen, Silhouetten wurden erkennbar und sie bemerkte, dass sich vor Millie wohl ein Spiegel befand. Je länger der Moment dauerte, desto klarer wurde, dass die Personen einen schwarzen Ganzkörper-Overall trugen, mit Kapuze. Sie sahen aus wie in einem Science-Fiction Film! Ihre Augen waren verdeckt durch die Lichtquellen in Form einer Binokular-Brille, wie man sie aus dem OP kennt. Männer oder Frauen, es war einerlei. Und alle blieben stumm.

Völlig aus dem Nichts wurde ihr der Slip regelrecht weggerissen. «Autsch!» klagte sie, doch das schien den Urheber nicht zu interessieren. Hände begannen, auf ihren Po zu schlagen. Zuerst nur ein Klaps, dann immer heftiger. Es waren mindestens zwei Paare, die sich abwechselten, manchmal sogar überlagerten. Dann kamen kleine Einstiche an ihrem Oberschenkel dazu; mindestens drei Nadelräder waren es. Warum diese harte Landung, warum diese Bosheiten? Wegen ihrem Schrei?

 «Meine liebe Millie. Du wolltest mir Vertrauen, hast Du es vergessen?» Die Schärfe seines Tones liess Millie innerlich zusammenzucken. 

Fortsetzung folgt…

Die alte Schmitte (Millie – Teil 3)

Als der dunkelrote Nagellack trocken war, streifte sie einen der halterlosen Strümpfe, die sie zum ersten Mal trug, über ihr frisch rasiertes Bein. Zufrieden blickte sie auf ihren gestreckten, in Nylon gehüllten Fuss. Wie neckisch sollte sie sich geben? Als wollte sie dem ganzen Spuk heute die Zunge rausstrecken, wählte sie einen Rock, der gerade lang genug war, um die Stay-Ups nur erahnen zu lassen. Dazu wählte sie eine offenherzige Bluse.

Vor dem Schuhregal überlegte sie länger. Lieber Pumps oder Stiefel? Am Ende entschied sie sich für elegante, schmal geschnittene Stiefel mit Absatz und musterte sich im grossen Spiegel links von ihrer Garderobe. Ja, sie war sicher, so würde Jonas Freude an ihr haben. Schwungvoll nahm sie den Autoschlüssel vom Sideboard und warf ihn in die Luft, um ihn mit nur einer Hand wieder aufzufangen. Das Glücksgefühl des Erfolgs über die Gespenster des Tages und den bevorstehenden Abend begann sich zu festigen. Stolz nahm sie ihre Handtasche, öffnete die Haustüre und machte sich auf den Weg zum Steakhouse Alte Schmitte.

Irgendwie war sie froh darüber, dass sie sich entschieden hatte, mit dem Auto den Weg zurückzulegen. Diese irritierenden Empfindungen von heute, wie fern waren sie: Äusserlich weggewaschen vom Badewasser, innerlich durch den Orgasmus, nach dessen befreienden Kontraktionen sich Millie fühlte, als wäre sie als Wesen neu geboren.

Am Treffpunkt angekommen, parkte sie den Wagen auf dem kleinen Kiesplatz und erblickte Jonas, der vor dem Eingang auf sie wartete. Schick sah er aus, mit einem dunkelroten Sakko, einem weissen Hemd und schwarzen Jeans. Ein Hallo und ein Kuss später öffnete er die schwere Türe, an welcher Millie im Augenwinkel gerade noch ein Schild erkannte: «Heute geschlossene Gesellschaft». Zunächst leicht irritiert, vermutete sie einen Fehler oder einen Bubenstreich. Aber Jonas‘ Zusteuern auf einen Zweiertisch, der für sie beide reserviert war, unterband weitere Gedanken daran. Auch die bereits anwesenden Gäste, vielleicht ein Dutzend, schienen nicht zu einer Gruppe zu gehören. Der Raum, die alte Schmiede, war gezeichnet von einer Jahrhunderte alten Geschichte. Dicke, von Rauch gezeichnete Mauern, Fenster mit altem Glas und brüchigen Dichtungen, ein Riemenantrieb an der Decke, Holztische, auf denen schwarze Teller, Serviette, Blumenschmuck und Weingläser bereitstanden, und eine mit Brennholz gefüllte Esse, die als Grill für unterschiedlichste Köstlichkeiten diente. Der Geruch von gebratenem Fleisch und Rauch umschmeichelte sie. Verzaubert und mit dem Gefühl, angekommen zu sein in dieser warmen, heilen Welt des Genusses, setzte sie sich.

«Wunderschön siehst Du aus, meine Liebe.» Unter dem Tisch fasste Jonas an Millies bestrumpftes Knie, fuhr mit zwei Fingern langsam runter, steckte sie zwischen Stiefel und Nylons und schloss für einige Sekunden der tiefen Zufriedenheit seine Augen. Dann fragte er: «Wie war denn Dein Tag?»

«Ganz gut.» antwortete Millie knapp, als wäre er versehentlich mit seiner Hand über eine schmerzhafte Wunde gefahren. Jonas verstand sofort. «Welche Geister haben Dich denn heute gequält?» 

Eigentlich wollte sie einfach nur vergessen; einen gemütlichen Abend mit einem hoffentlich erotischen Ausgang geniessen. Doch sein Blick fesselte sie: In seinen dunklen Augen spiegelte sich das Feuer, über dem gerade die Grilladen zubereitet wurden. Es loderte wie eine beängstigend süsse Bedrohung, griff auf sie über.

Nein, sie konnte ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Sie atmete laut aus, dann begann sie: «Du weisst von meinen Träumen, Jonas. Diesen schrecklichen, die mich, naja…» sie streckte ihren Kopf näher zu ihm, um es flüstern zu können «heiss machen, nicht wahr?»

Jonas nickte. Die Bedienung brachte zwei Gläser, gefüllt mit Sekt. «Du magst diesen… Sekt, nicht wahr?» Der schelmische Ausdruck in seinem Gesicht verunsicherte Millie. «Auf uns!» toastete sie ihm unnatürlich laut zu, als könnte sie damit ihrem Zustand umherjagender Gedanken wieder mehr Tritt verleihen.

Die Wohltat des kühlen Alkohols lockerte ihre Zunge und liess sie die Perlenkette von kleinen Ereignissen schildern, die ihr widerfahren war. Begonnen hatte alles mit der gefühlten Observation durch untereinander vernetzte Unbekannte. Dann die seltsame Rothaarige. Die Berichterstattung in der Zeitung über eine mutmassliche, irritierend erotisch wirkenden Gruppenvergewaltigung. Und dieser kleine Ausbruch von Frevelhaftigkeit, der ihr im Büro von „Berlins grösster Bi-Butch“ ungebetenerweise zuteilgeworden war. 

Jonas hörte aufmerksam zu, kommentierte aber nichts davon. Erst, als sie mit Rotwein aus dem Duero-Gebiet anstiessen, bemerkte er mit Blick auf das gefüllte Glas: «Dunkel, wie die Seelen Deiner Häscher!» Er lächelte dabei wie jemand, der gerade einen heimlichen Sieg davongetragen hat.

Auf der einen Seite war Millie zwar froh, endlich die Last der heutigen Verwirrungen abladen zu können. Aber gleichzeitig schmerzten seine Anspielungen und die erneut spürbare, kleine Distanziertheit wie eine Verletzung, die mit Tabasco beträufelt wird. Wann würde er endlich seine Maske fallen lassen, sein wahres Ich zeigen?

Millie beendete ihre Erzählung mit der Fahrt nach Hause, wobei sie lediglich erwähnte, dass die Rothaarige zufällig erneut im gleichen Abteil gesessen habe wie sie, aber nicht, dass sie deren mit Metall behangene Scham zu Gesicht bekam; dass sie sich in der Badewanne erleichtert hatte, zudem mit welchen Gedanken, das verschwieg sie ebenfalls. Die Direktheit, die es erfordert hätte, war seltsam schambehaftet.

Mit Kräutern verzierte Steaks, Pellkartoffeln und Grillgemüse holten sie zurück ins Hier und Jetzt. «Seignant, korrekt?» fragte der rundliche Chef und Grillmeister des Lokals, und Jonas nickte zufrieden. «Ja, ich mag Fleisch, wenn es heiss, rot und würzig ist.»

Auf einmal wirkte der Moment zutiefst verstörend. Jonas schien wie ausgewechselt und nicht mehr dieser freundliche Gentleman, dieser distinguierte Mann von Welt zu sein. Im Gegenteil: Sie sah in diesem Mann, der ihr gegenüber sass, plötzlich die Züge eines Schwerverbrechers, der gierig seine Aufmerksamkeit auf das Fleisch richtete, zum Messer griff und sich diabolisch darauf freute, sein Opfer zu töten und anschliessend zu sezieren. Die scharfe Klinge schnitt in das Fleisch hinein als wäre es Butter. Noch vereinnahmt von seiner maliziösen Freude blickte er auf zu ihr. «Guten Appetit, meine Teure!»

Als wäre ihr eine unsichtbare Zwangsjacke übergestülpt worden, befand sie sich wie in einem Schockzustand. Nicht mal wegschauen konnte sie, wie er weiter in das Fleisch hineinschnitt, den roten, in Teller rinnenden Saft dabei intensiv beäugte und das erste Stück genussvoll zu verspeisen begann. Je länger diese gefühlte Ewigkeit dauerte, desto mehr schien Jonas ganz neuartige Aura sich ihrer zu bemächtigen. Alles war auf einmal klar für sie. Seine Maske, seine Distanziertheit: Weg waren sie. Das wahre Ich von Jonas war offensichtlich geworden.

Erst, als die Bedienung weiter hinten ein Glas zu Boden fallen liess, konnte sie sich aus dem Zustand lösen. Als wäre ein böser Zauber damit zerbrochen, war auch das Galante an Jonas zurück. «Guten Appetit!», erwiderte sie und fragte sich irritiert, was schon wieder in sie gefahren war.

Nach den ersten Bissen und einem weiteren Schluck Wein war sie ruhiger geworden; allerdings begann ihre Verwunderung darüber, dass ihr neuer Partner zu all ihren Erlebnissen nichts sagte, in eine Verärgerung zu münden. Stirnfalten und die Augenbrauen, die sich immer mehr in Richtung Gesichtsmitte verzogen, sollten, so dachte sie, doch Zeichen genug sein, dass sie sich mehr Fürsorge erhofft hatte. Sie beschloss, stumm seine Antwort, seine Reaktion zu abzuwarten und die Dauer bis dahin als Gradmesser dafür zu verwenden, wie sehr er sie liebte.

Ihre Zündschnur wurde mit jedem Stückchen Fleisch, das sie ihrem Mund zuführte, kürzer. Gleichzeitig wuchs ihr Groll und die Gabelstiche wurden kraftvoller, als wäre das Steak eine Voodoo-Puppe. Doch Jonas lächelte nur. «Verdammter Mistkerl!», dachte sie sich, aber wagte es nicht, auszusprechen. 

Dann endlich begann er. «Millie, wenn Du denkst, dass Du andere testest, so wie gerade mich, bist Du Dir dann sicher, dass der Test nicht umgekehrt eigentlich Dir gilt?»

Das war Zuviel. Seine mit Engelszunge vorgetragene Frage zündete den Ausbruch Millies aufgestauter Wut. «Wie kannst Du bloss so kühl sein? Es ist die toxische Männlichkeit, die sich nie in die Situation einer verfolgten Frau versetzen kann, nicht wahr?» 

«Gemach, junge Frau – Du betrittst gerade Eis, von dem Du nicht mal ahnst, wie dünn es ist. Und zum Thema selbst: Du kannst dem Fluch, der Dich offenbar verfolgt, nur begegnen, indem Du Dich ihm wie eine stolze Frau stellst und nicht davor flüchtest wie ein kleines, unbeholfenes Mädchen. Du spürst es tief in Dir: Die Gefahr, in der Du Dich wähnst, kommt nicht von Personen, die Dich imaginär verfolgen. Das, wovor Du Dich wirklich fürchtest, ist in Dir drin: Das Freilassen Deiner Lust, die sich so lange gesammelt hat. Jahrzehntelang wurde Dein sexuelles Verlangen nach speziellen Praktiken fein säuberlich unter Schloss und Riegel gehalten, alles durch diese schändliche Kirchenmoral, der niemand – niemand – wirklich nachlebt, nicht mal diejenigen, die sie verbreiten. Nur, wenn Du bereit bist, hinter die Fassaden zu schauen, wirst Du die Verfolger los, die Dich in Deinem Kopf martern. An ihre Stelle wird das treten, was tief in Dir schlummert und darauf wartet, endlich erweckt zu werden: Dein wahres Wesen.»

«Schon wieder! Schon wieder schaffst Du es!» klagte Millie. «Warum nur bist Du so vereinnahmend, charmant und gleichzeitig ein rechthaberisches Arschloch, dessen Po versohlt gehört!?»

Jonas lachte schallend. «Wie häufig wünscht man dem anderen das, was man gerne selbst erleben würde? Du hast die Wahl, Millie. Es ist ein spezieller Abend heute, und er kann Dir den Zugang öffnen, Dich befreien. Eine mentale Freiheit, die Du durch einen Zustand erlangst, der nur durch komplettes Vertrauen mir gegenüber und bedingungslosem Gehorsam zu erreichen ist.» Er genoss nochmals einen Bissen, schloss genussvoll seine Augen, und blickte Millie anschliessend wieder direkt ins Gesicht: «Vertraust Du mir?» 

Millie wusste keine Antwort. Natürlich vertraute sie Jonas. Aber ihre Nervosität, die das Fluchttier in ihr fütterte, war gerade nicht unter Kontrolle zu bringen. Sie bemühte sich, mit jeder weiteren Kaubewegung ihre Bedenken mehr und mehr zu zermalmen, aber ihr Kopf blockierte sie. Nach dem letzten Schluck Wein übernahm schliesslich ihre Seele die Kontrolle über ihren Mund und sprach aus, woran ihre Ratio gescheitert war: «Ich liebe Dich, Jonas. Und ich vertraue Dir.» Erschrocken über die Selbstoffenbarung und die unbekannten Konsequenzen griff sie hastig nach ihrer ihre Serviette, hielt sie vor ihren Mund, die Augen weit aufgerissen. Doch die vorherige Bedingungslosigkeit in Jonas Ausdruck war von ihm gewichen. Er lächelte tief zufrieden. «Komm mit!» 

Er erhob sich vom Tisch und lief schnurstracks zur gusseisernen Wendeltreppe Ende der Schmiede-Werkstatt. Nach den ersten Stufen warf er ihr einen Blick zu, als wolle er sagen «Komm, gib Dir einen Ruck, Mädchen, und sei eine erwachsene Frau!» 

Diese unsichtbare Magie, bestehend aus seiner Liebenswürdigkeit und seiner gleichzeitigen Gefährlichkeit wirkte wie ein Ring aus seinem Feuer, ohne Ausweg, und sie mittendrin. So folgte sie seinem Weg, hinunter in das Kellergeschoss, wo die Treppe in einem Vorraum mündete, der nicht viel grösser war als der Durchmesser der Treppe selbst. 

«Von jetzt an gelten neue Regeln. Zieh die Augenbinde an, Liebes.» Jonas reichte ihr das samtige Stück Textil und mit etwas Widerwille streifte sie es über ihren Kopf. Ihr Puls raste wie noch nie in ihrem Leben; was verdammt hatte er vor mit ihr? Jonas stellte sicher, dass sie nicht den kleinsten Schimmer von Licht sehen konnte. Erst dann öffnete er das Tor zum Gewölbe und führte sie vorsichtig hinein, gefühlt bis in die Raummitte. Millie musste zunächst knien und dann sich gestreckt über einen Bock vor ihr beugen. Wellen der Schauer überzogen ihren Körper, immer und immer wieder, und ihre Gedankenwelt lief Amok. Sie spürte, wie Jonas sie fesselte, an Füssen und Händen, sie festzurrte auf diesem merkwürdigen Möbelstück. Ganz am Ende verschloss er ihre Ohren mit schallunterdrückenden Stöpseln. 

Sie war ihm komplett und wehrlos ausgeliefert. Sie hörte nichts, sah nichts, sie roch nur den charakteristischen Duft eines alten Gemäuers, Jonas’ Aftershave und spürte, dass sie bewegungsunfähig war. Sie war allein mit ihren Gedanken, ihrer Fantasie, ihren Ängsten. Und ihrer unerklärlichen Lust: Sie war klatschnass zwischen den Beinen und hoffte, dass sie bald erlöst würde – auf welche Weise auch immer. Die Spannung war dermassen unerträglich, dass sie bereit war, sich ganz aufzugeben, für ihn.

Doch das, was danach folgte, das sprengte sogar ihre Vorstellungskraft.

Heiss & Kalt (Millie – Teil 2)

Es gelang Millie erstaunlich gut, ihr Gedankengefängnis, in dem sie sich wegen der Berichterstattung und ihrem aufgewühlten Seelenleben während der ganzen U-Bahn-Fahrt befunden hatte, hinter sich zu lassen. Sie freute sich auf den Abend mit Jonas, ihrem neuen, so charmanten Freund, und verdrängte die dunklen Gedanken, ihre Paranoia der Verfolgung und die irritierende Lust daran erfolgreich den ganzen Vormittag hindurch. 

Doch zur Mittagszeit, in der kleinen Büroküche, gab es einen Moment, der sie daran erinnerte, wie die Hülle der Normalität, in der sie sich wähnte, nur papierdünn war. 

Kathy, eine muskulöse, eher burschikos wirkende Frau mit auffälligem Nasenpiercing und teilweise violett gefärbten, sonst blonden Haaren strich langsam über ihren stark tätowierten Unterarm, als sie Millie in ihrer direkten Art dazu aufforderte, mal von ihrem neuen Freund zu erzählen. «Ich hoffe, Dein neuer, rattenscharfer Besorger hat ein wenig mehr drauf als Dein Ex, den Du nach Deiner erfolgreichen Umerziehung und Domestizierung am Ende als superbraven Milchbubi bezeichnet hast!» lachte sie mit ihrer rauen Raucherstimme. «Lass Dir endlich mal zeigen, was sich hinter dem Vorhang, den alle zum Schutz vor Moral und Ordnung schützend vor sich hertragen, wirklich befindet!» 

Der eindringliche Blick von Kathy und der Fuss, den sie unter dem Tisch an Millies Bein hochstreifen liess, versetzte Millie wieder in diesen Panik-Modus des frühen Vormittags. Wie ein Ballon, den man mit einer Nadel zum Platzen bringt, herrschte Millie ihre Kollegin an: «Lass das! Ich bereue, überhaupt davon erzählt zu haben. Du und Deine Szene, Kathy, wo alle es mit jedem auf jede erdenkliche, ja sogar eigentlich undenkbare und ekelerregende Weise treiben, die kann mir gestohlen bleiben!» 

 «Chill Dein Leben, Kleines, und lass Dir mal was Anständiges einführen!» lachte Kathy schallend und reckte dabei ihre flache Hand demonstrativ in die Höhe. «Wir wissen doch alle Bescheid.» Sie zwinkerte, drehte Millie den Rücken zu und begab sich auf den kleinen Balkon, um sich eine Zigarette anzustecken. 

Millie blieb einen Moment verdattert zurück, denn eine solche Unbeherrschtheit kannte sie an sich gar nicht. Sie sah sich als unglaublich liberale Person, offen für all die Konstellationen, von denen Kathy, die selbsternannte «grösste Bi-Butch Berlins», mit Genuss immer wieder berichtete. Zwar schüttelte es Millie immer, wenn Kathy genüsslich davon berichtete, wie devote Männer vor ihren Füssen mit lausig lackierten Fussnägeln krochen und an der Hornhaut der Fersen lutschten. Aber unter den Schilderungen es gab auch erotisches: Zum Beispiel, wenn von submissiven Frauen die Rede war, die allein durch das Kratzen von Kathys Fingernägeln auf deren Rücken zum Orgasmus gekommen seien. «Triefend nass» triumphierte sie mit leuchtenden Augen, im Wissen, die versammelte Mittagsrunde im Büro damit irritieren zu können.

«Bitch!» kommentierte Millie Kathys Abgang leise; um einer weiteren Unterhaltung mit ihr aus dem Weg zu gehen, kehrte sie zu ihrem Schreibtisch. Doch etwas beunruhigte sie: Was hatte Kathy denn gemeint mit «…alle wissen Bescheid»? War sie etwa auch ein Teil…? Sie schüttelte den Kopf, und verdrängte den Gedanken. Ein Anruf eines Kunden rettete sie und sog sie in den Arbeitsnachmittag hinein.

Früher als sonst machte sich Mille dann auf den Nachhauseweg. Der weitere Verlauf des Nachmittags war zwar ohne nennenswerte Vorkommnisse geblieben, doch kaum führte die Rolltreppe Mille wieder hinunter in die Unterwelt, spürte sie einen kalten Luftzug, der die Erinnerung an den frühen Morgen zurückbrachte. Es wurde ihr heiss und kalt, ihr Herz begann wild zu pochen, und aus der eben noch gefühlten Vorfreude auf den Abend wurde eine Beklommenheit, als würde sie wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt.

Offensichtlich ein Freigänger aus der psychiatrischen Klinik beschimpfte gerade die Säule seiner Wahl, als Millie an ihm vorbei zum Bahnsteig steuerte. «Du Hure! Deine Löcher gehören gebohnert wie der Marmorboden im Palast des Schahs von Perversien!» schrie er lauthals durch die Station. Millie, wie immer bei solchen Begegnungen verunsichert, ignorierte ihn so gut wie möglich und lief im Stechschritt zum Bahnsteig zur U9, die gerade einfuhr. Zum Glück war der Waggon noch sehr dünn belegt; ein leeres Viererabteil vermittelte ihr Sicherheit und liess sie einen Moment lang entspannen.

Mit einem Lachen auf dem Gesicht wunderte sie sich über all die Dinge, die sich heute ereignet hatten. Mit jeder weiteren Station begann sie sich wohler zu fühlen und gab sich schliesslich dem Gedankenspiel hin, was sie für das Abendessen mit Jonas wohl anziehen sollte. Er hatte eine Vorliebe für schwarze Kleidung, und sie überlegte, ob sie ihn diesmal in neckischen Stay-Ups überraschen sollte. Sie seufzte zufrieden und versank in Gedanken an ihn. Ach, wie sehr sie doch verliebt war, wie sehr drängten Herz und Seele sie dazu, ihm alle seine erotischen Wünsche erfüllen, ihm ganz gehören! Tatsächlich hatte sie auch schon Dinge zugelassen, die sie bei ihrem Ex noch kategorisch ausgeschlossen hatte. Dennoch: Irgendwie war da eine kleine Distanz zwischen ihnen, die er, bewusst oder unbewusst, aufrechterhielt. Er entzog sich auf diese Weise einer Berechenbarkeit und blieb mysteriös, trotz seines galanten Auftritts. Irgendwie sexy. Aber da waren bestimmt noch Geheimnisse, Ungesagtes, das sich hinter dieser Fassade verbarg. Was war es nur?

Der Waggon füllte sich, und im Viererabteil von Millie nahm eine fremde Person Platz, gegenüber von ihr. Erst beim zweiten Blick registrierte sie, um wen es sich handelte: Die füllige Rothaarige vom Morgen!  

Zufall? 

Im Unterschied zum Vormittag, wo diese Rubensfrau nichts als Verachtung für Millie übrig zu haben schien, lächelte sie aber, und hielt Millie mit einem sonderbar stechenden Blick einen Moment lang gefangen. Sofort kam ihr die Szene der mutmasslichen Vergewaltigung wieder in den Sinn, die sie innerlich mit dieser Mitreisenden in einer der Hauptrollen ausgeschmückt hatte. 

Erschrocken befreite sich Millie aus dem Bannstrahl der üppigen Frau und lenkte die Aufmerksamkeit hastig auf ihre Handtasche. Aus dem Augenwinkel heraus versuchte sie, zu erahnen, ob sie noch immer von den Augen dieser verflixten Fremden fixiert wurde. Es misslang. So schloss sie ihre Augen, wie es kleine Kinder tun – in der naiven Hoffnung, sie sei dann nicht mehr da, oder mindestens für andere unsichtbar.

Erst Minuten später wagte sie wieder einen Blick hoch zur Rothaarigen. Und als hätte diese genau das gespürt, spreizte sie ihre Beine so weit, dass Millie sehen konnte, was sie gar nicht sehen wollte: Dass die Frau keinen Slip trug, ja mehr noch: In ihrer Scham schien allerlei Metall zu hängen, Piercings, mit einem Vorhängeschloss verbundene Ringe und unzählige Nadelköpfe.

Wie in einem Schock konnte Millie nicht davon ablassen, hinzustarren. Das konnte nicht! Nein! Das konnte wirklich kein Zufall sein. Selbst in dieser sündigen Stadt nicht. Sind denn alle verrückt geworden? Oder war sie es?

Zu viel! Es war zu viel! Millie juckte auf von ihrem Sitz und verliess bei der nächsten U-Bahn-Station hastig den Waggon. Die Türen der U9 schlossen hinter ihr und der gelbe Wurm aus Metall und Glas rauschte weiter, in seinem Bauch die Rothaarige. Weg war sie. Endlich.

Millie setzte sich für einen Moment auf eine Bank, um von diesem seltsamen Trip, dem sie wohl von irgendwelchen Geistern ausgesetzt worden war, runterzukommen. Sie beschloss, sich ein Taxi zu leisten. Weniger als eine halbe Stunde später war sie zuhause. Sie verriegelte das Schloss doppelt, etwas, was sie sonst nur tat, wenn sie in den Urlaub fuhr; die Handtasche liess sie vom Unterarm rutschen und mit dem Rücken zur Tür glitt Millie langsam zu Boden. 

Ihr Nervenkostüm! Sollte sie Jonas absagen? 

Dabei hatte sie sich so auf ihn gefreut, und die tolle Location. Sie streifte ihre Pumps von den Füssen, fasste wieder Kraft und stand auf; dann liess sie ein heisses Bad ein und entkleidete sich beinahe wieder hastig, als sei alles Irritierende des Tages mit dem Wurf des Textils in die Zimmerecke aus der Gegenwart verbannt. 

Kaum war sie im Schaum versunken, berührte sie ihre Mitte, ihre Perle. Das Bild der Rothaarigen drängte sich in ihr Bewusstsein. Nie war sie von einer erwachsenen Frau geleckt worden; das, was damals auf der Klassenfahrt mit Anke passiert war, das zählte nicht. Auf einmal, im Schutz ihrer sicher verschlossenen Wohnung und der Wärme des Bades, mutierte diese füllige Frau wieder zu einer Gespielin der Erotik, und diesmal mit ihr, und nicht dem jungen Lügen-Flittchen aus der Gerichtsverhandlung.

Ihrer Lust sollte sie dienen, diese Rubensfrau. Sicher war sie die lüsterne Frau, die in der Gruppenvergewaltigung eine führende Rolle gespielt hatte und sich an der jungen Frau leckend daran ergötzte, wie das Gemisch aus Panik und Lust deren Säfte fliessen liess.

Dominant war Millie nie, im Gegenteil. Dabei wäre es so gerechtfertigt, ihre Wut an ihr auslassen. Der Zorn darüber, wie sie sie heute früh mit einem verächtlichen Blick beleidigte und vorhin dann genötigt hatte, in ihren Schritt zu blicken. Den Ärger über Kathy, die es wohl mit allem, was möglich ist, trieb. Aber misshandeln… nein, das könnte sie nie. Aber ihr Freund vielleicht?

Mille stellte sich vor, wie sie selbst mit gespreizten Beinen vor der Rubensfrau sitzt, die mit ihren Händen an die Stuhlbeine gekettet wäre. «Leck mich, Du Nutte!» wäre ihr verächtlicher Befehl. Jonas hätte sie aufgetragen, das Metall an den Schamlippen des Racheopfers zu beschweren. Element um Element mehr, mit kleinen Magnetgewichten. 

Oh, wie fürchterlich die ziehen würden, immer stärker. Millie spürte eine Hitze in ihr aufkommen und fragte sich, ob Jonas diese Prozedur nicht nur bei der Rothaarigen, sondern auch bei ihr…? 

Ihr Kopfkino hatte sich der letzten Konventionen entledigt, und es war ihr scheissegal.

Das letzte, das Millie sich noch in ihrer Fantasie ausmalen konnte, war der warme, unkontrollierbare Strahl des Squirtings durch alle Metalle der Rothaarigen durch, begleitet vom dunklen Schrei aus Lust und Schmerz; dann lösten sich alle Bilder in einer Explosion tausender Empfindungen auf.

Das Bad schwappte über.

Millie und ihre Häscher

Millie war angespannt. Der doppelte Espresso nach dem Aufstehen hatte nicht wirklich zur Entspannung beigetragen, dachte sie für sich, als sie in der U-Bahn-Station Leopoldplatz wartete und verzweifelt ihre Nervosität zu kontrollieren versuchte.

Seit Tagen hatte sie den Eindruck, sie werde verfolgt, oder mindestens beobachtet. Nicht von einer spezifischen Person, sondern, so gruselig es auch sein mochte, von einer ganzen Gruppe von Leuten. Männern. Nein, wenn sie ehrlich war, nicht nur Männer, auch Frauen schienen zu dieser Verschwörung zu gehören.

Warum bloss? 

Was wollte der Mann, der jeden Tag diesen ausgewaschenen Regenmantel trug, eigentlich von ihr? Etwas abseits vom Gleis stand er und musterte sie, verschämt hinter der Zeitung hervorblickend. Wer hat heute noch eine Papierzeitung? Das alleine machte ihn schon verdächtig! Schon seit Wochen, fast jeden Tag war er dort, gleiche Uhrzeit, gleiche Stelle, so wie sie, als sie zur Arbeit fuhr. War es eigentlich die gleiche Zeitung? Sie hatte nicht darauf geachtet. Eine Tinktur aus Wut und Furcht brodelte in ihr: Sollte sie den ganzen Mut zusammen nehmen und ihn endlich ansprechen, und ihn fragen, was das alles eigentlich soll? 

„Beruhige Dich, Mädchen“, meditierte sie vor sich hin, Augenlider fest zugekniffen. Vielleicht war alles nur eine Einbildung. Eine Illusion, die – und dafür schämte sie sich zutiefst – irgendwie eine erotische Note hatte. Doch sie lehnte es kategorisch ab, dieses Gefühl, die damit einhergehende leichte Erregung; verschloss es innerlich fest, verdrängte es, wie einen Teufel, den man nicht an die Wand malen darf.

Vergebens! Was, wenn dieser Mann im Regenmantel sie in einer dunklen Ecke des U-Bahn-Labyrinths abpassen würde, mit seinen grossen Pranken, und dann…?

„Unmöglich! Unmöglich!“ murmelte sie vor sich hin, im Wissen, dass das Rattern der herannahenden U9 ihre Worte verschlucken würde. Die Türen öffneten sich, und es gelang ihr dank ihrer zierlichen Figur und gezieltem Ellenbogeneinsatz, sich in die bis zum Bersten gefüllte U-Bahn hineinzuschlängeln, wo sie den letzten Platz auf einer Sitzbank ergatterte und sich alsdann eingepfercht zwischen einer fülligen Rothaarigen und einem Mann mit Nadelstreifen-Anzug wiederfand. 

Hatte die Rothaarige nicht gerade heimlich zu ihr hinübergeschaut? War sie auch ein Teil…? Doch ihr Verdachtsgedanke wurde jäh unterbrochen, als in der ersten Kurve die lederne Aktentasche des Mannes im Businesss-Anzug von dessen Schoss fiel und genau vor Millies Schuhen landete. Peinlich berührt lächelte er Millie an und beugte sich sogleich weit nach vorn, um die Tasche wieder in den Griff zu bekommen. Doch für Millie bleib er viel zu lange unten. Warum bloss? Starrte er etwa auf ihre Füsse? War er gar ein Perverser? War sie umzingelt?

Endlich richtete der Mann sich wieder auf. Millie starrte so angestrengt auf ihr Handy, dass es absurd gekünstelt aussehen musste, doch das war ihr irgendwie egal. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf alles andere als das Display, denn sie wollte herauszufinden, ob der Nadelstreifenmann mit der Rothaarigen hinter ihrem Rücken vielleicht irgendwas austauschte, ein heimliches Zeichen vielleicht, ein Flüstern zwischen dem Kreischen der Schienen.

Nichts. Sie konnte nichts ausmachen.

Seit sie Jonas von ihrer dunkelsten Fantasie erzählt hatte, fühlte sie sich nicht mehr sicher. Als wären mit ihrem neuen Freund auch alle anderen Menschen darüber in Kenntnis gesetzt worden, welch schlimme Sehnsüchte sie hegte, die doch bitte niemals wahr werden sollten, und doch nicht zu vertreiben waren. Er war der einzige, mit dem sie dieses Geheimnis geteilt hatte, und eigentlich, so legte sie sich die Schuldfrage zurecht, passierte es ja auch unter Alkoholeinfluss. Sie sprach vom dunklen Keller. Den engen Ketten. Den unbekannten, stämmigen Männern. Und, nach dem letzte Schluck Prosecco, auch von fremden, fülligen Frauen.

Die Erinnerung an diesen Moment, wie sie ihm das alles geschildert hatte und wie ihr Körper dabei zu jubilieren begann, liess sie erröten und erschaudern. Doch auch die Feuchte in ihrer Mitte, die ihr so früh am Morgen wirklich ungelegen kam, war wieder da.

„Scheisse“, dachte sie. 

Es war nur ein Satz, den Jonas schulterzuckend geantwortet hatte: «Sei vorsichtig bei dem, was Du Dir wünschst». Sie hatte es als blöde Bemerkung abgetan, von Jonas, dem liebsten Menschen auf Erden. Er war ein Gentleman wie er im Buche steht. Sie hatte ihm das Geheimnis offenbart, im Vertrauen, er würde ganz sicher nie…  Er würde nie. Oder? Sie blockierte den Gedanken. Aber seit ihre dunkle Fantasie draussen war, wie Senf, der niemals mehr in die Tube zurückgeht, genau seit dieser Sekunde war nichts mehr in ihrem Leben wie zuvor. 

Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von Jonas! Sie schmunzelte; als hätte er gespürt, dass sie gerade an ihn dachte.

Umgehend öffnete sie den Messenger und las. «Die alte Schmitte – kennst Du die? Heute ein tolles Restaurant, keine Karte, nur das, was der Chef gerade kocht, und das Gewölbe mit dem Wein. Heute Abend? Keine Angst, Du bist nicht allein 😉 Kuss!“

Das Blut gefror in ihren Adern. Warum hatte er diesen letzten Satz geschrieben? 

„Klar doch, sag mir die Uhrzeit. Und ja, ich habe bemerkt, dass ich nicht allein bin, Du Schuft!“ tippte sie hastig hinein und hielt das Handy so, dass die beiden Verdächtigen neben ihr nichts sehen konnten. Doch vor dem Senden zögerte sie. Am Ende löschte sie den letzten Satz wieder. Vielleicht war alles nur ein Hirngespinst. 

«19 Uhr! Ich freue mich! Und eines ist sicher – es wird viel Fleisch geben heute!» kam als Bestätigung von Jonas zurück.

Ein Steakhouse war es, eingerichtet in einer alte Schmiede – ein Lokal, das sie schon lange mal besuchen wollte. Die Webseite sah verheissungsvoll aus; eine alte Esse mit Feuer, Werkzeug, Amboss, und Mauern, vom Russ jahrhundertelanger Betriebsamkeit geschwärzt.  

Millie fragte sich, ob das mit dem Fleisch auch wirklich im Sinne des Restaurants gemeint war, aber bevor sie mit dem Gedanken zu einer Schlussfolgerung kommen konnte, erhob sich die Rothaarige neben ihr und verliess die U-Bahn, ohne Blick zurück. Der Geschäftsmann schien sich auch nicht weiter für Millie zu interessieren. Vielleicht war die Fantasie heute tatsächlich mit ihr durchgegangen. Aber der Mann im Regenmantel…

„Egal!“ beschloss sie und kramte ihren Tablet-Computer aus der Tasche, wo sie die aktuellen Tagesnachrichten zu lesen begann. Bei der Berichterstattung, in der es um die mögliche Verurteilung von vier Männern ging, die der Vergewaltigung einer jungen Frau angeklagt waren, blieb sie hängen. 

Die Abläufe waren im Artikel sehr detailliert beschrieben, denn die Situation wirkte unübersichtlich: Mit einem der Männer war die Frau lose liiert gewesen, sie hatten eine feucht-fröhliche Nacht in einem In-Lokal verbracht, welches durch das Angebot spezieller Räume für erotische Treffen in der Stadt bekannt, aber kein Swinger-Club oder was Ähnliches war. Millie kannte den Ort, weil sie dort von Jonas bereits mal ausgeführt worden war, nur zum Abendessen und ohne von ihm vorher in Kenntnis gesetzt worden zu sein, was sich im hinteren Teil regelmässig zutrug. Es war wohl einer dieser Scherze von Jonas, mit denen er sie sich wie die Unschuld vom Lande fühlen liess. Mistkerl von einem Gentleman.

Immerhin, die Atmosphäre war gehoben, und Millie, in ihrem Unwissen hatte logischerweise nicht ergründen können, wieso gewisse Pärchen nach dem Hauptgang verschwanden und erst viel später und in aufgeräumter Stimmung wieder zum Nachtisch auftauchten. 

Nun also hatte sich laut der Tagespresse also etwas zugetragen, das seinen Anfang in diesem Lokal genommen haben musste. Millie las gebannt.

„Die Männer berichteten in getrennten Vernehmungen übereinstimmend, dass das mutmassliche Opfer mit ihrem Freund verschiedene, für einen kleinen Obolus als Zuschauer zugängliche Räume besucht hatte, und so bewiesen sei, dass sie an sexueller Inspiration interessiert gewesen sei. In einem der Räume seien zwei der Angeklagten Männer mit Beischlaf beschäftigt gewesen, was das mutmassliche Opfer zur Aussage bewegt habe, dass (Zitat)„die Schwuchteln wohl bei ihr keinen hochkriegen“ würden. In einem zweiten Raum lag eine Mittvierzigerin, die als Zeugin ebenfalls geladen war, vollständig nackt auf einer altarähnlichen, erhöhten Liege. Ihre Zehen und die Daumen seien durch eine Schnur so mit Ösen in den Seitenwänden verbunden gewesen, dass sie, wie die Angeklagten lachend bemerkten, „wie ein Seestern“ ausgesehen hätte, alle Viere von sich gestreckt. Ein weiterer Mann und eine andere Frau hätten die mit Augenbinde und Ohrstöpsel um wesentliche Sinne beraubte Nackte bearbeitet, mit Händen und diversen, in der Verhandlung nicht näher beschriebenen Utensilien. Das angebliche spätere Vergewaltigungsopfer habe auch hier nicht von einer Beleidigung abgesehen und die Frau als (Zitat) „miese Schlampe“ bezeichnet.“ 

Millie legte ihr iPad kurz ab und stellte sich die Szene vor. Das Vorbeirauschen der Lichter an den Tunnelwänden versetzte sie wie in eine Trance und sie schmückte mit starrem Blick das Gelesene aus, in einer Mischung aus Ekel und schamerfüllter Erotik. 

Die Frau in der Kammer, wie mag sie wohl ausgesehen haben? Sie stellte sich die Rothaarige vor, die vorhin noch neben ihr gesessen hatte. Hände, immer wieder an unerwarteten Stellen ihres nackten Körpers, mal sanft, mal boshaft. Die Öffnungen ungeschützt und bereit aufzunehmen, was immer man ihnen zumuten würde. Sie, aufgrund der fiesen Fixierung nicht in der Lage, sich zu bewegen, sei es aus Lust oder, um sich zu entziehen. Wehrlos. Durch Sinnesentzug dem Chaos des Unkalkulierbaren ausgesetzt.

Millies Puls raste.

Und dann Utensilien? Bestimmt an den Schamlippen, an den Zehen, vielleicht an den Nasenflügeln? Oh, und an den Brustwarzen, ganz bestimmt. 

Millie fuhr unvermittelt sanft über ihre Oberschenkel, mit der Handfläche leicht nach innen gedreht. Dann atmete sie kurz und heftig aus, in der Absicht, wieder Vernunft einkehren zu lassen und das Lesen abzubrechen. Bis zu ihrem Ziel waren es noch vier Stationen und der Waggon hatte sich schon deutlich entleert.

Es half alles nichts. Die Versuchung war zu gross, ihre Neugier übermächtig. So las sie weiter:

„Nachdem das Paar das Lokal verlassen hatte, begab es sich in die Wohnung des Mannes, wo es zu einvernehmlichem Sex kam. Doch, so schilderte das mutmassliche Opfer, seien etwa nach einer Stunde drei Männer und eine Frau durch die nicht abgeschlossene Haustüre in die Wohnung eingedrungen und auf einmal im Schlafzimmer des Paares gestanden. Es habe sich dabei um die Personen gehandelt, die die junge Frau im Lokal zuvor mit beleidigenden Ausdrücken zugedeckt hatte.“

Millie stockte der Atem. Er stockte nicht, weil sie das schlimmste erwartete, sondern weil sie entsetzt war darüber, wie sie nicht mehr von der voyeuristischen Berichterstattung loslassen konnte. Es war doch alles passiert, real, kein Schundroman billiger 50-Shades-Erotik! Wie konnte sie so etwas als emanzipierte Frau in einen lustvollen Bann ziehen – schliesslich ging um eine sich anbahnende Vergewaltigung! Aber genau aus diesem Grunde war ihre Erregung kaum mehr zu kontrollieren. Mitten in der U-Bahn.

Verdammt!

„Die Schilderungen dessen, was danach passierte, gingen in den Vernehmungen und der Gerichtsverhandlung erwartungsgemäss weit auseinander. Das mutmassliche Opfer sei bereits gefesselt gewesen, behaupteten alle vier Männer, währenddem sie selbst berichtete, sie sei überwältigt worden und dann gefesselt. Auf jeden Fall sei es zu sexuellen Handlungen in einer derart grossen Vielfalt gekommen, dass der Gerichtsschreiber mehrfach nachfragen musste, um aus den sich zum Teil widersprechenden Aussagen konsistente, wenn auch mehrere Versionen der Vorgänge ableiten zu können. 

Erst ganz am Ende stellte sich heraus, dass gar nicht das angebliche Opfer hinter der Anzeige stand, sondern die Bekannte, die mit den drei Männern später dazukam. Die Vergewaltigung zur Anzeige gebracht hatte zwar wohl das Opfer, aber, wie sie am Ende zugab, nur auf Drängen der anderen Frau. Nachdem nun sich vor Gericht die beiden Frauen heftig zu streiten begannen und sich gegenseitig wortreich der Eifersucht bezichtigten, brach der Gerichtspräsident die Verhandlung ab. Das Urteil wird in zwei Wochen erwartet, den Parteien schriftlich zugestellt und ist nicht zur Veröffentlichung vorgesehen.“

Millie bedauerte, dass der Artikel nicht mehr Details zu den Handlungen enthielt und so endete; sie begann, sich ihr eigenes Szenario auszumalen. Die Männer, so stellte sie sich vor, hatten sich alle bestimmt schon gekannt und beschlossen, das junge Flittchen zu besuchen, welches zugeschaut und sich so unflätig vulgär aufgeführt hatte. Als sie ankamen, war sie bereits in einem Bodenpranger im Spielzimmer ihres Freundes wehrlos gemacht und mehrfach von ihrem sicherlich bisexuellen Freund sexuell benutzt worden, und nun weiter ausgeliefert für was immer ihm oder ihnen in den Sinn kommen würde. Worte, befand Millie, sind sicher keine gefallen, aus Schock oder Gier, oder beidem.

Beflügelt durch die bildliche Vorstellung einer Altbauwohnung, in deren Wohnzimmer sich nichts ausser ein Bodenpranger und ein Cheminee befand, fantasierte Millie weiter.

Sie stellte sich vor, wie das Flittchen die schwulen Schwänze lutschen musste, nachdem sie nahe und absichtlich nahe vor ihr Homo-Sex gehabt hatten; vielleicht sogar zu dritt mit dem Freund des Mädchens, der zum Spass ihren Tangaslip dabei trug und sich daran aufgeilte. Eine Vorstellung, die in ihr Abscheu vor dieser Abartigkeit und Unnatürlichkeit schürte und in einer merkwürdigen, animalischen Gier sie gleichzeitig unglaublich erregte. Die Mittvierzigerin leckte das Opfer gleichzeitig hingebungsvoll, um die Tropfen der jungen Lust zu geniessen, stiess aber gleichzeitig mit zwei Fingern heftig und mit Absicht nicht ganz ohne leichten Schmerz zu verursachen in deren Anus, als wollte sie sich für das Beschimpfen mit „Miese Schlampe“ rächen. 

Irgendwann muss dem Opfer wohl eine Augenbinde umgelegt worden sein, und sie wurde gefickt, von unterschiedlichen Männern, die sie nur dank unterschiedlicher Düfte und Grössen der Schwänze auseinanderhalten konnte. Während dieser Vergewaltigung – gewollt oder nicht – musste sie dauernd Rosetten lecken, die über ihren Mund fordernd dargeboten wurden; es war nicht immer klar, zu wem, zu einem der Männer oder der Frau, die würzigen Falten gerade gehörten. Nachdem alle ihren Spass mit ihr hatten, wurde sie befreit. Doch das Martyrium hatte kein Ende, weiterhin blind wurde sie gewaltsam an ihren Haaren ins Badezimmer gezerrt und dort in die Wanne bugsiert, wo sie wenig später eine Dusche aus Sperma und Squirting über sich ergehen lassen musste. Sie kam sich bestimmt fürchterlich missbraucht vor.

Millie sog ihre Unterlippe in den Mund, fuhr mit der Zunge drüber, schloss die Augen… und kam. Allein die Vorstellung begleitet durch unscheinbare, sanfte Berührungen rund um ihren Körpermittelpunkt hatten gereicht. Vorsichtig, aus Angst, jemand hätte etwas mitbekommen können, öffnete sie die Augen wieder und vergewisserte sich, ob es Anzeichen dafür gab. Nein, stellte sie erleichtert fest. Oder etwa doch? Ihr Puls raste, als der Blick eines quer gegenübersitzenden Mannes sie traf. Er hatte grosse Ähnlichkeit mit dem Mann im Regenmantel. Verflucht!

„Friedrich-Wilhelm-Platz“ schallte es aus den Lautsprechern des Waggons, und noch nie hatte diese Ansage so wie eine Erlösung geklungen. Als wäre sie ein Roboter, ohne Gefühlsregung, verliess sie die U-Bahn, um sich zu ihrem Arbeitsort aufzumachen. Ihre unerhörten Gedanken, ihre Fantasien sollten tief unten in der Unterwelt der Stadt bleiben. Mit jeder weiteren Sekunde brachte sie die Rolltreppe mehr ins Sonnenlicht, welches die letzten Überbleibsel der dunkelschwarzen Träumerei zugrundegehen liessen.

(Fortsetzung folgt.)

23:13 und die Tage danach

Amelia und ich hatten uns nach dem Kennenlernen mit einem langen Kuss vor der Türe verabschiedet, in der leeren Strasse, vor dem Eingang des eingegangenen Restaurants, in dem Khaled uns das Tête-à-Tête bereitgestellt hatte. Es wäre mehr als das möglich gewesen, in diesem Raum, der noch Geheimnisse in sich barg, doch ich besann mich eines Besseren. Galant wie ein Gentleman begleitete ich sie nach Draussen und gab ihr zum Abschied lediglich eine kleine Aufgabe mit. 

Nein, ich startete keine Aktion, kein Abgreifen ihres unter dem Eindruck der Situation leicht bebenden Körpers, nichts, was diese kostbaren Minuten ins Klischee billiger Erzählung von noch billigeren Erlebnissen mit Doms aus dem Discounter hätte abdriften lassen. Der Moment war mir zu heilig. Sie war mir zu heilig. Sie, diese Frau, die sich gerade eben geöffnet hatte wie eine Rosenknospe und auf dem Weg war, meine innige Sub zu werden; sie, die alles auf Schwarz setzte und wie die springende Kugel im Roulette das Spektrum von schüchtern bis frech kunstvoll orchestrierte, ohne den Blick freizugeben auf die Logik, die diese Klaviatur bediente. Lediglich das Resultat des Spiels – Schwarz – das hatten wir beide vor unseren Augen.

Nein, es war nur simple, und doch komplexe Aufgabe: Ich wollte aus ihrer Feder erfahren, was Sie sich wünschte, von mir, für sich, für uns. „Wünsche! Ach Du meine Güte. Ist denn schon wieder Weihnachten?“ hatte sie unsicher und laut in die abgestandene Stadtluft gerufen, und dabei das Entsetzen ausgedrückt, das ich ihr zumutete. Tatsächlich, Wünsche sind so ziemlich das Angsteinflössendste, das es in einer Welt gibt, in der die Lustfeindlichkeit unter dem Deckmantel der Moral immer mehr zu spriessen beginnt. 

Amelia seufzte etwas ratlos, doch schliesslich lächelte sie. Sie akzeptierte den Auftrag und drehte sich auf den Absätzen ihren Pumps weg, um sich aufzumachen, nach Hause. Ich blieb stehen, denn ich wollte den Gradmesser, der mich noch nie belogen, an ihr sehen. So war es dann auch: Bevor sie aus meinem Blickfeld entschwand, drehte sie sich nochmals um zu mir.

Sie war definitiv mein.

Zwei Tage später erhielt ich den Brief, auf den ich so sehnlichst gewartet hatte.

„Mein Herr Quirin

Du hast es mir aufgetragen – ich komme Deiner Aufforderung nach. Unser Abend, ein Tanz auf der Rasierklinge. Du wirst es Dir denken: Ich hasse es, zuzugeben, aber meine Gedanken an Dich sind nicht mehr zu kontrollieren, jedenfalls verfüge ich über keine Kraft, die das vermögen würde.

Wie sehr ich mich sehne nach dem, was mir kein Mann bisher hat geben können. Nicht mal ansatzweise. Ich, die graue Motte, die schon so oft um eine verheissungsvolle Lichtquelle flog und nicht bemerkte, dass es am Ende nur billiges LED war. Dabei verzehrte ich mich nach der Sonne, die mich in einen Schmetterling verwandeln würde. Etwas in mir sagt mir, dass Du sie bist.

Wie sich die Glückseligkeit für mich anfühlen soll, nach der ich strebe?

Es ist dieser Moment, in dem man alles vergisst, der Welt entrückt. Hemmungen verkommen zu einer schwachen Erinnerung an eine graue Vorzeit, die wie eine Sandburg am Meeresstrand immer mehr weggespült wird, mit jeder Welle der Lust. Wellen, die zunehmend stärker, unberechenbarer werden und sich schliesslich zu Wogen auftürmen, um mich in den Fluten der Wollust untergehen lassen.

Gib es mir, wo immer es Dir beliebt, vielleicht an einem verlassenen Ort mit verrotteten, mechanischen Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Ich habe es verdient, vor Dir im Schmutz zu kriechen, Deine Zehen zu lecken, und, wenn meine Zunge das Privileg des Zugangs zu Deiner Rosette geniessen darf, sogar noch mehr. Gib es mir! Es werden meine letzten Worte sein, bevor ich zerfliesse, vor Dir, wegen Dir, für Dich.

Entkommen? Nein, das will ich nicht. Es ist zu spät dafür. Was für ein Glück!

Ich will nur noch das eine: Mich Dir auf dem Silbertablett ergeben, jetzt, ja jetzt genau in diesem Moment. Innerlich flehe ich: Sei mein sexueller Kannibale, verschling mich, tu mir weh, zerfleische mich, nimm meine Seele in Dir auf. Die Zeugnisse Deiner Hiebe, die mich stolz machen werden, was könnte mich mehr erfüllen? Die Intensität, die das Pendel zwischen grauenwundervoller Qual der Züchtigung und Lust erzeugen wird, ich bin sicher, sie wird mir das Tor öffnen zu einem anderen Universum, dem Ort, an den ich gehöre.

Wenn Dein Sadismus sich schliesslich in sexuelle Gier gewandelt hat, dann, mein Herr Quirin, dann nimm Dir alles, was Du willst. Setz mich halbnackt auf rostendes, kaltes Metall, spreize meine Beine, reiss mir die Schuhe und Strümpfe von den Beinen, zieh die gepiercten Schamplippen meine Pussy weit auseinander, sieh ihr rosa Fleisch, getränkt in milchiger Lust, und bitte missachte sie, indem Du nur meinen Arsch benutzt. Lass sie unbefriedigt, meine angeschwollene Muschi, die Dich so sehr spüren möchte, berühre keinesfalls meine kleine, glänzende Perle! Zeig mir, wo mein Platz ist, dring ein in mein enges Loch, benutze es, um die gierige Fotze zu demütigen. Ergiesse Dich in mir, nimm Besitz, zerre mich dann vom Tisch, wirf mich auf den dreckigen Boden und lass mich liegen, benommen von meiner kompletten Ergebenheit.

Ein Kuss? Irgendwann werde ich zu mir kommen, zurück in die Artikulationsfähigkeit, und darum betteln. Vielleicht werde ich die Gnade erleben, ihn zu bekommen, so wundervoll und innig wie bei unserem Abschied.

Ich zittere.

Deine A.

Ich legte den Brief sorgsam wie höchst zerbrechliches Pergament zur Seite und erinnerte mich an einen meiner Lehrer. «You get what you want!» hatte er stets gepredigt. Heilige Kacke, mir war nie bewusst, wie recht er hatte. Und mit welcher Wucht mir gerade dies widerfuhr.

22:02

Fortsetzung von 21:21

Eine unerträgliche Spannung hatte sich des Raumes bemächtigt, für sie, aber auch für mich. Mit grossen Scheinwerferaugen starrte sie mich an, mich, den sie mit ihren frechen Äusserungen doch gerade herausgefordert hatte, und der innerlich kurz davor war, die Grenze zwischen ihrer einst scherzhaften Bezeichnung als Sexualstraftäter und der Realität zu verwischen. 

Wieder waren sie da, diese Snapshots meiner Fantasie. Speichel, der seine glänzenden Fäden zieht, ihr das Kinn hinunterrinnt und auf dem makellosen Dekolleté kleine Pfützen bildet, nur um sich danach für die Flucht zwischen zwei Erhebungen wieder zu vereinigen. Die Empörung, die Scham, dieses «Sowas tut man nicht!» in ihrem Blick. Meine mal verspielten, mal unmissverständlich besitzergreifenden Küsse, die ihr nicht nur den Atem nehmen, sondern ihr Recht, eigene Wünsche anzumelden; sie, ganz meins! Unerwartete Zärtlichkeiten, die sie weich machen wie das Wachs, das ich noch vor Kurzem in den Händen hatte. Ihr schockierter Blick von «Das kannst Du mir unmöglich antun!». Liebkosungen an Stellen, wo sie bestimmt noch nie solche erfahren hat, enge Vertrautheit in Symbiose mit Schmutzigem, Abartigem, unser Geheimnis, unser kleines Universum. Das unverwechselbare Geräusch des Rohrstocks, wie er die Luft durchschneidet auf dann auf den Po prallt, ihr Stöhnen dabei, die verhasste Dankbarkeit und Gier danach. Ihre dunkle Stimme würde bestimmt wunderbar klingen, in diesem extremen Moment des Martyriums, dem ich sie unterziehen würde, müsste! Und dann das Glück, unser Glück, dank dem abgründigen Verderben, bei dem es keinen doppelten Boden gibt, für niemanden von uns, mit dem nächsten SOS-Schalter ausser Reichweite.

Doch noch war der Nachtisch nicht serviert, die Zeit für die Schilderung meines Traums, den Grund unseres Treffens hier nicht gekommen, ich war zurück und drückte mit allem, was meine Mimik hergab, die Endlichkeit meiner Geduld aus.

Sie zögerte noch immer. Ihre nervösen Augenbewegungen, mit denen sie in rascher Folge abwechselnd mein linkes und rechtes Auge fokussierte, liessen ihre Sicherheit, die sie so stolz nach aussen gekehrt hatte, auf einmal wie eine abgestreifte Haut eines Reptils wirken. Alt, brüchig, abgestorben, leer. 

«Schach!» sagte sie, fatalistisch, halblaut. Sie sprach aus, was ich zuvor nur gedacht hatte! Mein Körper reagierte innert Millisekunden, das Blut begann in meinen Ohren zu rauschen, gab dabei diesen pulsierenden, leicht betäubenden Lärm von sich, so überprominent in der Stille, die gerade herrschte. Endlich, so fühlte ich, in der nächsten Sekunde würde sich Amelia öffnen, zugeben, dass sie das suchte, was ich ihr geben wollte. Gib Dir einen Ruck, Amelia, flehte ich innerlich, mach schon, bevor Dein Kartenhaus in sich zusammenfällt und Deinen Mut unter sich begräbt!

Wie ein Elefant mit Dessert-Karte im Rüssel betrat Khaled den Raum und fragte mit laut singender Stimme, was wir denn gerne Köstliches zum Nachtisch hätten.

Verflucht! Die Luft war draussen. Verdammter Dickhäuter ohne Sensorium – mein Blick hätte ihn töten können!

Amelia liess sich nichts anmerken und bestellte sich unauffällig ein Kulfi, während dem ich nach wildem Blättern in der Auswahl mir mit einem in reichlich Alkohol schwimmenden Coupe Colonel meinen Ärger zu besänftigen beabsichtigte. Khaled, kaum hatte er alles notiert, bemühte sich, seinen Auftritt zur Unzeit so rasch wie möglich zu beenden eilte wie eine Ballerina hüpfend zur Küche. Eine Szene, als wäre sie der Inbegriff von Aberwitz, und sie nahm die Schwere von uns, wir konnten uns beide das Lachen nicht verkneifen.

Amelia unternahm einen Anlauf, das Gespräch neu zu lancieren. «Ich dachte, in Gebäuden sei man vor Gewittern sicher?» Der Augenaufschlag eines naiven Mädchens war zwar süss an ihr, aber eben doch nur eine misslungene Tarnung. Wovor hatte sie Angst? Diese Ambivalenz, sie killte mich beinahe.

            «Hör auf um den heissen Brei zu reden, Amelia. Du weisst genau, worum es hier geht, und Du scheint mindestens belesen, wenn nicht sogar erfahren zu sein, was die dunkle Seite zwischenmenschlicher Sexualität anbelangt. Niemand lässt sich einfach so auf ein Date mit einem wildfremden Mann ein, den ein Hauch von Perversion und Gefahr umgibt.» 

            «Das ist alles nicht so einfach, Quirin. Ich habe einiges bereits hinter mir, und ich kann nicht jeden Dahergelaufenen in mein Leben lassen, zumal es Verpflichtungen gibt, die stärker sind als die Fesseln, die ich in Deinem Arsenal vermute.»

Da war es also. Es war wohl eben doch noch ein Mann in ihrem Leben. Das ganze sorgsam aufgebaute Setting schmolz, wie der Schriftzug von «Wetten, dass…?» früher, wenn die Wette verloren war. Die Belustigung darüber wog die Enttäuschung nicht im Entferntesten auf. Immerhin wollte ich nicht den schlechten Verlierer darstellen.

«Nun, weder bin ich „Jeder“ noch ein „Dahergelaufener“. Schliesslich hab ich mein Auto gleich um die Ecke parkiert!» versuchte ich, die Stimmung zu retten. Sie lächelte süss, fast milde, doch ihre Gesichtszüge zerbröckelten wie in Zeitlupe zu einem schmerzverzerrten Gesicht.  «Weisst Du, Deine Geschlechtsgenossen haben es mir zeitlebens nie einfach gemacht.»

Ich schöpfte Hoffnung. «Warum hast Du Dich denn nicht von ihnen verabschiedet?»

«Oh das habe ich! Die zwei, drei Versuche, die man in konservativen Kreisen als illegal bezeichnen würde, die haben mir zwar einen Einblick gegeben auf das, was sein kann – aber niemand konnte aus diesem „kann“ eine vernünftige Realität konstruieren. Entweder war es ein Möchtegern, oder jemand, bei dem sein Minderwertigkeitskomplex die Antriebsfeder für langweilige Befehle war.» 

«Und Dein Mann auch nicht?» fügte ich an, was sie mit Kopfschütteln quittierte. «Der ist bei einem Unfall vor Jahren ums Leben gekommen. Und nein, es muss Dir nicht leidtun. Das Schicksal kam einer Scheidung zuvor.»

            «Wo ist dann das Problem; Du hast alle anderen verabschiedet, sagtest Du?»

«Ja, Männer schon.»

Au weia. Langsam dämmerte es mir. «Es gibt eine Partnerin in Deinem Leben, und nach allem, was ich von solchen Konstellationen weiss, eine äusserst eifersüchtige.»

Amelia nickte. «War wohl nicht der intelligenteste Schachzug von mir, aber meine Kinde mochten sie sehr, mindestens zu Beginn. Und sie war eine grosse Hilfe.»

«Klingt nicht gerade nach einer Amour Fou. Und jetzt?»

Sie zeigte mir den Partnerschaftsring an ihrem Finger und ergänzte: «Schwer wie Blei.»

Ich war so in ihrem ganzen Wesen und Äusserungen versunken, dass ich erschrak, als plötzlich Khaled mit dem Nachtisch neben mir stand. «Heilige Kacke Khaled! Entweder ein Trampel oder eine schleichende Ballerina – kannst Du Dich nicht wie ein zivilisierter Mensch fortbewegen?» fuhr ich ihn an. Wir kannten uns schon lange. und wie immer lächelte er die Situation mit dem Charme des gesamten Orients weg. Böse sein konnte man ihm wirklich nie.

Als wären die Aussagen von vorhin Monster, die über uns wachen, und die man auf keinen Fall erzürnen darf, und auch etwas ratlos genossen wir unseren Nachtisch ohne weiteren Wortwechsel. Erst nach dem letzten Löffel kam sie auf das zu sprechen, was schon den ganzen Abend wie ein feuchter Sack über uns gehangen hatte. «Und? Wie ist das nun mit meiner Rolle in Deinem Traum, Herr Sexualverbrecher?»

Die unerwartete Ausgangslage verunsicherte mich. Hineingezogen werden in ein Beziehungsdrama, das war definitiv keine Option, auch wenn ich diese Frau, jedes Haar, jede Zelle an ihr mit jeder Sekunde mehr begehrte; ihre unkalkulierbare Art, diese vereinnahmende Erotik. Und gleichzeitig würde ein allzu detailliertes Schildern meines Traumes mich bestimmt wiederfinden lassen in den unseligen Töpfen der anderen, verflossenen Herren. Was konnte ich bloss tun?

Innerlich ermannte ich mich. Vereinbart ist vereinbart, aber ich hüllte meine Schilderung in ein euphemistisches Kleid, die romantischen Aspekte betonend und die Heftigkeit mildernd. 

«Das war alles?» fragte sie ironisch wie eine ungezogene Göre. Was für eine Provokation, die mich schon wieder aufs Glatteis führte. Verflixt nochmals!

«Die Realität, Amelia, ist häufig härter und weniger traumhaft, hattest Du doch selbst angedeutet, als Du Deinen Schuh befreien musstest, Du erinnerst Dich bestimmt?»

Sie überlegte einen Moment. Einen sehr langen Moment. Dann endlich, mit dem ehrlichsten Gesicht des ganzen Abends, fiel der Satz, auf den ich so sehr gehofft hatte: «Und was muss sein, damit Du mir diese Realität zeigst?» 

Die Klarheit, der Moment – alles kam überraschend, auch wenn es doch im Nachhinein so offensichtlich gewesen war. Sie hatte den Entscheid schon längst gefällt, wie immer. Ich Idiot! Schon so alt und noch immer naiv; Frauen, die Männer scharren und zappeln lassen, zu ihrem Amüsement, zu ihrer Bestätigung, obwohl sie doch schon längst wissen, was sie wollen. Dass sie wollen. Und sich dann theatralisch ergeben. Adam, Eva, Apfel, Schlange – schon wieder.

«Der Ring, der müsste weg.» antwortete ich.

Eine unverkennbare, diebische Freude zeigte sich in ihren Gesichtszügen. Sie streifte sich den Ring von Finger und legte ihn sichtbar auf ihre Zunge. Dann schloss sie den Mund, nahm ihr Wasserglas und spülte ihn mit einem grossen Schluck runter. 

Wie versteinert sass ich da. Hatte sie das jetzt wirklich gerade gemacht? 

Befreit lachte sie laut auf, ergötzte sich an meiner Fassungslosigkeit, und rief, noch bevor ich irgendwie reagieren konnte, in Richtung Küche: «Khaled, die Rechnung bitte!»