Heiss & Kalt (Millie – Teil 2)

Es gelang Millie erstaunlich gut, ihr Gedankengefängnis, in dem sie sich wegen der Berichterstattung und ihrem aufgewühlten Seelenleben während der ganzen U-Bahn-Fahrt befunden hatte, hinter sich zu lassen. Sie freute sich auf den Abend mit Jonas, ihrem neuen, so charmanten Freund, und verdrängte die dunklen Gedanken, ihre Paranoia der Verfolgung und die irritierende Lust daran erfolgreich den ganzen Vormittag hindurch. 

Doch zur Mittagszeit, in der kleinen Büroküche, gab es einen Moment, der sie daran erinnerte, wie die Hülle der Normalität, in der sie sich wähnte, nur papierdünn war. 

Kathy, eine muskulöse, eher burschikos wirkende Frau mit auffälligem Nasenpiercing und teilweise violett gefärbten, sonst blonden Haaren strich langsam über ihren stark tätowierten Unterarm, als sie Millie in ihrer direkten Art dazu aufforderte, mal von ihrem neuen Freund zu erzählen. «Ich hoffe, Dein neuer, rattenscharfer Besorger hat ein wenig mehr drauf als Dein Ex, den Du nach Deiner erfolgreichen Umerziehung und Domestizierung am Ende als superbraven Milchbubi bezeichnet hast!» lachte sie mit ihrer rauen Raucherstimme. «Lass Dir endlich mal zeigen, was sich hinter dem Vorhang, den alle zum Schutz vor Moral und Ordnung schützend vor sich hertragen, wirklich befindet!» 

Der eindringliche Blick von Kathy und der Fuss, den sie unter dem Tisch an Millies Bein hochstreifen liess, versetzte Millie wieder in diesen Panik-Modus des frühen Vormittags. Wie ein Ballon, den man mit einer Nadel zum Platzen bringt, herrschte Millie ihre Kollegin an: «Lass das! Ich bereue, überhaupt davon erzählt zu haben. Du und Deine Szene, Kathy, wo alle es mit jedem auf jede erdenkliche, ja sogar eigentlich undenkbare und ekelerregende Weise treiben, die kann mir gestohlen bleiben!» 

 «Chill Dein Leben, Kleines, und lass Dir mal was Anständiges einführen!» lachte Kathy schallend und reckte dabei ihre flache Hand demonstrativ in die Höhe. «Wir wissen doch alle Bescheid.» Sie zwinkerte, drehte Millie den Rücken zu und begab sich auf den kleinen Balkon, um sich eine Zigarette anzustecken. 

Millie blieb einen Moment verdattert zurück, denn eine solche Unbeherrschtheit kannte sie an sich gar nicht. Sie sah sich als unglaublich liberale Person, offen für all die Konstellationen, von denen Kathy, die selbsternannte «grösste Bi-Butch Berlins», mit Genuss immer wieder berichtete. Zwar schüttelte es Millie immer, wenn Kathy genüsslich davon berichtete, wie devote Männer vor ihren Füssen mit lausig lackierten Fussnägeln krochen und an der Hornhaut der Fersen lutschten. Aber unter den Schilderungen es gab auch erotisches: Zum Beispiel, wenn von submissiven Frauen die Rede war, die allein durch das Kratzen von Kathys Fingernägeln auf deren Rücken zum Orgasmus gekommen seien. «Triefend nass» triumphierte sie mit leuchtenden Augen, im Wissen, die versammelte Mittagsrunde im Büro damit irritieren zu können.

«Bitch!» kommentierte Millie Kathys Abgang leise; um einer weiteren Unterhaltung mit ihr aus dem Weg zu gehen, kehrte sie zu ihrem Schreibtisch. Doch etwas beunruhigte sie: Was hatte Kathy denn gemeint mit «…alle wissen Bescheid»? War sie etwa auch ein Teil…? Sie schüttelte den Kopf, und verdrängte den Gedanken. Ein Anruf eines Kunden rettete sie und sog sie in den Arbeitsnachmittag hinein.

Früher als sonst machte sich Mille dann auf den Nachhauseweg. Der weitere Verlauf des Nachmittags war zwar ohne nennenswerte Vorkommnisse geblieben, doch kaum führte die Rolltreppe Mille wieder hinunter in die Unterwelt, spürte sie einen kalten Luftzug, der die Erinnerung an den frühen Morgen zurückbrachte. Es wurde ihr heiss und kalt, ihr Herz begann wild zu pochen, und aus der eben noch gefühlten Vorfreude auf den Abend wurde eine Beklommenheit, als würde sie wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt.

Offensichtlich ein Freigänger aus der psychiatrischen Klinik beschimpfte gerade die Säule seiner Wahl, als Millie an ihm vorbei zum Bahnsteig steuerte. «Du Hure! Deine Löcher gehören gebohnert wie der Marmorboden im Palast des Schahs von Perversien!» schrie er lauthals durch die Station. Millie, wie immer bei solchen Begegnungen verunsichert, ignorierte ihn so gut wie möglich und lief im Stechschritt zum Bahnsteig zur U9, die gerade einfuhr. Zum Glück war der Waggon noch sehr dünn belegt; ein leeres Viererabteil vermittelte ihr Sicherheit und liess sie einen Moment lang entspannen.

Mit einem Lachen auf dem Gesicht wunderte sie sich über all die Dinge, die sich heute ereignet hatten. Mit jeder weiteren Station begann sie sich wohler zu fühlen und gab sich schliesslich dem Gedankenspiel hin, was sie für das Abendessen mit Jonas wohl anziehen sollte. Er hatte eine Vorliebe für schwarze Kleidung, und sie überlegte, ob sie ihn diesmal in neckischen Stay-Ups überraschen sollte. Sie seufzte zufrieden und versank in Gedanken an ihn. Ach, wie sehr sie doch verliebt war, wie sehr drängten Herz und Seele sie dazu, ihm alle seine erotischen Wünsche erfüllen, ihm ganz gehören! Tatsächlich hatte sie auch schon Dinge zugelassen, die sie bei ihrem Ex noch kategorisch ausgeschlossen hatte. Dennoch: Irgendwie war da eine kleine Distanz zwischen ihnen, die er, bewusst oder unbewusst, aufrechterhielt. Er entzog sich auf diese Weise einer Berechenbarkeit und blieb mysteriös, trotz seines galanten Auftritts. Irgendwie sexy. Aber da waren bestimmt noch Geheimnisse, Ungesagtes, das sich hinter dieser Fassade verbarg. Was war es nur?

Der Waggon füllte sich, und im Viererabteil von Millie nahm eine fremde Person Platz, gegenüber von ihr. Erst beim zweiten Blick registrierte sie, um wen es sich handelte: Die füllige Rothaarige vom Morgen!  

Zufall? 

Im Unterschied zum Vormittag, wo diese Rubensfrau nichts als Verachtung für Millie übrig zu haben schien, lächelte sie aber, und hielt Millie mit einem sonderbar stechenden Blick einen Moment lang gefangen. Sofort kam ihr die Szene der mutmasslichen Vergewaltigung wieder in den Sinn, die sie innerlich mit dieser Mitreisenden in einer der Hauptrollen ausgeschmückt hatte. 

Erschrocken befreite sich Millie aus dem Bannstrahl der üppigen Frau und lenkte die Aufmerksamkeit hastig auf ihre Handtasche. Aus dem Augenwinkel heraus versuchte sie, zu erahnen, ob sie noch immer von den Augen dieser verflixten Fremden fixiert wurde. Es misslang. So schloss sie ihre Augen, wie es kleine Kinder tun – in der naiven Hoffnung, sie sei dann nicht mehr da, oder mindestens für andere unsichtbar.

Erst Minuten später wagte sie wieder einen Blick hoch zur Rothaarigen. Und als hätte diese genau das gespürt, spreizte sie ihre Beine so weit, dass Millie sehen konnte, was sie gar nicht sehen wollte: Dass die Frau keinen Slip trug, ja mehr noch: In ihrer Scham schien allerlei Metall zu hängen, Piercings, mit einem Vorhängeschloss verbundene Ringe und unzählige Nadelköpfe.

Wie in einem Schock konnte Millie nicht davon ablassen, hinzustarren. Das konnte nicht! Nein! Das konnte wirklich kein Zufall sein. Selbst in dieser sündigen Stadt nicht. Sind denn alle verrückt geworden? Oder war sie es?

Zu viel! Es war zu viel! Millie juckte auf von ihrem Sitz und verliess bei der nächsten U-Bahn-Station hastig den Waggon. Die Türen der U9 schlossen hinter ihr und der gelbe Wurm aus Metall und Glas rauschte weiter, in seinem Bauch die Rothaarige. Weg war sie. Endlich.

Millie setzte sich für einen Moment auf eine Bank, um von diesem seltsamen Trip, dem sie wohl von irgendwelchen Geistern ausgesetzt worden war, runterzukommen. Sie beschloss, sich ein Taxi zu leisten. Weniger als eine halbe Stunde später war sie zuhause. Sie verriegelte das Schloss doppelt, etwas, was sie sonst nur tat, wenn sie in den Urlaub fuhr; die Handtasche liess sie vom Unterarm rutschen und mit dem Rücken zur Tür glitt Millie langsam zu Boden. 

Ihr Nervenkostüm! Sollte sie Jonas absagen? 

Dabei hatte sie sich so auf ihn gefreut, und die tolle Location. Sie streifte ihre Pumps von den Füssen, fasste wieder Kraft und stand auf; dann liess sie ein heisses Bad ein und entkleidete sich beinahe wieder hastig, als sei alles Irritierende des Tages mit dem Wurf des Textils in die Zimmerecke aus der Gegenwart verbannt. 

Kaum war sie im Schaum versunken, berührte sie ihre Mitte, ihre Perle. Das Bild der Rothaarigen drängte sich in ihr Bewusstsein. Nie war sie von einer erwachsenen Frau geleckt worden; das, was damals auf der Klassenfahrt mit Anke passiert war, das zählte nicht. Auf einmal, im Schutz ihrer sicher verschlossenen Wohnung und der Wärme des Bades, mutierte diese füllige Frau wieder zu einer Gespielin der Erotik, und diesmal mit ihr, und nicht dem jungen Lügen-Flittchen aus der Gerichtsverhandlung.

Ihrer Lust sollte sie dienen, diese Rubensfrau. Sicher war sie die lüsterne Frau, die in der Gruppenvergewaltigung eine führende Rolle gespielt hatte und sich an der jungen Frau leckend daran ergötzte, wie das Gemisch aus Panik und Lust deren Säfte fliessen liess.

Dominant war Millie nie, im Gegenteil. Dabei wäre es so gerechtfertigt, ihre Wut an ihr auslassen. Der Zorn darüber, wie sie sie heute früh mit einem verächtlichen Blick beleidigte und vorhin dann genötigt hatte, in ihren Schritt zu blicken. Den Ärger über Kathy, die es wohl mit allem, was möglich ist, trieb. Aber misshandeln… nein, das könnte sie nie. Aber ihr Freund vielleicht?

Mille stellte sich vor, wie sie selbst mit gespreizten Beinen vor der Rubensfrau sitzt, die mit ihren Händen an die Stuhlbeine gekettet wäre. «Leck mich, Du Nutte!» wäre ihr verächtlicher Befehl. Jonas hätte sie aufgetragen, das Metall an den Schamlippen des Racheopfers zu beschweren. Element um Element mehr, mit kleinen Magnetgewichten. 

Oh, wie fürchterlich die ziehen würden, immer stärker. Millie spürte eine Hitze in ihr aufkommen und fragte sich, ob Jonas diese Prozedur nicht nur bei der Rothaarigen, sondern auch bei ihr…? 

Ihr Kopfkino hatte sich der letzten Konventionen entledigt, und es war ihr scheissegal.

Das letzte, das Millie sich noch in ihrer Fantasie ausmalen konnte, war der warme, unkontrollierbare Strahl des Squirtings durch alle Metalle der Rothaarigen durch, begleitet vom dunklen Schrei aus Lust und Schmerz; dann lösten sich alle Bilder in einer Explosion tausender Empfindungen auf.

Das Bad schwappte über.

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