21:21

Fortsetzung von 20:02

Amelia hielt inne, bevor sie bereit war mit ihrer Antwort. «Es überrascht mich, dass die Kerzen hier aus Bienenwachs sind.»

Zufrieden und mit einem die Sprache verschlagenden Augenaufschlag biss sie triumphierend in ein ofenfrisches Stück Brot und widmete sich danach genüsslich ihrem grünen Blattsalat-Arrangement an scharfem Senf-Dressing. Hiess das, dass sie Erfahrung mit Kerzenspielen hatte? Oder war es nur zufällig angeeignetes Wissen aus einem anderen Kontext? Ich durchschaue sie und ihre Verhalten nicht. Leicht frustriert darüber begann ich, in meinem Glasnudelsalat zu stochern. Ehe ich in der Lage gewesen wäre, die Kontrolle über unsere Konversation wieder zurückzuerlangen, nahm sie ihr Weinglas, um mit mir anzustossen. Ihr Blick war eindringlich: «Bevor ich Deine Challenge akzeptiere, Quirin, sag mir, was ist das Boshafteste, was Du je getan hast?»

Ich erinnerte mich an meine Coaching-Zeit und die Waffe, die ich zu gut kannte – und mit der ich gerade selbst geschlagen wurde: Wer fragt, der führt. Und das missfiel mir zutiefst. «Als Du in meinem Traum warst, Amelia, hast Du mir keine solchen Fragen gestellt, Du hättest mit Freude mein Angebot angenommen und dankbar jeden Ausgang akzeptiert.»

Amelia liess sich davon nicht beeindrucken. «Zum Traum kommen wir nach dem Nachtisch, hatten wir vereinbart, nicht wahr?» erinnerte sie mich, um gleich danach zu insistieren: «Also, Quirin. Raus mit der Sprache. Was war es?»

Diesmal war ich es, der aufs Glatteis geführt worden war. Was wollte sie hören? Bestrafungen im BDSM-Kontext? Ich rang mit mir, ich wollte sie, aber nicht die Brechstange einsetzen, die alles zunichte machen könnte.

Auf einmal kamen diese Erinnerung, diese unbequemen Bilder auf, wie ein ungebetenes Gespenst aus grauer Vorzeit, als ich noch Student war. Doch für heute wären sie ein Weg, zu antworten. Verächtlich lachend, mit schmerzhaft verzerrtem Gesicht begann ich:

«Es war ein Weihnachtsgeschenk. Ich war sehr verliebt in eine langhaarige, blonde Studentin. Das kleine Päckchen überbrachte ich extra ihrer Mutter, damit sie es unentdeckt unter dem Familien-Weihnachtsbaum legen und meine Angebetete es vor den Augen der Schar von Anwesenden am Heiligabend öffnen würde.»

«Das tönt jetzt aber nicht wirklich nicht nach Boshaftigkeit. Also muss es etwas mit dem Inhalt des Geschenks zu tun haben. Was war es denn?»

«Drei schwarze Kondome. Sie hatte nach monatelangem und intensivem Flirten, das sogar ihren Auslandsaufenthalt inklusive erster lesbischer Erfahrung überdauert und am Ende bis unter ihre Wäsche geführt hatte, unvermittelt und kurz vor dem Weihnachtsfest mir dann doch jemand anderen vorgezogen. Adam, Eva, Apfel, Schlange, Nebenbuhler.» Ich seufzte. «Meine Nachricht an sie lautete: Häufiger könne der andere ja eh nicht.

Schwarz drückte damals meine Trauer aus, sie verloren zu haben, nachdem sie von farbigen Kondomen geschwärmt und mich im Ungewissen gelassen hatte, weshalb. Ich hoffte, sie würde an mich denken bei der Verwendung.» Ein lautes Ausatmen. «Es wurde mir berichtet, sie sei tatsächlich schockiert gewesen.»

Amelia lachte herzhaft. «Ja, gebrochene Herzen sind manchmal unberechenbar und energiegeladener als heilgebliebene.»

Die Ungewissheit, ob diese Antwort das war, worauf sie spekuliert hatte, und die Erinnerung an eine im Nachhinein unrühmliche Aktion quälten mich. Doch Amelia gab mir keinerlei Hinweise, verhielt sich rätselhaft und undurchschaubar wie eine Sphinx. 

Ich schwieg und meine Gedankenmaschine lief an. Wie würde ich die Studentin von damals heute behandeln, könnte ich in einer Zeitreise zurück? Mit dem Hosengürtel auspeitschen, im leeren Hörsaal der Uni, über den Tisch auf dem Podium gebeugt – das wäre das Mindeste. Noch besser, so malte ich mir aus, wäre diese Szene vor den Augen ihres in der hintersten Sitzreihe angeketteten, geknebelten Auserwählten, dieser blasshäutige, muskellose Dicksack, den sie später sogar heiratete.

Sie wäre nackt bis auf diese langweiligen, angeblich hippen Turnschuhe, die sie jeweils trug, ihre Jeans, Bluse, BH und Slip hätte ich vorher sicher in einer Aldi-Tüte verstaut und im Korridor schräg gegenüber vom Saal an einen der Haken gehängt, so dass sie sich nach erfolgter Busse noch nackt in die Öffentlichkeit begeben müsste, mit einem Arsch, so leuchtend rot wie bei einem Pavian.

«Dein Professor und Dein persönlicher Jesus, das bin ich jetzt!» würde ich rufen, mit bombastischem Hall im riesigen Tempel des akademischen Wissens. Dann, ihrem armen Würstchenträger in dessen entsetzten Augen blickend, würde ich ihre viel zu kleinen Brustwarzen zutackern («die sind ja eh für nichts gut»), sie würde sich dabei winden und schliesslich zu weinen beginnen. Doch gleichzeitig sähe ich ihre Pussy triefen, schamvoll unerwartet geil geworden durch diese Sensation des Moments der quasi öffentlichen, sexuellen Misshandlung. Endlich würde alles aus hier herausbrechen, ihre ganze Liebe zu mir: Betteln würde sie, endlich, nun doch, sie sehe es ein, sie wolle von mir gefickt werden, und wäre es nur dieses eine, einzige Male, zum Abschied.

Doch ihre Pussy, die sie mir nie hatte geben wollen («wir würden es bereuen!»), sie wäre mir so etwas von egal. Stattdessen würde sie jetzt bereuen; am Haarschopf gepackt, an den Haaren gezerrt und mit der anderen Hand den Kiefer fest im Griff würde ich sie in den Mund zwangsficken, sie nicht loslassen, ihr Schmerzen zufügen und sie dann mein Sperma schlucken lassen: Meine Markierung, tief in ihr drin; der Geschmack von mir in ihrem Rachen, auf der Zunge, am Gaumen, der auch noch dann präsent wäre, sollte sie ihren Besorger je wieder küssen. Erledigt, erniedrigt und befriedigt würde ich sie zurücklassen, auf dem kreidestaubigen Linoleumboden und sicher sein, dass sie fortan nicht mehr ohne mich und meine rücksichtslose Gier sein wollte.

Doch das ist ihr alles verwehrt geblieben, mit ihrem Schweinchen Dick, welches bestimmt kein Schwein war im Bett, sondern ein schüchterner Unterderdecke-Ficker. Wenn überhaupt.

«Es hat Dich ganz schön mitgenommen», unterbrach Amelia mein Szenario, die innerliche Fata Morgana, in die ich versunken war.

«Auf eine andere Weise, als Du denkst. Aber unsere Abmachung war, meinen Traum nach dem Nachtisch zu servieren.» Sie stimmte mir zu, und wir kehrten mit unserer Unterhaltung auf unverfängliches Terrain zurück, bis nach dem Hauptgang, als ich sie wieder auf meine unbeantwortete Challenge aufmerksam machte.

«Der Wein, Amelia, er ist ausgetrunken, und Du hast ihn noch nicht erraten, wie gehen wir damit um?»

«Du wirst es nicht glauben, Quirin – oder soll ich sagen, Mister Grey in Disguise? – aber mich beeindruckt Dein Manöver nicht im geringsten. Ausserdem, um einen Vino Nobile di Montepulciano zu erkennen, braucht man keine besonderen Fähigkeiten. Wird also nichts mit meinem Slip, auf den Du es doch bestimmt abgesehen hast, um ihn danach über der Kerzenflamme theatralisch zu verbrennen» spottete sie.

Woher bloss hatte sie den Wein gekannt? Überhaupt: Was erlaubte sie sich? Doch mein Erstaunen, diesen Triumph über meine Gefühle, den wollte ich ihr keinesfalls gönnen. Sofort ging ich zum Gegenangriff über:

«Du meinst, dass Du mir den Slip überreichen solltest? Solche billigen Spiele, die Du wohl von milchbubenhaften Anfänger-Doms gelernt hast, brauche ich nicht. Das hier ist Serious Play, mit einem waschechten Sexualverbrecher, Frau Amelia. Mir ist mit keiner Logik beizukommen, und schon gar nicht mit Pokern. Darum sage ich es jetzt mal so: Überlegen Sie gut und formulieren Sie mit Bedacht – manche Gewitter entladen sich ohne Vorwarnung.»

Schach.

20:02

Fortsetzung von 05:55

«Spicy Cuisine» hiess das Restaurant meiner Wahl, unweit des Zentrums in einer Seitenstrasse gelegen, die zu dieser eher noch kühlen Jahreszeit recht unbelebt war. Das Lokal gehörte zu den stets gut besuchten, so sehr, dass ein danebenstehendes Restaurant vor Jahren schon den Laden dicht machen musste. Die Konkurrenz war schlicht zu mächtig. 

Auf dem Gehsteig vor dem Eingang wartete ich auf Amelia. Zweifel und Zuversicht duellierten sich, wie immer in solchen Situationen. Würde sie wirklich kommen? Oder mich versetzen und ghosten? Immerhin, ihre Visitenkarte war real, und an ihr hielt mich fest, mental und zwischen zwei Fingern in der Tasche meines Blazers.

Um 20:02 Uhr sah ich Amelia tatsächlich um die Ecke kommen. Ihre dunkle Kleidung beachtete ich kaum, denn meine Aufmerksamkeit war sofort von ihrem Gesicht gefangen, das eine warmherzige Freundlichkeit zeigte, aber auch die attraktiven Merkmale eines Lebenslaufes, der nicht gerade eben erst begonnen hatte: Eine Frau mit Geschichte. Ich prüfte nicht einmal, was sie an den Füssen trug, so sehr absorbiert war ich. Als sie endlich vor mir stand, begrüsste ich sie fast scheu, wie eine alte Bekannte. Mit einem Zwinkern flüsterte ich übertrieben laut: «Das Essen soll hier traumhaft sein, habe ich mir sagen lassen.» 

«Dann sind wir hier ja richtig. Ausser, es handelt sich um Albträume, und solche wollen wir doch vermeiden, nicht wahr, werter Quirin?» Ihr verschmitztes Lächeln, als sie meinen Vornamen aussprach, traf mich mitten ins Herz. Eine lange Sekunde lang visualisierte ich wie aneinandergereihte Blitzlichtaufnahmen vor meinem geistigen Auge, wie es wäre, wenn, ja wenn ich sie an diesen speziellen Ort bringen könnte. Dort, wo Lust und Emotionen sich zu dunkler Materie vereinigen, deren boshaft geile Gravitation niemand entkommen kann.

Wir betraten den Genusstempel. Stimmengewirr, ein Lachen hie und da und Klirren von Besteck und Gläsern füllten den Raum. Sämtliche Tische waren besetzt, bis auf einen, in der Mitte des grossen Speiseraumes. Ein Zweiertisch. Khaled, der Pächter des Restaurants, begrüsste uns mit der sprichwörtlichen Herzlichkeit eines orientalischen Gastgebers. Als wir Platz genommen hatten und uns die Speisekarte gereicht worden war, begannen wir den üblichen Small-Talk über das Berufliche, die Umstände unseres Lebens, eine vereinnahmende Unterhaltung, die nur den Bestellvorgang kurz unterbrochen wurde.

Amelia arbeitete als Nachhaltigkeits-Expertin Teilzeit in einem grösseren Industrie-Konzern voller verknöcherter Manager des letzten Jahrtausends, deren klimaneutrale Entsorgung eine der grössten Herausforderungen für sie sei, lachte sie. Lebhaft berichtete sie über ihre beiden Kinder im Teenager-Alter, die unter der chronischen Krankheit namens «Peinlichberührtsein» litten, und es somit durchaus genossen, einen Abend ohne die Hexe Zuhause zu verbringen. Diese Selbstironie! Wie wundervoll Amelia alles zum Ausdruck bringen konnte.

Von ihrem Mann hingegen sprach sie nicht. Nach ihm zu fragen, wagte ich aber auch nicht, wohl aus Angst, dass es mich verletzten würde, wenn sie in ebenso bunten Farben von einer wundervollen Ehe spräche. Die Zerbrechlichkeit dieses glücklichen Moments mit ihr wollte ich nicht mutwillig in Gefahr bringen und mich lieber der Illusion hingeben, dass sie sich bestimmt mit mir auf die Reise begeben würde, diese einzigartige Erfahrung; Eintauchen in das, worüber die meisten Menschen nicht mal nachdenken, und schon gar nicht sprechen. Immerhin, so versicherte ich mich während ihren weiteren Ausführungen, war sie ja hier, sie war gekommen. Es musste doch einen Grund geben dafür. 

Nach dem kleinen Gruss aus der Küche in Form eines Appetithäppchens und einer mit einhergehenden Pause unseres Dialogs bemerkte ich unvermittelt eine kleine Enttäuschung auf Ameilas Gesicht. Ihre dunkle Stimme wirkte etwas brüchig, nicht so selbstsicher wie zuvor. «Führst Du Traumfrauen eigentlich immer in die Mitte eines lauten Lokals?»

            «Nur die attraktivsten!» lachte ich, freute mich aber insgeheim, dass sie mir unbewusst die Vorlage geliefert hatte für das, was ich bereits für uns vorgesehen hatte. Gleichzeitig hatte sie den Beweis erbracht, dass sie das, was wir gerade erlebten, tatsächlich als Date sah und nicht einfach eine zufällige Bekanntschaft. Wie gut mir das tat! Hatte ich tatsächlich Chancen? Es erforderte etwas Mut, aber ich fühlte, dass ich dem Abend eine Richtung geben musste: «Aber selbstverständlich können wir der Sache ein Ende bereiten, sofort, wenn Du Dich unwohl fühlst!» 

Mit irritiertem Gesichtsausdruck fragte sie: «Wie meinst Du das?» 

Das Glatteis, auf welches ich sie auf diese Weise geführt hatte, war spiegelblank und definitiv nicht bruchsicher. Bei allen Befürchtungen in meinem Innern genoss ich die kleine Folter, die ich ihr aufbürdete, dennoch. «Es gibt Varianten, je nachdem nach was Dir der Sinn steht. Noch habe ich Dir nicht von meinem Traum erzählt.» 

Die Ruhe der Belanglosigkeiten, die unser Beschnuppern für die halbe Stunde in einen kuschelweichen Mantel mit Sicherheitsabstand zu härteren Wahrheiten eingelullt hatte, war weg. Mein Blick bohrte in ihre ratlosen Augen. «Gotcha!» dachte ich.

«Mir steht der Sinn nach einem Abendessen, das nach einem Amuse-Bouche nicht schon in eine fatale Richtung läuft.»

            «Fatal? Adam, Eva, Apfel, Schlange? Ja, ohne Apfel ist alles tatsächlich nichts, insofern sollten wir ihn lieber essen und dann sehen, wie wir mit der Schlange umgehen.»

            «Du gehst ganz schön aufs Ganze, mein lieber Quirin. Wie soll ich Deine Anspielungen denn einsortieren?» fragte sie mich mit verhörerisch ernster Mine. Ich beschloss, die Situation zu entspannen. «Lass mich mal machen.» besänftigte ich sie und rief: «Khaled!» 

Als unser Gastgeber meinen auffordernden Gesichtsausdruck verstanden hatte, nickte er mit einem freundlichen Lächeln, und gleich darauf erhob ich mich vom Tisch. «Komm mit, Amelia. Der Mut, der Dich schon hierher zu einem Abendessen mit einem Sexualverbrecher gebracht hat, wird wohl noch nicht verflogen sein?»

Überrumpelt und perplex zugleich starrte sie mich an, unfähig, auf der Stelle zu antworten. Dieses Date verlief wohl ganz anders, als sie es erwartet hatte. Wohl auch um den inzwischen auf uns aufmerksam gewordenen Augen anderer Gäste auszuweichen, nahm sie die Serviette vom Schoss, legte sie auf den Tisch, griff nach ihrer Handtasche und folgte Khaled und mir. Der Weg führte uns durch die dampfende Küche mit allerlei verführerischen Düften und Gerüchen. Wie zwei VIPs wurden wir von den in weiss gekleideten Künstler der Kochtöpfe freundlich und gleichzeitig mit respektvollem Abstand gegrüsst. Am Ende der Küche befand sich eine schäbig wirkende Türe, für die Khaled nun aus einem riesigen Bund den richtigen Schlüssel suchte. Amelias Nervosität, sehr gut sichtbar an den kleinen Schweissperlen auf ihrer Stirn, eroberte in diesem ewig scheinenden Moment immer mehr ihre ganze Körperhaltung. Ich hingegen nutzte die Gelegenheit, ihre Füsse zu mustern, die in den gleichen Pumps steckten, die ich von ihrem kleinen Zwischenfall schon kannte. Absicht? Oder Zufall? 

Auf jeden Fall bemerkte sie mein Beäugen, was sie irgendwie zu beruhigen schien, in der ganzen Konfusion des Moments und Ortes. Dann endlich öffnete sich die Türe vor uns: Es war der Zugang ins benachbarte, leerstehende Restaurant. Nun, es war nicht ganz leer, wenigstens, soweit man erkennen konnte: Ein mit Kerzen beleuchteter, gedeckter Zweiertisch stand in der Mitte des sonst dunklen Raums. Khaled wies uns galant den Weg hinein. «Ich hoffe, Amelia, diese Umgebung entspricht mehr Deiner Vorstellung eines traumhaften Dates.»

Wie gerne hätte ich gewusst, ob sich ihr Gesicht errötete, doch dafür war es zu dunkel. Immerhin zeigte sie ein verlegenes Lächeln und nahm am Tisch Platz. Als ich es ihr gleichgetan hatte, fragte ich sie: «Ach, und wo waren wir stehengeblieben?»

«Du wolltest mir von Deinem Traum erzählen, oder habe ich da was verpasst?» Das Neckische, Selbstsichere in ihr war zurück. Und damit hatte sie auch den Spiess umgedreht, denn ich hatte nicht nur darauf hingewiesen, es war auch sonst zu erwarten gewesen, dass sie mich danach fragen würde, irgendwann. Doch meine Gedanken an den italienischen Fluss, die Züchtigung in der Kapelle… ich fürchtete, all das würde sie überfordern.

Ich schwieg.

«Siehe da. Ein so selbstsicherer Mann, und eine kleine, offensichtliche und vor allem vorhersehbare Frage bringt ihn aus dem Takt? Der Mann, der alles so haargenau geplant hat, von der ersten, etwas flachen Anmache bis zu diesem Tischchen hier?»

War es eine Rettungsleine, die sie mir zuwarf? War es Spott? Oder einfach nur eine Provokation? Ich war mir nicht sicher.

«Wenn alles so wäre, Amelia, wie Du es gerade in diesem Anfall von Impertinenz formuliert hast, dann hätte ich keine Antwort auf Deine Frage. In der Tat aber habe ich sie. Aber willst Du wirklich wissen, was ein Sexualverbrecher träumt, mit Dir in der Hauptrolle?» Amelia kicherte, auch wenn ihre Mimik nicht mehr so unbeschwert wirkte. «Vielleicht nach dem Nachtisch.»

Wie auf Befehl, zur Rettung meiner Situation, wurde von zwei Angestellten die Vorspeise an den Tisch gebracht, zusammen mit einer Flasche Rotwein. Um deren Etikette war eine Augenmaske gebunden! Der Kellner öffnete die Buddel und goss den Inhalt in eine Dekantier-Karaffe. Die Augenmaske wurde abgestreift und auf den Tisch gelegt, die Flasche mit unerkannter Herkunft mitgenommen.

«Blind degustieren und den Wein erraten. Was meinst Du, Amelia, lässt Du Dich auf diese Herausforderung ein? Ein Kennenlernspiel fast wie im Kindergarten.»

«Was ist der Einsatz, wenn ich verliere?» wollte sie wissen. Ich nahm die Kerze, tröpfelte flüssigen Wachs auf meine Handfläche, beobachtete, wie er sich abkühlte und begann ihn sanft zu kneten. Dann schaute ich auf, direkt in ihre Pupillen: «Wachs in meinen Händen.»

05:55

05:55. Die unerträglich auf Motivation und Spass getrimmte Radiostimme riss mich aus dem Schlaf, der Szene, in welcher ich doch noch so gerne länger verharrt hätte.

Wie im Song «Manic Monday» hatte meine Traumwelt mir vorgegaukelt, wie mich die Kunstfertigkeit der Zunge dieses atemberaubenden, weiblichen Geschöpfs gefangen nahm – an einem kristallblauen Fluss, irgendwo im Süden, in Italien vielleicht. Sie hielt mich fest im Arm und liess mich dabei ihre harten Nippel spüren, die durch etwas, was sich vorher zugetragen haben musste, empfindlich geworden waren. Bewusst, wohl um mir ihre Devotion zu zeigen, nahm sie ihren Schmerz dadurch in Kauf und berührte meine Brustwarzen mit ihren.

Alles, was sie tat, flutete meine Seele mit einer aufregenden, unbekannten Liebeswärme. Keine Störung durch Worte, die ohnehin unnötig gewesen wären. Ineinander verwoben waren wir, wie Nut auf Feder, drei von meinen Fingern in ihrer geschwollenen Mitte, ihrer glitschigen Nässe – meine Besitznahme. Sie tat es mir gleich: Mit ihrer Hand fuhr sie mir zwischen Jeans und den Po, immer weiter hinunter, verlangte mit ihrem Zeigefinger Einlass in meine Rosette, und bekam ihn gewährt. Ihre listige, gekonnte Massage liess meinen befreit baumelnden Schwengel im Gleichtakt ihrer kreisenden Bewegungen wippen, tropfen.

Wir flogen in den höchsten Sphären der Lust, deren unerhörte Erotik mein Dasein auf der Stelle zu verschlingen drohten. «Fühlst Du, wie die Hitze von unten nach oben strömt und Dein Herz wie zwei wärmende Hände umfasst?» fragte ich sie, was eigentlich völlig unmöglich war, eng umschlungen und ununterbrochen küssend. Doch in einem Traum ist ja alles möglich. Gleichermassen auf telepathische Weise empfing ich ihr «Ja» und vernahm dabei diese dunkle und doch weibliche Stimme von ihr. Die Balz unserer Zungen von oben ergänzte den heissen Strom von unten und zündete ein unendliches Feuerwerk an Empfindungen. Es fühlte sich alles so richtig an, so echt. Endlich hatten wir den Sinn des Lebens gefunden, unsere Bestimmung.

Unsere Münder lösten sich, ich zog sie, dieses kostbare Wesen mit vornehm weisser Haut, noch enger an mich heran, legte meinen Kopf sanft auf ihr Schulterblatt, küsste ihren Hals und atmete dabei ihre unwiderstehliche Mischung aus Körperduft und Parfüm. Und siehe da, beim Blick über ihre Schulter, auf den nackten Rücken, erkannte ich sie – die Zeugnisse meiner Bullwhip: Karomuster, die das Sonnenlicht zwischen den Strähnen ihrer Haarpracht aufblitzen liess. Ich wusste: Das fürchterliche Brennen, das sie bestimmt noch Tage begleiten würde, liess sie diese Dankbarkeit, diese Erlösung spüren, nach der sie sich so sehr gesehnt hatte.

Wie durch ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum war ich auf einmal mit einem Zeitsprung zurück in diesem Moment, der sich vor dieser Szene am Fluss abgespielt haben musste. Dort, wo ich ihr diese Markierungen, meine Zeichen der Annektierung ihrer, zugefügt hatte.

Ich spürte meine Glückseligkeit beim Peitschentanz in einer romanischen, verlassenen Kapelle. In deren Chor stand sie, die heilige und schmutzige Göttin meines Traums, nackt, mit Händen auf dem Rücken gefesselt. Blind und breitbeinig hielt sie sich auf ihren Pumps, beleuchtet lediglich durch das fahle Sonnenlicht aus den mickrigen Fenstern oben in der Halbkuppel. Sie zitterte vor Lust, als sie meinen Züchtigungen entgegenfieberte, völlig frei von Angst. Ich umkreiste sie, meinen dunklen Stern, wie ein Mond auf einer engen Umlaufbahn und vergewisserte mich dabei der Vollständigkeit meines grausam liebevollen Werkes an ihr. Sie nahm den Segen meiner Handlungen entgegen, oft stöhnend, manchmal seufzend, nur am obersten Ende der Skala klagte sie laut. Der Hall ihres dunklen Leidens, der Duft von kaltem Gemäuer und ihre sichtbare Lust trieb meine Erregung soweit, dass ich beinahe freihändig ejakulierte.

Als wäre das alles nicht schon genug der Unwahrscheinlichkeiten, spulte der Film meines Traumes ein weiteres Male rückwärts zum Zeitpunkt, an welchem wir gerade in die Kapelle eingetreten waren und den Chor ansteuerten. Sie, dieser unbekannte, gefallene, mir verfallene Engel blieb mit einem ihrer Pumps in einer brüchigen Fuge kurz stecken. Als sie in der Hocke ihren Schuh wieder befreite, richtete und meine Aufmerksamkeit bemerkte, zeigte sie mir das zauberhafteste Lächeln, welches mich je berührt, je getroffen hatte. Dieser Moment brannte sich wie ein unauslöschliches Tattoo ein in mein Gehirn ein, beinahe schmerzhaft, ohne Ausweg für mich und meine Gier. Wie konnte ich im Traum ahnen, dass es nur ein Traum war?

Und dann zerstörte dieses 05:55, eine Radiostimme wie die eines überaus anstrengenden Club Med-Animateurs, den kostbaren, köstlichen Moment. Verdammt sei sie, die billige Plastik-Hure, womit ich das Gerät und die Stimme gleichermassen meinte.

Die Wahrnehmung des Moments wie auch meine Erektion zerfiel wie ein Vampir in den ersten Sonnenstrahlen des Tages und musste der Realität weichen, deren diskussionslose Präsenz mich wieder eingefangen hatte, kaum war die dritte Fünf runtergefallen. 05:56.

Diese namenlose Frau, sie liess mich nicht ganz los; ich trug sie in meinem Kopf in den Tag hinein. Eine Intensität und Persistenz, wie sie nur wenige Träume besitzen, stärker als manche Erinnerung an tatsächliche Begegnungen. Sogar die unglaublichsten Stunden meines Lebens wurden gerade von dieser namenlosen Schönheit mit wallenden, schwarzen Haaren und dicken Augenbrauen einer Südländerin überlagert.

Eine Dusche, ein Kaffee und eine Zahnpasta später befand ich mich in der Strassenbahn zur Arbeit und jonglierte weiter mit den wohligen Erinnerungen an sie. Gleichzeitig fühlte ich aber auch diese mich ermattende Enttäuschung darüber, dass alles nur ein Traum gewesen war. Zunehmend verblasste ihre Präsenz, immer mehr verdrängt von Aufforderungen meines Smartphones, mich meinem Brötchenerwerb zu widmen. «Selbständig» seufzte ich leise vor mich hin, ständig und selbst, und darüberhinaus gerade fürchterlich einsam, ironischerweise inmitten eines bis zum Bersten gefüllten Schüttelbechers auf Schienen. Abstossende Stosszeit, verdammt.

Der Vormittag verlief in mühevoller Schwere. Die Minuten verflossen nicht, vielmehr quollen sie wie eine Schlammlawine in Zeitlupe über meine Erinnerung an die Nacht und überlagerten sie bald vollständig. Welch fantastische Gestalt mich über die ersten Stunden des Tages beschäftigt hatte, war bald vergessen.

Zur Mittagszeit hatte ich genug von diesem Brei und wollte das Loch füllen, welches sich in meinem Magen durch lautes Knurren bemerkbar gemacht hatte. Die paar Schritte an der frischen Luft, zum Take-Away des Inders in der Einkaufspassage, wo ich mir ein Biryani holen wollte, taten mir gut. Die wärmenden Strahlen der Sonne, wie sehr ich sie genoss! Vor dem Eingang des betreffenden Shopping-Centers blieb ich kurz stehen und schloss die Augen, um noch etwas Frühling einzuatmen. Als ich sie wieder öffnete, erblickte ich eine Frau, die gerade mit dem Absatz eines Schuhs im Schmutzgitter steckengeblieben war. Gebannt fixierte ich sie, wie sie nach der Befreiungsaktion wieder in den Schuh hineinschlüpfte. Sie blickte auf, direkt in meine Richtung, und lächelte. Kein verlegenes Lächeln, nein, ein selbstsicheres, fast aufforderndes!

Wie ein Stromstoss durchfuhr es mich. Sie war es!

Es fühlte sich an wie ein Déja-Vu, nur viel irritierender, vereinnahmender. Ausgesondert aus der Masse anderer Leute, die ich in diesem Moment nur verschwommen wahrnahm, fühlte ich mich elektrisiert. Wie konnte das sein?

Verzweifelt zermarterte ich mein Gehirn mit Überlegungen: Wie konnte ich dieser Frau habhaft werden, um zu erfahren, wer sie war und was sie in meinen Traum verloren hatte? Ich musste schnell sein, wahrlich keine Eigenschaft meiner Gedankenmaschine. Und so mündete meine Unfähigkeit im flachsten aller möglichen Anmachsprüche, völlig einfallslos, aber zufällig doch so wahr: «Wie sind Sie letzte Nacht in meinen Traum gekommen?»

Nach dem ersten Moment der Verblüffung lachte sie laut und verriet dabei ihre tiefe Stimme, wie im Traum, diesem unglaubliche Traum, der sofort wieder da war, präsent und sich mit der Realität vermischend.

«Ich kann es Ihnen nicht erklären, vielleicht haben Traumfrauen das so an sich.» antwortete sie daraufhin neckisch, nur um gleich darauf schnippisch fortzufahren: «Und wie das so ist, mit Träumen, sie halten der Realität selten stand.» Sie richtete sich auf und steuerte nach Draussen.

Verflixt nochmals! Wie peinlich ich mich gerade angestellt hatte! Wie hatte ich allen Ernstes wirklich glauben können, hier, einfach so, eine Sub zu finden, dazu noch jemanden aus einem äusserst testosterongeschwängerten Traum, der mehr vom elenden Siechtum des Untervögelt-seins zeugte als von auch nur Ansätzen der Vernunft?

«Von was träumen denn Sie denn?» Mein letzter, verzweifelte Wurf eines Köders liess sie tatsächlich innehalten sich nochmals nach mir umdrehen. «Sie sind ganz schön offensiv, mein Herr. Was denken Sie, könnte eine gestandene, emanzipierte Frau in den besten Jahren und einer Familie Zuhause dazu bringen, einem wildfremden Fussfetischisten – das sind Sie doch!? – über ihre Träume offenzulegen?»

«Schuhfestischisten!» korrigierte ich sie in schulmeisterlicher Art, mit erhobenem Zeigefinger.

Erneut lachte sie. «Es gibt Schlimmeres.» Ich setzte alles auf eine Karte: «Es IST schlimmer.»

Ihr Gesichtsausdruck fror für einen Moment ein. Doch ihre Mühe, die Fassade zu wahren und die aufkommende Neugier über mich, diesen seltsamen Mann zu kontrollieren, war ihr anzusehen. Hatte ich tatsächlich den Trigger gefunden? Das subtile Machtspiel konnte beginnen – ich schwieg und liess sie in der Patsche. Null oder Eins, Mädchen, dachte ich für mich und liess sie dort schmoren, festgehalten mit meinem Blick.

Nach einer gefühlten Ewigkeit knüpfte sie endlich an, mit einem ironischen Unterton: «Einen Sexualverbrecher zu daten, das hat tatsächlich was!». Sie wandte ihren Blick ab von mir und begann, nervös in ihrer Handtasche zu nesteln.

Wenig später reichte sie mir ihre Visitenkarte. Amelia. Was für ein wunderschöner Name!

Tatsächlich, wir vereinbarten ein Abendessen, als wäre es rein geschäftlich, und genau so verabschiedeten wir uns auch und gingen unserer Wege.

Auf den restlichen Metern zum Inder malte ich mir aus, wie Amelia sich am Abend im Spiegel betrachten würde und sich fragen, was um Himmels Willen sie wohl geritten hat, sich mit mir zu verabreden. Der Gedanke gefiel mir.

Verschluss-Sache

Ein tiefes, schwarzen Loch, einem alten Brunnen gleich. Zuunterst, auf dem lehmigen Boden, da liegst Du. Von oben blicke ich auf Dich hinunter. Missbraucht fühlst Du Dich. Missbraucht wurdest Du.

Kalte, feuchte Felswände halten Dich eingesperrt, verhindern eine Flucht, neben dem Eisengitter, dem Zugang unter Verschluss. Dein hübsches Kleid, welches Du Dir eigens für den heutigen Abend ausgewählt hattest, für ein distinguiertes Abendessen mit mir: Es liegt in Fetzen, verteilt im Raum, gesäumt von Deinen schmutzigen Pumps. Das Einzige, was Du noch anhast, sind die Überreste Deiner halterlosen, mit Flecken übersäten Strümpfe. Dein Make-Up: Verschmiert.

Wie unglaublich schön Du bist, in diesem Moment. 

Deine Tränen, sie hatten Zeugnis abgelegt über den Zustand Deines Nervenkostüms, noch bevor meine Behandlung angefangen hatte. „Du weisst, dass ich Dir das jetzt antun muss!“ Begleitet von einem lauten Schlucken hattest Du genickt.

Die Furcht, die Du vor mir hattest, dieses nervöse Zittern der Augen, welches nur Menschen kennen, die die Panik einer ausweglosen Situation jemals erfahren haben. Dieses Entsetzen, dass ich mich loslassen würde, auf Dich loslassen, mit dem Gerät, das sich in meiner Hand befand. Deine innere Zerrissenheit, weil sich dieser Zustand des Unbehagens mit Deiner Erregung paarte, die genau dafür sorgte, was in dieser Situation einfach nie passieren sollte: Deine Säfte fliessen zu lassen.

Wie war es so weit gekommen? 

Es gab keine Begründung ausser meiner Lust, unserer Zweisamkeit diese unerwartete Wendung zu geben. 

Liebend gerne hätte ich mit Dir den Abend nach den kulinarischen Leckerbissen des Gault-Millau-Kochs gemütlich ausklingen lassen, vielleicht mit einem Nachtisch, ja sogar einem Muscat oder Zacapa. Aber meine Gier und mein Verlangen, die beiden grossen Brüder meiner Vernunft, waren mächtiger, stärker, und vor allem eins: Kompromisslos. Der Anblick Deines tadellosen Äusseren, es hatte diese beiden Bestien in mir angestachelt. Es war, wie es immer schon war: Ich muss zerstören, was ich liebe. Der Zwang, er wurde unerträglich und suchte seine Erlösung. 

Nein, es gab keine Erklärung, Du wusstest das. Dein Herr befahl. Du hattest zu folgen.

Zwei Textnachrichten reichten, um meine beiden Kumpane aufzubieten für den Ort, wo Dein Martyrium beginnen sollte. Sie lauerten uns auf. Nein, Dir. Kaum hatten wir das tief im Boden eingelassene Verlies mit seinem kargen Innern und dem fahlen Licht betreten, fielen sie von hinten über Dich her. Sie stülpten einen Jutesack über Deinen Kopf und hielten Dich so lange fest, bis ich Dich ordentlich gefesselt hatte. Wie ein aufgespannter Frosch sahst Du aus, alle Extremitäten mit Seilen von Dir weggezerrt. Von einer vornehmen Dame zum schlampenhaften Missbrauchsopfer, das wurdest Du, innert weniger Minuten. Die rohe Gewalt der beiden Häscher hatte Dich aus Deinen Pumps rutschen lassen, doch die Kälte des Bodens war Dein kleinstes Problem: Die Männer rissen Dein Kleid von Deinem Leib. Alles lag blank: Brüste und drei Öffnungen.

Sollte ich es wirklich zulassen? Diente es meiner Befriedigung? In einem Männerbund stellt sich diese Frage nie; Männerfreundschaften halten ewig. Ein stummer Blick zu ihnen reichte, und sie wussten, sie durften. Triebabbau. Deswegen waren sie gekommen.

Nacheinander fickten sie Dich in die klatschnasse Pussy. Hielten Deine Brüste als wären sie Haltegriffe in einem schaukelnden Bus. Stosszeit im Nahverkehr. Kurz bevor sie kamen, rissen sie den Gummi von ihren Schwänzen und spritzen Dir auf die Füsse. Der eine links, der andere rechts.

Sie hatten ihre Belohnung erhalten. Nur mit einer Geste verabschiedete ich sie, die beiden Kerle, die Dich gerade gefickt hatten, ohne dass Du sie gesehen hattest, oder gehört. Du hattest den Missbrauch nur gespürt.

Als sie weg waren, entfernte ich den Jutesack. Der Anblick, den Du botest, sprach Bände über Deine Benutzung. Diese seltsame Tinktur aus sich widersprechenden Gefühlsregungen, meinem Sadismus und der unendlichen Liebe zu Dir, sie war das Benzin für meine toxischen Vorhaben. Die Eifersucht, die Du so gut kanntest wie kaum jemand sonst, sie war das Feuer.

Du, erniedrigt, als Fickstück in diesem Kerker, hattest meinen Zustand sofort erkannt. Das scharfe Entsetzen in Deinen Augen verriet es. Deine Tränen begannen zu kullern, bahnten sich ihren Weg den Wangen entlang, fielen zu Boden und vermischten sich dort mit der angetrockneten Hinterlassenschaft meiner Jungs.

Jetzt folgte dieser eine Satz von mir, diese Frage, die keine war. Ja, ich musste es Dir antun.

Der Tacker in meiner Hand schoss die erste Klammer auf Deine Scham, liess Dich laut aufheulen, zappeln in den Seilen. Doch dass Dich in Zukunft einfach so Männer ficken konnten, das musste verhindert werden. „Du bist mir!“

Klammer um Klammer verschloss ich den Eingang, er wurde zur Verschluss-Sache. Gift und Galle hättest Du gespien, wäre Deine Vernunft noch zugegen gewesen. Doch die Empfindungen der lustvollen Schmerzen in Deiner Vulva waren stärker, im Moment des Mindfuck, genährt durch das Bewusstsein der Einzigartigkeit des Moments. 

Als ich fertig war, löste ich die Seile und drückte Dich zu Boden. Es blieben noch zwei Öffnungen für mich, und die Wahl fiel mir leicht: Schmutzig sollte es sein, passend zum Ort, zu den Ereignissen.

Wie ich es genoss, Deinen Arsch zu penetrieren, im Wissen, dass das vordere Loch verschlossen war. Keine Diskussion, nur Stöhnen. Kleine, süsse Ohrfeigen. Zerren an Deinen Haaren. Fix und fertig lagst Du da. Schamerfüllt, mit meiner Ladung in Dir.

Mein Januskopf drehte. Ich kauerte zu Dir nieder und richtete Deinen Oberkörper auf. Küsste Deine salzigen Tränen weg, dann Deinen wunderbaren Mund. Innig, verbundener, als es irgendeine Fesselung je könnte. Wie gierig und dankbar Du warst. Ich streichelte Deinen Rücken, umarmte Dich fest und flüsterte in Dein Ohr: „Das hast Du wunderbar gemacht. Ich bin so stolz auf Dich. Nun erhol Dich. Du bleibst meine Verschluss-Sache.“

Ich verliess den Raum, schloss das Eisengitter hinter mir und begab mich in das obere Stockwerk dieses Gemäuers, mit dem Blick hinab in diesen brunnenähnlichen Raum.

Und seither, seit Minuten, betrachte ich Dich von hier oben, ohne, dass Du es wahrnimmst. Beobachte, wie Du versuchst, Deine Sinne wieder zu sortieren, nach diesem Intermezzo, welches… wie lange hat es gedauert, eigentlich? Eine halbe Stunde? Eine ganze? Oder waren es gar zwei? 

Dieser kostbare Moment, ich wünschte, ich könnte ihn konservieren für die Ewigkeit. Ich stecke mir eine Zigarre an und schwelge in der Wonne meiner Erlösung.

Feinjustieren

Die Ledermanschette war zu lasch. Zu meinem Entsetzen schlüpfte Dein schmales Handgelenk einfach hindurch. Mit dem frechen Grinsen eines kleinen Mädchens, welches sich gerade befreit hat, präsentiertest Du mir Deine Hand, winktest damit. «Nicht perfekt justiert, der Herr!» Glanz in Deinen Augen. Eine kleine Episode des Triumphes für Dich, schmachvoll für den dominanten Herrn. Mich.

Meine Gedankenmaschine war nicht zu stoppen. Maschine! Wie rasch die Bilder in mir vorbei rauschten, die Vision dessen, was ich Dir antun könnte, Dir, dem bezauberndsten Wesen meiner Hemisphäre. Saugglocken an Vulva und Brustwarzen, sie würden einen schmerzhaften Zug ausüben durch das sich anbahnende Vakuum, und gleichzeitig Lust aufbauen. Bis zum Zerbersten. Klagelaute bei Dir. Genugtuung bei mir.

Mein Spargel würde mit jeder Stufe, mit der die Kraft des Motors stärker wird, mehr wachsen. Hart.

Dein Name rotierte in meinem Kopf. War Heidi nicht eine Milchkuh, fragte ich mich, und überlegte mir, ob nicht doch der eine oder andere weisse Tropfen… Nun, die Maschine würde extrem dienlich sein, genau dies herauszufinden.

Die wenigen Sekunden der erneuten Fesselung reichten, das eben entworfene Bild zu einer klaren Vision für das heutige Treffen zu formen. Als der Riemen enger geschnallt war und ich Dich der Sicht beraubt hatte, holte ich die erforderlichen Instrumente aus dem Nebenraum. Stecker in die Steckdose. Testlauf erfolgreich.

«Was machst Du?», fragtest Du mich, aufgeschreckt über die ungewöhnliche Geräuschkulisse. 

«Feinjustieren» war meine Antwort.

Der Ritt auf dem rosa Elefanten in die Mikrowelle

„Lächerlicher Zirkus!“ brabbelte ich vor mich hin, als ich kopfschüttelnd auf mein Tablet-Computer starrte. Wieder eine dieser zahllosen Erotikgeschichten, bei denen bereits nach den ersten Worten klar war, dass es an beiden Zutaten mangelte: Erotik und Geschichte. „Ich habe Dir Anweisung gegeben“ (klar, macht ja jeder tolle Dom), „Du sitzt frisch geduscht mit Strapsen und verbundenen Augen am Ort Blabla“ (Blabla bitte durch geeignete Ortschaft austauschen), „Du bist nass“ (natürlich nicht wegen des Duschens), „ich komme hinein“ (ein Wunder, er kommt! Wenigstens in der Schilderung!), „und greife Dir in die Möse“ (vielleicht ist sie sogar schmutzig, trotz Dusche?), „Du willst sofort kommen“ (obwohl sie schon da ist), „aber ich verbiete es Dir“ (hey, da wird wieder der Meister gezeigt, so unheimlich testosteronversprühend wie getragene Männerunterwäsche vom Kampfstern Galactica), „Du musst zuerst meinen Riesenschwanz schlucken“ (drunter geht’s nicht – eine Riesencrevette wäre ihr wohl lieber), „und danach blasen“ (in der Hoffnung, sie nimmt es mündlich, aber niemals wörtlich), „anschliessend versohle ich Dir den Arsch“ (bestimmt mit der Sohle seiner chlorgetränkten Dom-Adiletten). Alles eine einzige, traurige Einöde wie der Hochnebel, der gerade zuverlässig für Missmut sorgte.

„Dem ist zu begegnen!“ beschloss ich in lautem Selbstgespräch, mit mental erhobenem Zeigefinger.

Ich tippte auf das Icon der Textverarbeitung und begann zu schreiben, wie wild, aber ohne dadurch einen sinnvollen Zusammenhang zu erzeugen, wie mir bald auffiel; ich setzte noch ein paar weitere Worte auf den Bildschirm und ärgerte mich kurz darauf eingehend über mich selbst. Der aus einem inneren Imperativ heraus geforderte Flow (angeblich Neudeutsch für „Fluss“, denn üblicherweise führt dieser nach Veröffentlichung dann zu einem Mösensafttsunami bei meiner Leserinnenschaft – ach nein, wie derb war ich selbst gerade!) wollte so gar nicht aufkommen. Dabei war meine Absicht doch so hehr. Wie Dire Straits, die sich über MTV lustig machten und die Kühlschränke durch Mikrowellenofen ersetzen wollten, so wähnte ich mich im Kampf gegen die Flut von brechreizenden Online-Plattitüden. Was für ein hoffnungsloses Unterfangen! Woher nur sollte ich eine wundervolle Komposition schönster Poesie nehmen, so jetzt auf Befehl? Der Gedanke wurde zum Fluch, denn er machte genau das, was er immer tut: Die Inspiration komplett unterbinden. Wie auf der Landstrasse, beim Zusteuern auf einen Baum, den man im Fokus hält und denkt „Nicht in den Baum! Nicht in den Baum!“

Bumms.

Dabei wusste ich es doch besser. „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten!“ gab mir mein Guru und Exklusiv-Schamane Swami Fleischhauer mit auf den Weg, als ich nach meiner ayurvedischen Kur Goa verliess, und alles, was ich dann tat, war, vor meinem geistigen Auge einen rosa Elefanten zu sehen.

Bingo.

Aber ich wollte den Leuten zeigen, was richtig gute Erotik ausmacht. Ich wollte, verdammt nochmal! Universum, hast Du mich gehört? Her mit der Inspiration!

Innerlich übermalte ich den Elefanten mit schwarzer Farbe, aber es brachte nichts. Entnervt legte ich das Tablet zur Seite und warf mich frustriert aufs Sofa.

Wenig später vibrierte mein Smartphone. Nachricht von Viviane. „Mistkerl, beweg deinen Arsch plus Lustkolben rüber zu mir, ich brauche es gerade deftig. Mein Hintern braucht Deine Schläge und meine schmutzigen Löcher sind bereit für Deinen hengstmässigen Pferdeschwanz.“

„Du unwürdige Sub – so formuliert es kein edles, vornehmes Wesen der holden Weiblichkeit. Wo bleibt da die Erotik? Glaubst Du, dass Du miese Schlampe es verdient hast, so richtig dreckig behandelt zu werden?“ tippte ich in meinem Groll zurück. Kurz nachdem ich die Nachricht gesendet hatte, wurde mir bewusst, wie tief mein eigener Ausdruckslevel gerade gefallen war.

Verdammte Scheisse.

Ihre Antwort kam umgehend: „Oh, Du adliger Gentleman grösster Güte! Deine weisse Pracht möge mein teures Makeup verzieren und zu einem Gesamtkunstwerk höchster Eleganz komplettieren. Ich bitte gnädigst um den Grossmut Deiner philanthropisch-sadistischen Ader, mir die Meriten Deiner Misshandlungen zuteil werden zu lassen, so dass jede meiner Körperzellen im güldenen Himmel der ewigen Glückseligkeit ankommen möge. Die innigste Verbindung aus rosenblättriger Romantik und dunkelschwarzer Verbundenheit soll alles Irdische überstrahlen und uns entführen in die Unendlichkeit und Unvergänglichkeit des göttlichen Universums.“ Zwinker-Emoji.

Ich legte das Handy zur Seite. „Mist“, dachte ich, „das wird nichts mehr mit literarisch-erzieherischem Fernkampf heute“, und machte mich auf, in den konkret-erzieherischen Nahkampf.

Geister des Novembers

«Welchen Duft trägst Du denn?» fragte sie mich. Seit zwei Tagen waren wir über einen Messenger in Kontakt, und es zeichnete sich ab, dass sie tatsächlich interessiert war, die dunkle Seite der Erotik zu betreten. Ein Ausbruch aus dem, was sie seit Jahrzehnten gelangweilt hatte und noch immer tat. 

Mein wildes Abendteuer mit Estelle, welches in einer derart abstrusen Aneinanderreihung von Unwahrscheinlichkeiten geendet hatte, wie sie sich kein Romanautor dieses je ausdenken könnte (oder wenn, dann sicherlich nie veröffentlichen), es war noch gar nicht so lange vorbei. Mein virtueller Flirt mit dieser noch unbekannten Frau namens Maja war eigentlich mehr eine Ablenkung von Estelles Geistern der Nacht, die mich manchmal auch tagsüber noch heimsuchten und verschlingen wollten, in einem dichten Gewebe von Sequenzen der Erinnerung. Alles fühlte sich genauso an wie der Nebel des Herbstes, der wie eine dicke Watte alles zu verschlucken suchte, auch das letzte Licht, dessen Kampf gegen die Übermacht der Feuchtigkeit chancenlos war. Verdammter November.

War Majas Licht stärker? 

«Acqua di Gio», antwortete ich.

«Zauberhaft! Können wir uns heute noch treffen?»

«Unmöglich, ich habe mit dem Team aus meinem Büro zuerst eine zugegebenermassen eher langweilige Besprechung, jedoch gefolgt von einem Abendessen, dessen Ort ich noch nicht mal weiss.» 

«Das ist aber schade!» antwortete sie. «Aber ich fahre gleich in eine Parfümerie, ich will wissen, wie Du riechst.»

Was für ein verrücktes Huhn, dachte ich, und war gleichzeitig etwas irritiert über die für eine Sub doch überraschend offensive Art, die sie gerade an den Tag legte. Gut, der Austausch am früheren Nachmittag war schon heftig und etwas mehr als ein Flirt gewesen. Sie war gemeinsam mit geschäftlichen Kollegen in einer Telefonkonferenz gefangen gewesen, und ich hatte gleichzeitig über den Messenger Fantasien entwickelt, die sich offenbar wie ein mäandrierender Fluss verhielten, natürlich mit ihr mittendrin, kurz bevor eine nächste Flutwelle ihre delikatesten Stellen erfassen würde.  

«Ausgeliefert wie eine zum Missbrauch freigegebene Lustsklavin, beraubt jeglicher Fluchtchancen, auf einem Bett, an dessen vier Pfosten Deine Gliedmassen angebunden sind, wirst Du mit verbundenen Augen nichts sehen von mir. Nur spüren wirst Du, meine Hände. Ich benötige nicht mehr, um Dich um den Verstand zu bringen und Dir mich und meine bösen Geister aufzuzwingen.» Der Wirkung des mitgeschickten Fotos meiner beiden kräftigen, aber gepflegten Pranken war ich mir durchaus bewusst, doch für sie war alles in Kombination mit den gewählten Worten noch viel intensiver, wie ihre Reaktion zeigte.

«Hey, ich bin in einer Telefonkonferenz! Hör auf damit!»

Noch nie hatte ich einer Aufforderung so gerne nicht Folge geleistet wie jetzt. «Du weisst, wo meine Finger dann enden werden, und ich weiss auch, welchen Teil des Flusses sie dort antreffen. Schämen wirst Du Dich, schämen wie noch nie zuvor in Deinem Leben.» 

«Du machst mich fertig! Ich kann bald nicht mehr!»

«Es ist Dir hoffentlich klar, dass vornehme, starke Business-Damen wie Du stets anständig zu sein haben. Als emanzipierte Frau Erregung zu verspüren alleine durch den Gedanken, einem durchtriebenen, lüsternen und bösen Manne mit schlimmen Fantasien ausgeliefert zu sein, so etwas gehört sich nicht! Eine Bestrafung dafür ist das das Mindeste, was Du zu gewärtigen haben hast.» 

«Du bist gemein! Ich bin noch immer in der Telefonkonferenz und was ich da gerade von mir gebe, scheint schon gar keinen Sinn mehr zu machen. Die Kollegen denken wohl, dass ich völlig neben mir stehe!»

Ich liess sie schmoren.

Eine halbe Stunde später hatte sie mir vom Fingerspiel am stillen Örtchen gebeichtet. Eine weibliche List? Zum Glück sei ihre Blase voll gewesen, sie habe die perfekte Ausrede gehabt, sich zu entfernen. Aber nun war ich in meiner Besprechung, allerdings einer mit acht anderen Anwesenden, geistig jedoch an einem ganz anderen Ort.

Dieses Weibsbild war also angeblich auf dem Weg in eine Parfümerie, um zu erahnen, wie ich riechen würde. Wenn das bloss stimmte; ich hatte gelernt, wie gut Frauen lügen und wie einfach wir Männer darauf reinfallen können. Noch nicht mal ein Gesichtsbild hatten wir bislang ausgetauscht, wir kannten uns nur aus wenigen Beschreibungen und dem einen Foto meiner Hände. Und natürlich den schwarz-heissen Fantasie des Nachmittags. Sie wolle mich nicht sehen, auf einem Bild. Sie wolle mich treffen, war ihre Antwort gewesen, als ich ihr ein Portraitfoto anbot.

«Wann wird denn Euer Abendessen beendet sein?» fragte sie, begleitet von einem Bild, auf welchem sie mein Aftershave in der Hand hielt. Also keine Lüge – sie war tatsächlich dort hin! 

«Ich weiss es doch nicht!» antwortete ich etwas ungehalten. Den Druck, den sie aufbaute, den kannten meine früheren Subs von mir. Aber jetzt war da auf einmal jemand, der den Spiess umdrehte.

«OK. Schade, dann schauen wir später die Woche, wann wir uns kennenlernen können.»

Die nächsten Stunden pausierte unser Austausch. Doch kaum war die Vorspeise des Abendessens serviert, begann mein Smartphone wieder zu vibrieren. Maja.  «Wo seid ihr denn jetzt?» Meine Antwort «Hotel Bellevue» war knapp, denn die Position der Augenbrauen der Kollegen um mich herum hatten mir schon signalisiert, dass die Abwesenheit meiner Aufmerksamkeit allein durch den Blick auf mein Smartphone schon nicht goutiert wurde.

Bei der dritten Gabel Salat zeigte die Vorschau des Messengers neben meinem Teller ihren nächsten Versuch: «Ich könnte in die Nähe kommen!» 

Verdammte Scheisse! Ich fühlte mich förmlich eingesperrt, wie in einer Zwangsjacke, durfte aber nicht schreien. Man stelle sich vor – ausgerechnet ich, der Dom! Benimmregeln, Druck von Seiten ausgerechnet einer devoten Frau, meine aufgestaute Libido und Neugier und eine ausweglose, ja eine wahrlich unmögliche Situation trieben Schweissperlen auf meine Stirn.

Die Schilderung eines Kollegen über seine Verkehrssünden inklusive Ausweisentzug zogen gerade meine Kollegen derart in den Bann, dass ich die Gunst der Sekunden nutzte, um zu antworten: «Vergiss es! Bis wir fertig sind, ist sicher schon 22 Uhr, und Du musst sicher auch irgendwann Zuhause bei Mann und Kind sein, um keine Schwierigkeiten zu kriegen?»

Ihre Antwort folgte einige Minuten später in Form eins Bild ihres Business-Blazers, auf den lange, blonde Locken fielen, und ihrem lapidaren Kommentar: «Och, schade. Ich war schon unterwegs.»

Als ich wieder aufschaute, bemerkte ich, wie meine Kollegen kollektiv zu mir blickten, diesmal unverkennbar strafend. Peinlich berührt haspelte ich: «Ich hab gerade komplizierte private Umstände, ich muss da kurz was klären, entschuldigt bitte.» und machte mich auf den Weg zur Toilette, in der Hoffnung, bei meiner Rückkehr sei wieder alles vergessen.

«Also gut, 22:00 Uhr, in der Bar.» tippte ich. 

«Wow! Weisst Du, dass jetzt gefühlt mehr Adrenalin in einem Adern fliesst als Blut?» 

Immerhin. So kalt berechnend, wie sie sich gab, war sie doch nicht.

90 Minuten später trafen wir uns tatsächlich. Was für eine attraktive Frau, mit der ich schon so viel Intimes ausgetauscht hatte, in so kurzer Zeit. Business-Dress, fein gemusterte Strumpfhosen, Mary Janes mit Absätzen. Wie sehr ich ihre blonden, langen Haare mochte; dabei war mir die Haarfarbe doch immer egal gewesen.

Sie küsste mich zur Begrüssung auf die Wange und nahm einen Anlauf, mein Aftershave am Hals zu riechen. Zufrieden, als wäre es ein Beweis meiner Aufrichtigkeit, setzte sie sich, damit wir das nachzuholen konnten, was wir ob all unseren erotischen Ausbrüchen seit dem ersten Kontakt stets ausgelassen hatten: Das wirkliche Kennenlernen.

Ein Cocktail später schlug sie vor: «Lass uns spazieren gehen.»

«Hier, in diesem Vorort, zu dieser Uhrzeit, im nebligen November?»

Ihre Augen funkelten und zeigten eine Zustimmung, deren Klarheit jede artikulierte Antwort hätte schwammig erscheinen lassen. Und so machten wir uns auf in Richtung Dorfkirche, dem einzigen irgendwie sinnvollen Ziel in dieser semi-urbanen Einöde.

Ich nahm sie an der Hand und hielt sie mit festem Druck. «Der Abgrund, der sich vor Dir auftut, er schreckt Dich nicht wirklich, oder?» 

«Der Weg, den ich gegangen bin, weg aus meinem goldenen Käfig – ich werde ihn nicht zunichte machen durch eine Umkehr. Gold ist kalt und lässt einen verhungern.» 

Dieses unvergleichliche Gefühl, wenn man sicher ist, dass das passieren wird, was man sich herbeisehnt – es war wieder da. Nicht vergleichbar mit einem Sieg wie in einem Wettkampf fühlt es sich an, sondern eher wie ein Kräuseln, welches vom Kopf ausgeht und sich von oben langsam nach unten ausbreitet, flutartig. Denn Brustkorb lässt es rasch hinter sich, wühlt den Magen auf seinem Weg nach unten auf, wärmt anschliessend die Lende und lässt die Oberschenkel zittern, nur um kurz danach die Fusssohlen zu erreichen und die Zehenspitzen sich so anfühlen zu lassen, als würden sie gerade von einer Hundertschaft von Insekten umkrabbelt.

Ich war fasziniert und fühlte mich allen Bürden der Realität vollständig enthoben.

Bei der Dorfkirche angekommen bogen wir ab und setzten unseren kleinen Spaziergang auf einem von Büschen gesäumten Weg fort; die Distanz zur letzten Strassenlampe vergrösserte sich, und so wurde es immer dunkler um uns herum, was die Wahrnehmung der Umgebung schärfe: Auf einmal bemerkte ich das rote Licht von in Plastikbehältern flackernden Kerzen.

«Grablichter!» konstatierte sie gleichzeitig. «Wir sind auf dem Friedhof!» 

«Na, dann lass uns schauen, ob Du in der Lage bist, hier neues Leben einzuhauchen!» und zeigte auf meinen Schritt. «Runter mit Dir, Du notgeiles Miststück! Darauf hast Du den ganzen Tag gewartet, gib es zu!» Mein Ton war scharf. «Von jetzt an hast Du zu gehorchen.»

Mit meinen Händen drückte ich ihre Schultern nach unten. Der Hauch ihres heissen Atems in der kalten Luft verschmolz mit der unheimlichen Atmosphäre des Bodennebels und der spärlichen Lichter um uns herum. Der Reissverschluss meines Hosenschlitzes war das letzte laute Geräusch, bevor die leise Akustik des Ausdrucks meiner Wonne und der ihrer Fertigkeiten den Ort in eine bizarre und doch feierlich angerichtete Bühne unserer ersten Intimität verwandelte. Sie nahm alles, was ich ihr geben konnte. 

Der nächste Tag begann mit voller Agenda, ein knappes, gegenseitiges «Guten Morgen» im Messenger musste reichen. Doch zur Mittagszeit meldete sie sich wieder. «Du wirst es nicht glauben, aber ich bin soeben fast von einem Leichenwagen überfahren worden, hier auf der Vorfahrt des Spitals!»

Mein lautes Gelächter im Büro löste unter den Kollegen Verwunderung aus und verfestigte wohl den Eindruck meines seltsamen Lebenswandels, der sich bereits gestern angedeutet hatte. Ich kümmerte mich nicht weiter darum; wie hätte ich ihnen das erklären können? 

«Das waren die Geister der Toten von gestern. Sie haben mitbekommen, was Du mit mir angestellt hast und wollen Dich für ihre Unterwelt gewinnen. Doch Du gehörst in meine Unterwelt. Und glaub mir, ich lass Dich nicht mehr frei.»

An der Tanke

Das Rattern der Tanksäulenpumpe martert meinen frühmorgendlich geprägten Dämmerzustand, der gerade dazu ausgereicht hat, den in schwarzes Blech gehüllten Dieselmotor hierher zu bewegen. Es fröstelt mich, und ich nehme einen Anlauf, mich von der Einöde des Alltags abzulenken. Die Zapfpistole fügt sich perfekt in die Öffnung des Einfüllstutzens, obwohl sie gar nicht feucht ist. 

Sie klafft weit offen.

Die Geräuschkulisse um mich herum ist auf einmal wie in Watte, meine Aufmerksamkeit driftet weg, ich spüre, wie ich in meine eigene Raumzeit eintrete.

Das Bild ihres Einfüllstutzen, einer von dreien, die ich für meinen Zapfhahn beansprucht hatte, erhebt sich wie ein Crescendo aus dieser wohlig wattierten Wahrnehmung. Ihre endlosen, serengeti-wilden Augen leuchten auf und wärmen mich. Nicht lange ist es her, aber doch schon viel zu lange.

Ihr Lächeln spitzte zu, was über ihre kussbedingt gut durchbluteten Lippen kam: «Bin ich jetzt Dein Miststück?» fragte sie frech. Warum zur Hölle konnte ich meinen verliebten Gefühlen ob dieser mädchenhaften Direktheit nie ausweichen? «Noch viel mehr als das, Du schmutziges Flittchen.» war meine Antwort im Bemühen, hart zu bleiben, die Contenance nicht zu verlieren, im Kräftemessen mit dem Wirbelsturm meiner Empfindungen.

Was für eine traumhafte Sequenz des ineinander Seins im Halbdunkel es war, gewürzt mit einer Prise chilihafter Unverschämtheit. Domination und Submission, die wie Nut und Feder aufeinanderpassten. Wobei, genau genommen, waren sie passend gemacht worden: Ich hatte dieses junge Mädchen, welches gerade nichts anhatte ausser ihre geilen, ausgetretenen Strassenpumps, zuvor doch etwas nötigen, nein, eher zwingen müssen. Unter uns Pfarrerstöchtern gesprochen, die Spreizstange und die Fesselungen hatten nicht nur deutlichen Protest hervorgerufen, sie waren auch eine beruhigende Befriedigung der in mir innewohnenden Bosheit. Doch wie ein Vater hatte ich ihr mitleidig und geduldig erklärt, dass ihr Widerwille weder angebracht sei, noch je eine Verhaltensänderung meinerseits bewirken könnte. Eher noch, so mies und gleichzeitig gütig, wie ich sie gerade behandle, genau so hätte sie es sich doch immer gewünscht.

Ein verschämter Blick zwischen ihren blonden Strähnen durch war das Siegel der Bestätigung, die sie niemals freiwillig aussprechen würde. Sie, heiss und weich wie das Wachs der um uns herum brennenden Kerzen, befand sich in einer wundervoll erwartungsvollen Agonie und triggerte meine Sinne wie nichts zwischen Andromeda und der Milchstrasse. Die Schweissperlen, die die Reste der teuer erstandenen Frisur auf ihrer Stirn festklebten und damit die Perspektive auf mich künstlich verengten, traten im Gleichschritt mit gewissen anderen, milchigen Sekreten aus den Poren ihres Fleisches. Es war diese Feuchte, die mich dazu verleitete, sie ganz kurz den Himmel meiner Mitte spüren zu lassen. 

Unter süsser Empörung liess ich doch wieder davon ab; im Gegenzug inszenierte ich den Kontrast meiner zupackenden, maliziösen und gleichzeitig engelhaften Zuneigung. Erst, nachdem ich sie mit Hand und geflochtenem Leder geläutert hatte von den Sünden, die sie begangen hatte, gönnte ich ihr die Lust, die ihre Bemerkung, ihren Wunsch, nur noch mein Fickstück zu sein, so offen zutage gefördert hatte, als wäre sie nur dafür geschaffen.

Scheiss Konjunktiv: Sie war es. 

Der flüssige Beweis meiner überwältigenden Gier nach ihr, dieses zauberhafte Mittel der Verbindung zwischen uns, er pumpte in Wellen in sie hinein. Und dann, ja genau in diesem Moment zerstörte dieses Frechweib den Zauber der orgiastischen Schwinungen meiner Lust, indem sie fragte, ob denn jetzt schon fertig sei?

Die Pumpe stellt ab, das Knacken des Verschlusses hat das Ende signalisiert, der Tank ist voll, ich bin wieder da, im hier und leider auch jetzt. Die Zapfpistole muss zurück an die Säule, wo zwei weitere davon hängen. Drei sind es. Warum, denke ich mir, ja warum ist mir das noch nie aufgefallen? Drei Einfüllstutzen benötigten drei Hähne! 

Zweifelsohne wird mich dieser Gedanke heute eine Weile begleiten, sich drehen, winden und zu einem Vorhaben verdichten, denke ich, als ich mich zur Kasse aufmache. Ja, auch der Zahltag dafür wird kommen. Bestimmt.

Switch Bitch

«Zeitenwende» dachte ich, als ich auf meinem Weg nach Hause dem Waldrand entlanglief und meinen Blick über die Stadt streifen liess, über deren Dächer zu wohnen ich das Privileg hatte. Was sich wohl in all den Häusern gerade abspielen mochte? Sicher nicht das, was mir soeben widerfahren war. «Ich glaube, es wird ganz viel auf tiefem Niveau rumgevögelt» war die Einschätzung eines guten Freundes von mir, und seine Erkenntnis ist bei mir haften geblieben wie alle Bonmots, die meinen kunterbunten Lebensweg pflastern. Doch für das heutige, überraschende Ereignis, dafür gab es keines.

Vereinbart war ein Treffen mit zwei weiblichen Wesen, vielmehr, echten Frauen mitsamt ihrer devoten Sehnsucht nach der Lava menschlicher Abgründe, einer Klaviatur in Moll, die ich ganz gut beherrschte. Eva, die reifere Sub meines Herzens, und Noëmi, die deutlich jüngere Flugbegleiterin, waren schon einige Zeit ein perfekt reguliertes Gesamtkunstwerk der schwarzen Erotik; schwarz in allen Farben.

Doch der Abend in unserem privaten Kerker verlief etwas unerwartet. Angefangen hatte es damit, dass Noëmi nicht mit den klassischen Stiefeln mit hohen Absätzen aufkreuzte, sondern mit Gothic-Style Thigh Highs. «Sündhaft teuer! Von Fernando!» unterstrich sie den Wunsch nach Aufmerksamkeit. Ich war überrascht, für diese zierliche Person war das einerseits ganz schön mutig, aber vor allem eines, und das mir gegenüber: Frech. Eva lachte verschmitzt, wusste sie doch um meine Vorliebe für das klassisch Weibliche. Lara Croft hatte für mich schon immer den Sex-Appeal eines verschwitzten Bauleiters.

«Mit diesem Leder kannst Du bei einem Gamer oder Nerd auftauchen, aber nicht mit mir!» massregelte ich sie, doch Noëmi lächelte nur süffisant; ihre Augenbrauen formten ihre Mimik in eine des überheblichen Mitleids, als wollte sie sagen «Ach, Du kleiner süsser, leicht reizbarer Dom.»

Unmöglich konnte ich das auf mir sitzen lassen, und das wusste sie nicht nur, es war Teil ihres Kalküls. Brat! Doch so einfach liess ich mich nicht zur Marionette ihrer Lust machen. Meine Gedanken begannen zu kreisen und sannen nach einer neuen Form von Rache; meine Retourkutsche musste unerwartet sein, durfte ihr der Provokation zugrunde liegendes Verlangen nicht bedienen. Und siehe da: Spontan erinnerte ich mich an eine für meine Zwecke dienliche Unterhaltung, die wir zu Dritt bei einem Glas Weisswein hatten, nach einer der ersten gemeinsamen Sessions.

Die Bedienung des kleinen Lokals mitten in der Zürcher Altstadt wollte uns unbedingt einen Sitzplatz zuweisen, doch wir blieben an einem Stehtisch und reduzierten, sehr zum Ärger des vorbeifliessenden Stroms an Ausgehenden, den Durchsatz dieser Gasse. Doch weder die Bar, noch die Passanten konnten wissen, warum Sitzen in diesem Moment keine Option war.

«Ein Switcher? Das wäre das Schlimmste! Nie könnte ich einem Dom dienen, würde ich ihn auch nur eine Sekunde vor einer Frau knien sehen; noch nicht mal den Müll rausbringend dürfte er. Geheiligt sei die männliche Dominanz!» 

Noëmis Äusserung war so laut, dass beinahe das ganze Niederdorf sie mitbekam. Mein «Pssst!» in der Absicht, die Situation etwas zu entschärfen, war allerdings fast so laut, was mir ein brüllendes Lachen von Eva eintrug. Mit um 69% der Dezibel reduzierten Lautstärke fuhr ich fort: «Was ist an Switchern denn so schlimm? Man hat das mit einer angeblich verstecken Devotion an mir mal in jungen Jahren ausprobiert und es bedurfte keines weiteren Beweises, dass meine Lust daran unter dem Gefrierpunkt liegt. Aber warum man jetzt jemandem deswegen die Männlichkeit absprechen würde, das will sich mir partout nicht erschliessen.»

Noëmi fühlte sich sichtlich provoziert: «Du hast ja keine Ahnung!» Indem sie temperamentvoll mit dem Fuss laut aufstampfte, wollte sie ihre Rechthaberei untermalen, was ihr jedoch gründlich misslang; gleich darauf verzog sie ihr Gesicht wie nach dem Biss in eine Zitrone, denn durch diese Aktion brachte sie gewisse Körperteile in Schwingung und damit die sprichwörtlichen Nachwehen der Session zuvor zurück in ihr Bewusstsein. Damit hatte sich die Diskussion auch irgendwie erledigt. Aber jetzt kam die Erinnerung gerade recht, liess mich den Plan schmieden, den ich dringend benötigte. Als sich alles in meinem Kopf perfekt zusammenfügt hatte, jubilierte ich innerlich. 

Nach dem traditionellen Gläschen Sekt zur Eröffnung unserer Session versanken wir sehr bald in einem wilden Geknutsche. Drei Zungenspitzen, die wirbelnd und nur vom Moment getrieben umeinander Werben, sechs Hände, deren variantenreichen Berührungen unsere Sinne in ein Nirvana katapultieren: Was für ein wohliges, intensives Erlebnis! Mit zunehmendem Genuss passierte automatisch das, was immer ab einem gewissen Punkt geschieht: Der Hebel wird umgelegt; der Hebel, der die dunkle Seite in mir weckt. Vergleichbar mit der Wirkung des Bisses in eine Chilischote, herrscht zunächst das würzige und lieblichem Aroma in perfekter Harmonie vor; doch urplötzlich breitet sich eine Schärfe, eine ungestüme Macht im Körper aus, einem unlöschbaren Feuer gleich, welches alles weibliche zu verschlingen droht, das sich in der Gefahrenzone aufhält. Das Zentrum für romantische Gefühle ist ausser Gefecht. Was dann folgt, sind eindringliche Ultimaten und Handgreiflichkeiten der dunkeldreisten Art.

Harte Szenen waren es, die folgten. Eva mit Zwangsjacke auf dem Boden, während meines Fistings durch den Mundschlitz ihrer Latexmaske die kauernde Noëmi an ihren klatschnassen, wohlduftenden Labien und der Perle leckend; ein Deepthroat-Reigen mit zwei auf Knien aufgereihten, darum bettelnden Subs vor mir – jede wollte die erste sein und neidete der anderen jede Träne, jedes Würgen; das Einreiben der Brüste von Noëmi mit einem Cocktail aus bunten Reissnägeln; Wachs, viel Wachs, auf beiden Körpern und dort den empfindsamsten Zentren der Lust; die sausende Gerte, deren enge Musterung auf Evas Arsch durch die späteren Spuren des Rohrstocks ergänzt wurden.

Beide litten sie auf wohlige Weise, die beiden Flittchen, lediglich unterbrochen durch kurze Einlagen ihrer Bi-Leidenschaft, um den Herrn noch etwas mehr zu triezen. Was für ein höchst exklusives Spektakel, eines, das wie seidenfeines Öl ganz tief in mich hinein floss und mir gab, was nichts und niemand sonst konnte.

Für Noëmis Auspeitschung hatte ich ihre Handgelenke an der Stange und dem Seilzug befestigt, der zur Decke führte und sie nur noch halb auf ihren Fussballen stehen liess. Nackt und frei für mich, bis auf ihr unflätiges Schuhwerk. Die Bullwhip tanzte auf ihrem Po, während Eva an Noëmis Nippeln zog und sie dabei intensiv küsste; die effektivste Schalldämpfung für die Laute ihres Lustschmerzes. 

Kurz vor dem Ende war der Moment gekommen, der Situation einen anderen Dreh zu geben und meine Boshaftigkeit auf ganz andere Weise zu zeigen. Die Instrumente zur Seite gelegt, begann ich das, was Noëmi bislang nie erlebt hatte, ja, etwas, was sie vielleicht sogar fürchtete: Rimming durch den Dom. Ich zerrte ihre Pobacken auseinander und versank tief in der Furche, dort, wo sie mich noch nie zuvor gespürt hatte. Oh, wie unpassend Noëmi das fand! In einem verzweifelten Akt, durch Zuckungen ihres Körpers, bemühte sie sich, sich zu befreien und zu wehren, aber aufgrund ihrer Hängeposition war das Unterfangen schlicht aussichtslos. Eva, die unterdessen auf einem Thron aus Samt und Goldornamenten Platz genommen hatte, beobachtete die angewiderten Gesichtsausdrücke von Noëmi mit diebischem Vergnügen. 

Ich führte das Spiel mit Noëmis Rosette noch einen Moment lang weiter, welches sie unfreiwillig mit Lauten der Ablehnung dekorierte. Doch das war noch nicht alles. Bald darauf widmete ich mich den Stiefeln von Eva. Sie kannte mich und sie konnte meine Absichten lesen wie kaum eine andere Sub vor ihr; entsprechend war die Rolle, die ihr zugedacht hatte, auch ohne Worte klar. Theatralisch sank ich vor ihrem Thron auf die Knie und begann, das glatte Leder zu küssen, immer schön im Blickfeld von Noëmi. Von Schaft bis Knöchel überzog ich die Objekte meiner Begierde, meines Fetisch, mit Zuneigung und Streicheleinheiten.

Der entsetzte Blick der Flugbegleiterin war schon da unbezahlbar, steigerte sich aber noch weiter in einen beinahe komatösen Zustand, als ich die beiden Reissverschlüsse langsam öffnete, um die Mixtur aus Leder- und Fussduft der angebeteten Sub zu inhalieren. «Du… Du…!!!» spie Noëmi wie eine Hexe auf dem Scheiterhaufen, währenddem ich innerlich meinen Triumph, meine Rache feierte. Dann liess die Stiefel fallen, küsste Eva leidenschaftlich lange und wandte mich danach Noëmi zu, mit ernstem Blick. 

«Du wolltest sagen, ich sei ein Switcher, richtig?» Sie, unfähig, irgendetwas Interpretierbares zu artikulieren, nickte leicht. Meine Ohrfeige folgte rasch und sass. «Die hier, die ist für Dein Denken in Schubladen.» Dann fasste ich in ihren nach wie vor nassen Schritt und bohrte zwei Finger tief sie hinein, so grob, dass sie aufmuckte. «Und das, meine Liebe, ist dafür, dass Du mich mit Deinen Combat Stiefeln provozieren wolltest.» 

Meine Reibung zwischen ihren Beinen war druckvoll und am Rande des Schmerzes. Doch die Vulva schmatzte laut, bis Noëmi, kurz vor ihrem Ziel, mit dem Squirten begann und wimmerte: «Darf ich…?» Doch exakt in diesem kurzen Moment, bevor sie wirklich kam, zog ich meine Hand aus ihr, verweigerte ihr den Höhepunkt und liess sie zurück, mit den Tropfen ihrer Flüssigkeiten auf ihren Beinen und sündhaft teuren Stiefeln. «Du darfst wieder kommen, wenn Du anständig gekleidet bist. Du weisst, was ich meine.»

Mit ausgestreckter Hand hob ich Eva aus ihrem Sessel und führte sie auf das bereitstehende Bett, gemacht für die innigste Liebe, die wir uns geben konnten; alles unter den Augen unserer neidischen, gedemütigten Gespielin. Leidenschaftlich, wie auf Mass füreinander erschaffen, verschmolzen unsere Körper in allen möglichen Positionen; geweitet war sie, bereit, gefiel sich in der Rolle der begehrten Frau, die dem jungen Ding zeigen kann, wie sehr sie geliebt wird. Offen wie eine ausgebreitete Landkarte, deren Verläufe und Sehenswürdigkeiten ich schon so gut kannte, genoss ich die kostbaren Minuten. Tief in ihren Augen versank ich, tief in ihr versenkte ich, was ich ihr geben konnte.

Ohne Zweifel, es war ein Frust für Noëmi, eine Form des Sadismus, mit der sie nicht gerechnet hatte. Und gleichzeitig empfand sie eine tiefe Befriedigung, weil sie genau das, diese schlechte Behandlung brauchte. Und, wie sich bald herausstellte, noch mehr. Es machte sie glücklich – viel glücklicher, als sie sich gegenüber je hätte zugeben wollen. Doch zwei Stunden später, geduscht, wieder hergerichtet und bereit für den Abschied, verriet sie es, schüchtern und schamerfüllt: «Würdest Du das mit Stiefeln auch bei mir mal tun…? Und das Rimming auch nochmals? Ich fand es irgendwie… geil.» 

«Aber ja, Herrin! Fickst Du mich dann auch in meinen Dom-Arsch, kleine Switch Bitch?» antwortete ich mit ironischem Unterton, gefolgt von einer Lachsalve, der zuerst Eva, am Ende aber auch Noëmi einstimmte.

Der Wald lag hinter mir, bald war ich Zuhause und schloss meine Gedanken. Nein, Switcher, das bin ich definitiv nicht. Aber die Möglichkeit, mit den Klischees und Schubladen zu spielen, Fetische und Vorlieben von ausserhalb mit einzubauen, die war nun eröffnet.

Zeitenwende. Auf einmal war der Setzkasten der Möglichkeiten um viele Elemente reicher.

Un’estate italiana

Der Zigarrenrauch, der eben meinen Mund noch mit sinnesbetörendem Geschmack gefüllt hatte, entwich in den sternklaren Nachthimmel und formte weiblichen Rundungen, wenn auch nur kurz, einen flüchtigen Moment lang. Sinnierend schaute ich ihm hinterher, bis er sich vollständig aufgelöst hatte. Un estate italiana. Ich fühlte mich Zuhause, in diesem kleinen Weingut, mitten in der Toskana.

Noch immer warm war es, draussen um diese Uhrzeit, und ich sass an meinem kleinen Tischchen und verfasste mein Traktat. Die kleine Laterne zu meiner Seite, bestehend aus einer in der Basilika erworbenen, aber für meine Zwecke mitgenommenen Kerze und einem billigen Aluminiumgehäuse war gerade ausreichend, um das Papier gerade so weit zu erhellen, dass ich meine Mission erfüllen konnte: Als angegrauter Sünder wollte ich Zeugnis ablegen über das, was ich verursacht hatte an wundersamen und in den Augen mancher Menschenseelen schrecklichen Ereignissen.

«Nein, ich war nicht immer lieb» beichtete ich, sprach es zu mir selbst, denn es war niemand da, der es hätte hören können, kein jüngstes Gericht, keine italienische Inquisition; nur die blinkenden Leuchtkäfer oder Fledermäuse um mich herum, sie würden Zeugen sein. Höchstens ein Wildschwein noch, vielleicht.

Ich dachte an Anja und begann, zu schreiben.

Das erste Mal erblickt hatte ich sie, kurz bevor sie den kleinen Supermercato betrat, gleich gegenüber der Bar Maestrano, wo ich jeden Vormittag meinem Ritual, dem Geniessen des besten Cappuccino der südlichen Hemisphäre, nachlebte und das Treiben in der Gasse beobachtete. Meine Aufmerksamkeit blieb an ihr haften, was mich alles um mich herum vergessen liess, als befände ich mich in einer wundervollen Blase.

Sie war eine dunkelblonde, auf den ersten Blick eigentlich unscheinbare Frau von vielleicht etwa 45 Jahren. Gekleidet in diesen verrissenen Jeans, deren modische Logik ich noch nie verstanden hatte. Socken, Superstars und ein NASA-T-Shirt. Was bloss, fragte ich mich, zog mich an ihr so in Bann? Ganz offensichtlich war sie eines von Millionen Insta-Girlies, die sich gegenseitig nacheifern, um cool und begehrenswert auszusehen, und dabei auf erschreckend überzeugende Weise das Gegenteil bewirken. Für mich jedenfalls.

Warum auch immer, irgendwie war diese Frau aber anders, ihre leichtfüssige Art wirkte nicht aufgesetzt wie ein Foto-Filter oder erlerntes Verhalten. Nein, sie war wirklich in allem zauberhaft, ungespielt, echt. 

Nur einen Insektenflügelschlag später hatte meine Imagination wie das Todesrad im Zirkus zu rotieren begonnen. War auch sie so ein Wesen, dem die Berührungen, die die Strenge und Leidenschaft auf magische Art kombinieren, bisher verborgen geblieben waren? War sie ein auf diese eigene Weise unberührtes Land? Ihr Körper, ihre Gang, all das, was ich in diesen wenigen Sekunden wahrnahm, sagte mir, dass sie danach verlangte, egal, wie absurd auch diese Beurteilung gerade schien. Was zur Hölle war es? Wie ein Mantra wiederholte sich auf unkontrollierbare Weise der gleiche Gedanke in mir: Dieses Unberührtsein durfte nicht so bleiben.

Noch während ich daran war, verzweifelt einen Plan auszuhecken, verliess sie das Geschäft mit ihren Einkäufen bereits wieder. Mit meinem Blick verfolgte ich sie bis zu einem unweit geparkten, silbernen SLK mit Münchner Kennzeichen und roter Lederausstattung. Ich freute mich, denn ihre Herkunft würde die Kommunikation zwischen uns vereinfachen, wenn, ja wenn ich nur die Gelegenheit bekäme, sie wieder zu sehen. Elegant ausgeparkt, war sie nun im Begriff, gleich vor mir vorbeizufahren. 

Mann, Oliver, Mann… ich marterte mein Gehirn; mich vor den Wagen zu stürzen war keine Option. Die letzte Möglichkeit, die ich sah, war fast genauso verrückt – aber es blieb mir kaum eine andere Chance: Ich warf mein Cappuccino-Glas auf die Strasse, wo es laut klirrend zerschellte, wenige Zentimenter vor dem Kühlergrill des Silbersterns.

Arresto completo. Sie bremste, als wäre eine Katze vor ihr Auto gelaufen, der Mundwinkel unter ihrer Sonnenbrille zeigte eine Mischung aus Schreck und Ärgernis, als sie erkannte, was geschehen war.

Alfredo, der Barista, hatte sich mit dem Besen schon aufgemacht, in der Annahme, es sei wieder mal einer seiner Gäste gewesen, der unachtsam gewesen war. Dass die Scherben draussen auf der Strasse lagen, damit hatte er allerdings nicht gerechnet. Ich outete mich als derjenige, der die kleine Misere verursachte hatte und eilte flugs zum SLK, um diesem faszinierenden weiblichen Dasein zu erklären, dass ich aufgrund ihrer Erscheinung so überwältigt gewesen sei, dass ich das Glas etwas zu schwungvoll fallengelassen hätte. Es tue mir unendlich leid; sehr gerne würde ich mich für das Verursachen dieses Schockmoments entschuldigen, in Form eines Wiedergutmachens dank wohltemperiertem Chianti Classico Riserva, selbstredend in einem nicht zerbrochenen Glas.

Anja war nun noch perplexer als ohnehin schon und gleichzeitig irritiert über den Cinquecento hinter ihr, der aus südländisch aufgeladenem Ärger über den kleinen Stau, den wir innert zwei Minuten erzeugt hatten, mehrfach hupte. Alfredo, gerade mit den letzten Scherben beschäftigt, beschimpfte den ungeduldigen Kleinwagenfahrer mit «Brutto Zozzone!», was uns etwas mehr Raum gab; ein paar unschätzbar wertvolle Sekunden mehr, in denen sie, Anja, den inneren Kampf ausfechten konnte, der sich in ihrer Angespanntheit zeigte. Ja, erneut war ich Zeuge dieses inneren Ringens, welches ich von so vielen meiner Bekanntschaften bereits kannte. Die Verheissung des aufregend Fremden, dieses schmeichelhafte Glücksgefühl, galant eingeladen zu werden, nur um sich später als Beute des Jägers auf der Schlachtbank wiederzufinden. Ein Ort, dessen Aura der Bedrohlichkeit durch die Hitze des Momentes sich zu einem Raum der Sehnsucht, der Lust, der Hingabe und des Zerfliessens in einer anderen Zeitdimension verwandelt.

Würde sie verstehen? Zustimmen?

Alfredo schloss seine Säuberungsaktion mit einem «Basta!»; es blieb uns nicht mehr lange. Jetzt oder nie! «Heute Abend in der Casa Aurelia? 21 Uhr? Ich erwarte Sie…» und hielt meine Stimmlage hoch, eine Antwort provozierend.

«Anja» antwortete sie und trat fast gleichzeitig das Gaspedal. «Oliver!» rief ich hinterher, hinein in den aufgewirbelten Strassenstaub, der sich mit Auspuffgasen des Stuttgarters vermengte. Verdutzt über ihr Verhalten blieb ich stehen und schaute ihr hinterher. War es Temperament, Spiel oder Flucht? Oder alles gleichzeitig?

21 Uhr war längst verstrichen, dann endlich kam sie, tatsächlich! Ganz in weiss gekleidet, sommerlich-luftig: Tief ausgeschnittene Bluse, weite, weisse Hosen, Sandalen mit wenig Absatz. Sie erblickte mich, näherte sich und fragte frech: «Ist hier noch frei?»

«Es freut mich, dass Du gekommen bist, Anja.» Der Mut, den es erfordert hatte, zu kommen und wer weiss schon, welche Umstände sie dafür in Kauf genommen hatte, er schien jedoch mit dem Moment des Platznehmens auf einmal wie weggeblasen. Seltsam schüchtern wirkte sie, ja mehr noch: Ihre Unschuld drang durch sämtliche Poren ihres atemberaubenden Körpers, der sich durch den Leinen-Stoff erahnen liess.

Ein Austausch über Belanglosigkeiten des Lebens folgte, ein vorsichtiges Kennenlernen, fast wie unter Teenies, Abstecken, Abchecken. Wie sich herausstellte, war Anja mit einer Freundin in der Toskana. Wie sehr es eine Freundin war oder doch was Anderes, darüber verlor sie kein Wort. Immerhin war es ihr möglich, mich zu treffen, alleine. Ganz offensichtlich gut situiert, obwohl alleinerziehend, warum auch immer, doch die Kinder schon so gross, dass sie ihren Urlaub auch an anderen Orten verbringen konnten als ihre Mutter. Und genau das genoss sie. Wiedererlangte Freiheit.

Doch ihre Tonlage verriet Zweifel. Schön, sei sie ja, seufzte sie, diese Freiheit, und ergänzte: „Dieses Biest, es verspricht immer viel mehr, als es hält. Manchmal, nur manchmal, ist es mir zu viel.“

Der Blitz traf mich. War es ein Hinweis? DER Hinweis? Bis zu den sensiblen Themen des menschlichen Miteinanders waren wir noch gar nicht vorgestossen, in der kurzen Zeit, die wir bisher miteinander verbracht hatten.

Ich ergriff die Initiative. «Die Scherben von heute früh haben Dir Glück gebracht.» Mein Blick bohrte sich tief in ihre Augen, erwartungsvoll. «Kommt darauf an, welches Glück Du meinst, Oliver.» Sie drehte sich zur Seite, als würde sie gerade von einem unerträglicher Bannstrahl getroffen. «Nun, ich pflege die Art von Beziehungen, die temporär die Freiheiten entzieht, und dadurch viel Befreiung schafft.»

Jetzt war es draussen. Entweder sie biss an, oder der Riserva blieb lediglich in eine nette, flüchtige Ferienbekanntschaft investiert. Mein Puls raste.

Anja liess sich Zeit. Wollte sie mich quälen? Rechtwinklig zu unserem kleinen Holztisch streckte sie ihre Beine, bohrte die Absätze in den Kies und betrachtete ihre roten Zehennägel. Es war zu dunkel, als dass ich sicher hätte erkennen können, ob auch ihr Gesicht rot wurde. Trotzdem stellte ich es mir einfach vor, auf die Gefahr, dass es nur mein innerster Wunsch war; der Wunsch, der mir sagte, dass sie das Gleiche wollte. Was war bloss los? War ich etwas verliebt? Vielleicht, aber wirklich nur etwas, versicherte ich mir selbst, und liess meine Augen auf ihrer Oberweite verharren.

Den Blick noch immer abgewandt, antwortete sie endlich: «Oliver, ich bin nicht Prepaid, ich bin eine Dauerkarte.»

«Umso besser!» Ich fixierte sie weiter, dieses süsse, unschuldig wirkende, grosse Mädchen war innerlich ein verdorbenes Luder, sie hatte sich offenbart, was mein Verlangen noch weiter in die Höhe trieb.

«Eigentlich habe ich das alles hinter mir gelassen Oliver. Männer. Machtausübung. Ein Sexobjekt zu sein.» 

Oh, ein schwacher Moment des Wankelmutes? Mein Arsenal war gefordert, meine ganze Kraft des Willens, um sie über die Ziellinie zu bringen. «Und doch sehnst Du Dich genau danach, habe ich Recht? Genau deswegen bist Du gekommen, hierher. Die Zeit für Spielchen ist vorbei, Anja. Jetzt ist Zeit für Spiele. Wir sind schliesslich längst erwachsen.»

Ihr Seufzer war so ausdrucksvoll, dass er die Aufmerksamkeit der benachbarten Gäste auf sie zog. Dann wandte sie sich wieder zu mir, diesmal mit einem intensiven Blick, und nickte dabei ganz langsam. Dieser kostbare Moment, dieser Sieg, ihr Einverständnis; der Moment, in dem die Hormone Pirouetten drehen, den Körper in Geiselhaft nehmen und es keiner weiteren Worte bedarf. Enjoy the silence, wie bei Depeche Mode: Die Gewalt der Worte hätten den Zauber zerstört.

Erst Minuten später fragte ich sie leise: «Wie weit ist Deine Leine heute Abend?» 

«Ich treffe offiziell einen alten Freund; sie wird mich nicht vor Mitternacht zurückerwarten.» 

«Il conto, perfavore» rief ich dem Kellner zu und wandte mich zurück zu Anja. «Alles, was wir benötigen, ist uns zwei und unseren Wunsch, die Sphären zu erreichen, die nur wenigen Menschen vorbehalten sind… Noch bleibt uns Zeit für einen Vorgeschmack. Kommst Du mit?»

Sie lächelte. Nein, das Wort ist zu niedlich, zu klein: Es war ein tief empfundenes Strahlen, eines von der Sorte, die der Mitte des Körpers entspringt, dem klugen Bauch, der schon längst entschieden hat, bevor wir uns dessen bewusst werden.

«Komm, ich fress Dich auf!»

Hand in Hand führte ich sie in das mondlichtdurchflutete Waldstück, welches die Casa Aurelia von meinem Feriendomizil trennte.

Ich setzte meinen Federfüllhalter ab.

Zweifel überkamen mich. Sollte ich wirklich schreiben, was sich in der Folge alles ereignete? Mein Gewissen war rein, aber wenn meine Nachkommen das zu lesen bekämen, selbst nach meinem Ableben, würde ihnen unweigerlich der letzte Rest ihrer Hochachtung vor mir abhanden kommen. Niemand würde verstehen, wie ich Anja so weit treiben konnte, wie ich es mit stupender Leichtigkeit getan hatte, weit über das zu Erwartende: Sie stellte ihr vor nicht all zu langer Zeit wiedergewonnenes Leben wieder auf den Kopf und nahm Dramen in Kauf. Fürchterliche Dramen. Sie verabschiedete sich von der Bürgerlichkeit, von der sorgsam aufgebauten Insta-Fassade, von Freunden, die nicht verstehen konnten, welcher Quelle die Farben an ihrem Köper entsprangen oder zumindest, warum sie diese zuliess, mit Wonne, obendrein. Warum sie zuweilen geistig abwesend war, verloren in Gedanken an mich, an das, was wir erlebten, hinter dem grossen Vorhang der Normalität. Oder warum sie sich immer mal wieder eilends, wie aus heiterem Himmel, bemühen wollte, meiner Lust zu dienen, wann immer ich es von ihr verlangte, sei sie nah oder fern, in der Öffentlichkeit oder nicht.

Die Zigarre, eine Gigantes, war nach über einer Stunde fertig. Der letzte Rauch formte ein Drachengebilde, welches sich durch einen leichten Windstoss übermächtig über meinem Kopf ausbreitete und strafend auf mich hinunter schaute, als wolle es mir sagen: „Oliver, tu es nicht. Ein Gentleman schweigt und geniesst die Erinnerungen für sich.“

Ich blies die Kerze aus.