Birch me

von M. Brody


Wir sind nachmittags im Grunewald, mit Cathy nehme ich kleine Wege abseits der üblichen Joggingrouten. Zeitweise laufen wir Hand in Hand, sie hat meine irgendwann ganz vorsichtig ergriffen, und nachdem sie mir einen tiefen Blick in ihre Augen gewährt hatte, war das okay für mich. Sie braucht ein bisschen Nähe. Mir ist nach Entschleunigung, Natur, Cathy passt da irgendwie hinein. Das Mädchen ist aus der Gegend von Leeds und erst seit einem Monat in Berlin. Bei einem Jazz-meets-Kink-Abendhatte ich sie zu Let’s Get Lostzum Tanzen aufgefordert, weil ich diesen Song, in Detroit `78 oder vielleicht `79 von Chet Baker wahnsinnig gut eingespielt, wirklich liebe und sie zuvor sehr hübsch Lindy Hop gezeigt hat. Ich habe schon lange nicht mehr so heiß getanzt wie mit ihr. 

Unser Ziel ist die „Alte Liebe“, der antiquierte und letzte Berliner Kaffeekahn an der Havel. Natürlich könnte ich ihr mein eingebläutes Schulwissen zu diesem Dampfer präsentieren, nur ist mein Englisch eine absolute Peinlichkeit und so kommt von mir höchstens ein „Old ship, coffee and cake, nice beach“. Als ich Kind war, lag die „Alte Liebe“ schon an der Havelchaussee, war aber fast wie eine Strafe. Das Essen war Erwachsenenessen und die Eiskarte minimal. Wir Kinder wollten sowieso immer nur ins WienerWald, wegen der leckeren Brathähnchen und der Pommes. Für den Erwachsenen, für mich ist das heute fast schon ein Sehnsuchtsort, ein Überbleibsel des alten Berlin. Die sollen mittlerweile ein gutes Kaffeesortiment haben, hörte ich unlängst und danach richte ich sowieso meine Unternehmungen aus. Touristenbusse finden dort nicht hin.

Es ist sommerlich warm, ich weiß natürlich nicht, ob Cathy mit dem Fehlen der Stadtgeräusche hier im Wald, zwei oder drei Kilometer sind wir wohl schon hinein gewandert, der frischen, grünen Dichte des Unterwuchses und mit den uns umgebenden Düften von Holz und Erde etwas anfangen kann. Sie ist noch so jung, macht hier in Berlin ihren Master. Ich verbinde mit dieser Atmosphäre eine ganze Menge, doch momentan bin ich das stillste Ich überhaupt, Sprachbarrieren sind für einen Vielerklärer hart. Vielleicht ist das auch mal gut so. Sollen doch die Gesänge der Vögel, das gelegentliche Rauschen in den Baumkronen und das frühsommerliche Summen der Bienen, immer wenn wir an einer Lichtung mit Wildblumen vorbeikommen, alles erklären. Cathy jedenfalls sammelt fleißig Fundstücke, ein paar Blümlein, ein Stück Rinde, einen runden Stein, steckt alles in ihre große Umhängetasche und löst sich dafür jedes mal von meiner Hand, was das Zurückkehren zu einem kleinen Tastfest für mich macht. Überhaupt, das Hand in Hand Laufen hat was; wie ein Liebespaar.

Irgendwann, das Zeitgefühl hat mich längst verlassen, gelangen wir an eine Stelle, an der der letzte Sturm zugeschlagen hat. Der Pfad ist nicht mehr existent, überall liegen umgebrochene Bäume. Wir sind beide beeindruckt angesichts dieses naturgewaltigen Chaos. Ich schlage vor, den Platz zu umgehen, dessen einstige Kronenüberdachung handballfeldgroß kreuz und quer am Boden liegt, doch Cathy reagiert nicht auf diesen Gedanken. Freudig redet sie drauflos. „You could birch me, take a bundle of twigs because I was a naughty girl.“ Ich schaue mich um, habe höchstens die Hälfte verstanden. Ich weiß nicht, was sie meinen könnte. Sie grinst allerliebst, ziemlich frech, redet weiter. „I stole one of your cigarettes.“ Tatsächlich zeigt sie mir eine von meinen Zigaretten, meine Marke. Hatte ich nicht mitbekommen. „What means birch?“ Ich bin ratlos, bis sie es mir zeigt, ein paar dünne Zweige aus dem Astwerk einer Birke abbricht, das unmittelbar vor uns liegt und eine Rute daraus macht. Sie drückt sie mir in die Hand. Jetzt verstehe ich. Sie möchte bestraft werden, nur reicht mir dazu dieser kleine Streich nicht. Auch weiß ich nicht, ob das der Ort ist, an dem ich das tun möchte. Ich lehne ab. Ihre Augen sind erst ganz groß, dann fängt sie sich wieder. Für einen Moment tauschen wir beide gar nichts miteinander aus, sprechen nicht und ich setze mich auf einen Baumstamm, während Cathy wenige Schritte entfernt stehen bleibt.

„You could show me your titties“, breche ich die Sprachlosigkeit und stelle für mich fest, wie sehr es mich reizt, ihre Brüste zu sehen. Sie ziert sich, in ihrem Gesicht erkenne ich, dass das andere, den Hintern herzuhalten, ganz leicht gewesen wäre, die Brüste aber zeigt sie nicht gerne. Sie hat eher eine kleinere Größe, das war mir längst aufgefallen. „Come on, show me!“ Sie quält sich, schiebt ihr Shirt langsam hoch bis unter das Kinn. Mit einer Handbewegung fordere ich das Ablegen des BH`s, doch sie schüttelt den Kopf. Ich trete an sie heran, flüstere, spreche Deutsch mit ihr und erkläre, wie sehr ich will, dass sie mir ihre Brüste zeigt, bis sie meint, ich müsste ihr dabei helfen, es wäre nicht einfach. Vor ihr stehend fasse ich um ihren Oberkörper herum, öffne den Verschluss, ziehe ihr das Shirt über den Kopf und streife den BH ab. Und dann schaue ich sie mir an.

Der Moment ist fast surreal, weil Umgebung und ihre derzeitige Lage nicht zueinander zu passen scheinen. Ich bekomme einen Schwall von Cathys Emotionen ab und reiche ihr nach allerhöchstens einer Minute den BH, damit sie ihn wieder anziehen kann. Vermutlich müsste ich etwas sagen, der Anblick war hübsch, Mädchenbrüste halt, eine Handvoll, doch etwas hindert mich daran. Stattdessen lächle ich, streichele ihren Arm und animiere zum Weitergehen. Der Moment war wundervoll, sehr intensiv und ungespielt und trotzdem oder gerade deswegen kommt mir der Altersunterschied in den Sinn. Es erregt mich schon, gegen die Zweifel, die mir das verbieten wollen, noch mehr Intimes mit ihr anzustellen. Aber ich mag es als potentielle Untat noch etwas länger in Gedanken behalten. Sie ist ja verfügbar, wie es scheint und der Himmel zieht sich gerade zu, ich fürchte, es könnte regnen.

Wir gelangen alsbald an die Havelchaussee, die wenig befahrene Straße, die über viele Kilometer die Trennlinie zwischen Wald und Fluss ist und extrem kurvig jede Ausbuchtung mitmacht, überqueren sie auf Höhe von Schildhorn, umgehen aber die stadtbekannte Halbinsel mit dem Gedenkstein. Ich versuche nicht, die dazugehörige Geschichte aus dem 12. Jahrhundert von Jacza, dem letzten Wendenfürsten in der Mark Brandenburg, zu erzählen, denn der Regen setzt gleich ein. Ich schleife Cathy regelrecht hinter mir her an den Havelstrand und gleich weiter flussaufwärts durch den Sand, obwohl sie die Weite der Flusslandschaft erst einmal fassen will, die mir seit Kindertagen vertraut ist. Wir kommen vielleicht 100 Meter weit, da löst sie sich aus meiner Hand. Eine uralte Weide ragt sehr flach und weit in den Fluss hinein. Sie liegt fast waagerecht über dem Wasser. Cathy läuft hinüber und erklimmt die Stammoberfläche, balanciert in Richtung der Krone, die wie ein nasser Haarschopf mit den Spitzen in der Strömung hängt. Sie geht langsam, erst geduckt dann aufrecht, während sie sich an den beinstarken Ästen festhält, die in unregelmäßigen Abständen gerade oder schräg nach oben ragen und dabei einen Laubengang bilden. Ich befürchte, sie könnte ins Wasser fallen, aber das geschieht nicht. „It`s amazing“, ruft sie mir zu. „What is the name of the river?“ Hatte ich gar nicht erwähnt, deshalb rufe ich zurück; „Havel“. Es beginnt zu regnen, doch ich merke, dass es mir nichts ausmacht und dass ich auch nicht mehr zur Eile drängen mag. Uns ist seit eineinhalb Stunden niemand begegnet. Die Stadt ist knackevoll mit Besuchern; hier sind nur Cathy und ich.

Es sind noch gut zwanzig Minuten, in denen wir uns nicht unterhalten, Cathy nur einmal anmerkt, dass ihr ein Stück Kuchen jetzt sehr gelegen käme. Der Regen will nicht aufhören. Ich hoffe still, dass der Kahn nicht längst zugemacht hat. Zumindest ist er nach einer sanften Flusskurve zu sehen. Am Steg angekommen, an dem die Alte Liebe festgemacht ist, deuten vor dem Schiffseingang aufgestellte Tische und Stühle darauf, dass Betrieb ist. Als wir eintreten, duftet es nach Kuchen. Ich war hier seit etwa 20 Jahren nicht mehr, es ist gemütlich, anders als in meiner Erinnerung. Wir werden von einem Kellner begrüßt und er fragt, wo wir sitzen möchten, erwähnt, dass das Gulasch aus sei, dafür aber fangfrischer Zander auf der Tageskarte stünde. Ich lächle, kann meine Freude über das Glück, ein gastronomisches Angebot vorzufinden, nicht verbergen. Als Berliner bin ich dahingehend Kummer gewöhnt, umso leichter aber zu begeistern. Wir finden die schönsten Plätze für uns am Heck, das der Flussmitte zugewandt, wie ein Séparée überdacht, ansonsten offen ist. Wie es scheint, sind wir die einzigen Gäste, es hat sich aber mittlerweile auch eingeregnet.

Cathy entscheidet sich für Rhabarber-Baisertorte und ich nehme ein Stück Aprikosen-Ricotta-Tarte. Wir haben uns nebeneinander gesetzt und lassen uns gegenseitig kosten. Der Kaffee ist toll und obwohl die Sonne heute wohl nicht mehr auftauchen wird, der Regen auf dem Fluss bereits Blasen schlägt, ist die friedvolle Stimmung hier etwas ganz Zartes, sie umhüllt uns. Ich lege meinen Arm um Cathys Schulter und sie lehnt ihren Kopf bei mir an. Nach vielen Augenblicken, während derer das Prasseln des Regens und die Flussgeräusche die einzige Unterhaltung sind, bestelle ich noch einmal Kaffee und Cathy holt die Birkenrute aus ihrer Tasche, schaut mich vielsagend an. Ich nehme sie ihr aus der Hand, bewege sie vorsichtig hin und her, als würde ich jemandes Hintern damit verhauen. Tatsächlich habe ich keine Vorstellung, wie effektvoll dieses Bündel biegsamer Reiser sein kann. Beinahe unbemerkt ist der Kellner an unseren Tisch gekommen. „Darf`s noch was sein?“ Ich bitte um die Rechnung. Er verschwindet und kehrt kurz darauf mit unserem Zettel und einem Tablett zurück. Zwei kleine Schnäpse sind darauf, er stellt sie uns hin. „Dit geht auf`s Haus, Haselnusslikör, den mach ick selber. Wohl bekommt`s!“ Ich bin aufrichtig gerührt. Cathy schaut mich fragend an, doch ich proste ihr zu und kippe den aromatischen Likör hinter. „Ich habe nachgedacht“, sage ich zu ihr auf Deutsch, als der Kellner abkassiert hat und bemühe mich, dabei böse zu schauen. „Das mit der Zigarette ist doch eine ernste Sache“. Wir blicken uns an. „Arme Cathy“, flüstere ich, „… du bist ein böses, böses Mädchen.“ Sie lächelt, denn sie versteht, wie ich das meine.

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